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GEORG MARKUS

»Wie war es
wirklich?«

Indiskrete Fragen an
historische Persönlichkeiten

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www.amalthea.at

1. Auflage September 2007
2. Auflage Oktober 2007
3. Auflage November 2007

© 2007 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Umschlagfoto: Peter Szabo
(Denkmal Ferdinand Raimund, Wien, Georg Markus)
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 12/15 Punkt Berkeley
Druck und Binden: CPI Moravia Books GmbH
Printed in the EU
ISBN 978-3-85002-609-3
eISBN 978-3-902998-57-6

Für Daniela,
Mathias und Moritz
in Liebe

INHALT

DIE UNSTERBLICHEN LEBEN NOCH
Vorwort

»LASSEN SIE MICH IHRE MUSE SEIN«
Das Geständnis der Alma Mahler-Werfel

»ES TUT MIR AUFRICHTIG LEID«
Kronprinz Rudolf spricht zum ersten Mal über Mayerling

»WIE NEHM’ MA’N DENN?«
Hans Moser transportiert meinen Koffer

»EIN KRIEGSBEIL BEENDET MAN NICHT«
Streitgespräch mit Karl Kraus

ZU SCHÖN, UM WAHR ZU SEIN
Hedy Lamarr erinnert sich

»ICH BIN NICHT SCHUBERT
Zu Besuch beim Liederfürsten

»ES IST EWIG SCHAD UM MICH
Ein großes Kind namens Oskar Werner

»MIR BLIEB DOCH WAS ERSPART«
Eine Begegnung mit Kaiser Franz Joseph

»ICH BIN JA AUCH NICHT MEHR DER JÜNGSTE«
Herr Ötzi erzählt aus seinem Leben

»STÖRT ES SIE, WENN ICH EINE ZIGARRE RAUCHE
Mit Frau Sacher im Sacher

»WOVON TRÄUMEN SIE, HERR DOKTOR FREUD
Auf der Couch in der Berggasse

»I BIN A HISTORISCHE PERSÖNLICHKEIT
Ein Einkauf beim Herrn Karl

MIT DER KAISERIN IM KINO
Elisabeth schaut sich einen Sissi-Film an

»HALB WIEN HÄLT MICH FÜR MESCHUGGE«
Gulasch und Bier mit Peter Altenberg

»VERZEIHUNG, SIND SIE MILLIONÄR
Schnorrerkönig Poldi Waraschitz will mein Geld

»NUR KEIN MUSIKANT
Ein Plausch mit Johann Strauß

»SAGEN SIE DOCH WAS LUSTIGES, HERR FARKAS«
Ein Kabarettist will nicht lachen

»WER HAT MEIN LEBENSWERK ZERSTÖRT
Bertha von Suttner ist unglücklich

»ICH GLAUB VON JEDEM MENSCHEN DAS SCHLECHTESTE«
Wie ich Nestroy kennen lernte

»ICH BIN EIN KIND AUS FAVORITEN«
Mit Matthias Sindelar am Fußballplatz

WIE MAN EINEN STAAT GRÜNDET
Theodor Herzl gibt Auskunft

UND DOCH EIN BISSCHEN WEISE
Curd Jürgens hat nichts zu bereuen

»I HAB NIX ANDRES GELERNT«
Mit Josefine Mutzenbacher im Hotel Orient

»SIE MÜSSEN SOFORT UNTERS MESSER
Theodor Billroth operiert mich

»MARCELLO, BIST DU’S WIRKLICH
Mit Doktor Prawy in der Oper

KENNWORT »OPERNBALL«
Oberst Redl gesteht seine Spionagetätigkeit

»SIND SIE WIRKLICH UNSTERBLICH, HERR MOZART
Die Homestory aus der Getreidegasse

RENDEZVOUS AM TOPLITZSEE
Erzherzog Johann und Anna Plochl plaudern aus der Schule

EIN FATALER BLICK IN DIE ZUKUNFT
Der tödliche Irrtum des Erik Jan Hanussen

MAX REINHARDT HAT GEGEN MICH INTRIGIERT
oder Warum ich nicht zum Theater ging

»SO EINE KAISERIN HAT’S NICHT LEICHT«
Audienz bei Maria Theresia

EIN HUT FÜR ALEXANDER GIRARDI
Der Volksschauspieler macht Karriere

»WÄRE ICH NUR ACHTZIG JAHRE ALT GEWORDEN«
Egon Schiele im Porträt

BILANZ EINES MODERNEN REGENTEN
Kaiser Josef II. zwischen Tür und Angel

»DER RUHM WAR TEUER ERKAUFT«
Romy Schneider über ihr tragisches Leben

»GAR NIX IS’ HIN
Der Liebe Augustin lebt immer noch

ORDINATION TÄGLICH 15 BIS 17 UHR
Ein Besuch bei Dr. med. Arthur Schnitzler

»IN MEINEM REICH GEHT DIE SONNE NICHT UNTER«
Gespräch mit Kaiser Karl V. im Abendrot

»SIE HÄTTEN EIN GLÜCKLICHER MENSCH SEIN KÖNNEN«
Der Alptraum des Ferdinand Raimund

»ICH HABE ALLES FALSCH GEMACHT«
Marie Antoinette hat Heimweh

»NOBODY IS PERFECT, MR. WILDER
Der König von Hollywood kehrt heim

DIE UNSTERBLICHEN LEBEN NOCH
Vorwort

Es liegt in der Natur der Sache, dass Unsterbliche – unsterblich sind. Ich machte mir diesen Umstand insofern zunutze, als ich mir für dieses Buch vornahm, mit einer ganzen Reihe von historischen Persönlichkeiten ins Gespräch zu kommen. Schließlich wollte ich vom Kronprinzen Rudolf immer schon wissen, wie das mit Mayerling wirklich war. Oder von Frau Alma Mahler-Werfel, warum sie prinzipiell nur prominente Männer liebte. Von Mozart, wie sich’s als Wunderkind lebte. Und ich hegte seit langem den Wunsch, der Frau Sacher das Geheimrezept ihrer gleichnamigen Torte zu entlocken.

