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Uwe Kröger

Ich bin, was ich bin.

Uwe Kröger

Ich bin, was ich bin.

Mein Leben.

Aufgezeichnet
von Claudio Honsal

Mit 137 Abbildungen

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Besuchen Sie uns im Internet unter:

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien; Fechter Management & Verlag GmbH

Inhalt

Prolog

Die Initialzündung

Wie mich ein Zufall zum Musical brachte

In Hamm begann ich, vom Broadway zu träumen

Frühe Statements

Ich weigerte mich, mit der Waffe dem Vaterland zu dienen

Mein Zivildienst in der Jugendpsychiatrie

Familienleben

Meine Kindheit in Hamm

Ich war ein kreatives Kind

Ich hasste die jagdgrüne Lagerfeuerromantik

Ich wollte nie so wie mein Vater sein

Papa ist gestorben, als ich den Tod spielte

Gleich nach dem Begräbnis bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten

Erste Schritte im Showbusiness

Saitensprung – sozialkritischer Folkrock

Berlin wurde zu meinem Lebensmittelpunkt – in jeder Hinsicht

Marlène Charell und ein Job als Kellner brachten mich über die Runden

Beziehungen gestern und heute

Mein Outing besorgten die Medien für mich

Ich war ein schüchterner Frauenversteher

Erste homophile Erfahrungen machte ich beim Zivildienst

Ein Australier war der erste Mann an meiner Seite

Mitten ins Herz: Mein Lebensmensch ist Kardiologe

Unsere romantische Verlobung am Wasserturm

Christopher musste mich in den USA verleugnen

An 9/11 bangte ich um Christopher

Los Angeles – eine Traummetropole ganz nach meinem Geschmack

Endlich vereint – unser neues Zuhause in Wien

Gegensätze ziehen sich an

Von kleinen Eifersüchteleien und großen Kochkünsten

Das leidige Thema Hochzeit

Hochzeit: ja; Adoptivkinder: nein

Christophers Coming-out war ein Leidensweg

Krisenstimmung in der Langzeitbeziehung

Meine Lebensphilosophie

Richtig glücklich durch Lebenserfahrung

Die Altersweisheit hat mich sanft gemacht

Geld ist nichts anderes als eine Form von Energie

Ein Deutscher in Österreich

Wien, Wien, nicht nur du allein

Nichts trennt uns mehr als die gemeinsame Sprache

An der Donau lebt man Gemütlichkeit und Toleranz

Freundschaften

Sarah und Pia – zwei Ausnahmeerscheinungen

Differenzieren erspart Enttäuschungen

Ich bilanziere nicht über Menschen, die mir nahestehen

Vorsicht ist die Mutter der Freundschaftskiste

Mondrean L. A.: Wenn aus Freundschaft eine Geschäftsidee entsteht

Unsere Vision: ein Stück L. A. mitten in Wien

Wenn ich in NYC oder L. A. mal kurz zum Shoppen gehe

Begegnungen

Prominent ist man heutzutage schnell

Auf Augenhöhe mit meinen großen Stars

VIPs sind auch nur Menschen

Meine Fans

Wenn man zum Fanobjekt wird

Der Fankult ist ein typisch österreichisches Phänomen

Klaustrophobische Zustände

Mein eigener Fanclub begleitet mich seit Jahrzehnten

Es war eine lautstarke Schlacht der einzelnen Fanclubs

Beim alljährlichen Fantreff geht es hoch her

Man glaubt es nicht, ich habe ein eigenes Magazin

Wenn Gummi-Entchen zur Plage werden

Die Anerkennung des Publikums ist das größte Geschenk

Meine Hexe und ihre Visionen

Wenn Transzendentes zur Realität wird

Alles Hokuspokus – bis meine Hexe kam

In einer Vision wurde ich zu Napoleon

Eine zukunftsträchtige Entscheidung

Das Rätsel um Dürrenmatts Gummistiefel

Proben, Kostüme und Parfumflakons

Mein Zugang zu neuen Rollen

Was will der Autor, was will das Stück?

Schöner als die Premiere ist für mich die Probenzeit

Gut verkleidet ist die halbe Rolle

La Cage aux Folles – im Minutentakt zur Frau

Ich muss eine Rolle auch riechen können

Der Traum von der Intendanz

Ich hatte ein fertiges Konzept in der Schublade

Internationale Größen im Musicalbusiness

Ein höchst kreatives Trio: Struppeck, Gergen, Kröger

Lob, Trost und harte Worte

Die Mächtigen der Branche sind oft die Liebsten

Direkt vom Broadway kam er nach Klagenfurt

Michael Kunze & Sylvester Levay – die Wegbereiter meines Durchbruchs

Meine wichtigsten Premieren

Elisabeth

In Elisabeth als Tod zum Superstar

Mit dem „letzten Tanz“ an die vorderste Front

Was Kunze und Levay mit dem Tod ausdrücken wollten

So wurde Pia zu meiner Elisabeth

Was macht Harrison Ford bei Elisabeth?

Der Tag meiner ersten Weltpremiere – ein Meilenstein

Euphorisches Publikum – vernichtende Fachkritiken

Elisabeth wird zum globalen Exportschlager

Napoleon

Facebook gab es nicht, dafür eine Vision

Der Wermutstropfen kam mit dem Vertrag

London calling!

Am West End kocht man auch nur mit Wasser

Legenden zum Angreifen und das bittere Ende

Der Besuch der alten Dame

Zweitpremiere und doch ein neues Stück

Ein Tag wie jeder andere. Am Abend ist eben Premiere

Das alltägliche Sterben vor dem Wahnsinn nach der Premiere

Kritiken sind interessant, ein gutes Frühstück ist wichtiger

Nach der Dernière ist vor der Premiere

Konzerte, Tourneen & Co.

Life is live – ganz besonders auf der Konzertbühne

Mein Auftritt auf einem anderen Stern

Fernsehen – ein wichtiges Medium für das Musical und seine Darsteller

Für den Nebenjob TV-Moderator fehlte mir die Zeit

Als TV-Juror setzte ich mein Pokerface auf

Mein letzter Tanz bei Dancing Stars kam in Runde

Mein Musical-Universum

Anhang

Rollenverzeichnis

Solo- und Cast-Alben

DVDs

Personenregister

Bildnachweis

Prolog

Ich bin, was ich bin,

und was ich bin, ist ungewöhnlich.

Komm, schau mich nur an,

akzeptier dann mich ganz persönlich.

