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JOHANNES NEUHOFER

ICH BIN JETZT AM
JOHANNESWEG

JOHANNES NEUHOFER

ICH BIN JETZT AM
JOHANNESWEG

Zwölf Geschichten vom Leben

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Aufgezeichnet von
Andrea Fehringer & Thomas Köpf
Unter der Mitarbeit von
Helmut Berger

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Besuchen Sie uns im Internet unter
www.amalthea.at

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.at
Umschlagfotos: © Csaba Szépfalusi, csaba.at (Vorderseite);
© Mühlviertler Alm (Rückseite)
Herstellung und Satz: Franz Hanns
Gesetzt aus der 11,5/15 Punkt Minion
Printed in the EU

Inhalt

Vorwort

1. Der Clown, der niemals lachte

2. Hunger

3. Ein Sinn des Lebens

4. Brüder auf Abwegen

5. Die Stimme des Erfolgs

6. Der Läufer

7. Ein Bub namens Martin

8. Der silberne Schlüssel

9. Neulich im Paradies

10. Die Befragung

11. Post von Fritz

12. Ich bin jetzt am Johannesweg

Nachspiel

Der Johannesweg

Vorwort

Schön, dass wir uns wieder über den Weg laufen.

Oder falls wir uns noch nicht kennen: Servus, ich bin der Johannes.

Der Johannesweg hat eine Breitenwirkung erreicht, wie man sie sich besser nicht wünschen kann. Tausende Menschen sind ihn gegangen, viele haben zu sich gefunden, und ich ziehe den Pilgerhut vor jedem Einzelnen. Das Buch Der Johannesweg war die Basis dafür, die geistige Grundlage. Ein bunter Lebensratgeber, der Schritt für Schritt zu Einkehr und Zufriedenheit führen möchte, idealerweise direkt zur Gesundheit. Als Dermatologe habe ich da schon viele Jahre Erfahrung. Vom Start weg war das Buch ein Erfolg; mein Dank gilt jeder Leserin und jedem Leser. Ihr seid die Wegbereiter, Wegbegleiter und Gefährten einer guten Gesinnung.

Ob es einen zweiten Teil des Buches gebe, hat der Verlag gefragt, eine Fortsetzung. Na schon, habe ich gemeint, man kann den Johannesweg einfach in die andere Richtung gehen.

Im Verlag hat man mir gesagt, dass das so nicht geht. Wir sind zusammengesessen und haben aufgezeichnet, was bisher geschah. Es ist viel passiert, sehr, sehr viel. Der Weg hat bewegt. Hoffnung gegeben. Freude gebracht. Und Freunde gemacht.

»Was du dir nicht erarbeiten kannst, das kannst du dir erwandern«, hat einmal ein weiser Mensch angemerkt. In einer der schönsten und heilkräftigsten Regionen des Landes, rund um die Mühlviertler Alm, kann das heute jeder erleben. Der Johannesweg ist vierundachtzig Kilometer lang und von zwölf schlichten Johannessäulen markiert. Wir haben ihn seinerzeit angelegt als die österreichische Antwort auf den Jakobsweg, was vielleicht ein wenig anmaßend klingt, aber vom Kern her alles sagt. Sinnbild des Johanneswegs ist die weiße Lilie. Aus der Vogelperspektive betrachtet, ergibt der Weg auch auf der Landkarte das Bild einer Lilienblüte. Feierlich eröffnet wurde der Johannesweg am 24. Juni 2012, am Tag des Namenspatrons, Johannes des Täufers, der schon vor zweitausend Jahren den Blick für das Wesentliche geschärft und den Plunder seiner Zeit entrümpelt hat. Ja, es war ein wunderschöner Sonntag, für einen Sonnenbrand gut, als Hunderte Menschen den Johannesweg mit Applaus begrüßten. Waren es die unzähligen Medienberichte, die Sehnsucht der Menschen, unserer hektischen Zeit zu entfliehen, oder beides? Das Buch steht heute in vielen Regalen. Und der Weg – er bekam den Gesundheitspreis des Landes Oberösterreich verliehen – ist inzwischen der am häufigsten angeklickte auf www.wandern.at.

Um die Energie weiter fließen zu lassen, haben wir am 21. Februar 2012 auch den Johannesweg-Verein gegründet, der Menschen zusammenführt und für eine ganz bestimmte Lebenshaltung steht. Eine Denkweise und Lebensschule, die der Gesundheit förderlich sein soll und dabei auch den Geist belebt. Vom Installateur bis zum Ärztekammerpräsidenten, von der Hausfrau bis zur Ministerin, vom Verfassungsrichter bis zum Fußballpräsidenten, vom Skidirektor bis zum Chefredakteur, vom Studenten bis zum Generaldirektor sind umsetzungsfähige und lebensnahe Menschen an Bord. Näheres, wen’s interessiert, auf www.johannesweg.at.

Von Anfang an bekamen wir viele Leserbriefe. Es war mir eine Ehre, sie zu lesen, danke für die Mühe und all die wunderbaren Zeilen. Es waren diese Briefe, die uns auf die Idee gebracht haben, wie das nächste Buch aussehen könnte: Kurzgeschichten rund um den Johannesweg. Schicksale, Gleichnisse, Weisheiten, kleine Moralismen, Szenen, Möglichkeiten und Mikrowelten, kurzum Erzählungen, vielleicht mit wahrem Hintergrund. Mir geht es um die Menschen und den mitunter banal klingenden Rat: Lebe dein Leben. Und finde deinen Weg. Dabei erreicht man immer wieder Meilensteine.

