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Johannes Kunz

Licht und Schatten

Johannes
Kunz

Lichtund
Schatten

Erinnerungen

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Meiner Frau in Liebe und Dankbarkeit gewidmet

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Inhalt

1Die Idee zu diesem Buch

2Als Böhmen nicht mehr bei Österreich war

3Deutscher Einmarsch im Sudetenland

4Großvater begeht Selbstmord

5Familie Beck übersteht den Zweiten Weltkrieg

6Das Ehepaar Kunz zieht nach Wien:
Von nun an geht’s bergauf

7Meine glückliche Kindheit in Döbling

8Erste Bekanntschaft mit dem Jazz

9Die »Goldene Ära« des Wiener Kabaretts

10Ein Kurzgastspiel als Popmanager

11Jungjournalist im ORF

12Am Hof des »Sonnenkönigs«

13»Ich bin der Meinung …«

14Stress im Kanzleramt: Nahost und Androsch

15Günter Guillaume und André Heller

16In geheimer Verlagsmission in Belgrad

17Rundfunkpolitik aus erster Hand

18Fernsehintendant in der ORF-Schlangengrube

19Der Waldheim-Wirbel in der ORF-Berichterstattung

20Niederlage und Neuorientierung

21Vienna Entertainment startet mit Harald Juhnke

22Salzburg bekommt Europas elegantestes Jazzfestival

23Backstage

24Wer den Schaden hat, der hat den Spott

25Aus unserem Gästebuch

26Ad personam

Thomas Klestil

Jörg Haider

Willy Brandt

Shirley MacLaine

Friedrich Gulda

Leonard Bernstein

Ella Fitzgerald

Frank Sinatra

Rudolf Buchbinder

27Reich an Erfahrung

Anhang

Buchveröffentlichungen von Johannes Kunz

Jazz-Herbst-Chronik

Personenregister

Bild- und Textnachweis

1

Die Idee zu diesem Buch

Wenn man ein gewisses Alter erreicht und viel erlebt hat, zudem von Beruf Journalist ist, fühlt man sich irgendwann dazu berufen, seine persönlichen Erfahrungen niederzuschreiben. Und man tut gut daran, damit zu beginnen, bevor einen der erste Schlaganfall beeinträchtigt oder die Altersdemenz einsetzt, die das Erinnerungsvermögen trübt, das Voraussetzung für das Verfassen einer Autobiografie ist. Dieses Argument ist mir als »Hypochonder der gesamten Heilkunde«, der seit frühester Kindheit alle Impfzeugnisse und ärztlichen Gutachten in einer mittlerweile dicken Mappe sammelt und vierteljährlich einen kompletten Blutbefund erstellen lässt, besonders wichtig.

Solange man dazu in der Lage ist, will man Erlebtes – Positives wie Negatives – noch einmal Revue passieren lassen. Man will sich selbst Rechenschaft geben über Siege und Niederlagen, Glück und Unglück, gute wie schlechte Eigenschaften, richtige und falsche Entscheidungen. Selbstreflexion ist angesagt.

Rund um meinen 60. Geburtstag 2007 kam mir zum ersten Mal die Idee zu vorliegendem Buch. Vorerst blieb es bei der Idee, weil mich andere Verpflichtungen vom Schreiben abhielten. Mit 65 befand ich schließlich, jetzt oder nie müsse ich mit der Arbeit an diesem Buch beginnen. Bücher schreiben – seit 1974 (»Ich bin der Meinung …«, Kreisky in Witz und Anekdote, Molden) habe ich mehr als 30 Bücher als Autor oder Herausgeber veröffentlicht – hat mir übrigens immer Freude bereitet, wesentlich mehr als das Verfassen von Zeitungsartikeln oder Kommentaren für Radio und Fernsehen. Und da ich Zeitgeschichte hautnah erlebt habe, spüre ich einen Drang, mich mitzuteilen und Erfahrungen weiterzugeben.

Am Beginn einer solchen Arbeit steht naturgemäß die Ahnenforschung. Dabei kommt mir zugute, dass ich meiner Mutter Ilse (1919–2009) zu deren 80. Geburtstag den Abdruck ihrer Lebenserinnerungen unter dem Titel »Als Böhmen nicht mehr bei Österreich war« ermöglicht habe. Darin vermerkte meine Mutter quasi als Einleitung: »Meinem Sohn und meinem Enkel, deren Beharrlichkeit dieses Büchlein seine Entstehung verdankt, in Liebe gewidmet.« Und zum Schluss schrieb sie: »Eine eventuelle Fortsetzung der familiären Aufzeichnungen überlasse ich meinem Sohn, falls er einmal Lust dazu haben sollte.«

Jetzt habe ich Lust dazu und greife zunächst auf die Niederschrift meiner Mutter zurück, die – unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg geboren – die beiden schrecklichen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Nationalsozialismus und Kommunismus, hautnah erlebte, ehe sie nach dem Zweiten Weltkrieg im zerbombten Wien unter schwierigen Bedingungen eine neue Existenz aufbaute.

2

Als Böhmen nicht mehr
bei Österreich war

Der Erste Weltkrieg, an dessen Ausbruch vor 100 Jahren wir uns 2014 erinnert haben, hatte fatale Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts. »Die Urkatastrophe der Moderne« habe in einer Kettenreaktion weitere Katastrophen ausgelöst, formulierte der Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Wolfgang Maderthaner. Die Nachkriegszeit mit ökonomischem Desaster und großer Depression war gleichzeitig eine Vorkriegszeit. Adolf Hitler brach den Friedensvertrag von Versailles, militarisierte die deutsche Gesellschaft, die von Massenarbeitslosigkeit geprägt war, und führte sein Land in den Faschismus. Der Zweite Weltkrieg war die logische Konsequenz. Als dessen Ergebnis kam Osteuropa unter sowjetischen Einfluss und der Kalte Krieg zwischen den neuen Weltmächten USA und UdSSR hielt die Menschheit jahrzehntelang in Atem.