Da es mir wichtig war, all diese und noch viel mehr Informationen aus erster Hand zu erhalten, erlaubte ich mir, die hohen Herrschaften persönlich zu treffen. Ich nahm die unumstößliche Tatsache ihrer Unsterblichkeit also wörtlich und befragte 41 Ausnahme-Dichter, -Komponisten, -Schauspieler, -Monarchen, -Maler, -Musen und sonstige Personen, die Geschichte geschrieben hatten. Legenden wie Schubert, Nestroy, Bertha von Suttner, Peter Altenberg und Johann Strauß standen mir Rede und Antwort und schilderten die Hintergründe ihres Lebens.

Alles, das Sie hier lesen, ist wahr, untermauert durch zum Teil originalgetreue Zitate der Unsterblichen. Fiktion sind die Begegnungen.

Es bereitete mir kein Problem, mit Karl Kraus, Hans Moser, Oskar Werner und Max Reinhardt über berufliche und private Stationen zu plaudern und Dr. med. Arthur Schnitzler in seiner Ordination zu konsultieren. Noch näher kam ich dem Chirurgen Theodor Billroth, der sich im Verlauf unseres Gesprächs gezwungen sah, mir den Blinddarm zu entfernen.

Die Orte, an denen ich meine indiskreten Fragen stellte, blieben dem Zufall überlassen – und sollten sich dennoch als symbolhaft erweisen. So traf ich die Kaiserin Maria Theresia in Schönbrunn, Mozart in der Getreide- und Sigmund Freud in der Berggasse. Josefine Mutzenbacher lief mir peinlicherweise in einem stadtbekannten Stundenhotel über den Weg, Johann Strauß vor seinem Denkmal im Wiener Stadtpark, Karl Farkas im Kabarett Simpl und Matthias Sindelar am Fußballplatz. Mit Marcel Prawy saß ich in dessen Loge in der Wiener Staatsoper, der »Herr Karl« bediente mich in seinem Lebensmittelgeschäft und Oberst Redl gestand mir den Verrat der österreichischen Aufmarschpläne spätnachts unterhalb der Reichsbrücke. Nur im Fall des Kronprinzen Rudolf blieb die Örtlichkeit der Zusammenkunft – wie ich es ihm zugesagt hatte – geheim.

Wozu aber suchte ich den Kontakt mit all den Prominenten überhaupt?

Nicht um mir einen albernen Spaß zu erlauben, sondern um in den Gesprächen mit ihnen historischen Fakten auf den Grund zu gehen. Kaiser Franz Joseph und »Sisi« sprachen offen über ihre Schicksale, Marie Antoinette, Ferdinand Raimund und Egon Schiele über die dramatischen Umstände ihres Todes, Hedy Lamarr und Romy Schneider verrieten Intimes aus ihren Filmkarrieren.

Das Ergebnis meiner Begegnungen stellt den Versuch dar, Biografisches auf unterhaltsame und informative Weise zu vermitteln. Und gleichzeitig die Zeit- und Kulturgeschichte mehrerer Epochen in die Sprache unserer Tage zu übersetzen.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, dass Sie bei der Lektüre ebensolches Vergnügen empfinden wie ich es hatte, als ich mit den Protagonisten dieses Buches zusammentraf.

GEORG MARKUS
Wien, im August 2007

»LASSEN SIE MICH IHRE MUSE SEIN«
Das Geständnis der Alma Mahler-Werfel

Alma Mahler-Werfel * 31. 8. 1879 Wien † 11. 12. 1964 New York. Schriftstellerin und Komponistin. Die Tochter des Malers Emil Jacob Schindler wurde als Geliebte, Ehefrau und Muse bedeutender Künstler bekannt. Ihr Salon war in der Zwischenkriegszeit Treffpunkt der Wiener Gesellschaft. Frühe Bekanntschaft mit Gustav Klimt und Alexander von Zemlinsky, 1902 Heirat mit Gustav Mahler. Ab 1912 Beziehung mit Oskar Kokoschka, 1915 bis 1920 Ehe mit dem Architekten Walter Gropius. 1929 Heirat mit Franz Werfel, mit dem sie 1938 über Paris in die USA emigrierte.

Ich stand an der Garderobe des Wiener Musikvereins und wartete – immer noch unter dem Eindruck der monumentalen Wucht von Mahlers Siebenter Symphonie – auf die Rückgabe meines Mantels. Da gesellte sich eine etwas üppige, gerade noch in den besten Jahren befindliche Dame zu mir und musterte mich von oben bis unten.

»Ihr Beruf?«, fragte sie streng.

»Künstler«, erklärte ich großspurig, ohne ins Detail gehen zu wollen.

»Sehr gefährlich«, sagte sie.

