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Otto Schenk

»Ich bleib noch ein bissl«

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Otto Schenk

»Ich bleib noch ein bissl«

Flüssiges und Überflüssiges

Mit 103 Abbildungen, Bildgeschichten
von Fritz von der Schulenburg und
Verzeichnissen der Theaterrollen
sowie der Regiearbeiten für Schauspiel,
Oper und Operette

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Bildnachweis (mit Seitenangaben)

Wiener Staatsoper/Michael Pöhn (2, 240); Alexander Tuma/picturedesk.com (7, 217); Wikimedia Commons (13, 81, 194); Fritz von der Schulenburg, London (15, 21, 72, 73, 74/75, 102, 115, 122/123, 219); IMAGNO/Votava (18, 39, 134, 148, 157, 158, 193, 213, 223, 224, 225); IMAGNO/Archiv Hajek (27, 31, 145, 208); IMAGNO/Theater-museum (28, 54, 79, 99, 130, 141, 160, 179, 195, 199, 230); IMAGNO/Österreichische Nationalbibliothek (35); IMAGNO/Barbara Pflaum (37, 38, 190, 203); SZ-Photo/SZ-Photo/picturedesk.com (43); Archiv der Wiener Staatsoper (45, 87, 159, 235, 236, 237, 238); IMAGNO/Franz Hubmann (47); ullstein bild/Ullstein Bild/picturedesk.com (48); Ullstein Scherhaufer/Ullstein Bild/picturedesk.com (49); Deutsches Theater-museum, München/Archiv Sabine Toepffer (53, 64, 112, 152/153, 234); Amalthea Archiv (57, 110); ORF/picturedesk.com (61, 108); The Metropolitan Opera Archives (67); Ken Howard/Metropolitan Opera (77); IMAGNO/Austrian Archives (82); Salzburger Landestheater (89); Archiv der Salzburger Festspiele/Foto Ellinger (90); Archiv der Salzburger Festspiele/Foto Hildegard Steinmetz (95, 97); First Look/picturedesk.com (139, 146); Colette Masson/Roger Viollet/picturedesk.com (142); Ullstein – Wolf von Gudenberg/Ullstein Bild/picturedesk.com (169); ullstein Kindermann/Ullstein Bild/picturedesk.com (174); IMAGNO/Archiv Gerald Piffl (176); Deutsches Theater-museum, München/Foto Hildegard Steinmetz (185); Volksoper Wien/Elisabeth Hausmann (201); IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus (221)

Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.

Wir danken für die Genehmigung des Abdrucks:

Erich Kästner: Weihnachtsfest im Freien/Stiller Besuch/Misanthropologie, aus:
Ein Mann gibt Auskunft © Atrium Verlag, Zürich 1930 und Thomas Kästner

Besuchen Sie uns im Internet unter:
www.amalthea.at

Inhalt

Vorwort

Helden des Übermuts

Warum heiße ich Otto?

Es begann im Affenhaus

Zum Glück in den Keller

Plácido Domingos Handarbeiten und Leonie Rysaneks »Hausmeisterschmerz«

»Meine« Dirigenten

Ja nicht »Faust« und: Warum in der Baumkrone?

Versprecher, Löcher im Kopf und andere Schrecknisse auf der Bühne

Kurtis Abenteuer

Claudio Abbado, Carlos Kleiber und: Was ist mit der Melodie passiert?

Zwischentöne und von der Lust des genauen Lesens

Das sieben Mal gesungene Liebesduett und der hüpfende Kellner

Was nicht schwierig ist, ist entweder ein Glück oder etwas Falsches

»Spielen Sie die Szene anders«

Das Genie geht eigene Wege

Lachwurzn

Das Theater ist ein Zwischenbereich

Sorgen und alte Zeiten

Wer schmeckt was?

Schlusswort

Verzeichnis der Theaterrollen sowie der Regiearbeiten für Schauspiel, Oper und Operette

Vorwort

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Es gibt einen Sketch von Gerhard Bronner, der gar nicht zu seinen berühmten Sketchen gehört, aber für mich ein prägendes Wort enthält.