Menschen und Meilensteine. Erfolge und Etappensiege.

Wenn auch Sie Erlebnisse, Ideen und Gedanken rund um den Johannesweg haben – schicken Sie sie mir, ich lese jeden Brief und jede E-Mail, die mich auf praxis@dr-neuhofer.at erreicht.

Zum Abschluss mein ärztlicher Rat: Viel Spaß mit dem Buch, und bleiben Sie gesund.

Dr. Johannes Neuhofer

Linz, Juni 2014

1.
Der Clown, der niemals lachte

Ich habe keine Probleme, nur Geheimnisse.

Es ist so ein Gedanke, der sich plötzlich materialisiert, während er sich schminkt. Beppo sitzt in der Künstlergarderobe, schaut in den von Lampen umrahmten Spiegel und verschmiert weißes Make-up in seinem Gesicht. Er verreibt es so fest, dass ein unbeteiligter Betrachter glauben könnte, er wolle sich die kalkweiße Farbe bis in die untersten Hautschichten einmassieren, um sich nachhaltig zu bleichen. Dabei macht er Grimassen, Aufwärmübungen, Kunststücke mit seinen Wangen, die sich aufblähen und wieder zusammenziehen. Ein Clown muss viel können mit seinem Gesicht. Jetzt muss er vor allem einmal fertig werden.

Gleich beginnt die Vorstellung. Dicke Schichten Lippenstift trägt er auf, ein absurd grelles Rot glänzt ihm im Spiegel entgegen, feucht schimmernd, er schürzt die Lippen. Jetzt das Rouge. Dann der Kajal. Beppo zieht die geschwungenen Bögen der Augenbrauen nach und hebt sie, sie sehen aus wie Raupen. Sie tanzen, während sich seine Mimik verfinstert. So ein lustiger Clown, denkt er, hahaha, dass ich nicht lache. Leicht, fast zaghaft schüttelt er den Kopf. Witzfigur. Alles hohl. Alles verdreht. Ich komme mir vor wie ein umgekehrter Brunnen, denkt er. Nach oben hin ist mein Leben zu, nach unten hin ist es offen.

Er pfropft sich die signalrote Nase ins Gesicht und setzt die grüne Lockenperücke auf, die aussieht, als wäre ihm eine Froschfamilie auf dem Kopf zerplatzt. Grüne Locken, rote Nase, blaue Jacke, fliederfarbene Hose, gelbes Hemd und rosa Schlips, dazu das weiße Gesicht. Es wundert ihn nicht, dass sich manche Menschen vor Clowns fürchten. Beppo nickt dem Spiegel zu. Die paar Falten, mein Gott. Mitte vierzig. Ich habe keine Probleme, sagt er sich – vielleicht sogar so laut, dass man es hören kann –, nur Geheimnisse.

Eines davon ist die Angst. Die Angst, die ihn neuerdings immer öfter beschleicht. Die ihm innewohnt wie eine Ratte, die sich in seine Eingeweide verbissen hat. Sie ist auf einmal dagewesen und nie wieder gegangen. Die Angst ist jetzt Untermieter seiner Seele.

Tock-tock. Beppo zuckt zusammen. Die Tür bleibt geschlossen.

»Zehn Minuten«, brummt jemand von draußen. Papa Franco. Der Zirkusdirektor ist, nun ja … eben wie er ist. Kleiner Mann, großer Tyrann. Niemand wagt es, an ihm zu zweifeln, schon gar nicht laut. Die meisten trauen sich nicht einmal, hinter vorgehaltener Hand schlecht über ihn zu reden, weil der Direktor anscheinend ein Sensorium hat, diese Dinge zu orten: Antennen, die schon Fragmente einer üblen Nachrede aufspüren und den Urheber entlarven, damit er zur Rechenschaft gezogen werden kann. Franco leitet die Geschicke des Zirkus Rizzoli. Er bestimmt, was geschieht, und wem das nicht passt, der fliegt raus. Er, Franco Rizzoli, Gottseibeiuns der Schausteller. Manche halten ihn für einen Teufel oder zumindest einen Kobold, andere für einen Anführer. Er gilt als einer vom alten Schlag. Wobei er das mit dem Schlag wörtlich nimmt. Immer wieder kommt es vor, dass einer der jungen Leute, die zur Truppe gestoßen sind, in der Nacht heult wie ein Schlosshund. Papa Franco zitiert sie unter einem hanebüchenen Vorwand in sein Büro, in seinen Direktionswohnwagen, dort brüllt er sie an, putzt sie zusammen, bis sie so klein sind mit Hut, und dann zieht er den Gürtel aus den Schlaufen. Er behandelt sie, seine erklärte Familie, wie Sklaven, die eine Strafe verdient haben. Weil doch die ganze Welt unter ein Zirkuszelt passt und dort drinnen nur Platz für eine Meinung ist: seine. Er schlägt für sein Leben gern zu, ohrfeigt die Mädchen, tritt die Buben, peitscht sie mit dem Gürtel aus, bis sie Striemen am Rücken oder rote Flecken am Hintern haben und um Gnade flehen, bitte, Herr Direktor, bitte, bitte nicht mehr wehtun. Dann erst entlässt er seine Zöglinge mit erhobenem Finger und der Drohung, dass das nie wieder vorkommen dürfe, sonst … Wobei nie ganz klar ist, was er mit »das« eigentlich meint. Was soll nie wieder vorkommen? Ein Missgeschick? Ein falscher Ton? Ein unrechter Blick? Ein Windhauch? Eine Nebelschwade? Ein Tautropfen am Morgen? Einmal hat Marc, der Sohn des Magiers, einen Teller Suppe fallen lassen: ein Fall für den Gürtel. Ein andermal hat Juanita vergessen, eines der Pferde zu füttern: her mit dem Gürtel. Sza-Sza hat offenbar den weißen Tiger gereizt, zack! Hanni hat den Abwasch nicht ordentlich hinbekommen, wumm! Und Robert, als er noch jünger war und noch nicht auf dem Trapez seine Flugshow aufführte, hatte oft täglich Abbitte leisten müssen: knien, büßen, Gürtel, das volle Programm. Der Direktor nahm es ihm übel, dass er so hübsch war. Und dass er beinahe seine Tochter geschwängert hatte, dürfte auch etwas damit zu tun gehabt haben. Electra heißt sie. Papa Franco hat gedacht, das wäre fein für sie, später im Leben, wenn der Künstlername auch gleich der echte ist. Electra. Was für ein Name. Was für eine Akrobatin. Was für eine Frau.

