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Günther R. Leopold

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Wachsgesicht

GÜNTHER R. LEOPOLD

WACHSGESICHT

E I NP H O E N I XK R I M I

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Inhalt

Kapitel I.

Kapitel II.

Kapitel III.

Kapitel IV.

Kapitel V.

Kapitel VI.

Kapitel VII.

Kapitel VIII.

Kapitel IX.

Kapitel X.

Kapitel XI.

Kapitel XII.

Kapitel XIII.

Kapitel XIV.

Kapitel XV.

Kapitel XVI.

Kapitel XVII.

Kapitel XVIII.

Kapitel XIX.

Kapitel XX.

Kapitel XXI.

Kapitel XXII.

Kapitel XXIII.

Kapitel XXIV.

Kapitel XXV.

Kapitel XXVI.

Kapitel XXVII.

Kapitel XXVIII.

Kapitel XXIX.

Kapitel XXX.

Kapitel XXXI.

Kapitel XXXII.

Kapitel XXXIII.

Kapitel XXXIV.

Kapitel XXXV.

I.

Eine finstere Nacht erstickte alles mit undurchdringlichem Schwarz. Nur in der Ferne, so weit schon, dass es für das Auge manchmal mit dem Dunkel verschwamm, schienen einige Lichtpunkte in der Luft zu schweben. Das mussten die Signalmasten der Bahnlinie von Dover nach London sein.

Auf einmal wurde ein halbkreisförmiges Stück des Nachthimmels licht. Ein Hügel mit Büschen und Bäumen zeigte immer klarer seine Konturen. Kurz danach wurde die Lichtquelle sichtbar und entpuppte sich als scharfer Strahl zweier Scheinwerfer; ein geräumiges, sechsitziges Personenauto kam rasch näher. Der Wagen musste gut gefedert sein, denn er schien über die zahlreichen Schlaglöcher der Straße geradezu hinwegzugleiten. Seltsam, warum fuhr ein so elegantes Auto auf einer schlechten, abseits gelegenen Nebenstraße? Und das mitten in der Nacht?

Für Sekunden wurde im rückwärtigen Teil des Wagens, wo ein menschengroßes, planenverpacktes Bündel lag, eine Beleuchtung eingeschaltet. Eine Hand tastete prüfend umher und verweilte kurz am Kopfende des gut verschnürten Pakets, aus dem qualvolles Stöhnen drang. Diese Hand war bemerkenswert, weil der kleine Finger bis auf den Stumpf fehlte. Im selben Augenblick erlosch das Licht wieder, als fürchtete jemand, man könnte zu viel gesehen haben. Doch der Einzige, der jetzt um den fehlenden Finger wusste, würde bald nichts mehr erzählen können.

Die Fahrt verlangsamte sich. Bei einer Hecke stoppte der Wagen, mit einem letzten Aufseufzen erstarb der Motor, die Lichter verlöschten. Wieder zog die Nacht ihre schwarze Decke über die Landschaft. Minuten verstrichen, in denen sich nichts regte. Dann ertönte eine Stimme aus dem Heck des Wagens, eine Stimme, die, kalt und gefühllos, nichts Menschliches an sich hatte.

»Es ist Zeit! Ihr wisst, was ihr zu tun habt!«

Der Fahrer und sein Beisitzer sprangen aus dem Auto und öffneten eine hintere Wagentür. Sie zogen das im Fond liegende Bündel heraus, das wie unter Krämpfen stöhnend hin und her zuckte. Die beiden Männer schleppten es in die Nacht davon in Richtung Bahndamm.

Manchmal drehten sie sich um, mit einem Schauder im Nacken, als folgte ihnen die kalte, furchterregende Stimme. Und schneller, als hätte sie jemand körperlich angetrieben, hasteten die beiden Männer weiter.

Vorne am Bahndamm machten sie sich zu schaffen. Für Sekunden huschte ein schmaler Lichtstreif umher, gleich darauf wieder verschluckt vom Schwarz der Nacht. Man konnte nicht erkennen, was sie so eilig zu verrichten hatten. Ihre Last hatten sie abgesetzt. Und abermals erklang dieses dumpfe Stöhnen, als wollte jemand schreien und konnte es nicht.

Jetzt nahmen die zwei das Bündel wieder auf und schleppten es zu den Schienen. Wenn darin ein Mensch war, dann musste es sich der Größe nach um einen Riesen handeln, den man wie ein Paket verschnürt hatte. Wie gut, dass die Nacht keine Augen hatte, sonst hätte sie zusehen müssen, wie die beiden Verbrecher ihr Opfer an den Schienen festbanden.

Rasch kehrten die zwei Handlanger einer furchtbaren Stimme zu ihrem Auto zurück. Sie schwangen sich auf die Vordersitze, sprachen kein Wort und man wusste nicht, ob aus Angst vor dem, was sie getan hatten, aus Angst vor der kalten Stimme oder aus Angst davor, was kommen musste.

Fünf lange, stille Minuten vergingen, die sich dahinzogen wie eine Ewigkeit. Dann drang durch die drückende Stille hartes Hämmern, das rasch wie zu einem Trommelwirbel anschwoll. Zwei Lichtaugen stachen durch die Nacht, dahinter ein langer Schwanz hell erleuchteter Waggonfenster. Der Eilzug kam auf die Minute pünktlich.

