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Gabriele Praschl-Bichler

Unsere liebe Sisi

Gabriele Praschl-Bichler

Unsere liebe Sisi

Die Wahrheit über Erzherzogin Sophie
und Kaiserin Elisabeth

Aus bislang unveröffentlichten Briefen

Mit 31 Abbildungen

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Alles im Buch veröffentlichte Bildmaterial
entstammt einem Privatarchiv.

© 2008 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel/Claudia Sanna

Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 10,5 Punkt Garamond BQ

Druck und Binden: CPI Moravia Books GmbH

Printed in the EU

ISBN 978-3-902998-18-7

Inhalt

Zur Rechtschreibung

Die Wahrheit über Erzherzogin Sophie
und Kaiserin Elisabeth –

Aus bislang unveröffentlichten Briefen

Die Privat-Korrespondenz
der kaiserlichen Familie

Kurze Lebensgeschichte Erzherzogin Sophies
und Kaiserin Elisabeths

Die Briefe

Verlobung und Hochzeit Kaiser Franz Josephs
mit Prinzessin Elisabeth von Bayern

Ehealltag und erste Repräsentationspflichten
der jungen Kaiserin

Sophie und Gisela – wie zwei kleine Mädchen
den kaiserlichen Alltag beleben

Über die Erfolge des Kaiserpaares
während der Italienreise

Reise nach Ungarn und Tod der
kleinen Sophie

Vom Umzug in der Hofburg bis zur Geburt
Kronprinz Rudolphs

Der Krieg mit Italien – private und
historische Momente

Ein Winter in Wien – Wetterkapriolen und
eine rauschende Ballsaison

Reisen, Umzüge und Kinderalltag

Krisen im Reich und im kaiserlichen Haushalt

Neuigkeiten
aus der Kindheit Kronprinz Rudolphs

Wie sich die langen Abwesenheiten der Kaiserin
auf das Familienleben auswirkten

Wie Kaiserin Elisabeth im Kreis ihrer Geschwister
ihre Persönlichkeit neu entwickelt

Von kranken, neugeborenen und
einsamen Kindern

Kaiserin Elisabeth beinahe nur noch auf Reisen
und ein einmaliger politischer Einsatz

Die letzten Lebensmonate Erzherzogin
Sophies

Schlösser, Palais, Villen und Residenzen

Personenverzeichnis

Literatur

Abgekürzt zitierte Literatur

Dank

Namensregister

Zur Rechtschreibung

Die Autorin legt großen Wert darauf, daß der vorliegende Band nach der »alten« Rechtschreibung wiedergegeben wird. Die Entscheidung bezieht sich auf die Sinnwidrigkeit der meisten neuen Regeln und darauf, daß sie sich gegen die deutsche Sprache selbst – eines der größten Kulturgüter, das wir besitzen – richten. Ein gewachsenes Ganzes, etwas sich ständig Neu- und Weiterentwickelndes, kann nicht über Nacht neu verordnet werden. Einmal davon abgesehen, daß viele dieser Regeln mittlerweile ohnehin zurückgenommen wurden und man schon unter Kaiser Franz Joseph nach der sogenannten neuen Rechtschreibung schrieb.

Die im laufenden Text kursiv gesetzten Zitate stammen aus Dokumenten des 19. Jahrhunderts und werden in der Originalschreibung wiedergegeben. Sie weicht von der heutigen nicht wesentlich ab. Falls etwas unverständlich erscheint, wird der Begriff in darauffolgenden Klammern oder Fußnoten erläutert. Französisch verfaßte Briefe werden in der deutschen Übersetzung wiedergegeben. Falls im laufenden, deutschen Text französische Wörter auftauchen, habe ich die Ausdrücke unmittelbar danach in einer Klammer erklärt oder übersetzt. Sie sind dann auch original Französisch geschrieben, also auch Nomina/Hauptwörter in Kleinschreibung.

In etlichen frühen Briefen werden Wörter – statt heute mit einem Punkt – mit einem Doppelpunkt gekürzt (z. B. »Schönbr:« für Schönbrunn) und statt Kommas stehen mitunter Bindestriche.

»Unsere liebe Sisi«

Die Wahrheit über Erzherzogin Sophie und Kaiserin Elisabeth

Aus bislang unveröffentlichten Briefen

Eigentlich wollte ich für dieses Buch einen Titel wie das berühmte »J’accuse« (»Ich klage an«) über die Dreyfus-Affäre finden. Am liebsten wäre mir eine Wendung gewesen, die das genaue Gegenteil ausdrückt: also etwas wie »ich entklage«, »ich entschulde« oder »ich spreche frei«. Das hätte aber inbezug auf die Geschichte Erzherzogin Sophies einen negativen Beigeschmack gehabt. So als ob sie etwas Anstößiges gemacht hätte – oder man dachte, sie hätte etwas Ungehöriges getan – und ich sie erst mit Stapeln von Beweismaterial »entlasten« müßte. Das ist aber nicht der Fall.

Da das Deutsche für den besonderen Fall also kein griffiges »Entklage«-Wort bereithält, haben wir diesen Titel gewählt, der – hoffentlich – dennoch aufhorchen läßt. Denn die Worte »Unsere liebe Sisi …« stammen – ähnlich wie die oft verwendete Bemerkung »Unsere arme Sisi …« – aus der Feder Erzherzogin Sophies, der vermeintlich bösen Schwiegermutter Kaiserin Elisabeths. Sie sollen gleich zu Beginn darauf hinweisen, daß in diesem Band mit der so hartnäckig falsch eingeschätzten Beziehung zwischen den beiden Frauen auf geräumt wird. Denn in Wirklichkeit liebte und schätzte die Schwiegermutter die Schwiegertochter. Solange Erzherzogin Sophie lebte, stand sie unter ihrem Charme. Sie war unendlich stolz auf die Schönheit Elisabeths, verglich sie oft mit anderen schönen Frauen, um immer zu dem Schluß zu gelangen, daß ihr niemand den Platz an vorderster Stelle streitig machen konnte. Und auch was das Verhältnis zwischen den beiden Damen anlangte, hätte es nicht besser und inniger sein können. Sophie war Elisabeth Freundin, Mutterersatz und Trösterin in vielen Lebenslagen. Denn die Kaiserin weinte sich – wie in den Briefen zu lesen ist – ziemlich häufig bei ihrer Schwiegermutter aus. Diese und viele andere unbekannten Neuigkeiten aufzuzeigen ist der schöne Hauptinhalt dieses Bandes: Ich möchte anhand der Habsburger Privatkorrespondenz die Geschichte der beiden Frauen nacherzählen, so, wie sie stattgefunden hat und nicht wie sie durch die Märchenfilm-Trilogie mit Romy Schneider verzerrt und falsch dargestellt wurde.