Der Sketch beginnt so: Ein mäßig begabter Komponist und ein Begleiter sollen ein Couplet – oder ein Chanson – liefern. Die zwei müden Herren treffen sich, einer sitzt schon am Klavier, und Bronner fragt seinen Partner: »Host du ein’ Einfall?«

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

»Also fang mer an.«

Mit dieser Einstellung bin ich an alle meine Arbeiten herangetreten. Ich hatte keinerlei Einfall und aus tiefer Unlust kam der innere Befehl: »Also fang mer an.«

Der Titel dieses Buches ist eigentlich eine Frechheit. Von wem kann ich verlangen, dass er mich noch ein bissl bleiben lässt? Was ist ein bissl? Was ist überhaupt die verbleibende Zeit? Und das Ganze ist geradezu ein blöder Witz, wenn das bissl, nachdem ich dies hier diktiert habe und das Buch in den Druck kommt, schon vorbei sein sollte. Ich glaube nicht, dass ich es ernst meine mit dem bissl, sondern dieses bissl ist schon eine aparte Zumutung an das Schicksal und eine kokette Bescheidenheit, die nicht ganz aufrichtig ist.

Und »Ich bleib«? Das Bleiben ist ja etwas anderes als leben. Leben tut man doch nur, solange man lebt. Und bleiben tut man manchmal länger als man lebt. Und dann will ich auch nicht nur ein bissl bleiben, wenn ich nicht mehr lebe. Also bleib ich halt noch ein bissl.

Helden des Übermuts

Die Zeiten, die ich in der Schule verbracht habe, könnte man Epochen nennen. Die erste fand im katholischen Schulverein am Judenplatz statt. Das war eine Verwöhn-Epoche für Kinder. Wir hatten lauter Einser, ein Zweier wurde nicht erteilt. Den Urdummen in der Klasse, ich weiß sogar noch ihre Namen, die ich aber verschweige, wurde der Einser genauso verabreicht wie den Musterschülern.

Irgendwann sagte mein von mir sehr geliebter Lehrer in einem Zornausbruch zu mir: »Ich reiß dir den Schädel ab«, worauf ich meiner Mutter erklärte, ich war damals sechs, dass ich nicht zu einem Mörder in die Schule gehe. Die Mamma musste mir lange erklären, dass das Kopfabreißen nicht wörtlich gemeint war.

Mit dem Anschluss an Deutschland begann nach Auflösung der katholischen Privatschule eine grausame Epoche. Prügelnde Lehrer, ohrenreißende Lehrer, stundenlanges Eckenstehen, drakonische Maßnahmen sollten uns zu militanten Deutschen erziehen und grauenhafte Volksschulpädagogen waren gefügige potenzielle Henkersknechte. Ich kann es nicht mit anderen Worten bezeichnen. Ich bin den sadistischen Lehrern jedoch in gewisser Weise dankbar, denn ich habe Tachinieren, brillant Lügen, Betrügen, Verschweigen, Vertuschen von eigenen Fehlleistungen, auch kameradschaftliches Schützen von Angegriffenen üben können und schließlich virtuos beherrscht. Auf langen Heimwegen mit Mitgequälten entstanden großartige Freundschaften und Gespräche, die in der Geborgenheit des katholischen Schulvereins undenkbar gewesen wären.

Dann kamen die ersten Jahre Gymnasium, wo man mit historischen Unwahrheiten und Heldenverehrung von falschen Personen gequält wurde. Im ersten Jahr Geschichte hat man eigentlich nur die Vergötterung des Verbrechers Adolf Hitler in salbungsvollen Worten vorgetragen bekommen. Eine Feier jagte die andere, und ich denke an Professor Locker – ich nenne diesmal sogar den Namen –, der eine Rede mit »Juda, verrecke!« brüllend beendete. Ich erinnere mich sogar daran, dass er, als ihn irgendein Lärm in der Pause störte, erklärte: »Die Klasse gehört vergast.« Er hat es vielleicht nicht ernst gemeint, aber schon der Sprachgebrauch deutet auf den Fehler in seiner Seele hin.