Ich lebe, und ich will mich nicht dafür genieren,

lebe, und will keinen Augenblick verlieren.

Es hat keinen Sinn, wenn man nicht sagt:

Hey, Welt, ich bin, was ich bin!

Ich bin, was ich bin,

ich will kein Lob,

ich will kein Mitleid.

Ich lebe für mich,

ich bin kein Snob,

will meine Freiheit!

Wen stört es,

dass ich Federn liebe, Glanz und Flitter?

Ich mag’s so,

sonst wär mein Leben trüb und bitter.

Es hat keinen Sinn, wenn man nicht sagt:

Hey, Welt, ich bin, was ich bin!

Ich bin, was ich bin,

und was ich bin,

ist kein Geheimnis!

Ich stehe für mich,

wünsche mir nur ein wenig Fairness.

Ein Leben kann man ohnehin nur einmal leben,

warum soll es für mich keine Chancen geben?

Es hat keinen Sinn, wenn man nicht sagt:

Hey, Welt, ich bin, was ich bin!

Gerald Herman

Worte, Gedanken, Emotionen – ein Liedtext. Für mich ist es nicht irgendein Lied. Doch wo soll ich anfangen?

Im Jahr 1983, als ich die Originalfassung erstmals im Radio gehört habe, weil Gloria Gaynor mit „I Am What I Am“ gerade die Charts eroberte? Nein, mein Zugang beginnt später, während meiner Studienzeit in Berlin mit einem Besuch im Theater des Westens. La Cage aux Folles stand auf dem Spielplan, der großartige Helmut Baumann, als Zaza in der Rolle seines Lebens, intonierte „Ich bin, was ich bin“, und ich habe Rotz und Wasser geheult. Dieses Lied sollte mich ein Leben lang begleiten – den Musicaldarsteller und den Mensch. Es ist nicht nur irgendein Text, es ist eine Bitte, eine Aufforderung, eine Selbsterkenntnis, aber vor allem ein Statement und ein Credo.

Was Gerald „Jerry“ Herman 1983 ursprünglich als Hauptmotiv seines Musicals auf die Broadway-Bühne gebracht hat, ist längst zur Hymne für Toleranz und Freiheit geworden. Ein Statement, das auffordert, das Individuelle, das Anderssein zu akzeptieren. Ein Lied, das Mut machen soll in Situationen, in denen es einem beschissen geht. Eine Botschaft, die jeden Menschen betrifft, egal ob schwarz oder weiß, arm oder reich, homo oder hetero.

Das, was ich bin, das bin ich eben, und du wirst nichts anderes bekommen – bitte lebe damit!

Fairness, Freiheit und Chancengleichheit sind die Eckpfeiler, die jeder Mensch einfordern darf und muss, in Beziehungen und in alltäglichen Situationen. Eine fundamentale Hoffnung in direkter Kommunikation mit sich selbst, mit dem Partner, mit Freunden, mit den Menschen. Eine Botschaft, eine Einstellung, die ich unbewusst seit Kindertagen lebe und seit meinem Debüt als Zaza in La Cage aux Folles auf der Bühne noch intensiver hinterfrage. Es ist also nicht irgendein Liedtext, der mich mein ganzes Leben begleitet hat und begleiten wird, denn „Leben und leben lassen“ lautet mein Credo. „Ich bin, was ich bin“ sind die Details dazu.

Warum ich geworden bin, wie und was ich bin, möchte ich auf den folgenden Seiten schildern.

An dieser Stelle möchte ich mich vorab bei allen bedanken, die direkt oder indirekt an diesem Buch beteiligt waren: Bei meinem Management Herbert Fechter und Nicole Hoffmann, die mir schon vor fünf Jahren diese Buchidee ans Herz gelegt haben. Bei den entzückenden Damen vom Amalthea Verlag. Und mein ganz besonderer Dank gilt natürlich dem Autor, Claudio Honsal, der mich nach vielen intensiven Gesprächen mit Kollegen, Freunden und meiner Familie mit interessanten und spannenden Statements über das, was ich bin, und warum ich es aus deren Sicht bin, überrascht hat und diese elegant in meine Lebensgeschichte integriert hat.

Die Initialzündung

Wie mich ein Zufall zum Musical brachte

Wäre ich in Hamm damals nicht auf diese Theatergruppe aufmerksam geworden, wer weiß, wie sich meine berufliche Zukunft gestaltet hätte. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht. Unweigerlich tauche ich dann in meine Vergangenheit ein, in jene Zeit, als ich noch nicht auf den Bühnen dieser Welt stand und es nicht einmal im Traum für möglich hielt, einmal ein gefeierter Musicalstar zu sein.

Man schrieb das Jahr 1985, das Kulturangebot bewegte sich in meiner Heimatstadt gegen null. Es gab kein eigenständiges Theater, Laienproduktionen fanden in Turnsälen oder Vereinsheimen statt, Musikbands, die mir aus Bravo oder dem Rundfunk bekannt waren, machten höchstens mal im nahen Münster auf ihren Tourneen Station. „Wild Boys“ von Duran Duran führte die deutsche Hitparade zwar an, aber ein gewisser Hans Hölzl, den ich viel, viel später einmal kennenlernen durfte, sorgte mit „Amadeus“ auch bei uns in Deutschland fürs Hinhören.

Aus meinem uralten, quietschenden Kassettenrekorder leierten ganz andere Lieder. Songs von John Denver, Crosby Stills, Nash & Young oder Joan Baez. Kino war noch das größte kulturelle Vergnügen, das wir uns in der westfälischen Provinzstadt ab und zu gönnten.

Ich leistete gerade meinen Zivildienst ab und verbrachte den Großteil der Tage als Pfleger in der Jugendpsychiatrie. Ich liebte diese verantwortungsvolle Tätigkeit und ging richtig auf im Ersatzdienst. Mein Privatleben war kaum existent. Von Zeit zu Zeit verbrachte ich einen Abend mit meinen Schulfreunden oder hatte Probentermine mit unserer alternativen Amateurband Saitensprung. Doch auch die wurden immer seltener, ebenso wie die Arbeit im Getränkevertrieb meines Vaters.

