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Dolores Schmidinger

Im Bett mit dem Teufel

Dolores Schmidinger

Im Bett mit dem Teufel

Ein Wien-Krimi

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Alle Namensübereinstimmungen und damit einhergehende Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig.

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT
Umschlagfoto: Hans Leitner
Lektorat: Mag. Philipp Rissel
Herstellung und Satz: Gabi Adébisi-Schuster
Gesetzt aus der Sina Nova 11,2/13,8 pt
Printed in the EU
ISBN 978-3-85002-891-2
eISBN 978-3-902998-14-9

Contents

Vorgeschichte

Eva 14. 7. 2014

Eva Ende August 1994

Joachim September 1994

Franziska 4. 7. 2014

Eva September 1994

Joachim September 1994

Eva September 1994

Franziska 7. 7. 2014

Eva September 1994

Eva September 1994

Joachim September 1994

Eva September 1994

Joachim Oktober 1994

Eva November 1994

Joachim November 1994

Eva November 1994

Thomas November 1994

Franziska 8. 7. 2014

Eva Dezember 1994

Eva Dezember 1994

Thomas Dezember 1994

Eva Dezember 1994

Thomas Juni 2014

Joachim 6. 7. 2014

Heidelinde 9. 7. 2014

Franziska 10. 7. 2014

Franziska 11. 7. 2014

Joachim 11. 7. 2014

Franziska 12. 7. 2014

Heidelinde 12. 7. 2014

Stefan 12. 7. 2014

Franziska 14. 7. 2014

Heidelinde 15. 7. 2014

Stefan 15. 7. 2014

Eva 16. 7. 2014

Joachim 16. 7. 2014

Eva 17. 7. 2014

Stefan 16. 7. 2014

Eva 17. 7. 2014

Franziska 18. 7. 2014

Franziska 2009

Franziska 18. 7. 2014

Franziska 21. 7. 2014

Epilog

Vorgeschichte

Er sitzt vor seinem Schreibtisch und schaut auf das Bild des absolut Bösen, auf die Fratze des Teufels. »Ahriman« heißt der Satan bei den »Gnostischen Heilsbringern«, bei seiner spirituellen Gemeinschaft. Ahriman ist der Geist, der alles Schlechte repräsentiert.

Die Teufelsfratze ist die Kopie eines Gemäldes, das jemand gefertigt haben muss, der das Böse selber gespürt hat. Ein schreckliches Gesicht, zu einer Grimasse verzogen. Das Maul ist voll mit gelben Zähnen, die eine Augenhöhle ist leer und aus der anderen quillt ein Augapfel ohne Pupille.

Es ist keine schwarze Magie, mit dem Bild des Teufels zu meditieren, hat der Professor gesagt, das Böse ist notwendig, damit man sich für das Gute entscheiden kann.

Es ist Ahriman, der uns Luzifer geschickt hat, der in der Gestalt einer Schlange das unschuldige Weib verführt hat, die sinnlichen Triebe im Mann zu erwecken, und auf diese Weise die Sünde der Wollust über die Menschen gebracht hat.

Er träumt nachts von Ahriman, schreckliche Träume, die nicht enden wollen, er wird von einem tiefen Abgrund verschlungen, aus dem es kein Entkommen gibt.

Aber Ahriman hat noch nie zu ihm gesprochen.

Wenn er die Stimmen hört, kann er meistens nicht wahrnehmen, wem sie gehören, aber die eine, die boshafte, hohe, muss von Luzifer stammen, der über ihn spottet, wenn er wieder einmal sündige Gedanken verspürt hat.

Die Weiber sind die Posaunen des Teufels!

Darum ist es ein Dienst an der Menschheit, die wollüstigen Weiber auszurotten. Er wird es tun, er wird den Wunsch des Professors erfüllen und die Hure beseitigen, für den Professor würde er sie alle beseitigen, alle Huren dieser Welt.