Nach der vierten Klasse, das war am Ende des 44er-Jahres, durfte ich als Mischling ersten Grades mit zwei jüdischen Großeltern kein Gymnasium mehr besuchen. Aber die schreckliche Gerechtigkeit in Form eines immer näher kommenden Krieges hat den Schulbetrieb überhaupt unmöglich gemacht, sodass wir Mischlinge und die Söhne von Nazis auf seltsame Weise gleichgestellt waren. Und da war mein ein Jahr älterer Freund, Sohn aus einer Familie mit leicht nazistisch-frömmelndem Hintergrund, als er zum Volkssturm einberufen wurde und dieser Aufforderung nicht Folge leistete, plötzlich sogar der lebensgefährlich Verfolgte, und ich, der Halbjud, war auf die Butterseite gefallen. Da wir uns sehr mochten, haben wir darüber immer wieder gelacht.

Dann war der Krieg zu Ende und das letzte Stückerl der Schulzeit in der wiedereröffneten VS Stubenbastei im Frühjahr ’45 war geprägt von unserer Unfähigkeit, irgendeine Autorität anzuerkennen. Wir waren ja ganz knapp dem Tod entgangen und betrachteten die Schule als Treffpunkt für Schleichhandel, Gaunerei, Geblödel und das Pflanzen der armen Lehrer, die einer Meute von naiven, sadomasochistischen Kindern hilflos ausgeliefert waren. Wir wussten ja, dass wir nicht durchfallen konnten. Ich hatte jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, Bauchweh vor Lachen.

Ich besuchte die Schule nur bis Mittag, die letzte Stunde wurde »gestagelt«. Es war eine Zeit, in der jede Sekunde ein neues Glücksgefühl brachte: der erste Kaugummi, das erste Care-Paket, das erste Gansl, die Schmutzwäsche, die gewaschen geliefert wurde vom Wäscher, der einen halben Tag damit durch Wien hatschen musste. Wir waren ausgeplündert worden, unsere Wäsche kam wie vom Christkind. Sie war zufällig Schmutzwäsche gewesen und als solche vor dem Zugriff der russischen Plünderer gerettet worden.

Die erste Schokolade kam aus England, von meiner emigrierten Schwester Bianka geschickt. Das Wiedersehen mit ihr und ihre Schokolade, das waren mit Freudenschreien begrüßte Glücksmomente. Dazu eine Schule, die nicht bedrohlich war und in der dann auch großartige Professoren auf dem Prüfstand der kritischen Jugendmeute bestanden und zu großen Verführern wurden. Verführer zur Kunst. Verführer zur modernen Kunst. Wir wohnten geradezu in der ersten Ausstellung französischer moderner Kunst im heutigen Museum für angewandte Kunst – ich vermeide die heute gebräuchliche scheußliche Abkürzung.

Diese großen Pädagogen beherrschten uns durch ihre Faszination. Es gab sogar einen faszinierenden Lateinprofessor. Er hatte den Namen Tell, und wenn wir bei dem nur anfingen zu stören, hat er sich brutal durchgesetzt und uns so dämonisch Latein beigebracht, dass wir ihm verfallen sind. Er hat uns die ersten Störversuche nie verziehen und uns wie seine Feinde mit großem Misstrauen bedacht. Wenn man zu einer Schularbeit nicht kam, weil man sie schwänzte, musste man sie solo nachholen. Da saß man dann ganz allein in einer Klasse, und er thronte, maliziös lächelnd, die ganze Stunde am Katheder. Bewacht von diesem leicht ironischen Blick, ist mir sogar einmal ein »Sehr gut« gelungen, das er mir anstandslos mit den Worten »Na, sixt es« verabreichte. Das war das Netteste, was ich je von ihm gehört habe. Ich habe ihn sehr vermisst, als er uns verließ.

In der Schule gab es einen unfähigen Professor in Darstellender Geometrie, bei dem ich nichts lernte. Allerdings hatte ich einen Nachhilfeprofessor, Steppan hieß er, der mich von einem Vierer auf ein »Sehr gut« hievte. Es gelang ihm, weil er mir den Raum und die Gegenstände, wie sie im Raum herumschwirren, witzig erklärte, was ja zur Darstellenden Geometrie ganz gut passt. Durch geniales Blödeln hat er die komödiantische Seite in mir, die damals schon schwelte, erweckt. Ich bin einer der besten Darstellenden-Geometrie-Jongleure geworden und habe dann auch in diesem Gegenstand maturiert.