Da passierte etwas, das mein Leben nachhaltig verändern sollte: die Initialzündung meiner schlummernden Leidenschaft. Eine ehemalige Schulkollegin sprach mich auf offener Straße an und gab mir einen Tipp. Sie machte mich auf ein Plakat der Laientheatergruppe Backstage aufmerksam. Annette Brückner, die damalige Leiterin der ortsansässigen Tanzschule, und Peter Gestwa hatten diese Gruppe ins Leben gerufen und sich mit einigen anderen Kulturinteressierten zusammengetan, um in meiner Heimatstadt etwas Kulturelles auf die Beine zu stellen. Das allein war schon eine Sensation. Nun suchten sie für eine Musicalrevue in Hamm Sänger.

Mein Name soll damals immer wieder beim ambitionierten und durchwegs ehrenamtlich tätigen Leading Team rund um Annette gefallen sein. Durch meine, wenn auch seltenen, öffentlichen Auftritte mit der Band Saitensprung hatte ich offensichtlich einen gewissen Ruf erlangt in den musikaffinen Kreisen meiner Heimatstadt. Mir ging damals ständig ein Film durch den Kopf, den ich erst kurz davor im Kino gesehen und der mich schwer beeindruckt hatte: Fame. Die rührselige Story rund um den Ehrgeiz der jugendlichen Darsteller und ihr unablässiges Bestreben, in die Highschool of Performing Arts aufgenommen zu werden, ließ mich nicht los. Ein schönes Märchen, das im fernen New York spielte. Leroy, Doris, Montgomery – alle wollten sie den Weg zum Ruhm finden. Durchaus möglich, dass mich gerade dieser Film unbewusst beeinflusst hat, den Schritt zum Casting zu wagen, es zu probieren.

Von Musical, Tanz oder Schauspiel hatte ich – wie ganz Hamm – keine Ahnung, während in Wien zeitgleich Cats schon riesige Erfolge feierte. Ja, Musik machte ich gerne, Geschichten wollte ich immer erzählen, auch schon mit Saitensprung. Aber mit der Stimme und nicht mit dem ganzen Körper. Männer interessierten sich damals nicht für Tanz, Ballett, ästhetische Bewegung. Sie hatten sich nicht dafür zu interessieren. Und die gesungenen Liedtexte unserer Band, die mussten deutlich, hart und sozialkritisch sein. Das entsprach der allgemeingültigen Philosophie der Jugendszene rund um Hamm, in der ich aufgewachsen bin.

In Hamm begann ich, vom Broadway zu träumen

Dreams on Broadway hieß die Produktion, und ich träumte von Anfang an meinen Lebenstraum. Vielleicht etwas naiv und amateurhaft, aber mit unglaublichen Ambitionen im Hinterkopf. Mein Ehrgeiz, den ich schon als Kind, beim Schneidern, beim Geschichten schreiben und später bei der Mitarbeit im väterlichen Getränkevertrieb hatte, kam mir nun zugute: 200 Prozent Einsatz, die ich immer leisten wollte und auch heute noch gebe, wenn ich sehe, dass eine Aufgabe es verdient.

Ich war ein Einzelgänger und nicht gewohnt, mich in eine Horde von gleichgesinnten Schauspiel- und Gesangsamateuren einzufügen. Aber ich lernte, mich anzupassen. Was blieb mir anderes übrig? Ich hasste Vereine, nie zuvor war ich in einem Mitglied gewesen, weder im Fußballclub noch bei irgendwelchen Neigungsgruppen der örtlichen Turnvereine. Außerdem fehlten mir während meiner Schulzeit die Zeit und sicherlich auch die Muße. Erst beim Zivildienst, durch diesen gravierenden Cut nach dem Abitur, lernte ich, mir meine spärliche Zeit besser einzuteilen, mein eigenes Leben zu leben – im Wohnheim der Angestellten neben der Psychiatrie, wo ich untergebracht war, weit weg von der Familie. Ich war eben anders als viele meiner Altersgenossen. Erst jetzt wird mir das bewusst: Ich war immer schon, was ich war.

Für das in meinen Augen ungemein große Projekt, dieses Neuland an Erfahrungen, die ich sammeln konnte, das Ausleben meiner verkappten Leidenschaften, nutzte ich vornehmlich die Wochenenden – um zu lernen, zu probieren, und für Warm-ups im Turnsaal der Schule. In simplen Jogging-Klamotten studierte ich die Schritte, die Bewegungen und Lieder ein, Tanzdressen kannte man damals noch nicht. Zumindest nicht in Hamm, hier war eben alles sehr amateurhaft. Angetrieben von der ungewohnten Atmosphäre und meinem inneren Ehrgeiz hatte ich Blut geleckt. Ein Metier, das ich nicht kannte, eine Beschäftigung, die mir körperliche und geistige Befriedigung verschaffte, so habe ich jene Wochen des Trainings in Erinnerung.

Mit jedem Gedanken an diese Zeit wird die Erinnerung klarer. Mein Ziel war es, das zu perfektionieren, was jeder der 30 jungen Menschen perfektionieren wollte. Es gab keinen Star, keinen Solisten unter uns, wir waren gleichwertig. Ambitionierte Anfänger und Neo-Musicaldarsteller gaben sich die Türklinken in die Hand. Es war wie in einem Affenstall, einem Zirkuszelt, einem im Chaos versinkenden Ameisenhaufen.

Die Räumlichkeiten waren ebenso klein wie ungeeignet. Vom Zimmer, in dem wir Gesang übten, ging es in den Raum, in dem wir die richtige Körperhaltung trainierten, weiter zu den Atemtechnikübungen und zum Sprechunterricht. In einem kleinen Turnsaal unternahmen wir die ersten Gehversuche in Tanz und Ballett. Jeder Einzelne von uns durchlief diese Stationen, Wochenende für Wochenende.

Ich wollte besser sein – nicht vor den anderen, aber als ich es bisher gewesen war. Und so fragte ich Annette Brückner, ob sie mir zusätzlich privaten Tanzunterricht erteilen würde. Sie antwortete: „Ja, warum nicht!“ Sie mochte mich, glaubte, ein Talent entdeckt zu haben, das es wert sei, gefördert zu werden. Und ich wollte schon damals nicht sinnlos Zeit verplempern. Ich war sehr froh und dankbar, dass Annette sich meiner annahm, denn auch ihre Zeit war knapp.