Beppo begutachtet sich ein letztes Mal im Spiegel. Er kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt gelacht hat. Sei’s drum. Sie touren durch Österreich und den Rest der Welt, aber das Draußen ist nicht so wichtig, weil das Drinnen immer gleich ist, immer gleich sein muss. Die Manege ist der Schauplatz des Seins. Beppo runzelt die Stirn. Augen weit auf, Zunge raus – bäh! – und fertig ist der Clown. Bereit für seinen großen Auftritt.

In zwei Minuten beginnt die Vorstellung. Auf dem Messegelände in Wien brodelt es, so etwas spürt man. Der Zirkus wurde im Vorfeld von den Medien über die Maßen wohlwollend behandelt, was damit zu tun hat, dass der Direktor mit drei Zeitungsherausgebern auf Du und Du ist und im Gegenzug brav Inserate schaltet. In der Medienwelt kann man sich die Liebe kaufen.

Beppo hört den anbrandenden Applaus. So beginnt jede Premierenvorstellung: mit ihm als Zirkuspferd. Ob die wissen, dass unter dem Kostüm ein Feigling steckt, der Frau und Kind verlassen hat? Der Angst hat, wenn ihm die Nacht ihre Vorwürfe zuflüstert? Der nicht wagt, aufzustehen und dem alten Giftzwerg zu sagen, dass er nie wieder ein Kind schlagen soll? Nein, das wissen sie nicht, die Leute. Sie haben ihre Eintrittskarten bezahlt und damit ein Anrecht erworben, in diese Zauberwelt einzutauchen. Kommen Sie näher, kommen Sie herein, hier stehen Pferde Spalier, hier springen Löwen durch brennende Reifen, hier fliegen Artisten durch die Luft, und hier haben Clowns das Lachen verlernt, weil die Maske des Gauklers ihr Gesicht verdeckt und das Grinsen nie mehr ist als aufgemalt, bunt und abwaschbar.

Als er aus der Garderobe tritt, hat Beppo wieder diesen Satz im Sinn, der ihm nicht aus dem Kopf geht. Ich habe keine Probleme, nur Geheimnisse. Er kommt sich vor wie sein eigener Avatar: eine künstliche Person, ein grafischer Stellvertreter, eine Handpuppe. Er geht hinaus, schnurstracks hinüber zum Festzelt und steigt in die Manege. Es riecht nach wilden Tieren, die hohen Tiere sind auch schon da. Alle Ränge sind bis zum letzten Platz besetzt: Festgäste in feinem Tuch, Damen mit toupierten Haaren, Herren mit erwartungsvoller Gleichgültigkeit, blonde Begleitungen, Journalisten und Kameraleute. Sogar ein Minister mit seiner Familie hat sich eingefunden. Jede Menge bekannte Gesichter, knisternde Aufregung. Es wird dunkel. Ein Kreis Scheinwerferlicht fällt auf Beppo. Tusch. Tataaaa! Die Kinder schreien vor Freude. Beppo ist da! Beppo! Der beste Clown der Welt! Er hebt die Arme, winkt linkisch in die Schwärze, die ihn umgibt. Sein Mund verzieht sich zu einem übertriebenen Grinsen. Jetzt winkt er den Kindern in den unteren Rängen beidhändig, und sie kichern. Beppo! Hihi, hier! Er geht eine Runde und tut so, als würde er straucheln, fängt sich wieder und zuckt in aller gebotenen Tollpatschigkeit mit den Schultern. Ha! Bravo!