Eva

14. 7. 2014

»Sind Sie denn ganz von Gott verlassen?«, mit diesen Worten springt die blonde Dame mit dem adretten Kostüm, in das ihr leichtes Übergewicht gepresst ist, aus dem Land Rover und begutachtet ihre mächtige, hintere Stoßstange, an der die vordere Stoßstange von Evas Mini klebt. »Sie fahren da einfach in mich hinein!«

»Entschuldigen Sie«, sagt die Eva, »aber ich habe jemand aus der U-Bahn kommen sehen.«

Die Land-Rover-Dame versucht höflich zu bleiben. »Ja, aber das ist doch kein Grund!«

Die Eva steigt jetzt auch aus. Die Aphrodite am Rücksitz sitzt in Bereitschaft und legt den Kopf schief. Sie ist eine Terrier-Mischung mit weißem Fell, einer braunen zotteligen Schnauze und einem Hauch Schwarz an den Schlappohren. Die Dame ist in eine besonders penetrante Ladung Parfum gehüllt, und wenn es die Eva schon bemerkt, wie muss es dann erst für die Aphrodite sein. Die Aphrodite kann nämlich besonders gut Gerüche identifizieren. In der Hundeschule hat ihr der Hundelehrer eine große Zukunft als Fährtenhund vorausgesagt. Natürlich nur im Spaß, anständige Fährtenhunde sind groß und reinrassig. Aber die Aphrodite schnuppert jetzt sichtlich angewidert, und wenn sie eine menschliche Stimme hätte, würde sie sagen: »Entschuldigen Sie, aber ich glaube, Sie sollten ›Hypnotic Poison‹ nur hinter die Ohren tupfen, nicht darin baden!«

Hinten wird gehupt. Es ist halb fünf, ein sonniger Montag Mitte Juli und am Lerchenfelder Gürtel staut es sich wegen einer gesperrten Fahrspur. Wieder hupen.

»Zum Glück is eh nix passiert«, sagt die Dame, der es zu mühsam ist, während der Grünphase zwischen Autos Daten auszutauschen und Versicherungsformulare auszufüllen. Sie steigt wieder ein und bewegt ihr Auto ein kleines Stück nach vorne, bis zur nächsten Rotphase. Eigentlich gehört es nicht zu den Gewohnheiten der Eva, auf Stoßstangen aufzufahren, aber sie hat die Bremslichter des Land Rovers nicht sehen können, weil sie zum Ausgang der U-Bahn hingestarrt hat. Da ist er herausgekommen und ist Richtung Brunnenmarkt gegangen, dorthin, wo er offenbar noch immer wohnt. Die Eva wundert sich, dass sich noch nach zwanzig Jahren ihr Herzklopfen beschleunigt. Natürlich hat er sich verändert, die Haare sind grau geworden, aber sein rundes Gesicht ist erstaunlich faltenfrei geblieben. Es gibt keinen Zweifel, es war Joachim Kaunitz Hackenberg.

Sie hat damals den Kontakt abgebrochen, an dem Tag, als er sie mit einem Keuschheitsgürtel in der Hose empfangen hat.

Ihre Ehe ist endgültig kaputt, der Ehemann wohnt bei der neuen Freundin, und der Liebhaber, dessentwegen die ganze Geschichte überhaupt passiert ist, hat ein Schloss vor den Genitalien.

Der Stau löst sich langsam auf, und die Eva wird sich bei der Probe nur um zehn Minuten verspäten. Na und wenn schon, die zahlen so wenig bei dieser freien Produktion, die im Innenhof einer stillgelegten Lagerhalle im sechsten Bezirk stattfindet.

»Ungeziefer« heißt das Stück, und sie spielt nur eine unbedeutende Nebenrolle, »Die Frau mit dem Holzbein«. Und der junge, deutsche Regisseur besteht darauf, dass sie sich schon bei den Proben den Unterschenkel hochbindet und eine hölzerne Krücke am Knie befestigt. »Ich spiele gerade die Frau mit dem Holzbein!«, wie interessant das klingen würde bei einem Interview. Aber keiner macht ein Interview mit Eva Traxler. Man wird in die zweite, in die dritte Reihe gedrängt in ihrem Alter. Dabei hat sie sich frisch gehalten – »geboren 1960«, steht da gnadenlos in ihrem Pass, aber man ist ja so alt, wie man sich fühlt, nicht wahr? Sie hat in eine Gesichtsstraffung investiert, und ihre stufig geschnittenen, halblangen Haare sind blond gefärbt, bei blond fällt der graue Nachwuchs nicht so auf. Sie würgt in der Früh ein Vollkornmüsli hinunter, verzichtet aufs Mittagessen und gibt sich abends dem Genuss einer kohlehydratfreien, kleinen Mahlzeit hin. Und das war’s dann schon. Ab und zu eine kleine Sünde natürlich. Die Eva geht gern zum Würstelstand. Das ist ein Relikt aus der Zeit, als sie Alkohol getrunken hat. Am Abend beim Würstelstand war man unter sich mit seinem Bier. Jetzt trinkt sie ein Cola zur Käsekrainer. Den Alkohol hat sie lang schon aufgegeben, damals, als ihre Ehe auseinandergegangen ist. Deshalb ist die Kleidergröße 36 ihre treue Freundin. Einmal hat sie das Rauchen aufgegeben und da war plötzlich die Größe 40 da – ungebeten, aber anhänglich. Darum hat sie wieder angefangen mit den Zigaretten, auf deren Packung davon zu lesen ist, dass das Rauchen »Ihnen und Ihren Mitmenschen erheblichen Schaden zufügt«. Sie holt eine Zigarette aus ihrer roten Lederimitat-Tasche am Beifahrersitz. Einmal im Jahr geht sie zur Durchuntersuchung und ihre Lunge hat auf dem Röntgenbild keinerlei Schatten. Es ist ja nur, weil sie auf der Bühne keine komischen Alten spielen will. Und die Fernsehproduktionen ignorieren sie schon seit Jahren.