Am Anfang dieser unheilvollen Entwicklung standen vor 1914 Imperialismus und Nationalismus als bestimmende Elemente der europäischen Mächte. Der Krisenherd auf dem Balkan wurde zum auslösenden Faktor des Ersten Weltkrieges. Dort unterstützte das zaristische Russland im Zeichen des Panslawismus die gegen Österreich-Ungarn und die Türkei gerichteten nationalen Strömungen vor allem in Serbien und in Bosnien-Herzegowina. Im Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914 spitzte sich dieser Konflikt zu, der über die Juli-Krise zum Kriegsausbruch führte. Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo lag die Initiative des Handelns bei Österreich, das Serbien für das Attentat verantwortlich machte. Der Verlauf des Ersten Weltkrieges darf als bekannt vorausgesetzt werden. Jedenfalls gab es Kampfhandlungen auf fast allen Kontinenten und Meeren, wenngleich der Schwerpunkt der militärischen Auseinandersetzungen zu Lande in Europa lag. Dabei waren die Regierungen und Oberkommanden ursprünglich davon ausgegangen, dass sich ein längerer Krieg wirtschaftlich gar nicht durchhalten lasse und der militärische Konflikt rasch beendet sein werde. In der Realität freilich hatten die industrielle und technische Revolution eine völlig neue Art der Kriegsführung ermöglicht. Zwischen 1914 und 1918 fielen 17 Millionen Menschen in einem brutalen Wettstreit der Vernichtung. Schließlich gingen die Entente-Mächte mit Hilfe der USA siegreich hervor.

Am 21. November 1916 war im Schloss Schönbrunn zu Wien Kaiser Franz Joseph I. im 87. Lebensjahr und 68. Jahr seiner Regentschaft gestorben. Sein 30-jähriger Großneffe Karl folgte ihm auf dem Thron nach. Er konnte das Blatt für die Habsburgermonarchie nicht mehr wenden. Der Erste Weltkrieg ging verloren, das Reich zerfiel. Das überkommene politische und soziale System war nicht nur in Österreich-Ungarn, sondern auch in Russland, Italien und Deutschland zusammengebrochen. Dynastien traten ab, Europa lag in Trümmern.

Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn wurde von nationalen Antipathien zusammengehalten, die auch zu seinem Zusammenbruch führten. Die Habsburgermonarchie erschien allen so lange als nützlich, als jede Nationalität innerhalb des Reiches eine andere Nationalität unterdrücken konnte. Die Deutschen meinten, die Existenz der Donaumonarchie verhindere, dass die Tschechen in Böhmen das Übergewicht erhielten. Die Tschechen wiederum befürchteten, ohne die Herrschaft Wiens würden die Deutschen ihr Land unterdrücken.

Das ehemalige Mitglied des Reichsrates in Wien, Thomas G. Masaryk (1850–1937), der erste Staatspräsident der Tschechoslowakischen Republik, vertrat eine Philosophie, die sich aus Elementen des deutschen Idealismus, französischen Rationalismus und marxistischen Sozialismus speiste. Vor dem Ersten Weltkrieg bekämpfte Masaryk sowohl die panslawistische Bewegung als auch die Dominanz der Deutschen in Böhmen. Während des Ersten Weltkrieges stellte er in Paris eine tschechische Exilregierung zusammen. 1917 formte er in Russland aus böhmischen und slowakischen Kriegsgefangenen die »Tschechische Legion«, die anschließend an der Westfront eingesetzt wurde. Und 1918 rief er mit Unterstützung der Entente in Prag die Tschechoslowakische Republik aus, die er bis 1935 führte.

In diese politischen Rahmenbedingungen wurde am 23. Juni 1919 meine Mutter Ilse Beck in dem kleinen Ort Warnsdorf hineingeboren. Kindheit und frühe Jugend verliefen geradezu idyllisch, dann kam sie in den Strudel der politischen Ereignisse. Der Vater Arthur war Bankdirektor, die Mutter Melitta führte ein großbürgerliches Haus. Mit 14 Jahren besuchte die junge Ilse Beck noch einmal ihren Geburtsort: »Da waren die beiden Häuser, die ich immer wiedersehen wollte, das meiner Urgroßeltern und das meiner Großeltern, in dem auch die Bank untergebracht war, die Wirkungsstätte meines Großvaters, der sie viele Jahre geleitet hatte. Verbunden waren die beiden Häuser durch einen von Gärtnern gepflegten Park mit zwei Teichen, auf denen meine Mutter und deren Bruder bei entsprechenden Wintertemperaturen eislaufen konnten. Dieser Park wurde nach dem Tod meines Großvaters Stadtpark, und so konnten wir auf den Wegen, auf denen meine Vorfahren mit der Kutsche gefahren waren, spazieren gehen. Warnsdorf war ein kleines, aber speziell durch seine Textilindustrie in der ganzen Monarchie bekanntes, sehr wohlhabendes Städtchen. Die Beifügungen, die man den Namen der verschiedenen Fabrikantenfamilien gab, deuteten auf ihre Erzeugnisse hin. So gab es die Samt-Fröhlich, Tuch-Liebisch, Spitzen-Bürger etc. Man lebte dort wie in einer großen Familie, in der jeder seinen Platz, seine Funktion und seine Monopolstellung hatte. Mein Urgroßvater betrieb einen Garn-Großhandel, belieferte die Textilfabriken, mein Großvater war Leiter der Bank, über die alle Geschäfte und Transaktionen durchgeführt wurden, ein Cousin meiner Mutter hat alle versichert und ein Großonkel erzeugte in seiner Lederfabrik die für Webstühle und Maschinen benötigten Riemen.«

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Hochzeit meiner Großeltern Arthur und Melitta Beck 1912 in Warnsdorf.

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Meine Mutter Ilse Beck mit neun Jahren 1928 in Aussig.

Aufgewachsen ist meine Mutter in Aussig an der Elbe. Inklusive der Vororte zählte Aussig damals rund 70.000 Einwohner. Diese etwas schmutzige Kleinstadt zwischen Erzgebirge im Norden und dem Elbetal im Süden war nicht besonders schön, hatte keine attraktive Altstadt und keine Sehenswürdigkeiten, aber doch Atmosphäre. Die junge Ilse Beck erlebte das Idyll ihrer Kindheit so: »Man konnte die geographische Lage Aussigs aus wirtschaftlichem Aspekt geradezu als ideal bezeichnen. Es lag an der Elbe, die ein ganz wichtiger Verkehrsweg zwischen Böhmen und Hamburg war. Der Elbehafen wurde zu einem regen Umschlagplatz für überseeische Güter, die über Hamburg auf dem Wasserweg hierher kamen. Es war immer ein Erlebnis für mich, wenn ich als Kind an der Hand meiner Nuni, unserem Kinderfräulein, mit dem mich ein sehr herzliches Verhältnis bis zu ihrem Tod verband, an der Elbe spazieren ging und die großen Schiffe und die riesigen Berge von Kokosnüssen sah, die da ausgeladen wurden. Diese Kokosnüsse, deren Milch wir so gern tranken, wurden in den Schicht-Werken zu Ceres, einem Kunstfett, das zum Ausbacken verschiedener Köstlichkeiten sehr beliebt war, verarbeitet. Ebenso wichtig war die Bahnlinie, die von Wien über Prag und Dresden nach Berlin führte, sowie eine weitere zum Elbehafen nach Hamburg. Diese Vorteile der geographischen Lage ermöglichten und förderten das Entstehen von Betrieben, die Aussig zu einer Industriestadt werden lassen konnten.