Obwohl mich die ständige Beschäftigung mit den Briefen der kaiserlichen Familie schon lange in eine ganz andere als die landläufige Richtung gelenkt hatte, und ich seit etwa dreizehn, vierzehn Jahren meine Bedenken zur steten negativen Darstellung der Kaisermutter äußere, glaubte mir niemand, daß das Habsburger Familienleben ganz anders war, als man allgemein annahm. Daß Erzherzogin Sophie sein warmherziger und intellektueller Mittelpunkt war, fand man schlichtweg unmöglich. Viele Wissenschaftler warfen mir vor, mit dieser Botschaft als »kaiserliche Jubelliteratin« hervortreten zu wollen, oder drängten mich politisch in die Ecke der Monarchistin1. Warum? Ich weiß es nicht. Ich wollte eigentlich nur anhand von schriftlichem Material, das ich in Habsburger Privatnachlässen gefunden hatte, die herkömmlich schlechte Meinung über Erzherzogin Sophie und das vermeintlich steife und zeremonielle Leben der Familie korrigieren. Dabei mußte ich feststellen, daß es wesentlich schwieriger ist, jemanden von einem falschen/bösen Urteil zu befreien, als Abschätziges über ihn zu verbreiten. Skandalgeschichten und garstigen Gerüchten wird eher geglaubt als der Botschaft, daß eine Person, von der man dachte, sie wäre garstig gewesen, in Wahrheit gut, freundlich und immer wohlwollend war. Die Öffentlichkeit will, daß Erzherzogin Sophie eine böse Frau und Schwiegermutter war. Schließlich »weiß« man aus der einschlägigen Literatur (= aus Märchenbüchern), daß Stief- und Schwiegermütter mißgünstige Personen sind. Außerdem mußte das Märtyrerbild der »armen« Kaiserin Elisabeth, das man ihr im 20. Jahrhundert angedichtet hatte, aufrechterhalten werden. Da Kaiserin Elisabeth schöner als Erzherzogin Sophie war, muß sie zwangsläufig auch der bessere Mensch gewesen sein. Es ist eine bewiesene Tatsache, daß man gutaussehenden Menschen die Gutheit und Ehrlichkeit eher abkauft als weniger gutaussehenden2. In Wahrheit schneidet Kaiserin Elisabeth im Vergleich mit ihrer Schwiegermutter auf jeden Fall schlechter ab. Denn die üble Nachrede, der die Schwiegermutter ausgesetzt war und ist, stammt ausschließlich von ihr. Sie hat ab dem Tod Erzherzogin Sophies sehr herabwürdigend über sie gesprochen, obwohl sie zu deren Lebzeiten ein besonders gutes Verhältnis zu ihr hatte. Warum Kaiserin Elisabeth ihre Schwiegermutter und direkte Tante posthum zur Unperson und Feindin abstempelte, hängt hauptsächlich mit ihrem eigenwilligen, sehr auf sich bezogenen Charakter zusammen. Ich habe mich dieser Problematik schon früher einmal in einem Buch (»Kaiserin Elisabeth – Mythos und Wahrheit«) gewidmet und zwei Psychotherapeuten, Dr. Gerti Senger und Dr. Walter Hoffmann, um ihre diesbezügliche Meinung gefragt. Sie meinten, daß der Ausgangspunkt allen Unheils das schwierige Verhältnis Elisabeths zu ihrer eigenen Mutter, Herzogin Ludovika in Bayern war: »Wie viele neurotische Menschen verleugnete Sisi ihre negativen Gefühle gegenüber der eigenen Mutter. In all dem, was Elisabeth nachträglich in der Beziehung zu Erzherzogin Sophie kritisierte, scheint es sich um eine Verschiebung aller jener negativen Gefühlsanteile zu handeln, die eigentlich ihrer leiblichen Mutter gegolten hätten …« (ebenda, S. 212 f.) Konkret war Elisabeth eifersüchtig auf die außerordentlich gute Beziehung ihres Bruders Carl Theodor (in der Familie »Gackel« genannt) zu ihrer gemeinsamen Mutter, deren Lieblingskind er war. Sonderbarerweise schloß diese »Kränkung« nicht aus, daß dieser Bruder auch Elisabeths absoluter Liebling unter allen Geschwistern war.