»Eva Traxler, ein bezaubernder Wirbelwind«, hat es noch vor fünf Jahren geheißen in der Kritik der Wiener Zeitung, die keiner liest.

Und nicht nur die Rollen werden weniger, auch die brauchbaren Männer schwinden dahin, lösen sich in Luft auf.

Aber sie ist ja ohnehin beziehungsunfähig. Sie fällt immer auf Typen herein, die sie schlecht behandeln. Nicht schlagen, nein, das würde sie sich nicht gefallen lassen, aber Männer, die in ihrer Seele Schaden anrichten.

Vor zwei Monaten auf einer Premierenfeier hat die Eva einen getroffen, in den man sich verlieben könnte. Einen Schauspieler, im richtigen Alter, so um die fünfzig, mit einem herrlich zerfurchten Gesicht. Wolfgang heißt er. Er hat eine schwarze Lederhose getragen, und ist, soweit man es sehen konnte, heftig tätowiert. Sie sind so um halb zwölf bei ihm gelandet.

Er wohnt im 15. Bezirk und hat die Türmatte an einer Kette befestigt, damit sie ihm nicht gestohlen wird. Die Wohnung ist akribisch aufgeräumt und eine Lampe in Form eines erigierten Penis leuchtet rosa vor sich hin. Aber zuerst einmal ein bisschen plaudern. Sie will jetzt einen Kaffee, und er öffnet für sich das nächste Bier.

»Magst du Fesselspiele?«, fragt er und schaut ihr tief in die Augen. »So ein bisserl anketten?« Die Eva fühlt ein Ziehen im Unterleib und wird doch tatsächlich rot.

»Du treibst es sicher recht wild«, sagt sie dann, denn das HI-Virus und die lästige Frage nach einem Kondom fallen ihr ein.

»Schön wär’s!«, sagt er und zieht seine attraktiven Falten nach unten. »Aber es ist halt schwer mit meiner Mama.«

»No geh, wieso?« Er hat doch tatsächlich »Mama« gesagt, mit Betonung auf dem zweiten a!

»Sie ist halt ein bisserl eifersüchtig«, sagt er, und es soll scherzhaft klingen.

»Sie hängt sehr an dir?«, die Eva legt geheucheltes Mitleid in die Stimme.

»Na was heißt! Neulich hab ich gesagt: ›Mama, ich treff’ mich heute mit einer ganz lieben Frau, die würde dir gefallen!‹

›Na ich weiß nicht‹, hat sie gesagt. ›Und wo trefft ihr euch?‹

›Im Café Leopold im Museumsquartier, das ist wirklich ein ganz anständiges Lokal!‹

Was soll ich dir sagen – ich sitz dort mit der Astrid, wir reden über Demütigungsspiele, und plötzlich kommt die Mama bei der Tür herein und setzt sich zu uns. ›Ich möchte halt doch einmal eine deiner Bekanntschaften kennenlernen!‹, sagt sie und zieht den Mantel aus. Stell dir das vor, und dann …«

Die Eva unterbricht ihn: »Kommt deine Mama« – und sie betont ebenfalls das zweite a in der Mama – »vielleicht jetzt auch bei dieser Tür herein?« Ihr Scherz bleibt unbemerkt.

»Nein, glaub ich nicht. Ich habe gesagt, ich bin in der Stadt unterwegs. Weißt’, heute ist ja die ›Lange Nacht der Kirchen‹.«

»Aha«, sagt die Eva, steht auf und geht Richtung Schlafzimmer, wo im Türrahmen ein mit Ketten befestigter Ledersitz baumelt.