Entscheidend für die industrielle Entwicklung war aber der Unternehmungsgeist der ›Kohlenbarone‹ Weinmann und Petschek, der weitverzweigten Familien Schicht, Wolfrum und Hübl, um nur einige zu nennen, denen Aussig Wohlstand und zahlreiche soziale Einrichtungen verdankte. Stiftungen wie die Lungenheilanstalt, das Blindeninstitut, die Stadtbibliothek, das Wöchnerinnenheim, Kindergärten, Schulen und Bäder waren und sind zum Teil heute noch Zeugen der Großherzigkeit und sozialen Gesinnung dieser Familien.

Ohne diese großzügigen Förderungen wäre Aussig eine unbedeutende Provinzstadt geblieben. Eben diese oben erwähnten Familien bauten sich prachtvolle Villen, zum Teil durch elegante Auffahrten zu erreichen, von weitläufigen Parks umgeben, die nicht nur ein attraktives Stadtbild schufen. Der kultivierte Lebensstil brachte auch ein reges gesellschaftliches Leben mit sich.

In einer der schönsten Straßen, in der es keine Geschäfte gab, nur Villen und Gärten, in der Baumgartenstraße 9, hatte mein Vater ein großes Haus gemietet, das für viele Jahre unser Heim war und noch heute mit allen Eindrücken und Erinnerungen aus der Kindheit und frühen Jugend auf das Engste verknüpft ist. Der kleine Garten vor dem Haus, der von einem Hausbesorger und dessen Frau auf das Sorgsamste gepflegt wurde, mit weißen und lila Fliederbäumen, einer Reihe Mandelbäumchen hinter einem schmiedeeisernen Zaun und dem Kastanienbaum, dessen rote Kerzen zur Blütezeit in mein Mädchenzimmer leuchteten, war in den Sommermonaten eine kleine Welt für mich. Hier führte ich meine Puppen in ihrem Wagen spazieren, lutschte den Honig aus den Fliederblüten und hockte – die Welt vergessend – mit einem Buch unter einem Baum.«

Im Elternhaus meiner Mutter, das von einer Köchin und einem Stubenmädchen in Schuss gehalten wurde, befand sich im Hochparterre ein holzgetäfeltes Speisezimmer. Von diesem führte eine Tür auf eine mit wildem Wein bewachsene kleine Terrasse. Eine Schiebetür führte in den Salon mit einem Flügel, an dem sich meine Mutter stundenlang austobte, und von da kam man in das behagliche Herrenzimmer mit Kamin und unendlich vielen Büchern. Das war das Refugium des Bankdirektors Beck, der viele gesellschaftliche Verpflichtungen hatte. Oft kamen Gäste. Aber auch abgesehen von beruflichen Terminen führten die Eltern meiner Mutter, somit meine Großeltern, auch privat ein großes Haus. Der Bruder meiner Großmutter, Robert Hage, war Direktor der Nationalbank in Reichenberg und häufig mit seiner Frau zu Besuch. Er sollte Jahre später das Kapital der Reichenberger Nationalbank in letzter Minute vor den Nazis retten. Die politischen und wirtschaftlichen Probleme, die anlässlich solcher Besuche diskutiert wurden, interessierten meine Mutter zu jener Zeit kaum, doch hörte sie da das erste Mal den Namen Adolf Hitler. Es war die Rede von Berlin, wo angeblich an Geschäftstüren, Parkbänken und Lokalen Aufschriften angebracht waren, auf denen stand: »Juden unerwünscht!«. Meine Mutter verstand das alles (noch) nicht, aber schon bald sollte sie persönlich mit der brutalen Realität des Antisemitismus konfrontiert werden. Schließlich entstammte mein Großvater einer jener deutsch-jüdischen Familien, von denen es hieß, sie wären die besten Deutschen gewesen. Es steht jedenfalls außer Zweifel, dass sie die deutsche Kultur wesentlich gefördert und unterstützt haben.

Der Urgroßvater meiner Mutter war übrigens Brauereidirektor in Pilsen. Vielleicht habe ich meine Vorliebe für böhmisches Bier von ihm geerbt. Ein anderer Vorfahre meiner Mutter war Arzt und hat als solcher am bosnischen Feldzug teilgenommen. Für besondere Verdienste in diesem Zusammenhang hat man ihm die Baronie angeboten, was er jedoch mit der Begründung ablehnte, er habe nur seine Pflicht als Arzt getan. Später war er einer der angesehensten Gynäkologen, in dessen Prager Praxis Frauen aus verschiedenen Teilen der Monarchie oder sogar aus dem Ausland kamen.

3

Deutscher Einmarsch
im Sudetenland

Ihre erste Begegnung mit jungen Nazis hatte meine Mutter 1933 in Aussig, als sie gerade 14 Jahre alt war: »Es wurde in der Schule hinter vorgehaltener Hand davon gesprochen, und schließlich schrieben die Zeitungen darüber. Der Sohn des Direktors, der damals in die achte Klasse ging, sollte angeblich an dem sogenannten ›Volkssport‹ beteiligt gewesen sein. Ich konnte mir darunter überhaupt nichts vorstellen. Für mich konnte Volkssport nur etwas wie Fußball, Faustball oder Ähnliches bedeuten. Nun handelte es sich, wie ich bald erfuhr, aber nicht um einen körperlich betriebenen Sport, sondern man bezeichnete damit nationalistische Agitationen, die darin bestanden, dass kampflustige Jünglinge in der Dunkelheit Hakenkreuze an Wände, Auslagenscheiben etc. schmierten, Flugblätter mit nationalen Parolen verteilten sowie Tschechen und Juden provozierten, was besonders zwischen tschechischen und deutschen Studenten in Prag ein beliebter ›Sport‹ war. Natürlich waren derartige Umtriebe verboten und wurden bestraft, wenn man die Täter erwischte. Viele nahmen diese ›Lausbübereien‹, ›Dummheiten‹ oder ›Bubenstreiche‹ nicht ernst, ich erinnere mich aber sehr gut, dass es auch zahlreiche warnende Stimmen gab. Wie wir heute wissen, war es die Einleitung zu einer bösen Entwicklung, deren Ausmaß sich in jener Zeit kaum jemand vorstellen konnte.«