Beppo stellt sich in die Mitte der Manege, wo eine Tafel steht, die beleuchtet ist. Er nimmt eine gelbe Kreide und zeichnet unbeholfen ein Flugzeug. Dann deutet er auf sich und nickt. Er breitet die Arme aus wie ein Kleinkind, das fliegen will, wirbelt um die eigene Achse, schnell, immer schneller, dreht sich im Kreis, rotiert, bis die Konturen verschwimmen. In dem Moment zuckt er zusammen, als habe ihn ein Stromschlag getroffen. Beppo greift sich an die Brust, hält inne, für ein, zwei, drei Sekunden, er steht da wie eingefroren – und bricht zusammen. Er bleibt liegen. Er rührt sich nicht.

Die Zuschauer klatschen, weil sie es für eine Showeinlage halten, für ein gelungenes Kunststück, Chapeau! Nach ein paar weiteren Sekunden verebbt der Applaus … ein paar Leute werden stutzig und erheben sich von den Sitzen. Das Licht geht an, unnatürlich hell. Eine Frau fasst sich mit der Hand an der Schläfe und stöhnt: »Oh, Gott.« Ein Kind beginnt zu weinen. Noch eines. Die Unruhe schlägt Wellen. Helfer rennen in die Manege. Sie beugen sich zu Beppo hinunter, rütteln ihn, versuchen ihn aufzusetzen. Er bewegt sich nicht. Sie fühlen seinen Puls, schütteln den Kopf. »Ein Arzt! Ist hier ein Arzt?« Niemand meldet sich. »Einen Krankenwagen! Verdammt, ist da keiner imstande, die Rettung zu rufen?« Sie tragen ihn fort. Ein Mädchen schluchzt, fragt seine Mutter ganz vorsichtig: »Mami, ist der Beppo tot?« Eine Stimme aus dem Lautsprecher räuspert sich und sagt: »Meine Damen und Herren, bitte bewahren Sie Ruhe. Bleiben Sie auf Ihren Plätzen. Die Vorstellung geht gleich weiter.« Alle wissen: Sie wird nicht weitergehen. Zumindest nicht mit Beppo. Für ihn ist die Show zu Ende.

Seine Augenlider heben sich wie ein Theatervorhang, langsam, rot und schwer. Er sieht alles verschwommen. Sein Blick ist getrübt. Er versucht, die Ränder der Wahrnehmung zu finden, etwas, woran er sich festhalten kann, aber die Dinge entgleiten ihm oder werden von unbekannter Hand fortgezogen. War das nicht ein Mädchengesicht? Könnte das nicht seine Tochter gewesen sein? War das nicht ein Eckstück Vergangenheit? Er muss sich konzentrieren, die Augen öffnen, die Kanten glätten, die Sicht klären.

Goldbraune Locken, ein Hauch von Bergamotte im Parfüm und ein Lächeln, das alles vergessen macht: Electra. Falls das unklar sein sollte: So sehen Engel aus, so und nicht anders.

»Hi«, sagt sie. »Die Clownnummer war nicht gerade ein Reißer.«

Er schmunzelt und sieht das sterile Spitalsweiß im Zimmer. »Wo bin ich?«

»Im Ritz«, sagt Electra. »Honeymoon-Suite.«

»Hol den Zimmerservice«, sagt er, »der Champagner geht auf mich.«

Ihr Blick wird ernst wie bei einem Vortrag. »Du bist hier im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Kardiologie. Hast uns einen ordentlichen Schrecken eingejagt«, sagt sie und schaut ihm direkt in die Augen. »Ein Herzinfarkt. Keiner, von dem sie sagen, das war jetzt um ein Haar das Ende. Aber immerhin, Infarkt ist Infarkt. Mit sechsundvierzig sollte man was anderes haben.«

»Einen Blutsturz?«

»Sehr witzig. Nein, Bert, wir haben uns wirklich große Sorgen um dich gemacht.« Privat redet sie ihn immer mit Bert an. Bert Grecht heißt er, fast wie der Schriftsteller. Beppo hat sich irgendwann ergeben. Klingt nach Habakuk, hat Rizzoli gesagt, passt zu dir.

»Alle?«

»Na ja, du weißt schon.«

Wie ein alter Mann richtet er sich in dem Krankenhausbett auf, merkt aber, dass er kaum Kraft hat, und sinkt in den Polster zurück. »Dein Vater, unser lieber Herr Direktor, wird wegen der versauten Premiere auch kurz ein Zwicken in der Herzgegend verspürt haben, gell?«

Electra verdreht die Augen, und selbst das sieht aus wie ein Werbeplakat für einen neuen Lidschatten. »Geh, sei nicht so schiach. Du weißt, er ist nicht so …«

»Er ist schlimmer.«

»Bert, bitte.«

»Gut, lassen wir das.« Erst jetzt bemerkt er die Kanüle, die in seiner Armbeuge steckt. Über seinem Bett hängt ein Dreieck, an dem er sich hochzieht, um nicht den Anschein zu erwecken, er liege schon in der Pathologie. »Jetzt sag mir, was ist genau passiert?«

»Du bist mitten in deiner Flugshow umgekippt, einfach so. Ein spektakulärer Abgang, pardon, Unfall oder wie man das nennt. Weißt eh, wie ich das mein. Ein Blitz des Schicksals. Wumm, und du bist dagelegen, wie im Film. Die Kinder haben Rotz und Wasser geheult. Sie dachten, du bist … es hat auch so ausgeschaut.«