Wie kam es nun aber, daß bis in letzter Zeit die Habsburger Geschichte nur diese eine Variante, das schlechte Verhältnis Elisabeths zu ihrer Schwiegermutter, kannte? Um das genau zu verstehen, muß man kurz auf die drei bekanntesten Biographien der Kaiserin eingehen. Der erste Biograph Egon Cäsar Conte Corti3 (er begann mit seinen Recherchen in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts und veröffentlichte sein Buch über Elisabeth 1934) hatte zwar Kontakt zu direkten Nachkommen der Kaiserin, die Kinder ihrer Tochter Erzherzogin Marie Valerie waren. Diese Enkel hatten aber weder ihre Großmutter, Kaiserin Elisabeth, geschweige denn ihre Urgroßmutter, Erzherzogin Sophie, gekannt. Nicht einmal Marie Valerie hatte sich ein urteilsfreies Bild von ihrer Großmutter bilden können, da sie erst vier Jahre alt war, als sie starb. Da Marie Valerie die Lieblingstochter der Kaiserin war (sie hat sie »die Einzige« genannt), wußte sie immer mehr von ihr und ihrer Geschichte als ihre Geschwister Gisela und Rudolph. Kaiserin Elisabeth hat sich eigentlich nur diesem einen Kind anvertraut und ihr die Geschichten aus ihrer Vergangenheit – vor allem vom gemeinsamen Familienleben mit den Habsburgern – in den schwärzesten Farben dargestellt. Das ist deswegen so sonderbar, da sie den Alltag in der aktuellen Epoche gar nicht so schlimm empfand. In hunderten Briefen läßt sich nachlesen, daß damals große Harmonie herrschte, Elisabeth sich vor allem gerne ihrer Schwiegermutter anvertraute und sich in der Frühzeit ihrer Ehe häufig bei ihr ausweinte. Das stete Klagen und Verzweifelt-Sein gehört zu den auffälligsten Merkmalen dieser Epoche. Und obwohl Erzherzogin Sophie damals ihr innigster und selbst gewählter Ansprechpartner war, erzählte sie ihrer Tochter, der »Einzigen«, später nur den bösesten Tratsch über die verstorbene Schwiegermutter. Marie Valerie hat das, was sie von ihrer Mutter gehört und erfahren hatte, mit bestem Wissen und Gewissen an ihre Kinder weitergegeben. So können wir am Ende dieses Absatzes feststellen, daß Elisabeths erster Biograph Egon Cäsar Conte Corti zwar direkten Zugang zur kaiserlichen Familie hatte, aber die Informationen zu diesem Thema nur in verzerrter Form erhielt. Die Nachkommen erlaubten ihm zwar sogar, das private Familienarchiv zu verwenden, dennoch fehlen in seinem Buch Originalzitate aus der Korrespondenz, die Aufschluß über die wahren Verhältnisse geben könnten. Ich glaube nicht, daß man ihm diese Briefe vorenthielt, sondern bin eher der Meinung, daß die diesbezüglichen Dokumente früher vernichtet worden waren. Die meisten in der Öffentlichkeit stehenden Persönlichkeiten verfügten damals, daß ihr Schrifttum nach ihrem Tod vertilgt werde. Auch Kaiserin Elisabeth gab zu Lebzeiten viele Anordnungen, was mit ihrem schriftlichen Nachlaß zu geschehen habe. Dadurch ging viel ursprüngliches und wahres Material verloren, weshalb Bemerkungen zu den passenden Themen in der Biographie Cortis fehlen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich ungewollt in Vermutungen und Annahmen zu flüchten. Außerdem übernahm er die üble Nachrede über Erzherzogin Sophie (das ist am stärksten bei den Kapiteln über die Verlobung und Kindererziehung zu bemerken), weil er von den Nachkommen Kaiserin Elisabeths eben nur Schlechtes über sie in Erfahrung bringen konnte.

Als in den folgenden Jahrzehnten zwei weitere Elisabeth-Biographien4 erschienen, konnte das Bild Erzherzogin Sophies wieder nicht korrigiert werden. Denn das darin enthaltene neue Material – Briefe und Tagebucheintragungen – stammte von Hofdamen und anderen Vertrauensleuten und war im Tonfall dem Corti-Buch sehr ähnlich. Es hatten sich mittlerweile einige historische Irrtümer eingebürgert, die die meisten Historiker bis heute eisern beibehalten. Das Beharren auf diesen Fehlern ist deshalb so verwunderlich, da seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Menge »widersprüchliches« Material (Hofdamenbriefe, Korrespondenzen, Autobiographien abgedankter Herrscher und naher Verwandter der österreichischen Kaiserfamilie) aufgetaucht ist, für das sich kaum jemand interessierte, geschweige denn, daß man Passagen daraus zitiert hätte. Eines der wichtigsten Dokumente stellt ein Brief von Erzherzogin Sophie dar, den sie aus Anlaß der Verlobung ihres Sohnes mit Elisabeth an ihre Zwillingsschwester Marie schrieb. Er wurde 1934 in einer Zeitschrift5 veröffentlicht und hätte allen Elisabeth-Biographen zu denken geben müssen. Warum diesen Brief bis heute niemand wiedergab und kommentierte, bleibt ein Rätsel. Man möchte beinahe glauben, daß alle Autoren Angst hatten, den Mythos der »unverstandenen« Kaiserin zu zerstören, wenn man die Wahrheit – also das gute Verhältnis zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter – aufdecken würde.

Bei den historischen Irrtümern handelt es sich um fünf Mißverständnisse, Nacherzählungen von Nachkommen der Kaiserin, die Corti – unschuldig – in die Welt gesetzt hatte und die seither allen Historikern als geschichtliche Basis dienen. Da er der erste Elisabeth-Biograph war, basiert auch die allseits beliebte und bekannte »Sissy«-Film-Trilogie aus den fünfziger Jahren auf seinem Werk, weshalb eben die ganze Welt vom Schicksal der armen Kaiserin von Österreich unterrichtet zu sein scheint. Die fünf bekanntesten – aber leider falschen – Behauptungen seien hier einmal in der Reihenfolge der dazugehörenden Ereignisse angeführt. Die Gegendarstellungen finden sich im Anschluß in Form von originalen Briefzitaten.

Behauptung Nummer Eins: Erzherzogin Sophie hätte ihren Sohn, Kaiser Franz Joseph, mit Prinzessin Helene von Bayern, der älteren Schwester Elisabeths, verheiraten wollen.

Behauptung Nummer Zwei: Das Verlobungsfest in Ischl wäre steif und zeremoniell abgelaufen, weshalb sich Elisabeth von allem Anfang an bei den Habsburgern unwohl fühlte.

Behauptung Nummer Drei: Erzherzogin Sophie hätte Elisabeth nach der Hochzeit streng nach den Regeln des burgundischen Hofzeremoniells »zur Kaiserin erzogen« und sie in Schloß Laxenburg wie eine Gefangene gehalten.

Behauptung Nummer Vier: Elisabeth sei nach der Geburt ihrer ersten Tochter von Wien geflohen und hätte sich wochenlang bei ihrer Mutter in Bayern aufgehalten, weil sie die Zustände in Wien nicht mehr ertrug.

Behauptung Nummer Fünf: Erzherzogin Sophie hätte die Kaiserin unter Druck gesetzt, als zweites Kind »endlich« einen Thronfolger auf die Welt zu bringen.