Disziplin war nun mein oberstes Gebot, und so erhielt ich auch an so manchem Wochentag nach meinem anstrengenden Dienst noch spät in der Nacht Einzelunterricht. Das am Tag hart Verdiente steckte ich fast zur Gänze in zusätzliche Lerneinheiten, um noch besser zu werden, noch schneller voranzukommen. So konsequent wie ich waren freilich nur wenige der 30 Frischlinge im Showgeschäft, was mich ziemlich ärgerte. Wenn man schon so eine Chance bekam, musste man sie doch nutzen. Jede Sekunde! Da durfte man nicht zu spät kommen oder gar fernbleiben. Auch wenn wir keinen Pfennig für unsere Mühen bekamen, war es doch eine Chance! Der Turnsaal, die Aula, sämtliche benötigten Räumlichkeiten der Schule wurden samstags und sonntags kostenfrei zur Verfügung gestellt, die Choreografin und das ideengebende Team arbeiteten ehrenamtlich. Der Sache wegen und weil sie mit dieser Musical-Revue etwas mehr Kultur und Zeitgeist nach Hamm bringen wollten.

Während der Probenzeit geisterten immer wieder Szenen aus Fame durch meinen Kopf. Ich war mitten drin in diesem Movie, das meinen beruflichen Weg später bestimmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt allerdings in einer noch simplen und dilettantisch anmutenden Bühnenversion dieses legendären Filmklassikers. Aus schulhaften, gruppendynamischen Situationen entwickelten wir die einzelnen Songs, die wir bei der Galavorstellung präsentierten.

Einer davon war „Aquarius“, das wohl bekannteste Lied aus dem Musical Hair. Man wählte mich aus, den Song zu interpretieren – meine Stimme, mein Auftreten, das Gesamtpaket passte –, obwohl ich doch astrologischer Schütze bin. Es gab nur ein ganz kleines Problem: Ich hatte weder von diesem Lied noch vom dazugehörigen Musical je zuvor gehört. Eine VHS-Kassette musste her. Ich studierte den Song Hunderte Male, sog ihn förmlich auf, und obwohl „Aquarius“ in der Originalversion für eine weibliche Stimme vorgesehen war, sollte ausgerechnet ich damit bravourös reüssieren.

Nach drei Monaten intensivem Gesangstraining, Ballett-, Tanzunterricht und den Proben in der Schule feierte die bunte Musical-Revue schließlich ihre Premiere im Saalbau von Bockum-Hövel, einem Ortsteil von Hamm. Über 400 Gäste saßen im Publikum, vornehmlich jene passionierten Theatergeher, die stets nach Essen, Münster oder noch weiter weg fahren mussten, um ihren Kulturhunger stillen zu können. Interessierte Kulturpendler, die man durchaus als kritisches Publikum einzuschätzen hatte, das war uns allen bewusst. Und genau vor diesem Auditorium feierte unsere Laieninszenierung Dreams on Broadway einen grandiosen Erfolg.

Ich war überglücklich und stolz. Annettes Prognose sollte sich als richtig erweisen. Meine Interpretation von „Aquarius“ wurde am lautesten beklatscht. Es war mein erster Hit!

Nur noch ein weiteres Mal führten wie im Rahmen einer Gala diese Musical-Revue auf, doch der Traum von der großen Bühne sollte mich von nun an nicht mehr loslassen.

Frühe Statements

Ich weigerte mich, mit der Waffe dem Vaterland zu dienen

Schon Jahre, bevor ich mit dem Thema Bundeswehr, also dem von Männern zu leistenden Dienst für Volk und Vaterland, konfrontiert wurde, war mir klar, dass ein Dienst mit der Waffe für mich niemals in Frage kommen würde. Gewalt hasste ich immer schon, war es im Sandkasten, im Kindergarten oder in der Schule. Die zeitgeistige Friedensbewegung, die den meisten von uns aus der Seele sprach und wichtige Denkanstöße gab, hatte das Übrige dazu beigetragen, dass ich den Militärdienst verweigerte. Es war die Zeit des Kalten Krieges, in den Klassenzimmern hingen Poster mit der provokanten Frage: „Bundeswehr, wozu? Es genügt ein Knopfdruck auf die Atombombe!“ Waffen, Krieg, Bundeswehr waren mir zuwider, passten schon damals nicht in meine Welt. Im Deutschland der 1980er-Jahre mussten Verweigerer allerdings noch sehr überzeugende Argumente vorbringen, um die strenge Kommission zu beeindrucken. Wer nicht überzeugen konnte, wanderte ins Gefängnis.

So wäre es wohl auch mir ergangen. Beim Gedanken daran läuft mir heute noch ein Schaudern über den Rücken. Für mich war es alles andere als eine alltägliche Situation, als ich in Hamm der Richterin, die in wenigen Momenten über Zivildienst oder Haftstrafe entscheiden würde, gegenübersaß und sie von meiner Anti-Kriegs- und Anti-Gewalt-Gesinnung überzeugen musste. Wochen zuvor hatte ich die schriftliche Version meiner Einwände schon abschicken müssen. Damit hatte ich kaum Probleme gehabt, da hatte ich meine Argumente schwarz auf weiß und wohlüberlegt zusammengefasst. Aber face to face mit der Richterin übermannte mich die Nervosität. Vor einem Gericht zu sitzen, das hatte etwas mit Verbrechen, mit Straftaten zu tun, obwohl ich doch nur meine humanistische Überzeugung zum Ausdruck bringen wollte.

Den Terminus „Notwehr“ im Zusammenhang mit einem militärischen Einsatz konnte und wollte ich nicht gelten lassen – also die typische Fangfrage, die selbstredend auch mir gestellt wurde. Na klar würde ich mich verteidigen, wenn mich jemand angriffe. Ich würde mich wehren, aber das um meiner selbst willen oder wenn ein Freund oder die Familie in Gefahr wäre. Aber der Gedanke daran, den Umgang mit einer Waffe zu erlernen, um auf lebende Ziele, einen Feind, einen Verräter, zu schießen, kam mir absurd vor. Es war für mich undenkbar, für Volk und Vaterland in eine solche Situation gebracht zu werden, unvorstellbar, trainiert zu werden, mich mit einer todbringenden Waffe zu verteidigen.

Nicht einmal als Kind hatte ich mit Waffen gespielt. Ich hatte keine Panzer, Kampfflugzeuge oder anderes Kriegsspielzeug. Im Kindergarten oder später in der Kindertagesstätte spielten wir vielleicht mal Cowboy und Indianer mit selbstgebastelten Gewehren oder Colts aus Ästen, aber das macht wohl jedes Kind. Selbst das in der Nachbarschaft von Kindern lauthals geschriene „Ratatatata“ eines Maschinengewehrs mochte ich nicht. Vage erinnere ich mich an ein Indianerfort, so wie man es aus den Lederstrumpf-Büchern und Filmen kennt, die mich prägten. Noch nach so vielen Jahren höre ich da sofort die Stimme von Karin Dor. Nach der Schule legten wir wieder und wieder die Lederstrumpf-Hörkassette ein und lauschten aufmerksam den Abenteuern aus dem Wilden Westen, während wir in der Küche Ravioli aus der Dose heiß machten. Und auch unten beim Essen im Partykeller hörten mein Bruder und ich die spannenden Geschichten fast jeden Tag, während unsere Eltern in der Arbeit waren.