»Gefällt dir meine Liebesschaukel?«, fragt der Wolfgang und sagt dann mit weinerlicher Stimme:

»Ich kann jetzt noch nicht, sie spukt mir im Kopf herum, die Mama.«

Und wie auf Stichwort läutet sein Smartphone, das heißt, es meldet sich mit dem Rockklassiker »Born to be wild«, und sie kann sehen, dass »Mama« am Display erscheint. Der Wolfgang meldet sich umgehend. »Grüß dich Mama, ja ja, … in der Kapuzinerkirche, … ja, herrlich die Kaisergruft … du, ich kann jetzt nicht reden … das is ja pietätlos, telefonieren in einer Kirche … ja, ich meld mich morgen, baba.« »Entschuldige«, sagt der Wolfgang zur Eva, »Aber jetzt ist mir alles vergangen.«

Und die Eva verlässt die peinlich aufgeräumte Wohnung mit der baumelnden Liebesschaukel. Vor der Tür zieht sie Bilanz: Das Einzige, das heute Abend angekettet war, war die Türmatte.

Sie ist jetzt bei Lagerhalle angekommen und fährt in den Hof, wo es Parkplätze gibt. Der Regieassistent steht vor der Tür und tippt vorwurfsvoll auf seine Armbanduhr.

Eva

Ende August 1994

Die Schulterpolster kommen langsam aus der Mode. Die Eva trägt einen schwarzen Rock, der kurz über dem Knie zu Ende ist, und einen schwarzen Leinenblazer, trotz der Hitze. Ihre blonden, kurzen Haare leuchten viel zu gelb für ein Begräbnis. Die kleine Gruppe der Trauernden ist um das Grab ihrer Mutter versammelt und Evas sechsjährige Tochter Franziska weint um die Großmutter. Sie hat einen verschmierten Mund von dem Eis, das sie vorhin gegessen hat, und die Tränen rinnen ihr in den klebrigen rosa Bart, den das Eis hinterlassen hat. Evas Vater, der Herr Magister Traxler, schaut möglichst betroffen drein, obwohl die junge Freundin schon zu Hause auf ihn wartet. Und der Paul, der trauernde Schwiegersohn, dem alles furchtbar peinlich ist, fotografiert, damit er sich hinter der Kamera verstecken kann. Die Eva beobachtet das alles, sie ist nicht besonders aufgewühlt, das wird später kommen, wenn sie allein ist.

Alle werfen eine kleine Schaufel Erde auf den Sarg in der Grube, das Trinkgeld für den Mann, der die Schaufel übergibt, in den Händen bereit. Die Eva gibt dem Mann fünf Schilling. Er riecht nach Bier und wird das Geld versaufen. Die Eva hat auch ein Vierterl getrunken, vorher.

Am Nebengrab steht ein mittelgroßer Mann, ungefähr Mitte dreißig, mit einem runden, gutmütigen Gesicht und hellbraunen, kurzgeschnittenen Haaren. Er trägt ein blaugraues Seidenhemd und hat die Ärmeln aufgekrempelt. Er ist gerade dabei, auf dem Grab unter dem steinernen Kreuz frische rote Rosen in eine Vase zu geben. Daneben steht eine Gießkanne aus Metall.

Er schaut zu ihr herüber.

Soeben wirft eine ältere Dame Erde ins Grab von Evas Mutter und schluchzt herzzerreißend. Die Eva hat keine Ahnung, wer die Dame ist, und fragt sich, ob die vielleicht das falsche Begräbnis erwischt hat.

Und plötzlich steht der Mann vom Nebengrab bei der Eva und gibt ihr eine seiner roten Rosen.

»Ihre Mutter ist gut aufgehoben an dem Platz. Sehen Sie, da wächst eine Birke. Das ist gut, die liebliche Birke bedeutet Reinigung, Loslassen, Neuanfang.«

Und er geht wieder zu seinem Grab.

Vom Ottakringer Friedhof fährt die Trauergesellschaft stadteinwärts, denn die Leichenfeier findet in einem Wirtshaus auf der Wilhelminenstraße statt. Der geizige Herr Magister Traxler hat mit dem Wirt einen günstigen Preis ausgehandelt. Ein Freund der Familie Traxler hält eine Rede und spricht von der aufopfernden Pflege, die der Herr Magister Traxler der Verstorbenen hat angedeihen lassen.