»Wieso?«

»Hatte ich einige.«

»Pardon, wie meinen Sie das, Madame?«

»Zähle ich sie der Reihe nach auf, waren’s Klimt, Zemlinsky, Mahler, Gropius, Kokoschka, Werfel, und wenn ich ein bisschen nachdenke, fallen mir sicher noch ein paar ein …«

»Sind Sie’s wirklich?«

»Natürlich«, antwortete sie und sah mir tief in die Augen.

»Gnädige Frau, ich bin verheiratet«, beeilte ich mich zu erklären.

»Hat mich noch nie gestört. Können Sie mich malen, mir eine Etüde widmen oder wollen Sie mir eine Villa im Grünen bauen?«, fragte sie.

»Weder noch. Ich bin Schriftsteller.«

»Na, dann schreiben Sie ein Buch über mich. Lassen Sie mich Ihre Muse sein. Das kann ich.«

Ich glaubte es ihr aufs Wort, zog aber dennoch so schnell wie möglich meinen Mantel über, um mich aus dem Staub zu machen.

»Langsam, junger Mann«, rief sie, hinter mir herhechelnd, »bei mir hat’s noch keiner bereut. Was glauben Sie, wie viele Symphonien Mahler und Zemlinsky mit meiner Hilfe komponiert, wie viele Bilder Klimt und Kokoschka gemalt, wie viele Häuser Gropius gebaut und wie viele Bücher Werfel dank meiner mannigfachen Fähigkeiten geschrieben haben. Können Sie es sich leisten, auf solche Hilfestellung zu verzichten?«

»Eigentlich nicht, gnädige Frau. Aber ich habe jetzt wirklich keine Zeit.«

»Nehmen Sie mich wenigstens ein Stück in Ihrem Wagen mit. Dann verrat ich Ihnen ein paar Geheimnisse aus meiner Tätigkeit als Femme fatale

So schnell konnte ich gar nicht schauen, saß Alma schon in meinem Auto, ließ ihre ohnehin äußerst freizügig geschnittene Bluse noch ein wenig zur Seite gleiten – und los ging’s.

»Wer war Ihr Erster?«, versuchte ich unsere Erkundungsfahrt mit einer originellen Frage zu eröffnen.

»Wahrscheinlich Klimt«, antwortete sie. »Aber so genau weiß ich das nicht mehr. Der Erste, der zählt, war Mahler, damals Hofoperndirektor. Ich habe ihn geliebt, aber er hat mich, wie alle, nur benützt und unterdrückt.«

»Genau diese Eigenschaften werden eigentlich Ihnen zugeschrieben.«

»Unsinn. Ich hatte vor meiner Ehe selbst komponiert, aber Mahler hat mir jede weitere künstlerische Tätigkeit verboten. ›Du hast von nun an nur den einen Beruf‹, meinte er, ›mich glücklich zu machen!‹«

»Und? Haben Sie ihn glücklich gemacht?«

»Vielleicht ein bisschen. Ich jedenfalls wurde es nicht. Schauen Sie, was ich da geschrieben habe«, sagte Alma und zog ein abgegriffenes Tagebuch aus der Handtasche.

Glücklicherweise war die Ampel gerade auf Rot, so dass ich die Eintragung entziffern konnte: »Ich sterbe vor Sehnsucht nach dem Klavierspielen. Ich vegetiere vor mich hin. Ich brachte Opfer, um eine gute Muse zu sein. Mein eigenes Leid spielte keine Rolle dabei.«

Kaum hatte ich fertig gelesen, fragte sie mich: »Was macht eine arme kleine Frau in so einer Situation?«

»Keine Ahnung«, erklärte ich, da ich nie zuvor in eine solche gekommen war.

»Sie nimmt sich einen jungen Geliebten! Er hieß Gropius. Und der hat mit seinem Bauhaus-Stil nicht nur die Architektur des 20. Jahrhunderts revolutioniert, sondern auch mein Liebesleben. Er war göttlich! Anfangs auf jeden Fall.«

»Wie hat Mahler von Ihrer Untreue erfahren?«

»Das war wirklich unangenehm.« Man sah Alma an, dass ihr die Sache immer noch peinlich war. »Gropius hatte in seiner Erregtheit einen leidenschaftlichen Liebesbrief irrtümlich an Gustav statt an Alma Mahler adressiert. Meine kleine Affäre hat den Armen sehr hergenommen, aber was hätte ich denn tun sollen, ich bin ja auch nur eine Frau, die nichts anderes kann als lieben.«

»Mahler«, ergänzte ich und fuhr wieder los, »wandte sich in seiner Verzweiflung an Sigmund Freud. Konnte der ihm helfen?«

»Angeblich soll Gustav durch die Psychoanalyse seine Potenz wiedererlangt haben«, sagte Alma.