Bald nach Schulschluss fuhr die ganze Familie meiner Mutter meistens an einen österreichischen Alpensee. Das war einmal der Wörthersee, ein anderes Mal der Millstätter See oder Altaussee, das fast zu einer zweiten Heimat meiner Mutter wurde. In diesen Sommertagen als Teenager lernte sie Österreich lieben. Und als sie am 13. März 1938 im Radio von der Besetzung Österreichs durch deutsche Truppen hörte, weinte sie bitterlich und konnte es nicht fassen, dass es kein Österreich mehr geben sollte.

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Mein Onkel Walter Beck 1933 in Aussig.

Zu dieser Zeit lernte meine Mutter ihren späteren Mann, meinen Vater Franz Kunz, kennen. Er hatte den Dienst beim tschechischen Militär geleistet, die Offiziersschule besucht und war in seiner feschen Uniform ein allseits bekannter Blickfang. Bei einer Übung explodierte ein Schrapnell, und das Geschoß hatte sich nach rückwärts anstatt nach vorne entladen und ihm den rechten Arm, seinem Nachbarn den linken Fuß weggerissen.

Mittlerweile verdüsterte sich der politische Himmel über der Tschechoslowakei. Nationalismus und Antisemitismus hitlerischer Prägung warfen nicht nur ihre Schatten über die Grenze, sondern traten bereits deutlich merkbar in Erscheinung. Seit 1933 gab es eine »Sudetendeutsche Heimatfront« (SHF), welche »die Zusammenfassung aller Deutschen in diesem Staate, die bewusst auf dem Boden der Volksgemeinschaft und der christlichen Weltanschauung stehen«, bildete. Konrad Henlein, ein 1898 im böhmischen Maffersdorf geborener Turnlehrer, war Führer der SHF, die sich 1935 in Sudetendeutsche Partei umbenannte. Er wollte »die demokratischen Grundformen und den bestehenden tschechoslowakischen Staat« anerkennen, aber die sudetendeutschen Interessen vertreten und verteidigen. Die Sudetendeutsche Partei wurde 1935 zur zweitstärksten politischen Kraft in der Tschechoslowakei. Nach 1936 wurde sie zunehmend von NS-Funktionären unterwandert. Henlein, der schon vor dem Anschluss des Sudetenlandes am 1. Oktober 1938 die Autonomie der Deutschen in der Tschechoslowakei gefordert hatte, wurde nach dem Münchner Abkommen Reichsstatthalter des Sudetengaus.

Das Schüren der Emotionen und Aversionen zwischen Tschechen und Deutschen hat natürlich nicht zu einem besseren Verhältnis zwischen den beiden Volksgruppen beigetragen. Die Tschechen reagierten auf Henlein teils aus Angst, teils aus Nationalismus, erinnert sich meine Mutter: »Eine dieser Reaktionen betraf auch meinen Vater. Der hatte in der von ihm geleiteten Böhmischen Industrialbank deutsche Beamte, darunter einen seit vielen Jahren bei ihm tätigen Prokuristen und einen schon alten Bürodiener, der eine Art Vertrauensposition in der Bank einnahm. Ich glaube mich zu erinnern, dass es Ende 1935 oder Anfang 1936 war, da wurde dieses Bankhaus mit einer tschechischen Bank in Prag fusioniert, und man verlangte von meinem Vater, diese beiden Deutschen zu entlassen und an ihrer Stelle Tschechen einzustellen. Mein Vater weigerte sich, seine langjährigen, verdienten Mitarbeiter zu entlassen und an ihrer Stelle Tschechen einzustellen. Diese Weigerung nahm man zum Anlass, ihm das Leben beziehungsweise die Zusammenarbeit so unangenehm und schwer zu machen, dass er ein Jahr später von sich aus kündigte.«

Mein Großvater baute jetzt ein Versicherungsbüro auf, das zunächst sehr gut ging. Währenddessen genoss meine Mutter ihre ersten Bälle und rüstete sich zum schulischen »Endspurt« in Richtung Matura. Das letzte Schuljahr 1937/38 brach an. Politisch wurde die Situation immer angespannter. Aus Deutschland kamen beängstigende Nachrichten für meine Familie. Man hörte, wie die Juden dort behandelt wurden, dass es Konzentrationslager gab, in die Andersdenkende gesteckt wurden, und der Freundeskreis meiner Mutter merkte zusehends, wie sich die nationalen Gegensätze auch in der Tschechoslowakei verstärkten. Manche sprachen schon von Krieg, andere, besonders Juden, die die Verfolgung ihrer Glaubensgenossen in Deutschland mit zunehmender Besorgnis betrachteten, erwogen, das Land zu verlassen, konnten oder wollten es aber nicht glauben, dass es tatsächlich in der Tschechoslowakei so weit kommen könnte.

Jetzt ging alles sehr schnell. Nach bestandener Matura absolvierte meine Mutter mit Freundinnen ihre erste Reise ohne Eltern. Es ging nach Dalmatien ans Meer. Dort erfuhren die jungen Leute durch Lektüre des »Prager Tagblattes« von den Kriegsvorbereitungen Hitlers. In der Heimat versuchte mein Großvater, existenziell zu überleben. Meine Mutter erkannte, in welche Zange er geraten war: »Kein Tscheche wollte in dieser Situation etwas mit einem Deutschen zu tun haben, die deutsch-jüdischen Familien befanden sich bereits im Aufbruch nach den USA oder in ein anderes Ausland, und Deutsche jüdischer Abstammung kamen eo ipso nicht infrage.