Das klingt heute hart, war aber etwas ganz Normales. Wir waren Schlüsselkinder, und als Schlüsselkind hatte man zumindest den einen Vorteil, täglich einer Hörkassette lauschen zu dürfen, bevor es an die Hausarbeiten ging – so war es ausgemacht mit unseren Eltern.

Nach meinem Termin bei Gericht vergingen einige Tage des Bangens und Hoffens. Doch schließlich kam der erlösende Brief der Zivildienstkommission. Es war wie das Bestehen des Abiturs! Eine unglaubliche Last fiel von meinen Schultern. Erleichterung pur, denn andere Anwärter aus Hamm hatten jahrelang mit der Kommission zu tun, bis ihnen endlich der Zivildienst zugesprochen wurde. Vielleicht hat es ja geholfen, dass ich im Ort nie das Image eines gewaltbereiten Raufboldes hatte, stets als lieb und brav, ja geradezu als schüchtern galt. Vielleicht hatten gerade diese Eigenschaften, für die ich mich beinahe schämte, den Ausschlag für die Befreiung vom Militär gegeben. Oft haderte ich mit mir selbst, empfand mich als langweilig, aber genau in diesem Moment war mir all das völlig egal. Ich hatte im Kampf gegen den überflüssigen Bundeswehrdienst einen ganz persönlichen Sieg errungen – ohne Gewalt, ohne Waffen – nur mit Argumenten und Überzeugungskraft.

Mein Zivildienst in der Jugendpsychiatrie

Meiner neuen Arbeit als „Zivi“ stand nun nichts mehr im Weg. Ich hatte auch schon Erkundigungen bei einem guten Freund der Familie eingeholt, der sich auf diesem Gebiet auskannte. Ich wollte in Hamm bleiben und nicht irgendwohin geschickt werden, wo gerade Not am Mann war. Gleich in der Nähe gab es das Institut für Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik, und genau da wollte ich arbeiten. Spannend, interessant, aber auch anstrengend sollte es dort sein, hatte ich mir von Kundigen berichten lassen. Ich wurde genommen, hatte eine sinnvolle Aufgabe und freute mich auf den Zivildienst, obwohl der Ersatzdienst in Deutschland damals noch als Strafe angesehen wurde, als Strafmaßnahme für das Verweigern. Das schlug sich in der Dienstzeit nieder. Dauerte der „rechtschaffene“ Dienst mit der Waffe lediglich zwölf Monate, so waren für uns Zivis, die wir in Sozialeinrichtungen tätig waren und sinnvollen Ersatzdienst leisteten, satte 21 Monate verpflichtend. So sah man uns Verweigerer damals.

Dennoch war ich glücklich, und es begann eine aufregende, arbeitsintensive und vor allem prägende Zeit. Hier wollte ich alles lernen, alles erfahren über die seelischen Krankheiten, die Verirrungen des menschlichen Geistes, die Betroffenen und die Therapien. Der schulische Zwang war abgefallen, hier musste ich nicht, hier durfte und wollte ich lernen.

Schnell begriff ich, wie wichtig es war, das Netz, dieses Gefüge von Therapeuten und Mitarbeitern, so eng zu flechten, dass keiner der Patienten auch nur ansatzweise durchschlüpfen konnte. Ich befand mich auf der Jugendpsychiatrie und hatte auch als Azubi Verantwortung zu tragen. Meine Kollegen für die kommenden beiden Jahre waren Ärzte, Psychotherapeuten und Psychiater. Meine Patienten waren verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht und 20 Jahren.

Es handelte sich um eine teils offene, teils geschlossene Psychiatrie, in der man in Teams mit bis zu sechs Jugendlichen arbeitete. Für mich war es eine völlig neue Situation, die mir aber eine gewisse Geborgenheit gab, denn bislang war ich ja, wie erwähnt, als Einzelgänger und Schlüsselkind durchs Leben gegangen. Obwohl ich nur ein Lehrling war, haben mich die Fachkräfte ernst genommen und mir das auch gezeigt. Ich habe ununterbrochen Fragen gestellt, anfangs so unbedarft und naiv, dass sie den Experten vielleicht sogar Denkanstöße gegeben haben. So verliefen die ersten Wochen, in denen ich sämtliche Stationen kennen lernen durfte.

Es hat nicht lange gedauert, bis ich mich in das tägliche Arbeitsumfeld eingewöhnt hatte und verstehen lernte, wie man auf verhaltensauffällige junge Menschen zugehen und mit ihnen umgehen muss. Das Vertrauen zu den Zöglingen war schnell hergestellt, schließlich war ich selbst ein junger Mann von 20 Jahren und stand ihnen somit näher als die Ärzte, Psychiater und altgedienten Betreuer. Erleichtert wurde der Aufbau von Beziehungen durch meinen unbekümmerten, manchmal übermütigen Zugang zu den Patienten, denen man oft nicht anmerkte, welch schweres Los sie zu tragen hatten. Ich fühlte mich plötzlich als wichtiges Rädchen in diesem therapeutischen Laufwerk, das sich für mich um sechs Uhr morgens zu drehen begann und oft erst um zehn Uhr am Abend zum Stillstand kam. Müde, aufgewühlt, erschöpft, aber zufrieden mit meinem Tagewerk wanderte ich dann ins Wohnheim am Institutsgelände, das nun mein neues Zuhause war.

Das Abschalten nach einem langen Arbeitstag, das Wegschieben der Gedanken an die Patienten erlernte ich erst nach Monaten. Ich verstand lange nicht, wie man am Abend den Schalter einfach umlegen, den Fernseher aufdrehen oder noch ein Bier trinken gehen konnte, wie das meine erfahrenen Kollegen machten. Wie man sich diese private Auszeit nehmen und auch noch genießen konnte, wenn doch Probleme, Ängste und die Verzweiflung der Patienten nie aufhörten. Wir waren nur ein paar Schritte entfernt von dieser grausamen Realität, der die Betroffenen 24 Stunden ins Auge blicken mussten. Ich hatte immer ein ungutes Gefühl, kam mir nachlässig, schäbig vor. Es bedurfte intensiver Gespräche mit Kollegen, bis mir bewusst wurde, dass die Abgrenzung, das Abschalten und Loslassen notwendig sind, um den Beruf effizient und mit der nötigen Distanz auszuüben.