Zu diesen fünf Irrtümern, die sich inbezug auf die Biographie Kaiserin Elisabeths so hartnäckig halten, möchte ich gleich am Beginn des Buches Stellung nehmen. Selbstverständlich wird im laufenden Text noch genauer auf sie eingegangen werden, ebenso wie zahlreiche andere Fehler an passender Stelle angesprochen und kommentiert werden. Es scheint mir wichtig, diese fünf schwerwiegendsten Fehler vorab anzuführen, um den Leser darauf vorzubereiten, daß er in diesem Band eine andere als die gemeinhin bekannte Elisabeth-Geschichte hören wird. Sie ist allerdings viel interessanter, viel emotionaler und viel spannender als jene, die man bis jetzt kennt. Zudem hat sie den unleugbaren Vorteil, auf Originaldokumenten begründet zu sein und von den Mitgliedern der Kaiserfamilie in fröhlichem Plauderton erzählt zu werden.

Was die Nummer Eins und Zwei der historischen Irrtümer inbezug auf die Kaiser-Verlobung betrifft, so kann man in den folgenden Briefausschnitten lesen, wie sich die Geschichte ab dem Eintreffen Elisabeths mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in Ischl zutrug. Als erstes Dokument soll das oben zitierte, in der Reichspost veröffentlichte Schreiben Erzherzogin Sophies wiedergegeben werden. Der Artikel ist seit 1934 über jedes österreichische Zeitungsarchiv abrufbar und wurde dennoch noch niemals in einem Buch abgedruckt. Herzogin Ludovika (Luise) in Bayern traf am Abend des 16. August 1853 in Ischl ein und wohnte mit ihren Kindern im Hotel (vermutlich im Hotel Austria). Da ihr Gepäck und ihre Gefolgsleute noch nicht angekommen waren, ließ Erzherzogin Sophie sofort eines ihrer Kammermädchen holen, »damit sich die Mädchen doch wenigstens die Haare richten könnten. Und mit innigem Wohlgefallen sah ich (Erzherzogin Sophie) zu, wie Sisi ihre Haare selbst ordnete, mit einer Anmut und Grazie in allen ihren Bewegungen, die Sophie (das Kammermädchen) wie auch mich entzückte. Desto mehr, da sie sich so gar nicht bewußt war, einen so angenehmen Eindruck hervorgebracht zu haben. Trotz der Trauer, die Luise und ihre Töchter wegen des Besuche bei Therese hatten tragen müssen, war Sisi reizend in ihrem ganz einfachen, hohen, schwarzen Kleid, so daß ich Luise beredete, mit ihren Töchtern den Thee bei mir zu nehmen; und nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, richtete ich es so ein, daß die Suiten (Gefolgsleute), die mit uns zum Thee in meinem Salon gekommen, sich ins Speisezimmer zurückziehen konnten, während wir alle in mein Toilettezimmer gingen, um dort Luise und ihre zwei Töchter anzutreffen. Mein Carl (Ludwig, ihr Sohn), der ein sehr guter Beobachter ist, sagte mir, daß in dem Augenblick, als der Kaiser Sisi erblickte, ein Ausdruck so großer Befriedigung in seinem Gesicht erschien, daß man nicht mehr zweifeln konnte, auf wen seine Wahl fallen würde. Er strahlte, und Du weißt, wie sein Gesicht strahlt, wenn er sich freut. Die liebe Kleine ahnte nichts von dem tiefen Eindruck, den sie auf Franzi gemacht hatte. Bis zu dem Augenblick, da ihre Mutter ihr davon sprach, war sie nur von Scheu und Schüchternheit erfüllt, die ihr die vielen sie umringenden Menschen einflößten. Sie stand so unter diesem Eindruck, daß sie gar nichts gegessen hatte und sie sagte zu Kadi (einem Kammermädchen): ›Die Néné (ihre Schwester Helene, auch Lenza genannt) hat es gut, denn sie hat schon so viele Menschen gesehen, aber ich nicht. Mir ist so bang, daß ich gar nicht essen kann …‹ Beim Diner am 17. saß Louis (ältester Bruder Elisabeths) … zwischen Sisi und mir und bemerkte: ›Bis jetzt hat Sisi nur Suppe und grünen Salat gegessen, sie muß sich einen Fasttag ausgeschrieben haben …‹ Aber wie gut stand ihr diese Verlegenheit und diese Schüchternheit! Und sie war so hübsch und anmuthig dabei! … Charlotte (Kaiserin Caroline Auguste6, Schwester Erzherzogin Sophies und Herzogin Luises) kam am 17. abends an und erschien um ½ 9 Uhr auf dem Ball, wo Sisi in einem weißrosa Tarlatankleid entzückend aussah. In ihren schönen Haaren hatte sie einen großen Kamm stecken, der die Zöpfe rückwärts zurückhielt, sie trägt die Haare nach der Mode aus dem Gesicht gestrichen. Die Haltung der Kleinen ist so anmuthsvoll, so bescheiden, so untadelig, so graziös, ja beinahe demutsvoll, wenn sie mit dem Kaiser tanzt … Sie erschien mir so anziehend, so kindlich bescheiden und doch ihm gegenüber ganz unbefangen. Es waren nur die vielen Menschen, die sie einschüchterten. Weil sie noch nie in der großen Welt erschienen, so konnte sie auch nicht die Tragweite der Aufmerksamkeit ermessen … Néné hat übrigens auch sehr viel Erfolg, viele Herren sind ganz entzückt von ihr. Die ganze Erscheinung dieser beiden anmutigen und schön gewachsenen jungen Wesen macht überall den günstigsten Eindruck … Die Herren des Kaisers sind begeistert über seine Wahl und voll rührender Freude über sein Glück. Grünne (Generaladjutant Kaiser Franz Josephs) weint, so oft er davon spricht und so oft man ihm davon spricht. – Am 18. war leider schlechtes Wetter, aber es war vielleicht günstig, da sich der Kaiser um so mehr seiner jungen Liebe widmen konnte. Beim Familiendiner war der Kaiser so stolz, daß Sisi, die neben ihm sitzen durfte, mit sehr gutem Appetit gegessen hatte! … (Der nachmittägliche Ausflug fand wegen Schlechtwetters im Wagen statt). Er (der Kaiser) muß sie wohl sehr gern haben, daß er es so lange in der geschlossenen Calesche ausgehalten hat! Lenza (Helene) erzählte sehr viel und unterhaltend, das Mädchen hat einen großen Charme für mich, meine Augen verfolgten sie, und das ist immer der Fall, wenn ich für ein junges Wesen Sympathie habe. Aber Du kannst Dir wohl denken, daß meine Augen auch beschäftigt sind, Sisi zu betrachten, und sie ruhen mit Wonne auf diesem so glücklichen Paar, das sich so liebt und auf so reizende Art; es ist eine Augenweide, das Glück und die Harmonie zu sehen, die aus ihnen strahlt. Nach der Promenade kam der Kaiser zu mir, und ich bemerkte, daß er etwas auf dem Herzen habe und mit mir sprechen wollte. Ich frug ihn, ob er etwas zu sagen habe. Er antwortete: ›Ja sehr, ja sehr!‹ Scherzend schickte ich Bubi ins andere Zimmer und da sagte er, ich möge Luise bitten, Sisi auszuforschen, ob sie ihn haben wolle, ›aber‹, setzte er mit seiner gewohnten Bescheidenheit dazu, ›bitten Sie sie, daß sie keinerlei Druck auf ihre Tochter ausüben wolle.‹ Dann sagte er: ›Meine Lage ist ja schwer, daß es, weiß Gott, keine Freude ist, sie mit mir zu teilen!‹ Da sagte ich: ›Aber liebes Kind, wie kannst Du glauben, daß eine Frau nicht zu glücklich ist, durch Anmut und Heiterkeit Dir Deine Lage zu erleichtern?‹ … Als Luise zum Tee kam, machte ich sie allmählich mit dem Wunsche des Kaisers bekannt. Sie drückte mir bewegt die Hand, denn sie hatte in ihrer großen Bescheidenheit immer gezweifelt, daß der Kaiser wirklich an eine ihrer Töchter denken würde. Am Abend konnte ich es mir nicht versagen, im Vorübergehen Elise und den Brüdern zu sagen: ›Ich bin ja so glücklich!‹ … Als Luise von den Absichten des Kaisers zu Sisi sprach, wurde diese ganz ergriffen und schaute ihre Mutter mit ihrem innigen Blick so an, so strahlend und bezaubernd und mit ihrem verführerischen Lächeln; und als die Mutter frug, ob sie ihn lieben könnte, sagte sie: ›Wie sollte man d e n Mann nicht lieben können?‹ Dann brach sie in Thränen aus und versicherte, sie würde alles tun, um den Kaiser glücklich zu machen und für mich das zärtlichste Kinde zu sein. ›Aber‹, sagte sie, ›wie kann er nur an mich denken? Ich bin ja so unbedeutend!‹ – Dieses Wort beweist wohl, daß sie es nicht ist. Am nächsten oder übernächsten Tag – ich weiß es nicht mehr, da uns in diesen Tagen so viel Glück in wenigen Stunden zuteil wurde, daß man die Zeit nicht mehr zählen kann – es kam uns allen immer wieder vor, als ob wir schon lange im Besitz dieses Glücks wären, und doch besteht es erst seit vier Tagen … an einem dieser Tage nun, sagte Sisi zu Kadi dieses reizende Wort: ›Ich habe den Kaiser so lieb! Wenn er nur kein Kaiser wäre …!‹ Das ist es, was sie so scheu macht, diese künftige Stellung. Der Kaiser war buchstäblich entzückt, als ich ihm diesen rührenden Ausspruch von seiner Braut erzählte, da er so viel tiefes und anspruchsloses Verständnis für ihn enthält.