Plötzlich durchschnitt ein durchdringendes Kreischen und Ächzen das Geräusch des fahrenden Zuges. Der Lokomotivführer musste alle Bremsen gezogen haben. Trotzdem kam die Maschine erst nach jener Stelle zum Stehen, an der sich die beiden Männer zu schaffen gemacht hatten. Vorne wurden Waggontüren aufgerissen, Stimmen riefen durcheinander, fragten und erhielten verstörte Antworten.

In diesem Augenblick setzte sich der Wagen wieder in Bewegung, wendete und fuhr den vor Kurzem genommenen Weg zurück. Auf der Hauptstraße verdoppelte er seine Geschwindigkeit. Es war ein starker Motor, der den Wagen immer schneller durch die Nacht jagte. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Fahrzeuges tauchten ihn für Sekunden in gleißendes Licht und ließen sein dunkles Blau aufglänzen.

Für einen Augenblick war der Lichtschein auch in das Innere des Wagens gedrungen und über das Gesicht des Mannes im Heck gehuscht. Aber nichts Menschliches war an diesem Gesicht – es war eine grünlich schimmernde, wächserne Maske.

II.

Ungefähr zur gleichen Zeit ereignete sich in New York ein nicht unbedeutender Vorfall.

Billy Patson lautete sein bürgerlicher Name. Er hielt sich selbst für den König der Betrüger – nein, er war es! Außerdem war er ein umsichtiger Mann, der seine Gaunereien großen Stils reibungslos abzuwickeln verstand, weil er meist allein »arbeitete«; nur gelegentlich bediente er sich des einen oder anderen Mitarbeiters. Obwohl er aus London stammte und eine Schwäche für England hatte, kannte man ihn auch in den Staaten recht gut, denn er hielt sich an den Grundsatz »Wo es mir gut geht, ist meine Heimat«, und besonders in USA gab es einige Leute, die seinem seriösen, distinguierten Aussehen unfreiwillige Opfer gebracht hatten. Allerdings ließ sich gegen den ehrenwerten Billy nichts unternehmen, denn einer Fliege, die über Glas läuft, hätte man eher eine Spur nachweisen können als ihm. Er war ein Künstler in seinem Fach.

Schon lange wusste er, dass Charles Bondrix, der gefeierte Schallplattenstar und Schauspieler, bei der Central Bank über ein ansehnliches Konto verfügte. Er verdankte dieses Wissen einem kleinen, auf die große Welt neidischen Bankbeamten, der zumeist einen trockenen Gaumen besaß. Solche Menschen konnte Billy gut verstehen.

Als sich der Sänger, besagter Bondrix, einer Operation unterziehen musste, hielt Billy seine Zeit für gekommen. Es fügte sich dabei glänzend, dass Bondrix’ Manager alles geheim hielt, weil man nicht wusste, ob Krebs nicht nachteilige Auswirkungen auf den Publikumserfolg des Stars haben könnte. Dass Billy dennoch davon erfuhr, hing mit einer hübschen und sich vernachlässigt fühlenden Sekretärin zusammen. Natürlich streng vertraulich!

Streng vertraulich stieg auch ein gut gekleideter Herr in derselben Nacht, in der Bondrix in eine bekannte Klinik gebracht worden war, in die Villa des Sängers ein. Doch schien der Einbrecher wenig Wert auf gewöhnliche Kostbarkeiten zu legen, denn er interessierte sich vor allem für das Scheckbuch des Sängers. Einige Schmuckgegenstände sowie leicht zu verstauende Banknoten, die anlässlich dieses Ereignisses aus der Villa verschwanden, waren als bloße Andenken zu werten.

Nun fängt man mit einem gewöhnlichen Scheckbuch bekanntlich nicht allzu viel an, mag der Besitzer auch über ein noch so großes Bankkonto verfügen. Doch Billy war nicht unbescheiden, freute sich über den bisherigen Gang der Dinge und glaubte, sich zu helfen zu wissen. Dabei kam ihm zugute, dass der eben (in aller Stille) operierte Bondrix sein Scheckbuch innerhalb der nächsten zwei Tage kaum vermissen würde; und eben diese Zeit würde der ehrenwerte Patson benötigen. Zweifellos hätte es Bondrix geschmeichelt, hätte er gewusst, dass am nächsten Morgen ein vornehmer Herr zahlreiche Platten des Sängers kaufte. Außerdem verschaffte sich Patson, der auch zu diversen Rundfunkgesellschaften Beziehungen hatte, einige Tonbandaufnahmen aus einem Hörspiel, in dem Bondrix mitgewirkt hatte. Etwas später beschäftigte sich der rührige Billy damit, diese Platten samt den Bandaufnahmen einem aufgedunsenen jungen Mann vorzuspielen, der in einem Korbsessel saß und sich das Ganze viele Male anhörte. Von Beruf war er Stimmenimitator, aber schon mehr als ein halbes Jahr ohne Engagement. Solche Leute konnte Patson stets gebrauchen, wenn auch nur zu gelegentlicher Mitarbeit.

Unterdessen ließ Billy verschiedene Postkarten holen, auf denen Bondrix abgebildet war. Nicht dass er ein besonderes Faible für den geschniegelten Star gehabt hätte, aber auf jeder dieser Karten fand sich auch das schwungvolle Autogramm des Sängers. Dass die Unterschriften nicht immer gleich schienen, erleichterte die Aufgabe. Denn im Nebenzimmer wartete schon ein schmächtiger Mann, der, mit dicken Brillengläsern bewaffnet, kurzsichtig um sich blickte. Er machte einen völlig harmlosen Eindruck und hatte doch einen Großteil seines bemerkenswerten Lebens hinter Gittern verbracht. In diesem Zusammenhang mag es nicht unwichtig erscheinen, dass er stets wegen des gleichen Delikts verurteilt worden war: Fälschung. Patson schätzte ihn als großen Könner in seiner Branche.