Die Stimmung in Aussig war ähnlich der in Prag, endlose Gespräche mit Freunden und Gleichgesinnten, alle befanden sich in Hochspannung, und niemand wusste, was er tun sollte. So ging es auch mir. Man riet mir von allen wohlmeinenden Seiten, erst einmal abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln würden. Man befürchtete nach wie vor, dass es doch zu einem Krieg kommen könnte, und bezeichnete die Ära als ›Böhmischen Krieg‹. Ich spielte mit den Briefmarken, die mein Vater noch nicht in seiner Sammlung untergebracht hatte, wusch die Marken, sortierte sie nach einem Katalog, wobei ich jede einzelne oft lange suchen musste, und klebte sie schließlich in das Album. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass diese Spielerei einmal mein Beruf werden könnte.«

Die Hysterie strebte ihrem Höhepunkt entgegen, jeden Tag kam es zu irgendwelchen Zwischenfällen zwischen Tschechen und Deutschen. Jugendliche schrien meiner Mutter »Heil, Fräulein!« ins Gesicht, wobei sie ihr den rechten Arm entgegenstreckten. Der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Walter, sicherte mit seinem Arbeitseinkommen die Familie Beck, so gut er konnte, wirtschaftlich ab. Meine Mutter fuhr mit ihrer Mutter nach Prag, wo der Vater jetzt beruflich tätig war. Hier war die Atmosphäre inzwischen immer schwüler geworden. Täglich hörte man von neuen Verhandlungen, aber es kam nie zu einer Lösung. Die tschechische Bevölkerung drängte auf eine Mobilmachung. Zugleich war strengste Verdunkelung angeordnet worden. Das betraf nicht nur die Straßenbeleuchtung. Es durfte auch kein Lichtschein aus den Fenstern der Häuser dringen. Dort, wo Licht angezündet wurde, mussten die Fenster mit dunklem Papier verklebt werden, und auf der Straße durfte man nur ganz schwache, zu Boden gerichtete Taschenlampen benützen. Es war, wie meine Mutter erzählt, gespenstisch und sah sehr nach Krieg aus: »Da kam am 28. September 1938 die Nachricht, dass sich am nächsten Tag, dem 29. September, der britische Premierminister Chamberlain, der französische Ministerpräsident Daladier, Hitler und Mussolini in München treffen werden. Auf einmal schlug die Stimmung um, man glaubte, weil man glauben wollte, an eine Lösung der Probleme, Rettung der Tschechoslowakei und des Friedens. Das erwies sich aber als Irrglaube, als tödlicher Irrtum. Das Schicksal der Tschechoslowakei war längst besiegelt. Mit ihrer Zustimmung zur Abtretung des sogenannten Sudetengebietes haben die Westmächte (Verbündete der Tschechoslowakei!) die Zerstörung des Staatsgefüges ermöglicht, den Staat seiner Lebensfähigkeit beraubt und Hitler in den Rachen geworfen. Nachdem die Hoffnung auf die Unterstützung durch die Alliierten sinnlos geworden war, ließ Beneš die Mobilisierung abblasen, da ein Kampf des kleinen Reststaates wegen der Übermacht der deutschen Kriegsmaschinerie zu einem unvorstellbaren Blutbad geführt hätte und nicht nur unzumutbar, sondern auch sinnlos gewesen wäre.«

Eduard Beneš (1884–1948) war mehr als 30 Jahre der prägende tschechische Politiker. Einst Mitarbeiter von Masaryk, dem Begründer des tschechoslowakischen Staates nach Ende der Donaumonarchie, versuchte Beneš als Außenminister von 1918 bis 1935 die internationale Position der jungen Republik durch Verträge mit Jugoslawien, Rumänien, Frankreich und der Sowjetunion zu stärken. 1935 war er mit den Stimmen der Nationalen Sozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten zum Präsidenten gewählt worden. Nach dem Münchner Abkommen und der Abtretung des Sudetenlandes musste Beneš zurücktreten. Im Zweiten Weltkrieg war er dann Präsident der Exilregierung, und nach dem Krieg wurde er wieder Staatspräsident.

Nach Ansicht meiner Mutter lagen die Wurzeln dieses Münchner Abkommens, das über den Kopf der Hauptbeteiligten geschlossen wurde, sowohl bei den Tschechen wie bei den Deutschen: »Die Tschechoslowakei war eine Demokratie, in der Freiheit und Menschenrechte einen hohen Stellenwert hatten. Nur in nationalen Fragen wie dem Wunsch der deutschen Minderheit nach Autonomie blieb die Regierung, teilweise aus Ressentiments, zu lange taub. Dadurch wurden die Sudetendeutschen eine allzu leichte Beute des Nationalsozialismus, anstatt sich dem Staat gegenüber, dessen Bürger sie waren, loyal zu verhalten.

Die Sudetendeutschen ließen sich von der Propaganda blenden, ohne diese als solche zu erkennen und ohne zu überlegen, wem sie sich da anschlossen, sondern ließen sich von einem diktatorischen, menschenverachtenden Regime und dessen Vertretern für deren größenwahnsinniges Vorhaben missbrauchen. Dabei stand alles in ›Mein Kampf‹. Man hätte es nur lesen müssen! Ich habe es von der ersten bis zur letzten Seite gelesen.«

In den letzten Septembertagen des Jahres 1938 glich Prag einem riesigen Friedhof. Ein Staat wurde zu Grabe getragen. An allen Straßenecken der Innenstadt waren Lautsprecher angebracht, welche die beschlossene Abtretung des Sudetengebietes an Hitler-Deutschland verkündeten. Um diese Lautsprecher herum standen Menschentrauben, Tschechen und Deutsche, die weinten. Meine Mutter stand bei ihnen und weinte mit. Als mein Großvater von diesem »Abkommen« hörte, reagierte er mit der Prophezeiung: »Das muss zu einem Krieg in Europa führen, und der wird fürchterlich enden!« Er hatte recht, wiewohl er damals noch nicht ahnen konnte, dass ein Weltkrieg daraus entstehen würde. Die Situation meiner Großeltern und meiner Mutter wurde nun immer prekärer: »Eines Abends berichtete unser Onkel Frank, er sei im ›Deutschen Haus‹ – einem bekannten Restaurant und zu jener Zeit Versammlungsplatz der Deutschnationalen – gewesen, um die neuesten Nachrichten zu erhalten. Onkel Frank war Jude, aber mit seinem Berliner Akzent fiel es ihm nicht schwer, an die Nachrichten heranzukommen. So erfuhr er von Verbindungsleuten zu Berliner Nazi-Kreisen, dass auch die Rest-Tschechoslowakei in Kürze kassiert werden sollte. Genau in diese Tage fiel eine Begebenheit, die ich nie vergessen habe und nie vergessen werde. Eine meiner Freundinnen und ehemalige Mitschülerin, Irmgard, die aus einer deutschnational ausgerichteten Familie stammte, schrieb mir nach Prag einen seitenlangen Brief des Inhalts, dass sich an unserer Freundschaft nichts ändern werde, was auch geschehen mag. Sie bedauerte, dass ich in diese Situation geraten war, und bot mir ihre Hilfe an, wann immer ich ihrer bedürfen würde. Das alles hat sie nicht nur geschrieben, sondern auch gemeint und in bewundernswerter Weise gehalten!«