»Was heißt angeblich? Sie müssen es doch wissen.«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Weil Sie zu diesem Zeitpunkt in Gropius’ Armen lagen?«

»Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Mit Gropius war’s da schon wieder vorbei. Denn ich widmete mich gerade intensiv den Komponisten Hans Pfitzner, Franz Schreker und dem Maler Kokoschka.«

»… der Ihnen 400 Liebesbriefe schickte.«

»Es waren aufregende Jahre, die leider infolge seiner krankhaften Eifersucht in einen beinahe tödlichen Liebeskampf mündeten.«

»Vielleicht war seine Eifersucht gar nicht so krankhaft?«

»Ach Gott, die paar Männer! Als ich mit Oskar Schluss machte, ließ er sich aus Verzweiflung eine Puppe nähen, die mir in allen Details glich.«

»In allen Details?«

»Ja, in allen!« Alma holte ihr Schminkzeug aus der Tasche, legte frisches Rouge auf, zog die Lippen nach, sprach aber ohne Unterbrechung weiter: »Kaum war ich frei, erinnerte ich mich wieder an Gropius. Ich kehrte zum Besten meiner Liebhaber zurück und heiratete ihn. Aber er ging mir bald wieder auf die Nerven, er langweilte mich. Der Mann war meinem Tempo nicht gewachsen.«

»Was machten Sie in dieser Situation?«

»Ich warf mich auf Werfel. Ein Freund hatte ihn zu einer meiner legendären Abendgesellschaften mitgebracht. Er gefiel mir gar nicht, er war ein hässlicher Zwerg, aber er verliebte sich natürlich unsterblich in mich. Schließlich erkannte ich sein Genie – und da war’s auch schon geschehen.«

»Warum mussten sämtliche Ihrer Liebhaber berühmt sein?«

»Berühmt? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.«

»Dann wird’s aber Zeit, darüber nachzudenken, gnädige Frau! Friedrich Torberg – der Ihnen sehr gut gesinnt war – meinte, dass Erfolg Sie betört hätte. Kann das stimmen?«

»Gestört hat er mich jedenfalls nie. Kaum war Werfel in mein Leben getreten, stand ich vor der schwierigen Aufgabe, Gropius noch einmal loszuwerden. Zur Annullierung der Ehe gehörte viel Fingerspitzengefühl – aber glauben Sie mir: Das hab ich!«

»Werfel war, wenn ich nicht irre, Ihr dritter Ehemann«, warf ich zwecks empirischer Überprüfung ein.

»Ja, ich glaube.«

»Waren Sie auch in dieser Ehe als Muse erfolgreich?«

»Mehr als das! Unter mir schrieb Werfel seine bedeutendsten Werke, Das Lied der Bernadette und Jacobowsky und der Oberst. Als Hitler kam, opferte ich mich neuerlich und emigrierte mit ihm nach Amerika. Ich hätte nicht müssen, aber so war ich eben. Immer nur an das Wohl meiner Männer denkend, nie an mein eigenes.«

»Also«, fasste ich all meinen Mut zusammen, »irgendetwas stimmt nicht mit Ihnen. Mich befremdet, dass die beiden Männer, deren Namen Sie tragen, Juden waren, es über Sie aber jede Menge Unterlagen gibt, die Sie als lupenreine Antisemitin ausweisen. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?«

Alma räusperte sich und tupfte sich verlegen die Nase ab. »Woher wissen Sie das?«

»Dies ist neueren Alma-Mahler-Werfel-Biografien zu entnehmen.«

»Antisemitin ist übertrieben, ich war vielleicht nicht gerade …«

»… Ihr Biograf Oliver Hilmes schreibt, dass Werfel Ihrer Meinung nach nicht Deutsch konnte, weil er Jude war. Weiters sagten Sie, die ›Rassenfremdheit‹ zwischen ihm und Ihnen sei unüberbrückbar gewesen. Auch hätten Sie sich geweigert, den Sie stürmisch verehrenden Zemlinsky zu heiraten, weil Sie es ablehnten, die Kinder eines Juden zur Welt zu bringen.«

»Bedenken Sie, dass ich bei Mahler und Werfel keine diesbezüglichen Probleme hatte.«

»Die waren auch wesentlich berühmter. Und reicher. Nach Werfels Tod bemühten Sie sich, wie es heißt, um den Dirigenten Bruno Walter.«

»Na schön, Bruno war ein toller Künstler. Aber er brauchte mich nicht.«

»Vielleicht auch deshalb, weil Sie Hitler als ›Genie an der Spitze eines großen Volkes‹ bezeichnet hatten.«

»Na ja, der Hitler …«

»Man weiß heute, dass die Nachwelt Sie vor allem deshalb als bedeutende Muse sieht, weil Sie alles getan haben, sich in Ihren Memoiren zu heroisieren. Aber Ihre Mitwelt hat keineswegs nur Freundliches über Sie hinterlassen.«

»Zum Beispiel?«

»Adorno bezeichnete Sie als Monster, für Gina Kaus waren Sie der schlechteste Mensch, den sie kannte, andere hielten Sie für ein sexbesessenes Luder, das nichts anderes im Sinn hatte, als ihre Lebensgefährten schamlos auszunützen. Gesellschaftlich, finanziell und erotisch. Das Wort Treue war Ihnen fremd, Sie waren eine …«

»Also, ganz so schlimm wird’s schon nicht gewesen sein.«

»Zu Ihren Gunsten kann nur eine gewisse genetische Veranlagung angeführt werden. Ihre Mutter Sofie betrog Ihren Vater Emil Jacob Schindler mit seinen beiden Malerkollegen Julius Victor Berger und Carl Moll.«

»Sie hat Moll später geheiratet, und er beschützte mich wie eine Tochter.«

»Womit er ziemlich viel zu tun hatte. Zur Zeit Ihres Flirts mit Klimt waren Sie siebzehn, dieser wurde von Zemlinsky abgelöst, den Sie stehen ließen, als Mahler kam …«