»Nur ein toter Clown ist ein guter Clown.«

»Ha … ha.« Sie streicht sich eine Goldsträhne aus dem Gesicht. Das Sommerkleid wirkt dünner als eine Idee. Sie trägt keinen BH. »Der Arzt sagt, du musst dein Leben komplett ändern.«

»Was meint er, eine Geschlechtsumwandlung?«

»Hör auf, Bert. Das Rauchen, das Trinken, du weißt schon. Er sagt, du nimmst auch irgendwelche Tabletten gegen Panikattacken oder so, stimmt das?«

»Nein, das war nur kurzfristig. Der ganze Stress, die Premiere, die neue Vorstellung, dein Vater und alle drum herum ganz narrisch.« Er schaut an ihr vorbei, damit sie die Wahrheit nicht in seinem Blick liest.

»Jedenfalls rät der Doktor dringend zu einer radikalen Wende. Du musst kein Mönch werden, aber ein bisserl ein Fisch auf dem Teller würde dir nicht schaden. Stilles Wasser, Schlaf vor Mitternacht, Sport, Mentaltraining. Positive Gedanken. Schluss mit den Tabletten.«

»Ich könnte auf Heroin umsteigen.«

Electra seufzt. Die Ende dreißig sieht man ihr bei Weitem nicht an. »Du bist unverbesserlich. Können Clowns traurig sein?«

Hast du eine Ahnung, denkt er, sagt aber: »Nur an ungeraden Tagen.«

»Jedenfalls«, ergänzt Electra und deutet in Richtung Monitor, auf dem eine grüne Linie einen Zickzackkurs beschreibt und ein Punkt neben der Zahl 126 pulsiert, »wirst du noch ein paar Tage zur Beobachtung hierbleiben müssen. Sie checken dich von oben bis unten durch.«

»Vielleicht sollten sie’s bei oben belassen. Sonst werden die Schwestern unruhig und die Ärzte neidisch.«

»Schön zu sehen, dass es dir wieder besser geht.«

Er geniert sich in seinem hellblauen Nachthemd. »Was sagst du zu meinem Outfit?«

»Ist zumindest dezenter als deine sonstige Berufskleidung. Hättest du gerne einen Tigerpyjama?« Electra zwinkert ihm zu und sagt im Gehen: »Ich soll dir von allen liebe Grüße und das ganze Zeug ausrichten. Du sollst wieder ganz schnell gesund werden und so weiter. Hast ja so ein großes Herz, zum Glück.« Sie deutet auf den Tisch, voll mit Blumen und Glückwunschkarten. »Ich muss jetzt los. Du weißt, Papa wird sonst … unruhig.«

»Na, das will ja nun wirklich niemand, dass er … unruhig wird.«

»Tschüss, Bert.«

»Schmatz. Fahr vorsichtig. Man landet so schnell im Krankenhaus. Und … danke, dass du da warst.«

Ihre langen Beine, das Wiesengrün des Kleids, die luftigen Haare und die Leichtigkeit ihres Gangs bleiben ihm in Erinnerung wie ein schöner Traum, als er die Augen wieder schließt und sich ausmalt, dass er sie fragen könnte, ob sie nicht vielleicht irgendwann einmal, falls sie kurz Zeit habe, mit ihm auf einen Kaffee gehen wolle, so einen schaumigen Cappuccino, oder ob sie sich möglicherweise ein Abendessen vorstellen könne, eines von den unverbindlichen, die nichts bedeuten oder heraufbeschwören. Einfach ein Abendessen bei Kerzenschein.

Auf dem Zirkusgelände weht der Wind der Niedertracht. Franco Rizzoli sitzt in seinem bordeauxrot eingefärbten Wohnwagen, in der Direktion, und kocht vor Wut, obwohl schon vier Tage vergangen sind seit dem Vorfall. Seit dem Reinfall. Was für eine Schmach. Noch nie in seinen sechsundsechzig Jahren, in denen er mit dem Tross trauriger Gestalten durch die Lande gezogen ist, um dem Publikum, all diesen namenlosen Dummköpfen, das Wesen des Zirkuslebens nahezubringen, niemals ist so etwas passiert. Der Idiot ist einfach eingegangen. Da hat das Schicksal der Marionette die Fäden gekappt.

Das gottverdammte Foto war in allen Zeitungen. Clown Beppo bei der Premiere zusammengebrochen! War es seine letzte Vorstellung? Der Direktor selbst hat über Jahrzehnte und in jedem Zustand seinen Mann gestanden, wie es sich gehört für einen gebürtigen Sizilianer. Mit hohem Fieber, gebrochenem Arm, Gürtelrose, kaputten Bandscheiben, egal, nichts konnte ihn jemals in die Knie zwingen, nicht einmal die Wirtschaftskrise, die dankenswerterweise die meisten Konkurrenten ausgehungert hat, ihn aber nicht. Wäre ja gelacht. Die jungen Leute von heute kennen das nicht, denkt er, sie haben kein Ehrgefühl, nichts, dass sie mit Energie speist, mit Siegeswillen. Den muss man ihnen einbläuen, notfalls mit dem Stock. Der Gürtel, ach, der ist harmlos. Er zeigt den Schwächlingen nur, wo’s langgeht. Sie müssen verstehen. Ihr Sturm und Drang ist ein Furz im Wind. Alle geben so schnell auf. Ein Schnupfen, und sie greinen. Ein Husten, und sie liegen im Bett. Ein Hexenschuss, und sie schreien Gewerkschaft. Was ist nur aus dieser Welt geworden. Alles geht den Bach runter. Er verzieht das Gesicht zur Fratze. Sein Ausdruck ist gemeißelte Verachtung.