Den ganzen Tag über beschäftigten sich Billy und seine zwei Helfer damit zu üben, denn der ehrenwerte Patson war, wie gesagt, ein umsichtiger Mann, der alles Übereilte hasste. Am Abend hielt er eine kleine Generalprobe ab, die ihn vollauf zufriedenstellte. Er legte sich mit dem guten Gewissen eines Mannes nieder, der wusste, alles genau vorbereitet zu haben. Und ein solches Gewissen ist das beste Ruhekissen, auch wenn es sich um die Vorbereitung eines Betruges handelte.

Der nächste Tag sah ihn bei emsiger Tätigkeit. Zuerst rief der Stimmenimitator als Charles Bondrix bei der Central Bank an. Er unterrichtete den Abteilungschef von seiner Absicht, in etwa einer Stunde einen vertrauten Bevollmächtigten schicken zu wollen, der eine große Summe Geldes abheben würde. Der Abteilungschef erkannte Bondrix natürlich sogleich an der Stimme, der Schauspieler sprach ja eigentümlich genug. Man werde alles vorbereiten. Selbstverständlich gegen Scheck und Unterschrift, versteht sich!

Billy grinste neben dem Telefon. Selbstverständlich gegen Scheck und Unterschrift. Damit hatte der Imitator seine Rolle beendet. Er schiffte sich einige Stunden später mit neuem Kapital nach England ein.

Inzwischen begutachtete Billy den Scheck nochmals mit einer Lupe. Die Arbeit des schmächtigen Männchens mit den dicken Brillengläsern schien vorzüglich. Nicht einmal Bondrix hätte einen Unterschied feststellen können. Patson übergab seinem Mitarbeiter ein kleines Päckchen Banknoten; mehr als ursprünglich vorgesehen, aber solche Talente musste man sich warmhalten.

Und damit folgte der dritte Teil der Aktion. Genau eine Stunde und sieben Minuten nach dem Anruf des Pseudo-Bondrix präsentierte ein vornehmer, schon leicht ergrauter Herr mit Schnurrbart den Scheck zum Inkasso. Er müsse sich einen Augenblick gedulden, entschuldigte sich der Beamte am Schalter. Im Hinblick auf die Höhe der Summe müsse natürlich die Unterschrift geprüft werden.

Der seriös aussehende Herr nickte zustimmend. Er kannte die Formalitäten und fühlte sich nicht im Geringsten beunruhigt. Doch plötzlich ergriffen zwei Männer, die man auch in Zivil unschwer als Polizisten erkannte, seinen Arm. Alles war so schnell gegangen, dass sich der Herr gar nicht zur Wehr setzen konnte. Ein bekannter Inspektor klopfte dem Verhafteten jovial auf die Schulter: »Kein Aufsehen bitte!« Damit drängte er ihn in einen Nebenraum. »Nun, Billy, doch einmal ins Garn gegangen?!«

Patson – denn er war es – spielte den Empörten: »Sie scheinen mich zu verwechseln«, brauste er auf.

»Tatsächlich, der Schnurrbart könnte täuschen«, lachte der groß gewachsene Inspektor und riss diesen rücksichtslos ab. »Übrigens, warum tragen Sie denn ein solches Menjoubärtchen?«, höhnte er.

»Weil sie gerade so in Mode sind«, versetzte Billy gelangweilt, obwohl er wusste, dass das mit der Mode nicht stimmte. Dann gab er keine Antwort mehr. Seine Gedanken jagten durch den Kopf. Er wusste, dass das Spiel aus war, doch konnte er sich den Fehlschlag nicht erklären. Hatte ihn einer seiner Mitarbeiter verraten? Er wollte es nicht recht glauben.

Auf der Fahrt ins Polizeihauptquartier zeigte sich der groß gewachsene Inspektor überaus gesprächig. »Warum lesen Sie eigentlich keine Zeitung?«, spöttelte er.

»Wie hängt das mit mir zusammen?«, erkundigte sich Patson vorsichtig.

Der Inspektor schob ihm lächelnd ein Morgenblatt hin und deutete auf eine angestrichene Stelle. Billy Patson las mit gemischten Gefühlen:

»Völlig unerwartet kommt die Nachricht, dass Charles Bondrix, der sich gestern einer schweren Operation unterziehen musste, in den Abendstunden an einer Embolie gestorben ist. Der Sänger …«

Mit einem Fluch zerknüllte Patson das Blatt und schleuderte es zu Boden.

»Ja, Pech gehabt, mein Lieber«, schmunzelte der Polizeibeamte. »Gestern Abend starb Bondrix und heute Morgen rief er bei der Bank an. Ein Glück nur, dass der gute Direktor an keine Geister glaubte und uns für diese Stimme aus dem Jenseits interessierte.«

»Man soll sich nicht mit Schauspielern abgeben«, knurrte Billy böse. »Auf solche Menschen ist kein Verlass. Hätte er nicht einen Tag später sterben können?«

Seit dieser Zeit hegte der ehrenwerte Patson eine nicht unbegründete Abneigung gegen Zeitungen. Er widerstand lange Zeit heldenhaft allen finanziellen Verlockungen, die Einzelheiten des großen Coups in einer Zeitung zu veröffentlichen. Eine Illustrierte – nebenbei bemerkt bot sie den höchsten Preis – bekam schließlich einige Originalartikel aus der Feder Billy Patsons. Aber genau genommen ist eine Illustrierte auch keine Zeitung und – man musste doch wenigstens die Unkosten hereinbringen. Übrigens brauchte sich der ehrenwerte Patson über »Kosten« in den nächsten Jahren keine übertriebenen Sorgen zu machen.