Dabei hat er seine herzkranke Frau in ein Spital abgeschoben, wo die Betten im Zimmer zahlreich waren und die Krankenschwestern unfreundlich. Die Eva spürt die Wut in sich aufsteigen und trinkt noch ein Vierterl Rot.

»Du, ich geh jetzt«, sagt der Ehemann, »du weißt, ich muss noch in die Redaktion.« Der Paul Matuschka ist Journalist und muss immer in die Redaktion, wenn ihm die Situation nicht angenehm ist. Die Franziska hat ihren Schmerz vergessen und sitzt bei der Gertrud am Schoß, einer älteren Nachbarin der Traxlers, die der Mutter immer heimlich die Aufputschmittel besorgt hat, die kleinen, gelben »Reactivan«.

Sie machen Flieger aus Papierservietten und schießen damit auf den Hirschkopf, der an der Wand hängt.

Am nächsten Tag macht die Eva wieder einen Friedhofsbesuch. Nach einem kurzen Haltmachen bei der Mutter geht sie hinüber zum Grab, wo der Mann die Rosen eingewässert hat. Sie liest die Inschrift am Grabstein: »Hier ruht die allseits geliebte Katharina Kaunitz Hackenberg, 1914–1985, deren Astralleib in eine andere Inkarnation übergehen wird.«

»Astralleib, Inkarnation?«, der Mann ist wohl einer von den Esoterikern, die jetzt wie Schwammerln aus der Erde sprießen, seit die katholische Kirche ihren Glamour eingebüßt hat.

Kaunitz Hackenberg. Soll sie im Telefonbuch nachschauen, ob es einen männlichen Kaunitz Hackenberg gibt? »Traxler«, sagt sie zu sich selbst, »da ist ja nichts dabei, man kann sich ja für die nette Geste mit der Rose bedanken …«, aber dann murmelt sie, »und jetzt hör auf, dich zu belügen, du bist an diesem Mann interessiert und nicht an seinen Rosen.«

Die Eva verliebt sich gerne. Sie mag die Adrenalinausschüttung. Drum hat sie es mit dem Treusein nie so genau genommen.

Vor sieben Jahren hat sie den Paul kennengelernt, und diesmal sollte es wirklich etwas Ernstes sein. Eine gutbürgerliche Angelegenheit mit Kindern, Maßküche und ewiger Treue. Sie ziehen in ein Reihenhaus im oberen Teil von Ottakring, das von einer Genossenschaft vergeben wird, und den zu zahlenden Anteil spendet der geizige Herr Magister Traxler in Anbetracht des schwangeren Bauches seiner Tochter. Der verliebte Paul ist entzückend, bei der Eva ist es gar nicht so das große Gefühl, aber der Paul bemüht sich um sie, umwirbt sie mit Gedichten, Fotocollagen und der Versicherung, dass er einer der »Neuen Männer« ist, der die Hausarbeitsteilung in die Tat umsetzt. Der Paul ist sehr überzeugend, wenn er will.

Und dann wird geheiratet, sie im langen weißen Brautkleid, im Empirestil, damit das Bäuchlein Platz hat, und einem kleinen Schleier über dem Gesicht. Den hat ihr Paul nach »Jetzt dürfen Sie die Braut küssen« mit einer zärtlichen Geste nach hinten geschoben, und sogar der Herr Magister Traxler war gerührt.

Es gibt natürlich ein Fotoalbum »Hochzeit 1988«, wo am Deckblatt zwei Tauben turteln.

Und sie gelten als Musterehepaar, bei ihren Freunden. Der dunkelhaarige Paul Matuschka, gut verdienender Journalist, der in seiner Freizeit noch Sachbücher schreibt, die Eva gern gesehener Gast in Volkstheater und Josefstadt und beschäftigt bei Fernsehproduktionen. Man kann ihren Typ gut gebrauchen. Die drahtige, kleine Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt. Mit einem rundlichen Gesicht und großen, grünen Augen. Die »Meg Ryan für Arme« sagen die Kollegen hinter ihrem Rücken.

Und wenn für ein Interview die Fotografen da sind, kann man in den Zeitungen Bilder sehen, wo das glückliche Ehepaar mit der glücklichen, kleinen Tochter posiert.

Doch jetzt, nach sechs Jahren, ist der »perfekte neue Mann« längst nicht mehr der verliebte Gedichteschreiber, sondern ein missgelaunter Ehemann, der sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten hinter einem Buch versteckt.