Das Spektrum an Krankheitsbildern war vielfältig. Eher harmlos erschienen mir Fälle von Kindern, die durch falsche Erziehung das Wort Nein nie gelernt hatten, einfache Alltagsregeln nicht akzeptieren wollten und so sozial auffällig wurden. Diese Kinder betreute man in amikaler Familienatmosphäre in einem eigenen kleinen Mikrokosmos. Das habe ich gerne übernommen, und selbst als Praktikant sah ich mich immer als ein kleines, funktionierendes Steinchen in einem großen Mosaik. Ich hatte die verantwortungsvolle Aufgabe, die Psychologen und Therapeuten auf ihrem oft langen Weg mit den Patienten in Richtung Genesung zu begleiten. Eine gute Beobachtungsgabe und Offenheit waren die wichtigsten Aspekte bei der täglichen Teamarbeit.

Ich erinnere mich auch gut an weniger harmlose, ja gefährliche Situationen und Konfrontationen mit Insassen, die kompliziertere Krankenakten vorzuweisen hatten. Das war nicht immer ungefährlich für das Personal.

Da gab es zum Beispiel einen jungen Mann, der unter einer starken manisch-depressiven Störung litt und eine langwierige Lithium-Therapie absolvierte. Er randalierte häufig und es kam immer wieder zu körperlichen Angriffen auf das Personal. Für mich war das erschreckend und ungewohnt, lehne ich doch jegliche Form von Gewalt ab. Manchmal wähnte ich mich in einem schlechten Horrorfilm, wenn Patienten wie dieser junge Mann plötzlich in einer Phase ihres Leidens übermenschliche körperliche Kräfte entwickelten, keine Kontrolle mehr über ihre Handlungen hatten und ich einem solchen armen, aggressiven Wesen direkt gegenüberstand. Mit der Zeit lernte ich auch diese Situationen in den Griff zu bekommen.

Vergewaltigung, Missbrauch, schwere Traumata aus der Kindheit – jeder uns Anvertraute hatte eine schlimme Geschichte, die sich oft lange nicht zeigte. Vor allem dann nicht, wenn ich mit den Betroffenen ganz friedlich bastelte, musizierte oder mit ihnen zum Einkaufen in der Stadt unterwegs war. Da waren es ganz normale junge Menschen, unauffällig, liebenswert und zutraulich. Doch wir Betreuer durften nie vergessen, warum diese Personen in psychiatrischer Obhut waren.

Für ein Greenhorn wie mich war das nicht leicht, auch nicht, was die speziellen Vorschriften im Umgang mit den weiblichen Patienten betraf. Sie waren im Frauentrakt im oberen Geschoss der Anstalt untergebracht, und als Mann durfte man nie alleine ein Zimmer betreten. Man hatte mir mehrmals eingeschärft, dass Mädchen und junge Frauen weitaus gewiefter sind als unsere männlichen Schützlinge mit Koketterie, Verdrehung von Tatsachen oder grundlosen Beschuldigungen des psychologischen Personals. Vorsicht war geboten. Ich habe zwar niemals schlechte Erfahrungen gemacht, hielt mich aber streng an die Anweisungen der Kollegen.

Ein anderer Fall ging mir an die Substanz, ich darf gar nicht daran denken. Der Name des Jungen tut nichts zur Sache, aber den Grund seines Aufenthaltes in der Klinik werde ich nie vergessen: Aus Eifersucht hatte er seinen Bruder im Affekt erschlagen. Weder an den Ort noch an den Zeitpunkt, Hergang oder das Motiv konnte sich der 16-Jährige erinnern. Aber der talentierte, zuvorkommende Jugendliche hatte die Tat eindeutig begangen und war völlig verstört in die Psychiatrie eingewiesen worden. Schwierig für mich war, dass dieser vermeintliche Gewalttäter ein sehr inniges und freundschaftliches Verhältnis zu mir aufbaute und mich als seinen älteren Bruder betrachtete. Ich war in einer emotionalen Zwickmühle, denn auch ich hatte ihn lieb gewonnen. Nur wer konnte garantieren, dass dieser liebevolle Mensch nicht irgendwann, draußen in der Freiheit, wieder ein Blackout haben würde? War es möglich, ihn zu heilen, herauszufinden, was ihm fehlte, was ihn zu der Bluttat veranlasst hatte? Nächtelang sind mir diese Fragen durch den Kopf gegangen und haben mich wach gehalten.

In meinem kargen Einzelzimmer gleich im Gebäude neben dem Institut mit Blick aus dem Fenster auf die hohen Mauern, die das Institutsgelände umgaben, wurde ich selbst zum Gefangenen, freiwillig zum Eingeschlossenen, denn in der Zeit des Zivildienstes habe ich meinen neuen Arbeitsbereich nur selten verlassen. Ich war ein Teil dieses wichtigen Ganzen und genoss lieber die Gesellschaft meines Kollegen Klaus, als in den Ort oder zu meiner Familie zu fahren. Unsere Freizeit war ohnehin spärlich, und wir versuchten, uns durch Musizieren, durch Berichte über Urlaubserlebnisse abzulenken, wenn wir uns nicht ohnedies über gemeinsame Patienten austauschten.

Es wäre nicht weit gewesen zu meinen Eltern und zu meinem Bruder Wolfgang, aber ich war froh, der Familie entronnen zu sein und mein Leben so zu führen, wie ich es zu diesem Zeitpunkt für richtig hielt. Selten nahm ich meinen alten Renault 4 mit seiner unvergleichlichen Revolverschaltung, der ich manchmal heute noch nachtrauere, in Betrieb. Manchmal setzte ich mich auf mein Fahrrad, drehte eine Runde und machte einen Anstandsbesuch bei der Familie. Das gehörte sich eben, aber mir war klar, dass mein Privatleben hintanstehen musste. Zu wichtig und spannend war mein neues Aufgabengebiet für mich.