Mein Großvater bestand nun darauf, dass die übrige Familie nach Aussig zurückkehrt, um die dortige Wohnung nicht zu verlieren. Im Falle längerer Abwesenheit wäre das Haus samt Einrichtung konfisziert worden, da die Mitglieder der Familie Beck dann als Flüchtlinge gegolten hätten. Der Großvater wollte sich inzwischen in Prag nach einer ständigen Wohnung umsehen, und sobald er eine solche gefunden hätte, sollte der Rest der Familie zurückkommen. So wurde es verabredet und so trennte man sich.

Die weitere Abfolge der politischen Ereignisse ist bekannt: Am 1. Oktober 1938 marschierten deutsche Truppen in das Sudetenland ein. Und ein paar Monate später, am 15. März 1939, wurde die Rest-Tschechoslowakei liquidiert. Es kam zur Errichtung des Reichsprotektorates Böhmen und Mähren.

4

Großvater
begeht Selbstmord

»Plötzlich war ganz Aussig mit Hakenkreuzfahnen dekoriert«, erinnert sich die mittlerweile 20-jährige Ilse Beck. Die Menschen wollten den Einzug des deutschen Militärs bejubeln. Meine Mutter und Großmutter gingen der Inneren Stadt aus dem Weg, um das Spektakel nicht mit ansehen zu müssen, von dem sie überzeugt waren, dass es die Einleitung einer bösen Entwicklung sein werde. Täglich telefonierten sie mit dem Vater, der in Prag ebenso verzweifelt wie vergeblich irgendeine Existenzmöglichkeit suchte. Als erfolgreicher Bankmanager hatte er in Prag sehr gute Kontakte und alte Freunde. Dennoch war es ihm unmöglich, auch nur eine bescheidene Beschäftigung zu finden. Für die Tschechen war er nach wie vor der Deutsche, obwohl er ja in die Rest-Tschechoslowakei gezogen war. Als solcher war er angesichts der herrschenden nationalen Hysterie nicht gefragt. Und für die wenigen im Land verbliebenen deutschen Unternehmer, soweit sie nicht Juden und im Begriffe auszuwandern waren, galt er als Nichtbesitzer eines Ariernachweises nicht als tragbar, mehr aus Angst vor Repressionen als aus Überzeugung. Meine Mutter Ilse und ihr Bruder Walter Beck hatten ihren Vater sehr bedrängt, ins Ausland zu gehen. Dies lehnte mein Großvater mit der Begründung ab, dass er im Ausland kein Geld habe und ein Emigrantendasein dieser Art der Familie nicht zumutbar sei. Zwar hatte er im Ausland einige Freunde, aber er war viel zu stolz, um deren Hilfe in Anspruch zu nehmen. Meine Mutter und mein Onkel sahen sich in einer ausweglosen Situation: »Wir sind christlich aufgewachsen und wussten überhaupt nichts von jüdischen Großeltern, es hat sich doch bisher kein Mensch um so etwas gekümmert! Nach den ›Nürnberger Gesetzen‹, einer Erfindung Hitlers und seiner Mittäter, die eine wissenschaftlich keineswegs begründete Rassentheorie beinhaltete, war man eben mit jüdischen Großelternteilen nicht ›reinrassig‹ und galt – wie in meinem Fall – als ›Halbjüdin‹. Man hätte ebenso ›Halbarierin‹ sagen können, aber erstere Bezeichnung klang in Nazi-Ohren viel besser. Als eine solche war man aber von vielem, sehr vielem ausgeschlossen. Man durfte überhaupt nichts lernen. Ein Glück, dass ich die Matura hatte! Von einem Studium konnte keine Rede sein. Man durfte auch keine Ehe mit einem sogenannten Arier eingehen, aber ich hatte zu jener Zeit keine wie immer gearteten diesbezüglichen Absichten.«

Meine Mutter hätte gerne Medizin studiert, was ihr aufgrund der geschilderten Situation versagt blieb. Nun überlegte sie, am Königlichen Institut in Stockholm eine Ausbildung in Gymnastik und Heilgymnastik zu absolvieren, wobei Letzteres ein sogenanntes »kleines« Medizinstudium bedingte. Das gefiel ihr, zumal das schwedische Diplom auf der ganzen Welt anerkannt wurde und sie die Möglichkeit gehabt hätte, ihre Tätigkeit in verschiedenen Ländern auszuüben, um mehrere Sprachen zu erlernen. Aus Stockholm erfuhr meine Mutter, dass sie im September des folgenden Jahres mit der Ausbildung beginnen könne. Bis dahin wollte sie sich mit kleinen Jobs wirtschaftlich über Wasser halten – in einem Schreibbüro oder als Schneiderin. Doch auch das misslang, als man von ihr die Beibringung eines Ariernachweises forderte. Aufgrund der Lektüre von Hitlers »Mein Kampf« wusste sie von den Plänen des »Führers«, die Juden aus Staat und Wirtschaft zu eliminieren. Aber noch lebte die Familie Beck, abgesehen von erwähnten Schikanen, relativ (!) unbehelligt ohne große Panikstimmung dahin, weil man sich das ganze Ausmaß der Unmenschlichkeit dieses Regimes nicht vorstellen konnte.