Seit damals ist viel Zeit verstrichen. —

III.

Andy Burke war von Natur aus neutral. Beim Rennen zum Beispiel pflegte er stets auf zwei Favoriten zu setzen; wahrscheinlich, weil er zweimal verlieren wollte. Und er hätte bestimmt die extreme Linke und die konservative Rechte gewählt, wenn man ihm zwei Stimmzettel zugebilligt hätte. Auch in seinem Beruf verhielt er sich neutral. Schuld daran trug sein Zimmer. »Das verteufeltste Zimmer von ganz Scotland Yard«, wie er sich oftmals zu beschweren pflegte. Denn es lag genau zwischen dem Zimmer von Cliff Gordon und jenem von Samuel Hutchingson. Und das bedeutete immerhin einiges!

Unter diesen Voraussetzungen musste man es geradezu als Wunder bezeichnen, dass Andy Burkes Haar seit dreiunddreißig Jahren das gleiche schreiende Rot aufwies. Eigentlich hätte es seit genau sechzehn Monaten grau sein müssen. Denn sechzehn Monate waren es her, seit man ihm als Sergeant dieses Zimmer zugewiesen hatte. Manchmal war es schwer gewesen, mit seinem Vorgesetzten Cliff Gordon auszukommen, aber es schien ein sanftes Fegefeuer gegen die Hölle bei Samuel Hutchingson. Der rothaarige Andy Burke schnitt seinem zweiten Vorgesetzten eine unehrerbietige Grimasse. Gleich darauf erschrak er, denn er hätte es Hutchingson zugetraut, sogar durch verschlossene Türen zu blicken.

Aber er hätte ohne Sorge sein können. Mr. Samuel Hutchingson saß bekümmert an seinem Schreibtisch und seine einzige Beschäftigung bestand darin, ein Bild an der gegenüberliegenden Wand anzustarren. Es handelte sich um eine Reproduktion von William Turner und stellte ein in duftigen Farben gehaltenes Bild von Venedig dar.

»Es ist traurig«, sagte Mr. Hutchingson und so begann er am Tag hundertmal einen Satz, »dass es ein so reizvolles Stück Erde gibt, während man dazu verdammt ist, seine wenigen Jährchen in diesem Nebelnest zu vertrauern. Es ist jammervoll!«

Seine Sekretärin schien an derartige Klagen gewöhnt zu sein, denn sie ließ sich in ihrer Beschäftigung kaum stören. Allerdings waren es auch zu schöne, schlanke Hände, deren Fingernägel sie mit dezentem Rot bemalte. Weshalb hätte sie aufblicken sollen? Sie wusste, Hutchingson liebte das Farbige und hasste das Graue. Sein ganzes Zimmer hatte er mit Drucken von William Turner geradezu tapeziert, und sie wusste auch, dass der berühmte Maler von 1775 bis 1851 gelebt hatte, denn ohne dieses Wissen war noch nie eine Sekretärin bei Hutchingson ausgekommen. Es war sein zweitliebstes Thema. Nur über Verbrecher pflegte er noch lieber zu schwatzen – oder, besser gesagt, über einen!

Mr. Turners farbige Bilder gehörten nun einmal zu Samuel Hutchingsons Absonderlichkeiten, doch war dies bloß eine seiner vielen Marotten. Die wenigsten kannten ihn unter seinem richtigen Namen. Meist wurde er »der Melancholiker« oder »der traurige Sam« genannt, weil es eine seiner liebevoll gepflegten Gewohnheiten war, die Welt schlecht und traurig zu sehen. Manchmal schwelgte er in Weltschmerzgedichten von Byron, dann wieder erwähnte er Schopenhauer, obwohl einige wissen wollten, dass er alles andere als philosophisch veranlagt war. Und eine leidbetonte Miene pflegte er zu tragen wie andere einen Bart.

Er hätte noch einiges »Schmerzliches« zu sagen gehabt, aber der Eintritt eines jungen, gut gebauten Mannes hinderte ihn daran.

»Den schönsten guten Tag«, verkündete Cliff Gordon beinahe feierlich und seine fröhliche Stimme färbte den Raum mehr als alle Turner-Reproduktionen zusammen. Miss Ellen Ward, die Sekretärin, hatte es plötzlich sehr eilig, den Nagellack in ihrem Handtäschchen verschwinden zu lassen. Cliff Gordon stockte ein wenig ratlos, und ratlos sollte ein hoffnungsvoller Inspektor von Scotland Yard nie sein. »Hm, Andy meinte, es könnte inzwischen etwas Neues vorgefallen sein.«