»Hallo, Papa«, sagt Electra und reißt ihn aus seinen Gedanken. »Wie schaust du denn drein?«

»Ich schau wie immer. Was gibt’s, Mädchen?« Er nennt sie nie mein Schatz, mein Kind, meine Electra, immer nur Mädchen.

»Ich wollte dir was zeigen, da.« Sie hält ihm einen Folder hin, wartet, dass er ihn nimmt, aber er macht keine Anstalten. Electra legt ihm das Faltblatt auf den Arbeitstisch und bedeutet, er möge einen Blick darauf werfen, doch es scheint ihn in keiner Weise zu interessieren. Sie lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. »Papa, schau doch kurz einmal, das ist etwas Schönes« – sie öffnet den Folder und zeigt auf die Bilder aus der Natur –, »das ist der Johannesweg.«

»Fein. Wir müssen uns auf heute Abend vorbereiten. Es kommt angeblich der stellvertretende Wirtschaftskammerpräsident. Und eine Schauspielerin von der Volksoper, hab den Namen vergessen, Sandra, Monika, irgendwas mit F.«

»Papa, bitte!«

»Was ist denn jetzt schon wieder, Mädchen?«

»Kannst du mir einmal im Leben zuhören? Es geht jetzt einmal ganz kurz nicht um die nächste Vorstellung. Nicht um den Zirkus. Nicht um dich.«

»Pass auf dein loses Mundwerk auf.«

»Ich wollte dir zeigen, wo ich als nächstes Urlaub machen will. Es ist eine Art Wanderweg, nur bedeutungsvoller. Ein Pilgerweg oder so. Die Strecke geht durch Oberösterreich, rund um eine besonders schöne Region: die Mühlviertler Alm. Vierundachtzig Kilometer. Von oben, aus der Vogelperspektive betrachtet, ist der Weg einer Lilienblüte nachempfunden. Die haben das anscheinend als Logo oder Symbol. Eine weiße Lilie.«

»Wunderbar.«

»Ja, find ich auch. Der Johannesweg führt Menschen nicht nur durch die Natur, sondern auch zu sich selbst.«

»Aha.«

»Das Ganze basiert, wie da steht, auf zwölf Weisheiten. Es geht um Einkehr und Zufriedenheit. Zigtausende Menschen sind den Weg gegangen. So ein Doktor aus Linz hat das ins Leben gerufen, ein Hautarzt.«

»Kratzt mich überhaupt nicht.«

»Papa! Ich will den Weg gehen. Ich glaube, das tut mir gut. Ich brauche wieder diesen Kontakt zur Natur. Das Gefühl ist weg. Wir sind nur hier drinnen. Abgeschottet von … na ja, wie im Löwenkäfig. Aber selbst der Simba darf raus und ein bisschen Freiheit schnuppern. Zurzeit ist so viel … ich weiß nicht … ich hab den Eindruck, dass manche Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten.«

»Da sprichst du endlich wahre Worte, Mädchen.« Wie zur Bestätigung nickt er, bis das Doppelkinn zittert. Er fasst sich am Wanst, atmet tief durch und will das Gespräch abbrechen. »Mädchen, ich muss jetzt wirklich –«

»Wir haben hier noch drei Shows. Dann nehme ich mir Urlaub, Papa. Ich brauche das. Es ist mir wichtig. Ich will diesen Weg gehen. Übrigens alleine, falls dich das kümmert oder sorgt. Nach unserem letzten Auftritt in Wien bin ich weg, eine Woche wahrscheinlich. Die Reise beginnt in Pierbach, das ist eine kleine –«

»Damit das klar ist, Mädchen: Urlaub gibt es keinen. Reise gibt es keine. Weg gibt es keinen.« Er schnappt den Folder und zerreißt ihn in der Mitte. Dann faltet er die Papierreste zusammen und zerreißt sie aufs Neue, bis nur mehr Schnipsel übrig bleiben, die zu Boden rieseln.

Electras Augen werden feucht. Sie schluckt, reibt sich die Nase, blickt zu Boden. Eine Träne löst sich und kullert ihre rechte Wange herab. Sie wirkt wie eine Frau, der man gerade die Würde genommen hat.