Mit Mathematik ist es mir nicht gelungen, weil ich das Einmaleins nie wirklich beherrscht habe. Damals gab es noch kein Computerrechnen, mit dem ich mich übrigens auch schwertue. Ich habe die schwierigsten Aufgaben verstanden, mich aber ständig verrechnet. Meine große Verehrung gilt der Mathematik und den großen Mathematikern und sie und die Musterschüler in dem Fach, mein Freund Trunkenpolz war so ein mathematisches Genie, habe ich immer grenzenlos beneidet. Aber die Grundregeln beherrsche ich bis heute nicht richtig. In einer Schularbeit zum Beispiel habe ich 6 mal 7 – ich glaube, ich habe das schon irgendwo einmal erzählt – untereinander aufgeschrieben, sechs Siebener, und dann addiert. Das Addieren gelang mir, das Multiplizieren war mir nicht möglich. Mit roter Tinte stand allerdings als Bemerkung des korrigierenden Professors »Primitiv!« darunter. In Mathematik fiel ich bei der schriftlichen Prüfung durch, durfte aber eine mündliche zur Korrektur machen. Und bei meiner Deutsch-Matura bekam ich sogar Sonderapplaus der Kommission. Vielleicht war das leichte Beispiel, das ich dann bei der Nachmatura in Mathematik erhielt, ein kleines Geschenk der freundlichen Kommission.

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Stubenbastei

Ich war sehr bewegt, als ich die Stubenbastei nicht mehr betreten musste, und habe mit großer Wehmut von der wunderbaren Freundschaft und Zusammengehörigkeit, die in unserer Klasse geherrscht hat, Abschied genommen. Wir hatten in jeder Situation zusammengehalten. Auf die Fragen »Wer war das?«, »Wer hat das gemacht?« sind zum Beispiel immer alle in der Klasse aufgestanden und den »Karzer«, so nannte man die strafweise Stunde, die für den Nachmittag angeordnet wurde, haben wir dann gemeinsam verbracht. Meistens mit dem sogenannten »Pfitschigogerl«. Das war ein fußballartiges Spiel mit Münzen, die man mit einem Kamm auf dem Tisch hin und her schob und dabei eine kleinere Münze treffen musste, die man ins Goal beförderte. »Pfitschigogerl«, woher der Name kommt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich aus einer indonesischen Gegend.

Der Mut, den man im Krieg und in den ersten Tagen der plündernden Besatzung aufweisen musste, der zwangsläufige Mut – es blieb einem nichts übrig, als mutig zu sein –, dieses ständige Überlebenwollen und -können, soweit das Glück es zuließ, hat sich aufgestaut. Und nach dem Krieg, nach dem Wegfallen der unmittelbaren Lebensgefahr, hat sich der Mut in einem Übermut, manchmal einem bösen Übermut, entladen, der sich in der Schule ausgebreitet hat. Wir gebärdeten uns als Helden des grässlichen Übermuts gegenüber den armen Lehrern, von denen manche hilflos waren. Die anderen waren ja noch in Gefangenschaft, im Krieg gefallen oder Nazis, die nicht unterrichten durften. Wir hätten diese ehemaligen Nazis ja auch ausgelacht, wenn sie sich plötzlich demokratisch gebärdet hätten, denn wir kannten sie noch als Hitler-Vergötterer und Judenfresser. Diese Professoren waren damals nicht zugelassen, und die Übriggebliebenen waren uns einfach nicht gewachsen.

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»What you love you have to share.«

Hat mir Bernstein immer gesagt.

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Wenn mein Mitschüler Friedrich Gulda mit uns einen mehrstimmigen Summchor einstudiert hatte, wir während der Mathematikschularbeit diesen losließen und der arme Professor nicht einmal wusste, wer da summt, dann entstand eine magische Störaktion. Auch dann, wenn wir die Schrauben der Pulte gelöst hatten – damals hingen die Pulte aneinander und waren im Boden angeschraubt –, sich so zwei Bankschlangen von Pulten geisterhaft in Bewegung setzten und wir alle drin herumfuhren. Wir schimpften »Geh, nicht schieben!« oder »Hört’s doch auf!«, aber jeder schob natürlich mit, und der Professor, der arme Teufel, wusste nicht, was er machen sollte. Er war allerdings ein Böser und wir hatten einen Grund für unser Possenspiel.