»So, meinte Andy?« Der Melancholiker war sichtlich bekümmert. »Doch wie soll etwas Neues vorfallen, wenn Sie mir jeden zweiten Augenblick einen ›schönsten guten Tag‹ wünschen? Haben Sie noch nie etwas davon gehört, dass man den Neuigkeiten Zeit lassen muss, vorzufallen?« Davon hatte Gordon nun wieder nichts gehört. Er schien eine gesprächige Phase des Melancholikers erwischt zu haben, denn Hutchingson ließ sich nicht stören: »Sie kommen in letzter Zeit so oft, dass ich mich manchmal frage, ob es nicht Ihr Zimmer ist und ich im falschen sitze. Oh nein, entschuldigen Sie sich nicht«, wehrte er mit beiden Händen ab, »natürlich ist der gute Onkel Turner daran schuld. Kein Wunder, seine Farben ziehen jeden in ihren Bann, nicht Gordon? Oder sollte Sie das attraktive Blond von Miss Ward noch mehr anziehen? Das wäre traurig, sehr traurig sogar, wenngleich ich durchaus nichts gegen blond habe.«

Cliff Gordon errötete leicht, was eigentlich Aufgabe der Sekretärin gewesen wäre. Auf jeden Fall warf er dem »traurigen Sam« einen fürchterlichen Blick zu, wie der Melancholiker bekümmert feststellte.

»Ja, wenn Blicke töten könnten«, murmelte Hutchingson und das Schreckliche war, dass er nicht etwa spöttisch lächelte, sondern tieftraurig vor sich hin sah, »dann müsste der strebsame Inspektor Cliff Gordon sich jetzt selbst verhaften. Und das wäre traurig, so ein hoffnungsvoller junger Mann, der noch dazu unleugbar hübsch aussieht. Halt, wo wollen Sie denn hin, Gordon? Sie werden doch vor ein paar Komplimenten nicht davonlaufen wollen. Natürlich haben Sie recht, es ist ein Jammer, dass ein Inspektor in den besten Jahren mit einem rotschopfigen Sergeanten auskommen muss, während eine alte Vogelscheuche wie ich stundenlang mit einer entzückenden jungen Dame allein beisammensitzt, vorausgesetzt, ich werde nicht von übereifrigen Inspektoren dabei gestört.«

Der Melancholiker hatte sich aus seinem Sessel erhoben und stelzte mit Beileidsmiene auf den Inspektor zu. Wie hatte er doch selbst gesagt? Vogelscheuche! Das konnte stimmen. Er war eine dürre, lang gestreckte Gestalt mit darüber geworfenen, viel zu weiten Kleidern. Neben seinen mannigfachen Begabungen schien er auch in der Kunst des Gedankenlesens bewandert zu sein.

»Traurig, meine Erscheinung?«, fragte er mit sanfter Wehmut. »Aber was soll ich tun, wenn ich um eine Krawatte bereits den halben Druck von Turners ›Schneesturm‹ bekomme? Eine Originalzeichnung würde mich gut und gern drei neue Anzüge kosten.«

Jetzt wurde Gordon beinahe melancholisch. Jedenfalls legte er viel Trauer in seine Stimme: »Sie haben recht, es ist zum Weinen! Sie sollten es einmal mit Betteln versuchen, Cheapside zum Beispiel, wo die schönen Läden sind. Dort kann ein Mann mit einer traurigen Miene und ein paar schmerzlichen Worten in einem Tag das verdienen, was sich ein armer Inspektor von Scotland Yard als gerechten Wochenlohn vorstellen würde.«

Mr. Samuel Hutchingson fühlte sich versucht, Gordon zu unterbrechen, denn er hielt nichts davon, dass man ihn mit seinen eigenen Waffen schlug. Doch dieser ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Sagen Sie ja nicht, in diesem Beruf stecken keine Möglichkeiten. Erst heute Morgen beobachtete ich einen. Es war der bemerkenswerteste Bettler, den ich je gesehen habe.«

Nun unterbrach ihn der Melancholiker doch, und als er sprach, hatte man das Gefühl, als kannte er zwei Arten von Ernst: einmal, wenn er traurig sein wollte, und einmal, wenn er – wie jetzt – wirklich ernst war. »Hatte er den Oberkörper eines Riesen und zwei Stümpfe als Beine?«, fragte er mit einem wachsamen Blick.

»Allerdings, aber …« Gordon wunderte sich. Wie konnte Hutchingson das wissen?

»Dann war es wirklich der bemerkenswerteste Bettler!« Der Melancholiker blickte nachdenklich durch die trüben Fensterscheiben. »Ja, ich kenne ihn«, beantwortete er die unausgesprochene Frage. »Ich kannte ihn schon, als er im Varieté auftrat und mit Kraftleistungen viel Geld verdiente. Aber ich glaube, sein hässliches Gesicht ließ ihm keine Chance. Er hatte ein so abstoßendes Äußeres, dass er sich in feinen Lokalen nicht sehen lassen konnte. So ging er in schlechte. Eigentlich ist er Italiener und spricht bis heute ein schlechtes Englisch. Man nannte ihn ›Orso‹, den Bären. Es passte zu ihm, denn ich sah selbst, wie er dicke Eisenstäbe bog, als wäre es Draht. Aber, wie gesagt, er kam auf die schiefe Bahn und da rutscht man leicht aus. So wurde er einer der Leute – und eines der Opfer – von Wachsgesicht.«