Die Balance zwischen Zuneigung und Abstand, die Gratwanderung zwischen persönlichem Mitgefühl und professioneller Distanz zu den Patienten habe ich gelernt. Dieser Schutzmechanismus hat mir bis heute so manch guten Dienst erwiesen. Ich betrachte es als nachhaltige Lehre für meinen späteren Umgang mit Fans, mit Medien, mit vermeintlichen Freunden. In meinem jetzigen Beruf kann ich anders auf Menschen zugehen und bin dank dieser Ausbildung, vielleicht unbewusst, erst gar nicht in gefährliche Situationen gekommen.

Damals habe ich mich über kunsttherapeutische Lehrgänge und weiterbildende, praxisbezogene Studien erkundigt. Denn eines ist mir in dieser mehr als zweijährigen psychologischen Lehrzeit klar geworden: Würde ich je einen sozialen Beruf anstreben, dann nur praxisorientiert. Nicht als Theoretiker, der zuerst ein jahrelanges Studium der Psychologie absolvieren muss, sondern als Erzieher oder Pfleger, direkt eingebunden in den täglichen Betrieb. So hätte ich mir diesen Beruf vorstellen können.

Am Ende meiner spannenden Zeit als Zivi war ich reifer und gefestigt. Was ich nicht von allen Altersgenossen und einstigen Schulkollegen behaupten konnte. Vielleicht war ich auch diesbezüglich ein Einzelgänger, denn während viele von ihnen lautstark das Abrüsten vom Bundeswehrdienst feierten, fasste ich einen ganz anderen Entschluss. Nach den vorgeschriebenen 21 Monaten verlängerte ich mein Engagement als Zivildiener um ganze drei Monate und übernahm als Urlaubsvertretung für einen Kollegen dessen Position. Mag sein, dass es eine Flucht vor dem Leben draußen war, aber es war nun mein Alltag, den ich liebte und in dem ich aufging. Ich wurde sogar zur „Aushilfskraft im Erziehungsdienst“ befördert und habe ganz gut verdient. Offensichtlich entsprach ich den Anforderungen und konnte das Team überzeugen.

Auf meinem Diplom, das mir in Form eines offiziellen Arbeitsbriefes ausgestellt wurde, krönte der Vermerk „Ausgezeichnet“ meine Zivildienstzeit in der Psychiatrie. Dementsprechend emotional und tränenreich hat sich dann auch mein Abschied von der Belegschaft und den Patienten abgespielt.

Vorstellen hätte ich mir eine berufliche Zukunft in diesem Metier schon können, aber mein Herz hatte sich längst in eine andere Richtung bewegt. Ich habe damals aus dem Bauch heraus entschieden, er hat mich bis heute gut beraten. Nach der Begegnung mit der Musicaltruppe und Annette Brückner stand meine Entscheidung fest: für die Kunst, die mich vom ersten Moment an in ihren Bann gezogen und nicht mehr losgelassen hat.

Familienleben

Meine Kindheit in Hamm

Wie bin ich aufgewachsen? Was hat mich zu dem gemacht, der ich bin? Fragen, die man sich erst im Alter zu stellen beginnt. Man hat uns Kinder wohlbehütet, aber gleichzeitig sehr liberal erzogen, inmitten der Atmosphäre einer typischen deutschen Kleinstadt mit knapp 60.000 Einwohnern.

Meinen Vater würde ich heute als einen strengen, konservativen Geschäftsmann beschreiben, der einen florierenden Getränkevertrieb in Hamm aufgezogen hat. Meine Mutter war eine liebevolle, weltoffene Schneidermeisterin, die zusätzlich an der Berufsschule unterrichtete.

Süß, lieb, brav und hübsch, das sind jene Attribute, die meiner Mutter, Elisabeth Kröger-Ernst, ad hoc einfallen, wenn man sie zur Kindheit ihres ältesten Sohnes befragt. Vielleicht würde sie meinen Bruder Wolfgang, der zwei Jahre jünger ist als ich, ganz anders beschreiben. Wolfgang lebt seit vielen Jahren an der Ostsee in Ahrenshoop, ist verheiratet und betreibt dort das im Norden bekannte Künstlerhotel „Seezeichen“. Ich habe leider viel zu wenig Kontakt zu ihm. Ist es die Entfernung, der Beruf, ist es unser beider Schuld – ich will und kann es nicht beurteilen.

Annette Gilles, meine Schwester, ist sieben Jahre älter als ich. Sie lebt mit ihrer Familie in Bad Schwalbach in der Eiffel, ist ausgebildete Medizinisch-technische Assistentin und in einer Kuranstalt höchst erfolgreich in der medizinischen Forschung und Fortbildung tätig. Erst kürzlich hat sie ein Fachbuch über Hämatologie auf den Markt gebracht.

Einen kleinen Bruder hat sich Annette immer gewünscht, und dann war ich plötzlich da. Sie war bitter enttäuscht, wie sie heute ehrlich erzählt: „Ich hatte mir vorgestellt, dass ich mit so einem Brüderchen gleich einmal zum Fußballspielen gehen kann. Dann kam ein kleines Ding zur Welt, dem ich die Windeln wechseln musste.“

Sie war zwar vernarrt in ihren kleinen Bruder und fand ihn ganz entzückend, aber ich war eine riesige Herausforderung für sie, denn Annette musste beinahe von meiner Geburt an und vor allem während der Hort- und Schuljahre die Rolle der Ersatzmutter übernehmen. Als Kleinkind war ich der jüngere Spielgefährte und sehr stark auf sie fixiert. Doch als meine Schwester in die Pubertät kam, waren die sieben Jahre Altersunterschied mitunter ein regelrechter Keil in unserer Beziehung. Sie wollte abends weggehen und Gleichaltrige treffen, aber ich war immer da, wollte sie begleiten und nervte. Entweder quengelte ich so lange, bis ich mit ihr abends ausgehen durfte, oder wir gingen unseren Eltern so sehr auf die Nerven, dass wir beide zuhause bleiben mussten.

Unsere Mutter kommentiert die damals etwas chaotische Situation so: „Unsere Kinder mussten schon von klein auf sehr selbstständig sein. Annette, als Älteste, trug eine große Verantwortung, die sie bestens gemeistert hat.“

Wolfgang und ich bezeichneten unsere Schwester immer ganz liebevoll als Vize-Mama, denn unsere Mutter werkte entweder in der Schneiderei oder war als Ausbildnerin in der Berufsschule unabkömmlich. Unser Vater war oft tagelang für den Getränkevertrieb im Außendienst unterwegs oder arbeitete bis in die Nachtstunden im angeschlossenen Verkaufskiosk. Viel hatten wir nicht von unseren Eltern, aber es ging nicht anders.