Auf einmal steht Beppo in der Tür. Na so was, denkt Franco Rizzoli, der muss sich angeschlichen haben oder hereingeschwebt sein. Electra schrickt auf. »Bert! Du … bist schon wieder da?« Sie lächelt zaghaft, und er deutet mit erhobenem Daumen ein Ja. Gleichzeitig merkt Beppo, dass irgendetwas nicht stimmt. »Was ist passiert? Weinst du?«

Rizzoli haut mit der Faust auf den Tisch. »Nichts ist passiert. Niemand weint. Wir hatten ein Gespräch von Vater zu Tochter, und jetzt raus mit euch, alle beide. Und mit dir, du Clown, habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen, das kommt später, frage nicht. Wir müssen uns über die Schadensbegleichung unterhalten.«

Eine nette Begrüßung. Beppo fühlt, wie sich sein Magen verkrampft. Er merkt, wie seine Achselhöhlen schweißnass werden. Es ist ihm schleierhaft, wie ihn der alte Mann derart in Panik versetzen kann. Immer schon hat er ihn gefürchtet. Despoten lassen sich nicht umstimmen, sie ändern ihre Meinung nie. Beppo will etwas sagen, doch es kommt kein Ton aus ihm heraus. Er kriegt kaum Luft. Ein Stahlkorsett hat sich um seine Brust gelegt, und irgendeine fremde Kraft zieht es immer enger zu. Obwohl er steht, kommt er sich vor wie lebendig begraben. Der Körper ist gleichzeitig sein Sarg. Er beginnt zu zittern. Je mehr er sich sagt, dass es keinen Grund für diese unsägliche Angst gibt, desto schlimmer wird es. Er will kein Feigling sein, nein, er will dem Schwein seine Meinung ins Gesicht schreien. Keine Chance. Es geht nicht. Beppo kommt sich vor, als hätte man ihm eine Substanz injiziert, die sowohl den Willen bricht, als auch die Bewegung lähmt. Ja, so sehen Feiglinge aus. Eingefroren in ihrer eigenen Furcht.

»Gibt’s noch was?«, brummt Rizzoli. Er streckt den Arm und fährt den Finger aus wie ein Springmesser. »Dort ist die Tür.«

Electra stellt sich vor ihren Vater. »Nein.«

»Wie bitte?« Rizzoli legt den feisten Kopf schief und grinst wie ein Troll.

»Nein habe ich gesagt.« Electra drückt ihre Schultern nach hinten. Angriffspose. Sie bebt, atmet laut, faucht. »Erstens wollen wir unseren wichtigsten Mann hier begrüßen. Bert, großartig, dass du wieder da bist. So schnell bist du gesund geworden? Das war ein Herzinfarkt, keine Verkühlung. Wir dachten, du würdest länger im Spital bleiben. Und zweitens, Papa, zweitens gehe ich den Weg, von dem ich dir gerade erzählt habe, den Johannesweg, und zwar genau nach unserer letzten Vorstellung hier in Wien. Nach elf Jahren, denke ich, darf man eine Woche Urlaub machen. Ich schätze, das erlaubt sogar mein ganz eigener Künstlervertrag, den du mich als Kind hast unterschreiben lassen, lieber Vater. Ich werde Wanderschuhe einpacken und die Bürde, deine Tochter zu sein, auf mich nehmen. Ich hab vierundachtzig Kilometer Zeit, um über uns nachzudenken. Da wird sicher einiges klar werden, schätze ich.«

Rizzolis Lider zucken. Er verzerrt das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit, ballt die rechte Hand zur Faust und holt aus. Electra sieht den Schlag kommen, die weißroten Knöchel auf sich zuschnellen, immer größer, vier Fingerglieder und der abgebogene Daumen, ein kleiner Presslufthammer direkt vor ihrem Gesicht und –

Stopp. Das Bild wird angehalten. Als habe jemand die Pause-Taste gedrückt. Die Faust wartet in der Luft. Beppo hält den Arm des Zirkusdirektors wie ein Schraubstock. Rizzoli schaut ihn völlig entsetzt an.

Was? Wie? Wer … wagt es? Beppo hat den Schlag aufgehalten, drückt ihm die Hand in Zeitlupe herunter. Und sagt nur drei Worte: »Jetzt. Ist. Schluss.«

Draußen auf dem Messegelände kracht er gegen einen Mann im Anzug. Beppo hat ihn fast umgerannt, weil er mit den Gedanken woanders war, nämlich beim Packen seiner sieben Sachen, beim Gehen. Es ist klar, dass er dem Zirkus den Rücken kehrt, für immer.

»Sie kommen mir von irgendwoher bekannt vor«, sagt der Mann, der seine verrutschte Brille geraderichtet. »Ich weiß nicht genau, wo ich Sie hintun soll.«

»Das hat meine Exfrau auch immer zu mir gesagt.«

Der Anzugmann lacht. »Geht mir gerade so ähnlich.«

»Richtig verheiratet«, sagt Beppo, »ist ein Mann erst, wenn er jedes Wort versteht, das seine Frau nicht gesagt hat.«

»Ist das von Ihnen?«, fragt der Anzugmann.

»Alfred Hitchcock. Der muss es gewusst haben. Hat ja mehr mit Vögeln zu tun gehabt als ich.« Beppo hat sich nach dem Auftritt bei Rizzoli erstaunlich schnell gefangen, manchmal hilft die Bühnenroutine auch im Leben.