Der Melancholiker schwieg verloren. Erst als er Gordons spöttisches Lächeln bemerkte, fuhr er wieder fort und es klang beinahe müde: »Ja, ja, ich weiß, Wachsgesicht ist ein Phantom, eine Einbildung des alten Hutchingson oder, um es modern auszudrücken, mein Komplex! Und die jungen, realistischen Herren von heute wollen mit Phantomen nichts zu tun haben. Schon der Name – Wachsgesicht – klingt reichlich romantisch. Gleich werden Sie sagen, ich möge Ihnen einen Polizeibericht zeigen, in dem dieser Name aufscheint. Aber er scheint nicht auf; nur die Kleinen sind verzeichnet, fotografiert und in Karteien geordnet. Und doch lebt Wachsgesicht, bricht Tausende Herzen und verstreut überall sein Leid. Sagen Sie nicht, dass sei theatralisch, es ist die Wahrheit! Ich wollte, dieses Wachsgesicht, dieses Phantom würde nur in meinen Angstträumen existieren. Aber sind Sie schon einmal des Nachts durch Deptford, Whitechapel oder Saint Giles gegangen? Dort flüstert man seinen Namen, nicht laut, denn man fürchtet ihn. Und es sind keine ängstlichen Leute, die dort wohnen.«

Hutchingson blieb vor seiner Sekretärin stehen, die wie gebannt auf ihn starrte. »Oh, keine Angst, Miss Ward«, spottete er, »Wachsgesicht ist ja nur eine Ausgeburt meiner Fantasie! Das behaupten wenigstens Inspektor Gordon und einige andere. Und doch würde ich Gordon und den anderen nicht wünschen, auf dieses Fantasiegebilde zu stoßen. Sie würden sich fürchten, nichts weiter.« Gerade in der Einfachheit seiner Behauptung lag etwas Überzeugendes. Hutchingson wandte sich dem Inspektor zu: »Glauben Sie mir, Gordon, aus Ihnen könnte viel werden. Sie haben nur einen Nachteil: Ihre neuen Methoden! Vielleicht haben Sie zu viele der modernen amerikanischen Filme gesehen, in denen man den Mörder von Anfang an kennt, in denen er gehetzt wird mit Tausend technischen Finessen, mit Radio, Funkwagen und modernen Methoden. Das erinnert mich an eine unfaire Jagd, wenn zehn Jäger und zwanzig Treiber mit dreißig Hunden ausziehen, um am Ende ein paar Hasen zu erlegen. Ich habe den Eindruck, als ginge ich mit einer armseligen Flinte auf Großwildjagd.«

Gordon fühlte sich beeindruckt, und das ärgerte ihn. Er konnte aus Hutchingson nicht klug werden. Keiner der Jungen vermochte es. Dem Rang nach war der Melancholiker Chefinspektor, aber keiner im Yard wusste Näheres über ihn. Er jagte seinen Marotten nach und dafür behandelten ihn Sir Hendricks und die anderen Oberen mit ausgesuchter Höflichkeit. Doch mehr als die Hochschätzung des Polizeipräsidenten gab Gordon etwas anderes zu denken: Wenn ein Verbrecher erfuhr, dass Inspektor Cliff Gordon sich für eine Sache interessierte, würde er äußerst behutsam und mit besonderer Vorsicht zu Werk gehen. Aber schon der Name des Melancholikers würde ihn veranlassen, auf jedes weitere Vorhaben zu verzichten und London auf dem schnellsten Weg zu verlassen. Sie hatten vor diesem schlottrigen, dünnen Mann mehr Respekt, als ihnen ein Dutzend sportgestählter Detektive einflößen konnte. Und an manchen Tagen verstimmte das Gordon.

»Ja, ich weiß«, spottete er, »Sie werden mir jetzt einen Vortrag halten, dass die Tätigkeit eines Beamten bei Scotland Yard eine Kunst und kein Handwerk ist. Und Sie werden eine halbe Stunde über Ihre viel gepriesene ›alte Schule‹ reden und eine weitere halbe Stunde über die Schablonenhaftigkeit der jungen Leute.« Gordon machte mürrisch eine Pause. »Sagen Sie mir lieber«, fragte er dann, »was mein Bettler aus Cheapside mit Ihrem Wachsgesicht zu tun hat?«

Der Melancholiker fasste sich erstaunlich kurz: »Wie ich bereits erwähnte, kam er in schlechte Gesellschaft, wurde einer von Wachsgesichts Leuten. Dann beging er die Unvorsichtigkeit, sich gegen Wachsgesicht aufzulehnen. Niemand sollte das tun. Aber Orso, der Bär, tat es. Vielleicht vertraute er zu sehr auf seine Kräfte. Ein schlankes, zierliches Ding, mit genau dem gleichen Haar wie Miss Ward spielte dabei eine verhängnisvolle Rolle. Das Ende der ganzen Angelegenheit war, dass Orso gebunden auf dem Bahndamm Dover – London lag und der Eilzug mit rasender Geschwindigkeit näher kam.«

»Nein?!« – Gordon schrie fast.