Und die ehelichen Pflichten … die werden immer seltener vollzogen. Man spricht nicht über die erotischen Fantasien und eventuelle Wünsche. Man schläft bei, und jeder konzentriert sich auf den inneren Pornofilm, den er ablaufen lässt, ohne den anderen dabei teilhaben zu lassen.

Ewige Treue wollte die Eva exerzieren, aber die Lust auf was Neues wird immer stärker.

»Mir kommen die Hormone schon bei den Ohren heraus«, sagt sie zu ihrer Freundin Rita, einer Regieassistentin, mit der sie intime Gespräche pflegt.

Die Rita ist eine der Frauen, die essen können, was sie wollen, und trotzdem nicht in die Breite gehen. Sie hat lange, braune Haare und die großen, braunen Augen sind immer sehr sorgfältig geschminkt. Ein ehemaliger Freund hat »Rehlein« zu ihr gesagt. Aber Rita »hat nun mal«, wie sie gerne Wilhelm Busch zitiert, »einen Hang zum Küchenpersonal.«

Sie steht auf verschwitzte Männer mit Muskeln und einer Reihe von Vorstrafen. Eine unglückselige Veranlagung für eine wohlerzogene Arzttochter.

Aber diesmal ist es die Eva, die ein Problem hat. Sie möchte einerseits mit diesem Kaunitz Hackenberg in Kontakt treten, andrerseits aber ihre Ehe nicht aufs Spiel setzen.

»Der Paul muss ja nichts erfahren. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß!«, zitiert jetzt die Rita ihre Oma. »Außerdem – vielleicht ist er verheiratet oder impotent oder schwul. Hast du gewusst«, sagt sie dann versonnen, »dass der blonde Bühnenarbeiter mit der Vokuhila-Frisur im Bett zu Höchstleistungen fähig ist?«

Am Abend, nachdem die Eva die Franziska schlafen gelegt hat, holt sie das Telefonbuch aus der Lade. Sie will es gerade aufschlagen, da kommt der Paul nach Hause und sie führt ihn geradewegs ins Schlafzimmer.

Am nächsten Tag steht die Eva sehr zeitig auf, denn sie muss um halb sechs in der Maske sein. Es gibt einen Drehtag für eine Komödie mit dem fantasielosen Namen »Das verlorene Glück«, und die Eva spielt die Freundin des verheirateten Liebhabers und kauft am Brunnenmarkt Zwetschgen ein, um ihn zu verführen.

Als Aufenthaltsraum für die Crew hat man das Extrazimmer einer Konditorei auf der Neulerchenfelderstraße gemietet. Zwei Stunden später fällt »Klappe … die vierte« und die Eva sagt ihren Text:

»Ich möchte bitte ein halbes Kilo von den schönen Pflaumen da.«

(Die Eva muss »Pflaumen« sagen und nicht »Zwetschgen«, denn der Film wird von einer deutschen Filmfirma mitfinanziert.)

Der türkische Kleindarsteller, der als Standler verkleidet ist, nimmt ein Papiersackerl und sagt seinen Text: »Schöne Pflaumen für eine schöne Frau!«

»Aus!«, schreit der Regisseur, »Herr Güner, man versteht ja kein Wort! Deutlich! Schöne Pflaumen für eine schöne Frau!«, er zieht die Silben in die Länge, als ob der Herr Güner nicht Deutsch könnte.

»So müssen Sie das sagen!«

Der Regisseur ist eigentlich mit allen Schauspielern per Du, nur beim Herrn Güner macht er eine Ausnahme. Er will demonstrieren, dass man zu unseren türkischstämmigen Mitbürgern höflich sein soll.

»Klappe … die fünfte.« Und wieder:

»Ich möchte bitte ein halbes Kilo von den schönen Pflaumen da!«

Endlich ist die Szene im Kasten und es beginnt das Warten auf die nächste Einstellung – »Totale, Eva geht mit den Pflaumen zwischen den Ständen entlang.«

Ein Standler mit einer blauen Schürze und einem Strohhut kommt daher. Er trägt einen Korb mit Gemüse.

»Entschuldigen«, sagt er zur Eva, »Sie sind doch die Frau Traxler?«

»Ja«, sagt die Eva, will in ihrer Tasche nach den Autogrammkarten suchen.

»Ich habe den Bio-Stand da hinten«, sagt der Mann, »ich soll Ihnen das bringen, von einem Verehrer«, und er übergibt ihr den Korb.