Luise schrieb mir noch am Abend des 18. ein paar rührende Worte, die ich am Morgen des 19. erhielt. Schnell schickte ich sie dem Kaiser, der gleich darauf strahlend vor Freude bei mir erschien. Um 8 Uhr ging er ins Hotel zu Luise, die ihm ihre Freude bezeugte, und dann auf Sisi zueilend, fielen sich die beiden in die Arme, wie mir Luise dann erzählte: und sie war so erfreut darüber! Wir lächelten unter Tränen, Elise und ich, als sie uns das schilderte. Du kannst Dir überhaupt nicht vorstellen, wie viel und wie oft wir jetzt lachen, Elise und ich … Als sie das Hotel verließen, um bei uns zu frühstücken, gab der Kaiser seiner Braut den Arm, und als Kadi und Fischer (der Herr Hofrat, wie ihn die Kleinen respektvoll nennen) dieses sahen, konnten sie nicht mehr zweifeln, daß alles in Ordnung sei, und freuten sich herzlich darüber.

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie reizend Sisi ist, wenn sie weint …! Mein Karl, Charlotte und Bruder Karl kamen zum Dejeuner. Neuerliche Freude, wie ich ihnen das junge Paar vorstellte! Ich ließ Fritzi und Paula (Gefolgsleute) kommen, sie waren ganz verschwollen und rot vom Weinen. Der Kaiser ließ Grünne und seine anderen Flügeladjutanten kommen, um sie seiner Braut vorzustellen … Um 11 Uhr gingen wir alle in die Messe, was der Kaiser besonders gewünscht hatte. Der Pfarrer empfing uns mit dem Weihwasser, die Augen voller Tränen! …« (aus dem Französischen übertragen)

Zum Vergleich ein paar Briefzitate aus dem Habsburger Privatarchiv. Erzherzogin Sophie hat die Zeilen zur selben Zeit verfaßt wie das oben veröffentlichte Schreiben. Sie waren an ihre Lieblingscousine, Prinzessin Amala von Wasa, und an ihren Sohn Erzherzog Ferdinand Maximilian gerichtet. Der Text ist auch im Original auf Deutsch geschrieben und klingt beinahe noch emotionaler (längere Fassungen finden sich auf den S. 76 ff.): »Seit heute früh 8 Uhr ist unser heiß geliebter Franzi der unaussprechl. strahlend, glückliche Bräutigam der lieblichen Sisi, die gar zu lieb, innig u. glücklich u. gerührt ist u. immer voller heißer Thränen über ihrem lieblichen Gesicht, wenn sie, sich an mich anschmiegend wie ein Kind, mir versichert, wie sie den Kaiser u. mich befriedigen will, oder wenn ich ihr sage, wie sie ihm recht seyn u. ihn beglücken kann. Mein guter Mann, Luise (= Elisabeths Mutter), wie alles, Herren, Damen, sind seligst weinen und heulen, besonders der treue Czernin, dem es heute der Kaiser sagte …« (Ischl, 19.8.1853) Oder: »Die Liebe des Brautpaares steigerte sich in der letzten Stunde der Maaßen, daß Du es gar nicht glauben kannst!! Einmal, während ich im Nebenzimmer mit Luise auf dem Sopha saß, sagte sie plötzlich ›aber jetzt geht’s da drinnen zu‹, da standen beide mit einem langen Kuß beschäftigt u. sich fest umschlingend wie Max Piccolomini u. Thecla; es fehlte nur Wallenstein, um zu sagen: ›scheidet!‹, doch der blieb Gott lob aus, wie der Kaiser dann selbst bemerkte …« (Ischl, 6.9.1853)