»Doch! Sie haben ganz recht gehört. Aber irgendwie gelang es ihm mit seinen übermenschlichen Kräften, wenigstens mit dem Oberkörper freizukommen und sich zwischen die Schienen zu wälzen. Seine Beine allerdings wurden knapp unterhalb der Knie abgetrennt.«

»Sie sind ein guter Geschichtenerzähler, Hutchingson«, sagte Gordon kalt. »Aber Ihre Erzählungen entbehren der Logik. Wenn Wachsgesicht sich des Italieners entledigen wollte, so hätte es viel weniger dramatischere Arten gegeben. Die Themse zum Beispiel, die ist noch immer recht verschwiegen.«

»Wachsgesicht wollte aber nicht verschwiegen sein. Er wählte mit voller Absicht die Strecke Dover – London und ebenfalls mit Absicht gerade jenen Zug. Ein Fürst aus einem exotischen Land reiste damit nach London. Es erweckte mehr Aufsehen. Die Schlagzeilen auf den Titelseiten der englischen Blätter handelten Tage hindurch von dem unmenschlichen Mordversuch. Und gerade das beabsichtigte Wachsgesicht. Niemals wurde sein Name genannt, aber die Eingeweihten, seine eigenen Leute, verstanden die fürchterliche Drohung, die sich dahinter verbarg. Übrigens war gerade jener exotischer Fürst Orsos Glück. In seinem Stab befand sich nämlich auch ein Arzt, der den Schwerverletzten wenigstens notdürftig versorgen konnte. Trotzdem mussten beide Beine später knapp unterhalb der Knie amputiert werden. Aber er kam wenigstens mit dem Leben davon, und das war ein kleines Wunder.«

»Und Orso? Konnte er keinerlei Anhaltspunkte zu Wachsgesicht geben?« Gordon zeigte sich interessierter, als er eigentlich wollte.

»Außer in seinen Fieberdelirien kam der Name Wachsgesicht niemals über seine Lippen. Ich glaube, Italiener haben ihre eigenen Vorstellungen von Privatrache. Außerdem hätten uns seine Hinweise nur wenig genützt. Denn niemand weiß, wer sich hinter der Maske Wachsgesicht verbirgt.«

Gordon bemühte sich immer noch, in Hutchingsons Erzählung einen Fehler zu finden. »Sie sagten, Wachsgesicht wollte den Italiener beseitigen. Trotz aller dramatischen Nebenumstände war das doch die ursprüngliche Absicht? Wie kommt es nun, dass Orso in Cheapside sitzt, ein Krüppel zwar, aber immerhin lebt und bettelt?«

»Das habe ich mich auch gefragt. Aber man kann Wachsgesicht nicht mit gewöhnlichen Maßstäben messen. Natürlich hätte er in weiterer Folge den Italiener leicht beseitigen können. Aber war ein lebender Orso seinen Absichten nicht dienlicher als ein toter? Dieser Krüppel ist eine ständige Warnung. Ich habe nie mehr gehört, dass einer von Wachsgesichts Leuten es gewagt hätte, sich aufzulehnen.«

Es trat eine Pause ein, in der Gordon erregt auf und ab marschierte. »Den Teufel auch«, fuhr er plötzlich auf, »Sie wirken ansteckend, Hutchingson. Vor einer Stunde war ich noch ein nüchterner, moderner Polizeibeamter und jetzt stecke ich beinahe selbst schon in Ihrer Wachsgesichtgeschichte. Wer weiß, was daran wirklich wahr ist?«

»Zumindest der Leichnam eines gewissen O’Connor. Er wurde eines Tages in seiner Wohnung tot aufgefunden. Aber wie er zu Tode kam! Sein Kopf musste mit roher Gewalt so lange zurückgebogen worden sein, bis die Wirbelsäule brach. Dabei war O’Connor alles andere als ein Schwächling, doch musste er gegen übermenschliche Kräfte gekämpft haben. Übrigens – haben Sie Orsos Arme näher betrachtet? Schon früher, als er noch in Varietés auftrat, war er überaus kräftig gewesen. Jetzt, da ihm seine Arme die einzige Hilfe bedeuten, sind sie noch stärker geworden. Der Fall O’Connor gehört auch heute noch zu den unerledigten Akten. Das Einzige, was wir in Erfahrung bringen konnten, war, dass O’Connor vor seiner Ermordung in einem Stadium schrecklicher Angst gelebt haben musste. Er glaubte, immer ein eigenartig dumpfes Geräusch zu hören, überall verfolgte es ihn, machte ihn krank vor Angst. Ein Geräusch, wie es ein Körper verursacht, der in kurzen Abständen auf dem Boden aufgesetzt wird. Haben Sie Orso schon einmal beim Gehen beobachtet? Er bewegt sich ohne jedes Hilfsmittel fort, ohne Wagen. Seine riesigen Arme gebraucht er dabei als Krücken, damit stützt er sich auf und stemmt seinen Körper nach vorne. Und jedes Mal gibt es dann ein eigenartig dumpfes Geräusch.«

»Doch weshalb sollte Orso die Tat verübt haben? Wie können Sie wissen …«

Der Melancholiker lächelte betont schmerzlich und sprach auf einmal wieder in seinem alten gespielten Ton: »Man könnte richtiggehend traurig werden, wenn man bedenkt, wie viel ich weiß, und doch nützt mir mein Wissen nichts. Denn auch die alte, rückständige Schule braucht Beweise. Das ist die Munition, mit der wir unser Wild zur Strecke bringen. Unser Wissen wiegt so gut wie nichts. Immerhin ist es aber manchmal nicht ganz uninteressant. Zum Beispiel wusste ich die ganze Zeit über, dass O’Connor einer der beiden Männer war, die den Italiener an die Schienen gebunden hatten. Doch selbst wenn ich Beweise in der Hand hätte, dass Orso hinter O’Connors Furcht stand, ich würde ihn nicht verhaften. Diese Einstellung ist für einen langjährigen Beamten des Yards allerdings einigermaßen traurig.«

»Und was geschah mit dem zweiten Mann?« Gordon blickte gespannt auf den Melancholiker, der wehmütig eine Fliege betrachtete.