Drinnen sind Brokkoli, Paradeiser, Zucchini und ein großer, weißer Rettich, kunstvoll nebeneinander geschlichtet. Obenauf eine Karte aus Büttenpapier »Herzliche Grüße vom Rosenkavalier Joachim Kaunitz Hackenberg«.

Evas Herz macht eine kleine Rhythmusstörung. Kaunitz Hackenberg? Der Mann vom Friedhof?

Der Bio-Standler sagt: »Alles rein biologisch! Wir sind ein Musterbetrieb! Na dann – bis zum nächsten Mal!«, und er geht in die Richtung seines Standes, vor dem ein großes Sauerkrautfass steht.

»Na, das ist aber ein lieber Verehrer«, sagt die Regieassistentin, eine rundliche Person mit einer Hornbrille. Sie steht neben der Eva und hat die Szene mitverfolgt.

Die Eva starrt auf den weißen Rettich, als plötzlich hinter dem Käsestand der Mann vom Friedhof auftaucht.

»Keine Angst«, sagt er, »Sie werden nicht von mir verfolgt, ich wohne hier gleich um die Ecke. Ich habe erfahren, dass hier gefilmt wird, und wollte ein bisschen zuschauen. Ich bin nämlich auch Schauspieler.«

Die Eva, die sonst eher zu viel redet, ist sprachlos.

»Und da hab ich gesehen, dass Sie hier mitmachen«, er lacht, und sie bemerkt, dass seine beiden Wangen je ein Grübchen haben.

Bei näherer Betrachtung ist er überhaupt eine angenehme Erscheinung. Bei Theaterproduktionen würde man ihn mit komischen Rollen besetzen, denn abgesehen von seinen Grübchen hat sein Gesicht etwas Liebenswertes, Fröhliches. Seine grauen Augen sind leicht schräg gestellt, und die buschigen Brauen darüber lassen in der Mitte Platz für eine Senkrechtfalte. Kleine Ohren, runder Hinterkopf.

Sein Lachen ist ansteckend und die Eva lacht jetzt auch. »Na dann gehen wir in der Mittagspause vielleicht auf einen Kaffee?«, sagt sie.

»Ich habe heute keine Zeit«, antwortet er, »drei Schüler!« Jetzt wird er ein bisschen wichtigtuerisch. »Wissen Sie, ich gebe Privatstunden in Sprachgestaltung! ›Starke Scheite schichtet mir dort am Rande des Rheines zuhauf!‹«, deklamiert er und betont dabei jeden Konsonanten. »Aber am Freitagnachmittag würde es passen. Kommen Sie zu mir, mein Kaffee ist der beste, frisch gemahlen. Und ich werde einen Ribiselkuchen machen!«

No, der geht’s aber flott an, denkt die Eva und sagt: »Ich weiß nicht …«

»Natürlich alles in Ehren, ich weiß doch, dass Sie verheiratet sind. Die Ehe ist ein Zentrum der Ich-Kraft, sie darf nicht zerstört werden durch das Begierden-Leben. Wir müssen unsere Lust zügeln, um uns des Ätherleibes bewusst zu werden.«

Die Eva hat keine Ahnung, wovon er redet, und es fällt ihr ein, dass sie am Freitag eigentlich mit der Franziska in den Prater hätte gehen wollen. Aber das kann man ja eine Woche verschieben.

»Freitag um drei könnte ich vielleicht kommen, aber da muss ich einen Termin verschieben«, fügt sie hinzu, damit er sich nicht einbildet, er sei etwas Wichtiges in ihrem Leben.

»Wenn Sie den Freitag nicht für Ihre Familie reserviert haben? …«

»Nein, nein, das geht schon in Ordnung!« Sie hat jetzt ein wenig hastig zugesagt. Er soll ja nicht glauben …

»Das wird mich freuen«, sagt er. »Ich wohne wie gesagt gleich um die Ecke. Gaullachergasse 72. Ich erwarte Sie.«

»Wir könnten eigentlich Du zueinander sagen …«

»Wenn’s Ihnen nichts ausmacht, bleibe ich beim Sie«, antwortet er. »Also, wir sehen uns.« Und er verschwindet wieder hinter dem Käsestand an der Ecke.