»Und mich zwang, mit dem Komponieren aufzuhören.«

»Sie bezeichnen sich als Opfer, dabei haben Sie ihn auf dem Gewissen. Mahler hat sich von der Kränkung, dass Sie ihn mit Gropius betrogen haben, nie erholt, er starb ein Jahr später an gebrochenem Herzen. Abgesehen davon haben Sie ihn um 53 Jahre überlebt, aber auch nach seinem Tod keine einzige Note mehr komponiert.«

»So also sieht mich die Nachwelt?«, stöhnte Alma. »Tja, wenn es heutzutage schick ist, in den Lebensgeschichten einer Dame herumschnüffeln, ist man selbst als größte Muse aller Zeiten machtlos.«

Alma Mahler-Werfel wischte sich eine Träne von der Wange. »Ganz schön hart, wie Sie mit einer kleinen, schwachen Frau umgehen«, sagte sie und warf ein Bein so geschickt über das andere, dass mir der Atem stockte. Als wir just in diesem Moment vor ihrem Hotel ankamen, bat sie mich, meinen Wagen anzuhalten. »Wollen Sie auf ein Glas Champagner mit raufkommen?«, fragte sie, während sie ihre seidenweichen Arme um meinen Hals schlang.

Notgedrungen enden hier meine Aufzeichnungen, zumal meine Frau als eifrige Leserin meiner Bücher bekannt ist.

Nur so viel kann ich sagen: In dieser Nacht hat mich die Muse geküsst.

»ES TUT MIR AUFRICHTIG LEID«
Kronprinz Rudolf spricht
zum ersten Mal über Mayerling

Erzherzog Rudolf * 21. 8. 1858 Laxenburg † 30. 1. 1889 Mayerling. Kronprinz von Österreich-Ungarn, einziger Sohn Kaiser Franz Josephs. 1881 Heirat mit Stephanie, der Tochter des belgischen Königs Leopold II. Wegen seiner liberalen Einstellung in Gegnerschaft zu seinem Vater. Heimlich als Publizist tätig, schrieb er im »Neuen Wiener Tagblatt« und in anderen Medien kritische Kommentare. Mitherausgeber des 24-bändigen Werkes »Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild«. Erschoss seine Geliebte Mary Vetsera im Jagdschloss Mayerling und beging danach Selbstmord.

Das Treffen fand in einem kleinen Waldstück, an einem weit außerhalb der Stadt gelegenen Ort statt, zu dessen strengster Geheimhaltung ich mich verpflichtet hatte. Dienstbare Geister öffneten den Wagenschlag einer imposanten Karosse, der ein dunkelschwarz gekleideter Herr entstieg. Wir wechselten ein paar Höflichkeitsfloskeln, und dann kam ich auch schon zur Sache.

»Kaiserliche Hoheit«, eröffnete ich das Gespräch, »war das wirklich notwendig?«

Der Kronprinz musterte mich mit strengem Blick: »Was meinen Sie damit?«

»Na, was werde ich schon meinen. Es geht natürlich um Mayerling.«

»Mayerling, Mayerling«, wiederholte Rudolf, »war das nicht dieses Jagdschloss bei Baden?«

»Sie werden doch Mayerling nicht vergessen haben!«

»Wissen Sie, wir hatten so viele Besitzungen, da kann’s schon vorkommen, dass einem diese oder jene nicht gleich geläufig ist, nach so langer Zeit.«

»Hoheit, es geht um Mayerling! Und um Mary Vetsera!«

»Mary … wie?«

»Mary Vetsera!«

»Ach so, die Kleine, ich kann mich dunkel an sie erinnern.«

Ich war fassungslos ob der erzherzoglichen Kälte. Da löst der Sohn des Kaisers ein Drama von nie da gewesener Tragweite aus – und dann kann er sich nicht mehr daran erinnern. »Wissen Hoheit denn gar nichts mehr?«

»Langsam tauchen die Schemen aus der Vergangenheit auf. Ich bin mit ihr rausgefahren nach … wie, sagten Sie, hieß das?«

»Mayerling.«

»… ja, Mayerling. Wir verbrachten einen netten Abend, der Bratfisch hat ein paar Wienerlieder g’sungen und dann sind wir schlafen gegangen. Natürlich kann ich mich nicht mehr an alle Details erinnern.«

»Das waren keine Details, das war die Katastrophe des Jahrhunderts. Darf ich Hoheit ins Gedächtnis rufen: Sie nahmen einen Revolver zur Hand und drückten mehrmals ab. Zuerst töteten Sie die arme Baronesse Vetsera und dann sich selbst. So etwas kann man doch nicht vergessen!«

»Das ist ja wirklich eine schreckliche Geschichte«, schien Rudolf endlich die wahre Dimension seiner Tat zu erkennen. »Es tut mir aufrichtig Leid. Ich muss die Sache wohl verdrängt haben.«

»Verdrängt? Dieser Begriff wurde erst viel später erfunden.«

»Von Sigmund Freud, ich weiß. Ich habe seine Schriften studiert. Er ist der Einzige, der die Antwort geben kann auf das Rätsel von …, wie sagten Sie?«

»Mayerling. Erkennen Sie da einen Zusammenhang mit Sigmund Freud?«

»Er ist es, der die Wurzeln allen Übels in den Tagen unserer Kindheit sieht.«

»Was hat Mayerling mit Ihrer Kindheit zu tun?«

»Ich kann’s Ihnen erklären«, meinte der Kronprinz. Wir waren ein paar Schritte in Richtung einer kleinen Waldlichtung gegangen, an der ein Holztisch und eine einfache Holzbank standen. Wir setzten uns, und Rudolf fuhr in seiner Erzählung fort: »Meine ersten Lebensjahre waren geprägt von drakonischen Erziehungsmaßnahmen, die mich auf meine Aufgaben als künftiger Herrscher vorbereiten sollten. Ein autoritärer General namens Gondrecourt trug die Verantwortung für meinen Werdegang. Seine sogenannten Abhärtungsstrafen haben bleibende Schäden an meiner Psyche hinterlassen.«

»Mayerling kann man nicht mit psychischen Schäden abtun«, wandte ich ein.