Wenn mein Freund Gerhard Brenner in der ersten Reihe plötzlich laut aufschrie »Ich krieg a Kind!«, wusste der Lehrer nicht, woher der Schrei gekommen war. Auf die Frage »Wer war das jetzt?« sind wir wieder alle aufgestanden.

Im Festsaal der Stubenbastei stand ein altes Klavier. Der Saal war noch ganz ruinös, dort haben wir mit Gulda ganz unbeschreibliche Klaviersessions, würde man heute sagen, erlebt. Er hat uns teils blödelnd, teils faszinierend Beethoven und Chopin vorgespielt und wir haben unsere Begeisterung für ihn dort hautnah erleben können.

Ich spreche von einer Zeit, in der Sätze wie »Ich glaube nicht, dass wir den Krieg gewinnen können«, »Da hat der Führer absolut unrecht«, »Ich bin eher ein Judenfreund und mag keinen Antisemitismus«, »Ich habe den englischen Sender gehört« oder »Es gibt ein Gerücht, dass die Amerikaner stärker sind als wir«, alle diese Sätze, wenn man sie laut ausgesprochen hat und angezeigt wurde, todeswürdige Verbrechen waren. Man wurde wegen Wehrkraftzersetzung, Beleidigung des Führers und ähnlicher Vergehen zum Tode verurteilt. Es wurde einem in Wien der Kopf abgehackt oder, wenn man Glück hatte, wurde man als Soldat erschossen.

Zehntausende Soldaten sind wegen Feigheit vor dem Feind so zu Tode gekommen. In der gleichen Zeit ist in Amerika, so glaube ich, nur ein einziger Soldat wegen eines derartigen »Vergehens« erschossen worden.

Bei dieser Gesetzeslage ergab sich zum Beispiel folgende Schwierigkeit: Man ist mit einem Freund unterwegs, den man liebt. Nicht homoerotisch, das wäre auch KZ-würdig gewesen, aber kameradschaftlich, vielleicht sogar so kameradschaftlich, wie es sich die Nazis vorgestellt hatten. Und beide sind Gegner des Regimes. Der eine aus rassischer Untauglichkeit – er hat eine jüdische Großmutter, die man vielleicht schon verschleppt hat –, also ist es ihm unmöglich, ein Nazi zu sein. Der andere ist sogar aus Überzeugung gegen die Nazis – das ist ein sehr seltener Fall damals gewesen, weil es schwierig war, eine Überzeugung zu haben –, aber vielleicht hat er gern Mendelssohn gehört, die Barcarole von Offenbach oder es hat ihm irgendein Onkel gar eine Mahler-Symphonie auf dem Klavier vorgespielt. Ich kenne so einen Fall. Jedenfalls war er traurig, dass diese Musik verboten war, und die Gefahr bestand, schon als Verbrecher verurteilt zu werden, wenn man so eine Platte nur besaß. Vielleicht hat sich auch ein Thomas Mann in seinen Bücherschrank verirrt oder ein Kästner oder ein Tucholsky und er hat diese Bücher nicht der Verbrennung ausgeliefert.

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Als räsonierender Fleischhauer »Bockerer« in dem gleichnamigen Stück

Diese zwei spazieren jeden Tag miteinander, blödeln, grüßen ihre Lehrer mit »Heil Hitler!«, haben Dienst bei der DJ, dem Deutschen Jungvolk. Wie sollen die auf politischem Gebiet zusammenfinden? Wie kommt es zu dem Geständnis, das einander ausliefert auf Tod und Leben? Es ist eine Blutsbrüderschaft, die da entstehen muss, eine heimliche. Man macht einen Witz, erzählt sich einen jüdischen Witz, bei dem ja die Juden nicht so gut wegkommen, findet jüdische Witze besser als die anderen Witze, das ist schon ein kleiner Schritt ins Unerlaubte.