Die von den Nazis angestrebte Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben wurde in den ersten zehn Monaten des Jahres 1938 in Deutschland vorwiegend durch Verwaltungsmaßnahmen vorangetrieben. In Österreich war es allerdings nach dem Anschluss zu Gewalttätigkeiten gegenüber Juden gekommen, welche das Treiben von SA und SS im »Altreich« in den Schatten stellten. Nun trat ein Ereignis ein, das alles bisher Geschehene und Vorstellbare übertraf, tausendfach Angst und Schrecken verbreitete und den Auftakt für das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert bildete. Am 7. November 1938 beging der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan eine Verzweiflungstat. In der deutschen Botschaft in Paris erschoss er den Legationssekretär Ernst von Rath in der Annahme, den Botschafter vor sich zu haben. Vor der Polizei gab er später an, aus Rache für die Behandlung seiner Eltern durch deutsche Behörden gehandelt zu haben.

Zwei Tage später hielt Hitler wie immer am 9. November in München in Erinnerung an den Marsch auf die Feldherrnhalle 1923 eine große Rede. Mit einer Hetztirade in Reaktion auf das Pariser Attentat löste er ein Judenpogrom aus. Im gesamten Einflussbereich des NS-Regimes gingen Schlägertrupps, die vor allem aus SA-Leuten bestanden, gegen jüdische Geschäftslokale und Synagogen vor. Es wurde zerstört, gebrandschatzt und gemordet. Laut Oberstem Parteigericht wurden 91 Juden getötet, 29 jüdische Warenhäuser durch Feuer vernichtet, 171 Wohnhäuser und 101 Synagogen zerstört, 7500 Geschäfte verwüstet. In dieser Nacht wurden 25.000 Juden zusammengetrieben und in Konzentrationslager gebracht. Der Begriff »Reichskristallnacht« geht auf die Tatsache zurück, dass allein an Schaufenstern Glasschäden von vielen Millionen Reichsmark entstanden sind.

Just am Morgen dieses 9. November 1938 brachte der Postbote meiner Mutter den ersehnten Brief aus Berlin, in Stockholm studieren zu dürfen. Ihre übergroße Freude hielt aber nur sehr kurz an: »An diesem 9. November, nur drei Stunden nach Erhalt des Briefes, erhielten wir den Telefonanruf meines Onkels Oskar aus Prag mit der erschütternden Nachricht, dass mein Vater tot sei. Er hatte selbst seinem Leben ein Ende gesetzt. Wir konnten es nicht fassen. Wenige Tage zuvor hatte er uns anlässlich eines Telefongespräches von einem Bekannten erzählt, der aus Lebensangst infolge der politischen Entwicklung Selbstmord begangen hatte. Mein Vater war entsetzt und meinte, dass man dazu noch immer Zeit hätte. Was in ihm vorgegangen ist und was ihn bewogen hat, sein Leben wegzuwerfen, war sicher die Ausweglosigkeit der Situation. Er hat einen Abschiedsbrief an seine Familie hinterlassen, in dem er der Hoffnung Ausdruck gab, dass wir es jetzt leichter haben würden und er keine Belastung mehr wäre. Er wusste aber ganz genau, dass wir immer zu ihm gestanden wären und nur darauf warteten, in Prag vereint zu sein. Ich glaube, dass er sehr wohl erfasst hat, was sich nach diesem 7. November abspielen würde, und dass es sicher keine Kurzschlusshandlung war. Für mich war es furchtbar, dass ein völlig gesunder Mensch auf dem Höhepunkt seines Lebens diesem ein Ende setzt. Ich bin sehr lange damit nicht fertiggeworden.«

Großmutter, Mutter und Onkel fuhren sofort von Aussig nach Prag. Mein Großvater war getaufter Christ und sollte folglich ein christliches Begräbnis bekommen. Die deutsche katholische Geistlichkeit lehnte das ab, da dies damals Selbstmördern versagt war. Die tschechische Geistlichkeit erklärte sich zu einem christlichen Begräbnis bereit, weil es sich um einen tragischen Ausnahmefall handelte. Außer der Familie erschienen zahlreiche Freunde und Bekannte. Der langjährige Hausarzt der Familie Beck nahm meine Mutter in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: »Er hat es überstanden!« Er wusste, wovon er sprach, auch er und seine Frau wurden Opfer des Nazi-Terrors. Zurück in Aussig, wurde eine Seelenmesse vom Dechant, der mit meinem Großvater befreundet war, gelesen. Auf dem Weg zur Kirche erlebte die Familie, wie ein Zeitungsverkäufer ein Hetzblatt mit der Schlagzeile »Nieder mit dem dreckigen Saujudengesindel!« anpries. Und so erlebte meine Mutter die »Reichskristallnacht« in Aussig:

»Auch in unserer Stadt holte man Juden aus ihren Wohnungen oder fing sie auf der Straße ein, fuhr sie wie Aussätzige auf Leiterwagen durch die Stadt – freigegeben zur allgemeinen Verhöhnung. Unter ihnen waren viele Bekannte, angesehene Bürger, Ärzte, Anwälte, Schauspieler etc. Auch der Vater einer meiner Freundinnen, ein angesehener Dermatologe, war darunter. Seine Familie hat ihn nie wiedergesehen. Jener Teil der jüdischen Bevölkerung, der weitsichtig war und die Möglichkeit dazu hatte, war längst ins Ausland abgewandert. Uns fehlten diese lieben Freunde sehr, aber es war jeder glücklich zu preisen, der bei rechter Zeit das Land oder sogar den Kontinent verlassen hatte. Nun waren wir also Gefangene dieses Unrechtsstaates, so gut wie rechtlos. Und das in dem Land, in der Stadt, in der wir aufgewachsen waren, die Schule besucht und unsere Freunde hatten.«

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Familie Beck übersteht
den Zweiten Weltkrieg