Doch weiter zum historischen Irrtum Nummer Drei: Erzherzogin Sophie hätte Kaiserin Elisabeth beinahe an sich angekettet, während sie gemeinsam mit ihr in Schloß Laxenburg wohnte und sie unter strengster Einhaltung des Hofzeremoniells zur Kaiserin erzogen. – Viele Monate vor der Hochzeit hatte sich die Kaisermutter vorgenommen, »dem jungen Paar nicht auf dem Nacken zu sitzen, fürderhin in Ischl bis Ende Oktober zu bleiben u. dann gerade nach Wien (in die Hofburg) zu ziehen. Auch während dem ersten Theil des Sommers gedenken wir, nach Laxenburg zu ziehen, wenn Franzi u. Sisi in Schönbr: sind, u. umgekehrt in Schönbr: zu seyn, wenn sie in Laxenburg sind … Franzi schien die Idee … die Flitterwochen in Laxenburg zuzubringen … und zwar allein mit Sisi, sehr anzulächeln. Ich muß wirkl. mit Festigkeit und ganz allein den Grundsatz, dem jungen Paar nicht auf dem Nacken zu sitzen, durchführen, denn Franzi meint immer, wir könnten noch überall, wie bisher, stets vereinigt bleiben, was mich tief rührt, aber nicht ausführbar ist …« (Schönbrunn, 10.10.1853) Und genau so, wie Erzherzogin Sophie sich das Vorgehen vorgestellt hat, wurde später der Lebens- und Wohnplan im kaiserlichen Haushalt eingehalten. Gerade in den so oft zitierten Monaten nach der Hochzeit, während der sie die Schwiegertochter vermeintlich mit so viel Strenge behandelte, verreiste sie – wie beinahe jeden Frühling – für mehrere Monate (zuerst hielt sie sich bei ihrem Schwager Kaiser Ferdinand I. in Reichstadt auf, später reiste sie zu ihrer Zwillingsschwester Königin Marie von Sachsen, deren Mann bei einem Unfall tödlich verunglückt war). Den Laxenburger Haushalt hat sie nie mit dem Kaiserpaar geteilt.

Eines der hartnäckigsten Gerüchte – der historische Irrtum Nummer Vier – besagt, die Kaiserin wäre nach der Geburt ihrer ersten Tochter Sophie zu ihren Eltern nach Bayern »geflohen«, weil sie die Zustände in Wien nicht ertrug. Wahr ist, daß sie für ein paar Tage zu ihrer Mutter reiste, weil Kaiser Franz Joseph einige Zeit unterwegs war und sie es in Wien ohne ihn nicht aushielt. Dennoch blieb sie nicht besonders lange in Bayern, da die Sehnsucht nach ihrer eigenen Familie sie wieder nach Hause trieb: »Von hier kann ich (Erzherzogin Sophie) Dir nicht viel intéressantes melden, außer daß Sisi glücklich am Montag Abend aus Baiern zurück gekehrt, wo sie es nicht über 9 Tage aushielt, fern von ihrer Kleinen, und so weit entfernt vom Kaiser, dessen Briefe so spät nach Possenhofen kamen.« (Schönbrunn, 6.7.1855)

Bleibt schließlich die Korrektur des historischen Irrtums Nummer Fünf: Erzherzogin Sophie hätte von der Kaiserin geradezu zwanghaft gefordert, als zweites Kind »endlich« einen Thronfolger auf die Welt zu bringen. In Wahrheit hat sie – wie übrigens alle Habsburger – der Ankunft eines jeden Babys mit Freude entgegengefiebert, egal welches Geschlecht es hatte (zu diesem Thema finden sich in diesem Band Dutzende schriftlicher Dokumente). Diese falsche Annahme beruht sonderbarerweise auf einem doppelten Fehler: denn im Unterschied zu Erzherzogin Sophie, die ausschließlich auf ein gesundes Kind hoffte, war sich Kaiserin Elisabeth am Ende ihrer zweiten Schwangerschaft plötzlich sicher, einen Sohn unter dem Herzen zu tragen. »… ich (Erzherzogin Sophie) bat neul. Franzi, als er mir Elisabeths (Ehefrau Erzherzog Carl Ferdinands, die kurz zuvor einen Sohn geboren hatte) Niederkunft sagte, sich auch auf ein Mädchen gefaßt zu machen, u. Sisi, von welcher er mir sagte, daß sie sicher auf einen Sohn rechne, recht darauf vorzubereiten.« (Schönbrunn, 7.6.1856) Es kam auch tatsächlich wieder ein Mädchen zur Welt, das Gisela genannt wurde. Und – wie in Tausenden Briefen ihrer Großmutter zu lesen ist – wurde die Kleine wie schon ihre Schwester Sophie vom Tag ihrer Geburt an wie eine kleine Göttin verehrt. Selbstverständlich erhielten auch der wenig später geborene Thronfolger, Erzherzog Rudolph, und die zuletzt zur Welt gekommene Erzherzogin Marie Valerie dieselbe Aufmerksamkeit und Liebe. Die Kleinen wurden von der Wiege an verzärtelt, verwöhnt und verhätschelt, jedes Brabbeln oder Glucksen von ihnen vermerkt und an alle Verwandten – ob sie es hören wollten oder nicht – weitergemeldet.