Dann spielt man vielleicht einmal eine Mendelssohn-Platte. Beide sind musikbegeistert.

Sagt der eine: »Bitte, sag das nicht weiter, das ist eine verbotene Musik.«

»Aber schön!«

»Ja.«

»Und von einem Juden!«

»Naja, dann sind ja die Juden nicht gar so schlecht.«

»Nein, nicht alle sind so schlecht.«

»Aber die meisten.«

Schweigen.

»Die meisten«, noch einmal.

»Was willst du hören?«

»Ich will eigentlich hören, dass nicht die meisten Juden schlecht sind, sondern nur so schlecht, wie halt schlechte Leute sind, oder so viele, wie es halt schlechte Leute gibt, auch unter den Nazis.«

Schweigen.

»Hast du gehört?«

»Ja, ich habe gehört.«

»Bist du ein Nazi?«

»Natürlich, muss ich ja sein.«

»Aber wenn du nicht müsstest?«

Schweigen.

»Ich werde dir was sagen, jetzt kannst du mich anzeigen. Du weißt, dass ich dann vielleicht umgebracht werde. Ich bin kein Nazi.«

»Ich auch nicht.«

»Ich hasse die Nazis.«

»Ich auch.«

»Also dann, Heil Hitler.«

»Heil Hitler.«

Und Umarmung.

Das »Heil Hitler« war wirklich ironisch gemeint und die Freundschaft war jetzt eine Blutsbrüderschaft.

Warum heiße ich Otto?

In meiner Kindheit war ich begeistert von der Erfindungskraft meines Vaters. Er hatte ein eigenes Vokabular für gewisse Dinge und wir haben das in unserer Familie als selbstverständlich übernommen. Knödel hießen bei ihm Gombotschellen. Erklären kann ich nicht, woher das kommt. Wir haben ihn auch nie gefragt, warum er sie so nennt. Er hätte auch jede Auskunft verweigert. Es war allerdings komisch, wenn ich in einem Gasthaus den Ober bat, ob ich noch einen Gombotschellen haben könnte, und ganz erstaunt war, dass der Ober nicht wusste, was ich meinte.

Das Klo hieß Käckl, ich glaube, ich habe es schon einmal erwähnt. Als mein italienischer Cousin bei uns einquartiert war – ich war sehr glücklich darüber, weil ich ihn sehr liebte und noch heute sehr liebe – und Giorgio eines Tages in einer Gesellschaft die Dame fragte: »Gnädige Frau, Sie können mir sagen bitte, wo das Käckl ist?«, war die Dame recht erstaunt und lächelte befremdet, als sich herausstellte, dass er die Toilette meinte.

Die große Seite hieß Kackone und die kleine Seite Lulonte, und heute noch sind diese zwei Begriffe en vogue, sogar bei meiner Frau, die sich sonst jeden fäkalischen Scherz verbittet.

Rast

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Auf die Frage »Wie war die Kackone?« wird ganz sachlich die Stuhlsituation geschildert, die in unserem Alter eine große Rolle spielt. Sehr oft fällt der Satz vor dem Weggehen, wenn man es schon eilig hat: »Ich muss noch aufs Käckl, aber nur Lulonte, keine Kackone.« Das Ganze geschieht mit einer Selbstverständlichkeit, die bei unseren Zugehfrauen, wenn sie so einen Satz hören, seltsame Gesichter hervorruft.

Mein Vater hatte noch einen Ausdruck, der aber in keiner Weise beleidigend gemeint war. Er war den sogenannten kleinen Leuten ein geradezu höriger Kumpel. Wenn er aber seltsam huschende, aufräumende, fegende oder schleppende, bedienerinnenartige Wesen beschreiben sollte, sprach er von »frauenhaften Weibern«. Wir wussten genau, was er damit meinte, und hatten das Gefühl eines märchenhaften Flairs, mit dem er diese notwendigen Helferinnen fast verehrend bezeichnete.

Wenn etwas gar zu putzig und saccherinös inszeniert oder geplaudert war, nannte es mein Vater »Stabinettkackchen«. Dass das ein missratenes Kind des Kabinettstückchens ist, war wohl jedermann klar.