»Sie sind schlagfertig. Das gefällt mir. Sind Sie nicht dieser Clown, dieser, dieser …«

»Beppo, ja. Respektive, das war ich bis vor einer Stunde. Ich bin draußen. Der Direktor hat mich gefeuert.«

»Warum?«

»Ich habe seine Tochter vor ihm beschützt. Sie ist … also, wurscht, das würde jetzt zu weit führen. Er hat sie nie sehr gut behandelt. Jetzt war es einmal zu viel des Schlechten.«

Der Mann im Anzug denkt kurz nach und fischt eine Visitenkarte aus seinem Sakko. »Hier. Ich heiße Curd Jürgens. So wie der Schauspieler. Keine Witze bitte, ich kenne sie alle. Mir gehört übrigens das Radio Fun-Fun.«

»Ist das für Stotterer? Fun … Fun?«

Curd Jürgens antwortet nicht, aber hinter seiner Stirn scheint sich einiges zu tun. So schaut jemand aus, der gerade eine Königsidee hat. Und tatsächlich: »Wir suchen einen Leiter für unsere Comedy-Abteilung«, sagt er, »können Sie sich vorstellen, so etwas zu machen? Comedy im Radio? Trauen Sie sich das zu?«

Beppo weiß nicht, wie ihm geschieht. Ist das ein Angebot? Ein Vorstellungsgespräch, das schon wieder vorüber ist? »Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, Sie sind doch bisher auch beruflich … äh … lustig gewesen. Ein Clown ist ja kein Bestatter, nicht?« Curd Jürgens hebt die Augenbrauen über die Brille. »Am besten, wir gehen morgen Mittag essen, dann einen Sprung in den Sender, und wir schauen uns an, ob das was für Sie ist. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass Sie eine Sendung bekommen, wenn Sie sich einmal eingearbeitet haben. Beppo ungeschminkt.«

»Ist das jetzt ein Scherz, oder wie?«

»Wenn es ums Business geht, pflege ich nie zu scherzen, mein Lieber. Rufen Sie mich morgen an, und wir machen uns was aus. Schönen Tag, oder was sagt man einem Clown zum Abschied? Lachen Sie sich wen an?«

Beppo schaut ihm verdutzt nach. Das Schicksal ist manchmal komischer als jeder Witz.

Electra küsst ihn zum Abschied. »Vielleicht sehen wir uns wieder«, sagt sie und drückt ihm einen Zettel in die Hand. Darauf steht nur ein Wort, mit Lippenstift geschrieben. Johannesweg. »Dort findest du mich.«

Beppo packt seine Sachen und will gehen.

Als er seinen Wohnwagen verlässt, stehen alle Kollegen vom Zirkus Spalier. Die ganze Truppe, an die hundert Menschen. Marc und sein Vater, der Magier. Juanita mit einem Pferd. Sza-Sza mit dem weißen Tiger. Hanni, die Schlangenfrau. Robert, der Artist. Die Helfer, die Kinder, alle sind sie gekommen, um ihm die Ehre zu erweisen.

Einer klatscht, langsam, dann noch einer, die anderen stimmen ein, klatschen Beifall, danken ihm für die gemeinsame Zeit. Zwei Minuten lang stehen sie da, nicken ihm zu und applaudieren. Beppos Sicht verschwimmt, er ist so gerührt, dass ihm die Tränen kommen. Einen Satz denkt er, während er im Gehen Electras Blick auffängt: Ich habe keine Probleme, nur Geheimnisse.

Eines davon ist, dass ich dich liebe.

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Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber diese Erzählung, die mir ein Freund (so ähnlich) nahegebracht hat, hat etwas. Sie erinnert mich gleich an zwei Weisheiten des Johanneswegs, nämlich Station eins und drei.

Die erste: Humor soll dein Leben begleiten, denn er beflügelt deinen Geist und erfreut die Gesellschaft.

Und die dritte: Bleibe mutig, es befreit dich von lähmender Angst, der Basis vieler Krankheiten.

Mir zeigt Beppos Geschichte, wie wichtig es ist, seinen Weg zu finden. Lebe das Leben. Finde deinen Weg. Das klingt alles sehr einfach, aber wenn man im Hamsterrad des Alltags vor sich hintrippelt, kommt man nicht so schnell auf Ideen, die etwas abseits vom Notwendigen liegen. Man sagt nicht, puh, jetzt ist es aber höchste Zeit für ein bisserl Entschleunigung, wenn man im Laufschritt lebt. Man nimmt sich nicht Zeit, um das Leben, das man führt, zu überdenken, wenn man im Alltag hintennach ist. Dabei kommt es genau darauf an, wie ich meine. Immer wieder zu schauen, wo man steht. Welcher Weg einen dorthin geführt hat, welche Pfade einen weiterbringen. Und welche Masken man trägt.

Es sind ja nicht nur die Clowns, die etwas verstecken wollen. Haben wir nicht alle mehrere Gesichter? Machen wir nicht vieles, das uns widerstrebt? Verbergen wir nicht manches vor uns selber? Weil wir meinen, gefangen zu sein in unserem Tun, ohnmächtig gegenüber einem namenlosen Etwas, gelähmt von einer Angst ohne triftigen Grund. Hat nicht jeder irgendwo einen Zirkusdirektor, der einen piesackt? Triezt, wie man so sagt.

Oft scheint es, dass man – obwohl man’s besser wüsste – wider seine Natur lebt. Es ist, als würde man in einem Film mitspielen, bei dem das Genre noch nicht stimmt. Du hast dich auf die Hauptrolle in einer Komödie eingestellt, dich aber in einem Horrorfilm verfangen. Du hättest gerne die Liebesszene gemacht, bist aber gerade mit einer Kettensäge gevierteilt worden. Und weit und breit ist kein Regisseur.

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