Solange Erzherzogin Sophie lebte, war sie der liebende Mittelpunkt der Familie. Sie hat ihre Liebe mit der ihr eigenen Intensität an Kinder, Schwiegerkinder und Enkel weitergegeben. Eine besonders innige Zuneigung empfand sie zu ihrer Schwiegertochter und Nichte Kaiserin Elisabeth, wie in vielen, vielen Brief zu lesen sein wird. Das ist inbezug auf das bis dato als äußerst schlecht interpretierte Verhältnis zwischen den beiden Frauen sicher die interessanteste Feststellung. Und es scheint beinahe so, als ob der Kaiserin mit dem Tod Erzherzogin Sophies im Jahr 1872 der Ruhepol genommen wurde. Elisabeths Rastlosigkeit und nervöse Reiseleidenschaft entwickelten sich in einem besorgniserregenden Ausmaß und führten schließlich zu der bekannten Katastrophe: dem Attentat auf sie während eines Reiseaufenthalts in Genf, dessen Verletzungen sie wenige Stunden später erlag.

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1 Diesem Vorwurf möchte ich gegenübersetzen, daß ich sehr froh bin, meine politischen Vertreter selbst wählen zu können (wenn man auch gerechterweise hinzufügen muß, daß selbst gewählte Vertreter nicht immer dem Idealbild von Politikern entsprechen und die Habsburger – trotz salischem Erbrecht – einen recht hohen Prozentsatz an gewandten Politikern hervorbrachten. Zu den größten, deswegen nicht unumstrittenen Habsburger Herrschern, zähle ich die Kaiser Friedrich III., Maximilian I. und Joseph I.

2 Auch Erzherzogin Sophie war in ihrer Jugend eine schöne Frau. Da sie sich aber in der Epoche von Elisabeths Triumphzeit im fortgeschrittenen Alter befand und erst dann photographiert wurde (vorher gab es noch keine Photos), schneidet sie optisch schlechter ab.

3 Dem Titel der Biographie »Elisabeth, die seltsame Frau« setzte er folgende Erläuterung nach: »Nach dem schriftlichen Nachlaß der Kaiserin, den Tagebüchern ihrer Tochter (gemeint ist: Erzherzogin Marie Valerie) und sonstigen unveröffentlichten Tagebüchern und Dokumenten«. Conte Corti kannte also sogar die Gedichte der Kaiserin, die erst viele Jahrzehnte später abgedruckt wurden.

Elisabeth ordnete und sortierte ihre Schriften in späteren Jahren selbst, teilweise datierte sie sie sogar im nachhinein, wodurch es – wovon später noch zu sprechen sein wird – zu einer Menge Irrtümern kam. Da sie hauptsächlich in den achtziger Jahren schrieb, wird sie wohl auch in dieser Epoche die früheren Gedichte zeitlich festgelegt haben.

4 Ioan Haslip, Elisabeth von Österreich (München 1966) und Brigitte Hamann, Elisabeth, Kaiserin wider Willen (Wien, München 1981).

5 Am Sonntag 22. April 1934 wurde dieser Brief in der Wiener Reichspost anläßlich der 80. Wiederkehr der Verlobung des Kaiserpaares abgedruckt.

6 Kaiserin Caroline Auguste war die Witwe Kaiser Franz II./I. Wie ihr Stiefsohn, der abgedankte Ferdinand I. und dessen Frau Marianna, führten alle den Kaiser-Titel weiter, obwohl inzwischen Caroline Augustes Enkel und Ferdinands Neffe Franz Joseph der Regent war. Das hängt damit zusammen, daß die katholisch strenggläubigen Habsburger diesen Herrschertitel als eine von Gott gegebene Würde erachteten, den man ein Leben lang innehatte und den kein Mensch aberkennen durfte.

Die Privat-Korrespondenz der kaiserlichen Familie

Obwohl ich seit meiner Kindheit wußte, daß ich mich später einmal beruflich ausschließlich der Kunst und der Kunstgeschichte widmen wollte, hat mir der Zufall eines Tages ein völlig anderes wissenschaftliches Thema zugespielt, dem ich mich – vor allem auf Wunsch meiner Verleger – künftighin widmen sollte. Denn eines Tages sind plötzlich die Habsburger in mein Leben getreten: Konkret waren es Nachkommen der österreichischen Kaiserfamilie, mit denen ich seit Jahren befreundet war. Nachdem einige Verwandte gestorben waren, luden sie mich ein, die schriftliche Hinterlassenschaft gemeinsam mit ihnen zu begutachten und herauszufinden, ob sich darunter etwas historisch Interessantes befand. Lustigerweise wußte niemand, worum genau es sich bei dem Nachlaß handelte. Man hatte von alten Photographien gehört und auch von einigem Schriftmaterial. Alles zusammen war in schlichten Holzkisten untergebracht. Die Behältnisse waren bald gefunden und geöffnet und boten in ihrem Inneren bündelweise Briefe, die weder beschriftet noch auf irgendeine Weise sortiert waren. Die Schreiben selbst, in kleiner, zierlicher Schrift verfaßt, besaßen außer Monogrammen keine Hinweise auf ihre Absender. Und auch die Unterschriften – abermals nur Einzelbuchstaben – ließen zunächst keine genauen Zuordnungen zu. Das machte die Sache recht spannend. Noch spannender wurde es, die Briefe zu lesen. Sie sind in der uns heute ungeläufigen Kurrent- oder Sütterlinschrift geschrieben und zudem von zahlreichen französischen und italienischen Einschüben durchsetzt. Ich versuchte, mich zunächst Wort für Wort in die alte Schrift einzulesen, und dann, die unterschiedlichen »Hände« einzelnen Personen zuzuordnen. Die verschiedenen Schriften – nur zwei sind größerformatig und einfacher zu lesen – befinden sich auf Briefpapier, das nur wenig größer als Postkartenformat ist. Die Blätter sind dicht beschrieben, bis zu dreißig Zeilen pro Seite, und mit etlichen Einschüben versehen. Die Briefe sind meist zumindest acht Seiten lang. Wenn es außerordentlich Wichtiges zu berichten gab, konnten sie sogar vierundzwanzig Seiten und mehr erreichen.