„Wir hatten schöne Zeiten, mussten aber auch schwere durchstehen.“ Mutter hat die oftmals schwierige finanzielle Situation in der Aufbauphase des Betriebes in Hamm immer wieder erwähnt. Vater hatte aus seiner ersten Ehe zwei halbwüchsige Kinder zu versorgen, und so lag es größtenteils an ihr, für das leibliche und finanzielle Wohl unserer Familie aufzukommen.

Der Nachwuchs im Hause Kröger hat das Mitanpacken im Haushalt und später im väterlichen Betrieb früh gelernt. Nach der Schule erledigten Wolfgang und ich die Hausaufgaben und begannen dann mit der Auslieferung der Getränke oder arbeiteten im Kiosk mit. Schon vor der Pubertät mussten wir mehr Verantwortung übernehmen als gleichaltrige Schulkollegen. Damals haben wir das nicht als sehr prickelnd empfunden.

Ich war ein kreatives Kind

Süß, aber vor allem kreativ und künstlerisch begabt, so beschreiben mich meine Schwester und auch meine Mutter immer wieder. Mein Bruder sagte einmal zu mir: „Du warst der Künstler in unserer Familie und wurdest von allen darum beneidet. Im Gegensatz zu mir hast du nie viel Zeit ins Lernen investiert. Du bist über die Bücher einmal drübergeflogen und hattest sofort alles intus. Du hattest ein fotografisches Gedächtnis.“

Es mag sein, dass mir die Schulzeit leicht gefallen ist, aber grundsätzlich war ich stinkfaul und hätte bestimmt viel mehr erreichen können. Meine Noten waren eher im Mittelfeld angesiedelt. Die Schule hat nie mein Interesse geweckt, aber da ich mir alles gut merken konnte, brachte ich die Jahre am naturwissenschaftlichen Gymnasium von Hamm meiner Meinung nach ausgezeichnet hinter mich. Ein musisch-pädagogisches Gymnasium wäre meinen Neigungen bestimmt mehr entgegengekommen, aber es war zu weit weg von dem Ortsteil, in dem wir wohnten.

Ich kann nicht gerade sagen, dass ich damals hipp war. Ich war vielleicht beliebt bei den Lehrern und auch bei den Mädels in unserer gemischten Klasse, weil ich ruhig war, angenehm und unauffällig. Und so habe ich auch ausgesehen. Wie eine Prinz-Eisenherz-Kopie mit blonden Haaren und einem Rundschnitt. Cool war ich sicherlich nicht, aber alle mochten mich. Aufbegehrt habe ich selten, ich war kein Revoluzzer. Nur wenn es um offensichtliche Ungerechtigkeit ging, zeigte sich mein Kampfgeist. Von all den anderen Jungs in meinem Alter hat mich vor allem eines gravierend unterschieden: Ich hasste Fußball. Allein das machte mich schon zum Außenseiter. Viel lieber und mit großer Begeisterung beteiligte ich mich an anderen sportlichen Aktivitäten wie Leichtathletik. Ich glaube, ich war sogar einmal der schnellste Läufer meines Jahrgangs.

Mein wahres Interesse galt den schönen Dingen des Lebens. Am wohlsten fühlte ich mich innerhalb der Familie und in meinem Freundeskreis. Das Vertraute war meine Welt. Ich bin nicht sicher, ob sich das heute nicht immer noch ähnlich verhält. So wie damals beginne ich auch heute noch zu fremdeln, wenn ich in mir unbekannte Kreise komme. Es mag absurd klingen, aber ich fühlte mich oft als Eindringling. Privatsphäre und Harmonie waren und sind mir immer wichtig. Stets habe ich versucht, Menschen, die ich nicht kannte, mit sensiblen Fragen und Einfühlsamkeit zu erreichen. Diesbezüglich war ich privat nie ein guter Schauspieler. Man hat mir meine Gemütssituation, meine Ängste, Zu- oder Abneigung sofort am Gesichtsausdruck ansehen können.

Mit 50 hat man natürlich mehr Lebenserfahrung vorzuweisen, ist abgeklärter, aber im Grunde bin ich der kleine, schüchterne Uwe geblieben. Das Kennenlernen, eine Freundschaft hat für mich mit Respekt vor dem anderen zu tun. Man kann durchaus viel Spaß miteinander haben, aber besonders am Beginn einer Bekanntschaft oder in einem ungewohnten Umfeld habe ich immer mehr aus dem Hintergrund agiert, vorsichtig die Menschen und die Lage beobachtet, bevor ich mich geöffnet und etwas von mir preisgegeben habe. Ich denke, das hat mich bis heute vor vielen unangenehmen Überraschungen bewahrt.

Ich hasste die jagdgrüne Lagerfeuerromantik

Mein Vater war passionierter Jäger und an einem Jagdrevier in Niedersfeld im Sauerland beteiligt. An den Wochenenden musste die gesamte Familie Ausflüge in den Wald unternehmen und am Abend wurde regelmäßig musiziert.

Was daran schlimm ist? Es waren die Volks- und Weidmannslieder, die Hermann Kröger mit der Gitarre in der Hand anstimmte, der Zwang, der für mich alles überschattet hat. Die unfreiwillige Lagerfeuerromantik, wenn wir vor der spartanisch ausgerüsteten Hütte im Kreise der Familie musizierten. Mir läuft ein Schaudern über den Rücken, wenn ich mich an dieses Jagdgetue erinnere, obwohl ich im Schießen, das wir natürlich lernen mussten, ganz gut war.

Wald, Jagd, Waffen – wie sehr habe ich das gehasst. Meine Schwester hat sogar den Jagdschein gemacht. Ich war da anders. Dreck, Nässe und allein der Geruch von Wald machten mich fast wütend. Oft begann ich aus einer Trotzreaktion heraus während des Musizierens meine Wolle und Stricknadeln auszupacken und am Lagerfeuer Schals und Pullover zu stricken, nur um Vater zu provozieren.

Heute stelle ich immer öfter fest, dass ich Papa ungewollt in manchen Dingen sehr ähnlich geworden bin. Vielleicht hat er mich doch geprägt. Gerade in der Zeit, als wir Der Besuch der alten Dame in Thun spielten, habe ich die Natur, den See, die Berge und auch den Wald bewusst wahrgenommen, auf eine neue Weise entdeckt und lieben gelernt. Ich war überrascht. Vielleicht bin ich ja doch nicht der eingefleischte Stadtmensch, für den ich mich immer gehalten habe.