»Ab meinem dritten Lebensjahr ließ mich der General nachts durch Pistolenschüsse und Kaltwassergüsse aus dem Schlaf schrecken, und als ich sechs war, sperrte er mich allein in den Lainzer Tiergarten, wo ich aus panischer Angst vor Wildschweinen wie am Spieß brüllte.«

»Ihre Eltern ließen das zu?«

»Mein Vater, der in seiner Kindheit selbst nichts anderes gekannt hatte, hielt derartige Maßnahmen für richtig. Meine Mutter protestierte zwar, konnte aber auf die Zustände in der kaiserlichen Kindskammer keinen Einfluss nehmen.«

»Schrecklich«, sagte ich, »aber Mayerling können Sie damit nicht erklären.«

»Die Wildschwein-Episode war für meine Mutter der Anlass, dem Kaiser ein Ultimatum zu stellen: Entweder die Erziehung der Kinder würde in ihren Einflussbereich übergehen oder sie würde ihn für immer verlassen. Da erhielt ich in Joseph von Latour einen großartigen Erzieher, dessen Geisteshaltung für mein späteres liberales Weltbild bestimmend wurde.«

»Na, also«, sagte ich.

»Da war’s aber schon zu spät. Der Drill der ersten Jahre hatte Spuren hinterlassen, die sich unauslöschlich in meine Seele brannten. Und die Schikanen gingen weiter. Während ich mich für die Tier- und Pflanzenwelt begeisterte, verbot mir der Kaiser das Studium der Naturwissenschaften. Stattdessen musste ich am langweiligen Hofleben teilnehmen und eine militärische Ausbildung absolvieren.«

»Das mussten viele«, erklärte ich.

»Ja, aber wussten Sie, dass ich ab dem zweiten Tag meines Lebens Oberst des 19. Infanterieregiments war und von frühester Kindheit an gezwungen wurde zu exerzieren? Mit 22 war ich Generalmajor, mit 24 Feldmarschallleutnant.«

»Das waren Titel ohne besondere Bedeutung«, gab ich zu bedenken.

»Mag sein, aber ich hatte die militärische Laufbahn durchzumachen, obwohl ich mich für ganz andere Dinge interessierte. Ich hatte tausend Ideen, die politische, ökonomische und soziale Situation in der Monarchie zu verbessern, trat für eine Verkürzung der Arbeitszeit ein und wollte die Grenzen zwischen Arm und Reich sprengen.«

»Wie reagierte Ihr Vater darauf?«

»Mein Vater?« Der Kronprinz lächelte gequält. »Mit dem konnte ich Derartiges nie besprechen. Wie allen Untertanen war es mir untersagt, dem Kaiser eine Frage zu stellen oder auch nur ein Thema anzuschneiden, ohne von ihm dazu aufgefordert zu werden. Ich hatte nie Gelegenheit, ihn mit meinen Gedanken zu konfrontieren. Und so kam ich mir bald nutzlos vor und musste verzweifelt zusehen, wie die Monarchie in den Untergang schlitterte.«

»Schlimm«, sagte ich, »aber das alles kann keine Ausrede für die Tat von Mayerling sein.«

»Natürlich nicht«, zeigte sich der Kronprinz einsichtig. »Diesbezüglich müssten wir ein Thema anschneiden, das mir ziemlich …«

»Sprechen Sie, Hoheit!«

»… das mir ziemlich peinlich ist.«

»Nur zu«, ermutigte ich ihn, »wir sind unter uns.«

Die dienstbaren Geister waren uns in gehörigem Abstand gefolgt und erreichten gerade in diesem Augenblick die kleine Waldlichtung, an der wir Platz genommen hatten. Nun stellten sie etwas Brot, Käse und eine Flasche Rotwein vor uns hin.

»Wer über meinen Tod spricht«, erklärte Rudolf, als sich das Personal wieder entfernt hatte, »der muss mein Leben verstehen. Also auch meinen Umgang mit Frauen. Seit ich denken konnte, flogen mir die Herzen der Mädchen zu, und ich ließ keine Gelegenheit aus, mich mit ihnen zu vergnügen. Ich nahm sie mir alle, hatte von frühester Jugend an Affären sonder Zahl. Es gehörte zu den Aufgaben meines Obersthofmeisters Graf Bombelles, mein Sexualleben durch Zuführung attraktiver Frauen zu bereichern. Weiters sorgte Madame Wolf, die berühmteste Kupplerin von Wien, für ständigen Nachschub, aber echte Zuneigung oder gar Liebe blieben mir auf diese Weise fremd. Dafür holte ich mir dank des liederlichen Umgangs Geschlechtskrankheiten, ich griff zu Drogen und Alkohol.«

»Was sagte denn Ihre Frau zu diesem Lotterleben?«

»Meine Frau? Ich bitte Sie, die ging das überhaupt nichts an! Stephanie war eine unattraktive Prinzessin aus Belgien, um deren Hand ich fünf Minuten nach dem Kennenlernen anhalten musste. Ich wurde zu der Heirat gezwungen. In Abwandlung eines alten Spruchs kann ich nur sagen: ›Du unglückliches Österreich heirate!‹«