Die Eva steht vor der Gaullachergasse 72. Es ist ein einstöckiges Biedermeierhaus, gelb gestrichen, in den Fenstern im ersten Stock Blumenkästchen mit roten Geranien. Im Erdgeschoß ist die Fassade mit einem Regenbogen bemalt und in den Fenstern kann man frisch gewaschene, weiße Leinenvorhänge sehen. Über dem Regenbogen gibt es ein Schild aus Holz, wo der Schriftzug »Kindergarten Immerfroh« eingeschnitzt ist. Dahinter hört man, wie zur Begleitung einer Gitarre einige Kinder ein Lied singen.

Auch die Franziska ist jetzt in ihrem Kindergarten, und dem Paul hat die Eva gesagt, dass sie mit der Rita ins Schafbergbad geht. Und dort war sie auch bis vor einer halben Stunde. Dann hat sie sich das Sonnenöl weggeduscht und ihre neue Wäschegarnitur angezogen. BH und Höschen in einem unschuldigen Weiß, drüber ein grünes Sommerkleid, das ihre schönen, gebräunten Beine zeigt. Und einen Hauch Eau de Parfum, nicht zu süß, ihre Lieblingsmarke Chanel Nr. 19.

Es gibt zwei Klingeln, neben einer steht »Kindergarten«, neben der anderen sein Name. »Joachim Kaunitz Hackenberg.« Sie läutet. Keine Reaktion. Sie läutet ein zweites Mal, diesmal länger – nichts. Nach dem dritten Läuten will sie sich umdrehen und gehen. Vielleicht ein wenig enttäuscht, aber im Grunde erleichtert, dass sie der Versuchung noch einmal entkommen ist. Plötzlich öffnet sich ein Fenster über den roten Geranien, und sie vergisst zu atmen vor Schreck: Eine Teufelsmaske ist erschienen, die im Falsett kichert:

»Ich bin Luzifer, der Verführer! Der Herr Kaunitz Hackenberg ist nicht zu Hause! Hihihihi!«, und die Teufelsmaske verschwindet. Als sich die Eva von ihrem Schock erholt hat, ist der Joachim mit der Maske in der Hand zum Haustor heruntergekommen und sagt: »Die Maske ist handgeschnitzt! Oben habe ich noch drei davon hängen.«

Er lacht und es ist jetzt gar nichts Unheimliches mehr um ihn herum. Wieder Seidenhemd, diesmal kurzärmelig, von einem blassen Gelb, und wieder eine beige Leinenhose, dazu hat er trotz der Hitze ein Tuch um den Hals gebunden.

»Kommen Sie doch weiter! Bitte mich in den Hof zu begleiten!«, er spielt den Fremdenführer, »Da ist zur Jause gedeckt.«

Sie gehen durch einen kleinen Gang nach hinten in einen Innenhof, der mit roten Ziegeln gepflastert ist. Drum herum gibt es Sträucher und ein kleines Gemüsebeet.

Ein länglicher Holztisch steht dort, der mit einem weißen Spitzentischtuch bedeckt ist. An den beiden Kopfenden liegt je ein Gedeck. Zwei gepolsterte Sessel stehen davor. Es sieht aus wie in einem historischen Film, wo das adelige Paar weit voneinander entfernt seine Mahlzeit einnimmt.

»Dass wir uns nicht zu nahe kommen«, sagt der Joachim, »bitte Platz zu nehmen, der Kaffee kommt gleich.«

Die Eva setzt sich an das untere Ende des Tisches unter einen frisch gepflanzten Baum.

»Das ist eine Eiche«, erklärt der Joachim. »Die stärkt das Ich-Bewusstsein und die Gesundheit. Übrigens …«, er zwinkert ihr zu, »eine Eiche gedeiht besonders gut, wenn Tote darunter begraben sind!«, und er entschwindet ins Haus. Die Eva steht auf und kratzt mit der Fußspitze in der Erde herum. »Wenn Tote darunter begraben sind« … dann setzt sie sich wieder. Der Joachim hat offensichtlich einen sehr schwarzen Humor.

Er kommt mit Kaffee und einem Kuchen aus dem Haus und stellt beides auf den Tisch. »Rhabarberkuchen!«, sagt er, »selbst gebacken«, und schneidet den Kuchen auf.

Dann kommt er mit der Porzellankanne zur Eva und schenkt ihr Kaffee ein. Er ist bemüht, ihr dabei nicht zu nahe zu kommen, aber beugt sich doch so weit herunter, dass sie ihn spüren kann. Und er riecht nach Lavendelseife.

Man trinkt Kaffee und plaudert.

Er ist also auch Schauspieler?