»Sehen Sie sich bloß dieses kleine Ding an: Die ganze Zeit krabbelt es an mir herum, kitzelt mich und versucht mich zu stechen. Aber was kann sie dafür? Hat sie nicht ihr Schöpfer dazu erschaffen?! Es ist ungerecht. Es ist beklagenswert und eigentlich tut sie mir leid!« Dann aber erschlug der Melancholiker sie dennoch und lächelte einen kurzen Augenblick lang sogar befriedigt. »Ach richtig, Sie fragten mich nach dem zweiten Mann. Mag sein, dass ihm die Angst im Nacken sitzt, mag sein, dass er das gleiche dumpfe Geräusch wie O’Connor hört. Doch vielleicht ist er umsichtiger und wir lesen eines Tages in der Zeitung, dass den Bettler von Cheapside ein Auto überfahren hat. Es kümmert mich wenig. Das sind ›Hasen‹ und ich jage einen Tiger!«

Die ganze Zeit über hatte Miss Ward aufmerksam zugehört. Obwohl es kein Gespräch für zarte Nerven war, hatte es sie doch sehr interessiert. Hinter diesem schönen, vielleicht etwas zu kalten Gesicht musste sich ein starker Wille verbergen. »Werden Sie jemals den Tiger zur Strecke bringen?«, fragte sie jetzt und blickte erwartungsvoll auf Hutchingson.

Der Melancholiker schien wieder bekümmert. »Es ist traurig – für Wachsgesicht nämlich –, aber ich werde es tun! Und es wird meine letzte Jagd sein, denn zu Hause warten vier Zimmer mit den herrlichsten Gemälden auf den armen, alten Hutchingson. Nur eine Angst bedrückt mich: dass der Mann mit dem dumpfen Geräusch mir eines Tages zuvorkommen könnte!«

IV.

In einer Nebengasse der Dean Street, nicht weit von Soho Square, lag die Pension von Madame Ledocque. Danielle Ledocque kam aus Frankreich, aber sie sprach Englisch wie eine gebürtige Londonerin. Madame’s zweiter Mann war Brite; er starb bald nach seiner Hochzeit. Gehässige Leute behaupten, es wäre der angenehmere Weg gewesen, aber sie taten Madame Ledocque unrecht. Bei ihren Mietern zumindest schien sie sehr beliebt.

In manchen Anpreisungen wird Soho gern als verruchter Stadtteil bezeichnet, aber in Wahrheit ist es eher ein verrücktes Völkchen, das dort lebt und immerzu hofft. Denn Hoffnung ist das tägliche Brot von beschäftigungslosen Künstlern und engagementlosen kleinen Tänzerinnen. Eine ganze Menge solcher Leute wohnten bei Madame Ledocque, besonders Tänzerinnen, denn im Geheimen munkelte man, Madame hätte schon so manchem Girl einen einträglichen Vertrag verschafft. Doch niemand wusste Genaueres. Selbstverständlich fanden auch Ausländer bei Madame Ledocque Unterkunft. Vor einigen Tagen erst waren zwei Amerikaner hier abgestiegen. Madame’s Pension besaß einen gewissen Ruf. Ihren Keller hatte sie in ein kleines, intimes Lokal verwandelt, wo ihre Pensionäre mit künstlerischen Darbietungen aufwarteten. Anfangs war es wohl nur als Abwechslung für die eigenen Mieter gedacht, doch mit der Zeit entwickelte sich ein kleines Nachtlokal daraus, das auch Fremde anzog. Und Madame Ledocque lächelte zufrieden, weil es sie wenig kostete und einiges einbrachte.

Dienstagabend war nie viel los. Sogar die hellen, kleinen Lampen schliefen verträumt unter übergroßen Schirmen. Und am Klavier saß, wie schon seit vielen Jahren, Mr. Glennwood und spielte alte Melodien wie »Smoke gets in your eyes« und »Night and day«. Mit seinem hohen weißen Kragen und dem altmodischen Schlips erweckte er den Eindruck, als hätte eine frühere Zeit vergessen, ihn mitzunehmen. Ein fremdartiges, kleines Ding trat neben ihn, stützte sich auf den Flügel und sang ein Lied:

»Geh mit mir

fort von hier,

fort in ein Land, wo niemand uns kennt …«

Es war eine seltsame Melodie, die sich schwer nachsingen ließ und die doch haften blieb. Vielleicht lag es an der traurigen, sentimentalen Stimme der Sängerin, vielleicht waren auch die eigenartigen Harmonien daran schuld; es war ein Lied, das man nicht so leicht vergessen konnte.

An einem der ersten Tische schrieb ein gepflegter, fast schon zu gepflegter Herr die ersten Worte des Liedes auf eine Visitenkarte. »James F. Barlett« stand darauf, und er fügte einige harmlose Zeilen hinzu. Dann bestellte er bei einem Ober gelbe Nelken.

Für James F. Barlett war es quasi ein Beruf, auf Frauen zu wirken. Es war ein schlechtes Zeichen, dass er in letzter Zeit immer mehr auf sein gepflegtes Äußeres zu achten hatte. Neben seinen Anzügen und den eleganten Krawatten liebte er es, auch seine Verbindungen in die Waagschale zu werfen. Zumindest sprach er viel davon; das Seltsame daran war: Er verfügte tatsächlich über »Verbindungen«.