»Die Baronesse Vetsera haben Sie auch nicht geliebt?«

»Was, die Kleine? Ich hatte neben ihr ein Dutzend anderer Affären, noch in der Nacht vor Mayerling war ich bei der Edelhure Mizzy Caspar. Die Vetsera war eine Zufallsbekanntschaft, ein unschuldiges Geschöpf, das das Pech hatte, gerade in dieser Nacht bei mir zu sein.«

»Was Sie mir da erzählen, Hoheit, mag die Tragödie Ihres Lebens erklären. Nicht aber Ihren Tod.«

»Die Sinnlosigkeit meines Daseins erlaubte mir als Aristokrat und Offizier nichts anderes zu tun als zu sterben. Es war eine Frage der Ehre.« Rudolf aß ein paar Bissen von seinem Käsebrot und trank einen Schluck Wein.

»Aber Mary Vetseras Tod war keine Frage der Ehre«, entgegnete ich. »Sie sind ein ganz gewöhnlicher Mörder, der sich – so drückte es Ihr Vater aus – wie ein Schneider aus der Verantwortung gestohlen hat. Sie raubten einem 17-jährigen Kind das Leben, nur weil Sie im Augenblick des Todes nicht allein sein konnten.«

»Sie haben vollkommen Recht«, nickte er und sprach jetzt um vieles leiser weiter. »Ich habe den Ruf des Hauses Habsburg in seinen Grundfesten erschüttert und meine Eltern ins Unglück gestürzt. Dem ist nichts hinzuzufügen.«

»Oh ja«, nahm ich die einzigartige Gelegenheit wahr, Kronprinz Rudolf zur Rede zu stellen, »dem ist noch einiges hinzuzufügen. Denn die Folgen Ihrer Tat gehen viel weiter. Sie haben damit die Geschichte des 20. Jahrhunderts auf den Kopf gestellt und Generationen von Menschen ins Verderben geschickt.«

»Wieso das?«, wunderte er sich.

»Das kann ich Ihnen erklären. Ohne Mayerling hätte das 20. Jahrhundert die Chance gehabt, ein Jahrhundert des Friedens zu werden. Mit Ihnen als künftigem Regenten hätte es keinen Franz Ferdinand, ohne Franz Ferdinand kein Sarajewo, ohne Sarajewo keinen Ersten Weltkrieg gegeben. Und ohne Ersten wohl auch keinen Zweiten. Zugegeben, das sind sehr gewagte Spekulationen, aber die müssen Sie sich schon gefallen lassen.«

Rudolf war völlig in sich zusammengesackt. Er erhob sich langsam und ging schweigend zu der auf ihn wartenden Karosse zurück. Dort schnippte er mit dem Finger, und die dienstbaren Geister öffneten den Wagenschlag. Während er einstieg, hielt er noch kurz inne und rief mir fast tonlos zu: »Ich möchte mich für dieses Gespräch bedanken. Seit mehr als hundert Jahren warte ich auf die Gelegenheit, mich jemandem anvertrauen und über mein verpfuschtes Leben sprechen zu können. Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe.«

Der Wagenschlag wurde geschlossen, und die Karosse entschwand in die Richtung, aus der sie gekommen.

»WIE NEHM’ MA’N DENN
Hans Moser transportiert meinen Koffer

Hans Moser, eigentlich Hans Julier * 6.8.1880 Wien † 19.6.1964 ebd. Volksschauspieler. Musste viele Jahre an Schmieren- und Wanderbühnen auftreten, ehe er für Theater und Film entdeckt wurde. 1910 Kabarettrollen, ab 1924 Dritter-Akt-Komiker im Theater an der Wien, 1925 von Max Reinhardt an das Theater in der Josefstadt, zu den Salzburger Festspielen und nach Berlin geholt. Rund 200 Filmrollen, darunter »Burgtheater« (1936), »Wiener Mädeln« (1944), »Hallo Dienstmann!« (1952), »Hallo Taxi« (1958), »Geschichten aus dem Wienerwald« (1961). In seinen letzten Lebensjahren auch am Burgtheater.

Das soll a Koffer sein? Na hörn S’, des is ja a Schubladkasten!« Der Text kam mir irgendwie bekannt vor. Dabei wollte ich nichts anderes als einen Dienstmann, der mein Gepäck vom Taxi zum Schlafwagen bringt, um mit meiner Frau eine seit langem geplante Venedig-Reise antreten zu können.

»Der hat aber a G’wicht«, nörgelte der Dienstmann weiter und inspizierte den Koffer von allen Seiten. »Einen Koffer so anstopfen, is a Bledsinn! Und nach’n neuen Tarif kommt er Ihna sehr hoch, wenn i den tragen tu.«

Der Mann, der uns am Wiener Südbahnhof gegenüberstand, war nicht gerade groß, er war nicht jung – und kräftig wirkte er schon gar nicht. Vor allem aber gab er ständig neue Kommentare von sich. »Der Kilo kommt Ihna auf drei Euro. Die Frage is nur: Wie nehm’ ma’n denn? Weil, allein bring i’n net rauf, da miassn Sie a bissl nachhelfen, und das Fräulein aa.«

Während meine Gemahlin die Worte des Dienstmannes bisher emotionslos hingenommen hatte, fühlte sie sich jetzt persönlich betroffen: »Ich soll einen Koffer tragen?«, fragte sie gereizt.