In dieser Zeit, so erzählte meine Mutter, habe die Isolation, das Ausgestoßensein, genau das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt war, nämlich Abwertung und Erniedrigung. Ihr Selbstbewusstsein, das infolge der ihrer Generation zuteil gewordenen mehr oder weniger autoritären Erziehung nicht besonders ausgeprägt gewesen sei, habe sich zu ihrer eigenen Überraschung enorm gesteigert. Sie ging hoch erhobenen Hauptes durch die Stadt, in dem Bewusstsein, im Recht zu sein und dass das, was ihr und ihresgleichen geschah – von Juden oder Andersdenkenden gar nicht zu reden – gröbstes Unrecht war. Das hat ihr geholfen: »Was aber nicht heißt, dass wir ein normales Leben führten. Wenn ich ›wir‹ sage, meine ich damit meine Familie und meinen Freundeskreis. Es war der Beginn von sieben Jahren Angst. Wir waren, wenn auch mit stark eingeschränkten Rechten, noch geduldet, es war uns aber vollkommen klar, dass wir an der Reihe waren, sobald die Juden liquidiert waren. Wir sogenannten ›Mischlinge‹ und die sogenannten ›Mischehen‹. Wir hatten Angst vor jedem neuen Tag, vor jedem Radio- oder Zeitungsbericht, der ja neue Maßnahmen verlautbaren könnte, wir zitterten um unsere Existenzmöglichkeit und unsere Wohnung, sobald es an der Tür läutete. Man konnte abgeholt, in ein Gefängnis oder KZ geschickt werden, weil man von irgendjemandem denunziert worden ist, der sich einen Bonus verschaffen wollte. Man war absoluter Willkür ausgesetzt. Und wer hätte uns schon geglaubt, wenn es zu einer Anzeige gekommen wäre? Wie berechtigt diese Ängste waren, sollte sich nur zu bald herausstellen.«

In der Tat wurde das Heim meiner Familie schon bald mit dem Argument requiriert, es sei zu groß und stehe ihr nicht zu. Die Postdirektion benötige das Haus und werde es bereits nach dem bevorstehenden Weihnachtsfest beziehen. Mit Glück gelang es meiner Mutter, mit ihrer Mutter und Großmutter eine andere Wohnung zu finden. Der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Walter, sah unter den gegebenen Umständen keine Chance, bei den Schicht-Werken weiterzukommen oder gar Karriere zu machen. Er wollte weg und suchte angestrengt nach einem Wirkungskreis in anderer Umgebung. Er ging schließlich nach Wien, wo einer seiner Jugendfreunde verlässliche Mitarbeiter für seine Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen suchte. Onkel Walter war begeistert. Er kam in eine große Stadt, bekam neue, interessante Aufgaben und fand sofort, nicht zuletzt durch das Reiten (nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er erfolgreich als Spring- und Dressurreiter an internationalen Turnieren teil), das er sofort aufnahm, Zugang zu einer Gesellschaft von netten, aufgeschlossenen, fröhlichen Menschen, für die der Nationalsozialismus überhaupt kein Thema war. Begreiflicherweise empfand er das als Wohltat und konnte sich eine akzeptable Existenz aufbauen. Später folgten ihm meine Mutter und Großmutter nach Wien nach.

Diese Schilderung meiner Mutter ist insofern bemerkenswert, als zu dieser Zeit auch Österreich längst dem Deutschen Reich einverleibt war. Aber offenbar waren die Lebensbedingungen für »Mischlinge« in Wien besser als in Aussig oder Prag.

Vor seiner Abreise nach Wien Anfang 1939 hatte sich Onkel Walter noch sehr intensiv darum bemüht, von den berechtigten Ansprüchen seiner Mutter nach dem Tod ihres Mannes eine kleine Rente herauszuholen. Das brachte keinen Erfolg, sodass die finanzielle Lage der Familie ziemlich prekär wurde. Man lebte von der Rente der Großmutter. Den Wunsch, in Stockholm zu studieren, hatte meine Mutter nach dem Tod des Vaters sofort ad acta gelegt. Erstens war das Geld dafür nicht vorhanden und zweitens konnte und wollte sie meine Großmutter nicht allein lassen. In dieser Situation bekam sie die ultimative Aufforderung, dem Arbeitsamt bekannt zu geben, was und so sie arbeitet. Also ging sie aufs Neue auf Jobsuche. Das Ergebnis war vorhersehbar. Die sudetendeutschen Unternehmer trauten sich nicht, ein junges Mädchen ohne Ariernachweis auch nur als Lehrling anzustellen, und eine tschechische Druckerei, bei der meine Mutter ihr Glück versuchte, bedauerte und meinte, sie könne sich keine Angestellten mehr leisten und werde ohnedies über kurz oder lang schließen müssen.

Da sie keine Beschäftigung nachweisen konnte, drohte ihr die Verschickung zu einer Wehrmachtsabteilung nach Griechenland, der sie durch Vortäuschung akuter Gallenbeschwerden entkam. Man schickte sie statt nach Griechenland nach Hause – mit der Auflage, sich nach vier Wochen wieder beim Arbeitsamt zu melden und eine Beschäftigung nachzuweisen. Nun ergab es sich, dass Onkel Walter beim Aufarbeiten der Akten meines Großvaters eine Briefmarkensammlung gefunden hatte, die sehr viel Platz beanspruchte, was in der neuen, viel kleineren Wohnung ein Problem darstellte: »Wir beschlossen, die Sammlung vom Vater eines ehemaligen Mitschülers, der in Aussig ein Briefmarkengeschäft betrieb, begutachten zu lassen, da wir nichts davon verstanden. Es erwies sich, dass das Objekt nicht gerade ein Eckhaus wert war, aber gut verkäuflich, und da wir jeden Pfenning, wie das jetzt bei uns hieß, brauchen konnten, ließen wir sie gleich dort. Bei der anschließenden Unterhaltung erkundigte sich Julius Kunz (zufällige Namensgleichheit, keine Verwandtschaft mit meinem späteren Mann) bei Walter nach mir, und der erzählte ihm, in welcher Klemme ich momentan sitze. Da eine seiner Angestellten in Kürze heiraten wollte, schlug Herr Kunz vor, ich sollte an ihre Stelle treten. Damit hätte ich das Arbeitsamt aus dem Kopf. Ich könne mich so lange mit den Marken spielen, bis ich etwas gefunden hätte, das mir mehr zusagt. Herr Kunz lebte in einer sogenannten Mischehe, er kannte also die Probleme. So kam ich zu den Briefmarken, mit denen ich mich befasste, anfreundete und denen ich – abgesehen von unfreiwilligen Unterbrechungen – bis zum Ende meiner Berufstätigkeit treu blieb.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt meine Mutter als Auktionatorin der Firma Julius Kunz in Wien als eine international anerkannte Philatelistin. Später übte sie diese Tätigkeit sehr erfolgreich auch in Deutschland aus. Und nach ihrem Tod 2009 fand ich in ihrem Nachlass eine Briefmarkensammlung, die bei der Versteigerung in einem renommierten Schweizer Auktionshaus einige Tausend Euro erbrachte.

SS