Mein Vater war kein Kämpfer. Er »hat’s sich gerichtet«, wie man sagt, und ist so in der Etappe geschwommen. Er ist im Ersten Weltkrieg nie zu einem Einsatz gekommen, saß im sicheren Triest und hatte Kollegen, die immer gesagt haben: »Mir forn«, was eigentlich eine Vermessenheit war.

Ich kann von mir behaupten, dass ich ohne den Ersten Weltkrieg nicht auf der Welt wäre, womit ich nicht sagen will, dass der Erste Weltkrieg notwendig war, um mich zu zeugen.

Mein Vater war als Oberleutnant in Triest tätig, und meine Mutter war Leiterin der Filiale Julius Meinl, ein Geschäft, das es heute noch gibt. Dort hat mein Vater sie kennen und lieben gelernt und ein Kind mit ihr gezeugt, unehelich: meine Schwester Bianka. Nach dem Zusammenbruch kam meine Mutter mit Bianka nach Graz, und es gab gewisse Schwierigkeiten, eine Italienerin, jetzt war meine Mutter ja Italienerin, zu heiraten. Das hat sich zwei Jahre hingezogen, und dann holte mein Vater meine Mutter nach Wien, wo sie als Katzlmacherin, so nannte man das, ein bisschen zynisch von der österreichischen Verwandtschaft aufgenommen wurde.

Mein Vater, ein glühender Liebhaber Italiens, stand aber fest zu ihr. Mein Onkel Jean kämpfte geradezu für ihre Gleichberechtigung, und schließlich knurrte meine alte Omama auch begeistert mit.

Meine Mutter hatte lebenslang einen leicht italienischen Klang in der Stimme, keinen Akzent, aber einen Schleier von Südländischem oder Slawischem. Sie hatte auch seltsame Formulierungen, zum Beispiel als ich operiert wurde an meinen Mandelwucherungen und an der Nasenscheidewand, sagte sie den von mir immer wieder bewunderten Satz: »Den Otti musste man jetzt operieren an der Nasenscheidewand, dann hat man ihm die Wucherungen herausgenommen und die Mandeln und es war alles für die Würste.« Ich weiß nicht, was sie damit meinte, wahrscheinlich: »Es war alles für die Katz.«

Meine Großmutter mütterlicherseits war Slowenin, und das war die Geheimsprache zwischen Mutter und Großmutter, die ich nicht verstanden habe. Ich hatte nur ein paar ordinäre Begriffe aus dem Slowenischen gelernt, die ich mich jetzt weigere wiederzugeben.

Kein Mensch weiß, warum ich Otto heiße. Ich hab’s nie erfahren. Meine Mutter mochte den Namen nicht, ich eigentlich auch nicht. Ich habe mich nie als Otto gefühlt. Aber meine anderen Namen Erich Eugen Maria waren auch keine richtige Alternative für mich. Meine Frau hat mich von Anfang an Hake genannt, und wir wissen nicht, wann das entstanden ist. Sie hat auch nicht »der Hake« zu mir gesagt, sondern »die Hake«. Ich nannte sie Mika. Eine kleine, hilflose Rache. Aber ich fühle mich als Hake sehr geborgen und es gibt keinen anderen Menschen, der mich so nennen darf.

Ich habe eine große Verehrung in mir für fremde Sprachen. Ich bin zum Beispiel ein hündischer Bewunderer von Englisch. Ich bin schon hingerissen, wenn ich nur Gebrauchsanweisungen lese und sehe, dass das Englische um ein Drittel kürzer ist als das Deutsche. Ich habe das amerikanische Englisch besonders gern, das manchmal sogar etwas verachtet wird, weil es so hingeworfen den Punkt trifft. Große amerikanische Romanciers schreiben wirklich so, wie man redet.

Ich bin auch der Ansicht, dass Gesprochenes und Geschriebenes eine Verwandtschaft eingehen sollten. Die italienischen Zeitungen sündigen gegen diesen Wunsch von mir. Man glaubt, sie predigen von irgendeiner verlogenen Kanzel herunter.