»Koffer tragen«, äffte sie der Mann nach. »I brauch ihn ja nur aufg’legt. In dem Moment, wo ich ihn aufg’legt hab, renn ich ja eh damit wie a Wiesel.«

Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Mann den Koffer geschultert hatte, freilich entglitt ihm das teure Gepäcksstück nach wenigen Schritten wieder, und es krachte zu Boden. Das Malheur kostete so viel Zeit, dass der Zug nach Venedig, als wir endlich am Perron einlangten, abgefahren war. »Wunder is kein’s«, gab uns der Dienstmann noch die Schuld, »wann ma mit so an Koffer reist.«

Meine Frau kochte vor Wut, und doch war sie es, die den entscheidenden Hinweis gab. »Das ist nicht irgendein Dienstmann«, flüsterte sie mir zu, »das ist der berühmte, du weißt schon.«

Nun bestand auch für mich kein Zweifel mehr. Hans Moser war nach Jahrzehnten wieder in die Rolle seines Lebens geschlüpft. Und da uns bis zur Abfahrt des nächsten Zuges eine halbe Stunde blieb, wollte ich mir die einmalige Chance nicht entgehen lassen, aus erster Hand zu erfahren, wie er zum größten Volksschauspieler seiner Zeit geworden war. Ich lud ihn auf ein Glas Bier in die anheimelnd gemütliche Atmosphäre der Bahnhofsrestauration ein, wo er die Verantwortung für das eben Geschehene neuerlich auf uns schob: »I hab Ihna glei g’sagt, dass es mit dem Koffer net gehen wird.«

»Sie haben vollkommen Recht«, bemühte ich mich um Deeskalation und erklärte, während wir einem freien Tisch zustrebten: »Vergessen wir den versäumten Zug, vergessen wir den Koffer, erzählen Sie uns lieber aus Ihrem Leben.«

»Aus mein’ Leben? Ich bitte Sie! Geboren, gestorben, das genügt! I bin ja net der Kaiser von China!«

»Aber der Kaiser vom Kino«, zeigte ich mich ob des gelungenen Wortspiels beglückt, doch Hans Moser blickte mich nur skeptisch an.

»Bitteschön, wenn S’ wirklich wollen, erzähl i Ihnen was.« Er deponierte seine Dienstmann-Utensilien am Fuß unseres Tisches und schien sich, während er Platz nahm, kunstvoll um die eigene Achse zu drehen. »Also, begonnen hat alles auf der Wienzeile«, legte er los, »dort bin i aufgewachsen. Mein Vater hat Franz Julier geheißen, er war von Ungarn nach Wien gekommen und hat hier als Maler und Bildhauer gearbeitet. Meine Mutter Serafina hatte ein Milchgeschäft am Naschmarkt, und wir lebten in großer Armut.«

»Wann erkannten Sie Ihre Berufung?«

»Berufung? Hören S’ ma auf! Wie i mit der Handelsschule fertig war, hab ich zu meinem Vater g’sagt, dass ich zum Theater will. Der hat mich ang’schaut, als sei ich verrückt geworden. ›Schauspieler willst werden?‹, hat er gemeint. ›Mit der Stimm und der Figur?‹ Aber niemand auf der Welt konnte mich davon abhalten.«

»Drei Krügel Bier«, bestellte ich beim Ober und schnitt das nächste Thema an: »Dann ging’s wohl auf die Schauspielschule?«

»Schauspielschule war des keine«, entgegnete Moser. »Am Schwarzenbergplatz gab es die private Theaterschule Otto, die hat mich gleich genommen. Aber nur, weil sich das Institut gerade in einer finanziellen Notlage befand und dringend Geld brauchte. G’lernt hab i dort nix, weshalb ich mir dann noch beim Burgschauspieler Josef Moser ein paar private Stunden geben ließ. Aus Dankbarkeit ihm gegenüber hab ich mir später dann den Künstlernamen Moser zugelegt.«

»Wann wurden Sie von Max Reinhardt entdeckt?«, wollte ich wissen.

»Warten S’ a bissl, hudeln S’ nicht so«, wies Moser mich zurecht. »Bis zum Reinhardt war’s ein weiter Weg. Kein Theater hat mich genommenen, nicht einmal in der Provinz. Und so landete ich auf Schmierenbühnen, spielte in schmutzigen Gasthaussälen in Böhmen, hab Kulissen geschoben und Theaterzettel verteilt.«

»Schrecklich«, sagte ich, »der große Hans Moser musste Kulissen schieben.«

»Groß?«, nuschelte er. »Ich bin 1 Meter 57. Und damit für die Liebhaberrollen zu klein. Aber für einen Komiker war i noch zu jung.«

»Da hieß es warten.«

»Über zwanzig lange und trostlose Jahre war i bei der Schmiere, aber i hab gewusst, dass meine Zeit kommen wird.«

Der Kellner stellte das Bier vor uns hin. Der Dienstmann machte einen Schluck und beschwerte sich gestenreich: »Hören S’, Herr Ober, des Bier is ja bacherlwarm, habt’s Ihr kan Eiskasten, so a Lokal hab i no net g’sehn. Und den Schaum muss ma mit der Lupe suchen.«

Als der Kellner davoneilte, um frisches Bier zu holen, moserte Moser ihm noch nach: »In Ober zahlen