Als ich nach einigen Monaten die Schriften endlich flüssig lesen konnte, staunte ich nicht schlecht über die Inhalte und die Urheber der Briefe. Denn die eifrigen Schreiber entpuppten sich als die nächste Familie Kaiser Franz Josephs. Die meisten Briefe stammen von seiner Mutter Erzherzogin Sophie und seinen drei Brüdern, den Erzherzogen Ferdinand Maximilian (dem späteren Kaiser von Mexiko), Carl Ludwig (dem Vater des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand und Großvater Kaiser Karls) und Ludwig Victor sowie von einigen anderen Verwandten. Da sie oftmals weit voneinander entfernt lebten, hielten sie – in einer Zeit ohne Telekommunikation – auf diese Weise miteinander Kontakt. Die eifrigste Schreiberin war Erzherzogin Sophie, die sich mit ihren zahlreichen Geschwistern, ihren vier erwachsen gewordenen Kindern und ihren Schwiegertöchtern regelmäßig austauschte. Da alle antworteten und sich natürlich auch untereinander schrieben, enthält diese Familienkorrespondenz nicht nur ein dichtmaschiges Netz an kaiserlicher Alltagsgeschichte, sondern auch an aktuellen Tagesereignissen. In den in diesem Buch erstmals veröffentlichten Briefen erfährt man erstaunlich viel über das Privatleben der Habsburger. Innerhalb ihres kleinen Kreises plauderten sie frei und ungezwungen und korrespondierten eigentlich über alle Themen. Heitere, spannende, aber auch traurige Geschichten wechseln sich innerhalb weniger Zeilen ab. Denn in einem derart personenreichen Haushalt (in Schloß Schönbrunn und in der Hofburg haben jeweils an die zwanzig Familienmitglieder gelebt, von denen jedes einzelne über vier, fünf Leute Gefolgschaft verfügte, Diener und Küchenpersonal noch nicht miteingerechnet) fiel auch täglich eine Menge Überraschendes an.

Da der Nachlaß mehrere tausend Briefe umfaßt, die in einem einzigen Buch klarerweise nicht wiedergegeben werden können, mußte eine sinnvolle Auswahl getroffen werden. Ich habe es mir zu Aufgabe gemacht, die unterhaltsamsten Schriftstücke zu veröffentlichen, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Aus zahlreichen Briefen habe ich die inhaltlich interessantesten herausgefiltert, denn auch im Haushalt eines der ältesten und berühmtesten Herrscherhäuser Europas war nicht jeder Tag ereignisreich und geschichtsträchtig. Grob gesprochen enthält etwa jeder hundertste Brief eine Botschaft, die es wert ist, mitgeteilt zu werden. Und auch dieses hundertste Schreiben beginnt mit einer langen, beinahe immer gleichlautenden Einleitung: Man bedankt sich höflich für ein erhaltenes Schreiben, entschuldigt sich, daß man nicht augenblicklich darauf antwortete und nennt den Grund, der einen daran hinderte. Dann folgen meist ausführliche Beschreibungen des Befindens der einzelnen Familienmitglieder und nächsten Verwandten, aber auch der Gefolgsleute und der Bediensteten. Da sie jahrzehntelang mit einem den Haushalt teilten, hatten sie den Status von Freunden und Verwandten, weshalb einem ihr Schicksal nicht minder am Herzen lag.

Besonders eingehend wurde über Kranke berichtet, über den Ursprung und Verlauf der Krankheit, über die Meinungen der verschiedenen Ärzte, welche Mittel genommen und welche Therapien angewendet wurden, wie lange die Kuren dauerten und für wann man Genesung erhoffen durfte. Da die Familie sehr zahlreich war, gab es auch ständig Kranke. Die Kinder hatten die üblichen Kinderkrankheiten, in den Wintermonaten litten die meisten Habsburger an Grippe, viele von ihnen – wie Erzherzogin Sophie sowie die meisten ihrer Geschwister und Kinder – klagten (in einer Zeit ohne Schmerzmittel) lebenslang über Migräne, einige Familienmitglieder hatten schwere chronische Leiden. Beinahe alle fürchteten Epidemien (im 19. Jahrhundert brachen noch häufig Diphterie, Scharlach, Typhus und Cholera aus), vor denen man hunderte Kilometer weit in einen anderen Haushalt flüchtete. Das gab wiederum einen Anlaß, sich ausführliche Briefe über die Vorbereitungen auf und die Reise selbst zu schreiben. Die Schilderungen darüber sind genau so »spannend« wie Übersiedlungsgeschichten unserer Tage.

Besonders gerne hat man sich über den Besuch von Schauspiel- oder Opernveranstaltungen geschrieben. Die Habsburger gingen besonders gerne ins Theater, mitunter lud man Schauspieler ins Haus, die Lesungen veranstalteten. Das war damals ein beliebter abendlicher Zeitvertreib. Nach Theaterbesuchen schickte man sich Inhaltsangaben heute meist unbekannter Stücke und Opern und beschrieb die darstellerischen Leistungen der einzelnen Schauspieler, Sänger und Tänzer. Ihre Namen sind häufig ebenso vergessen wie die Titel der Theaterstücke. Erzherzogin Sophie und ihre Söhne, die Erzherzoge Ferdinand Maximilian, Carl Ludwig und Ludwig Victor, liebten aber auch die Werke der bildenden Kunst. Angeregt tauschten sie sich über Besuche von Ausstellungen, über Käufe von Kunstwerken, Stoffen und Antiquitäten aus und berieten sich gegenseitig. Doch keine Angst vor langen oder langweiligen Berichten über das Einrichten von Wohnungen: Ich habe bei der Auswahl der Briefe stets der Forderung »Unterhaltung vor Langeweile« nachgegeben.

Einen großen und besonders interessanten Schwerpunkt der Korrespondenz bildet die Alltagsgeschichte. Aufgrund der zahlreich vorhandenen Briefe läßt sich der Tagesablauf und die Art, wie er gestaltet wurde, sehr gut nachvollziehen. Jedes Familienmitglied hatte ein bestimmtes Arbeitspensum zu verrichten, über dessen Erfolg man sich selbstverständlich auch berichtete. Das tägliche Programm war der Jahreszeit und den familiären oder öffentlichen Erfordernissen angepaßt. Zu den wichtigsten Pflichten gehörte es, Alten- und Krankenanstalten, in Kriegszeiten Soldatenspitäler zu besuchen, Messen, Ausstellungen oder andere Veranstaltungen zu eröffnen und bei der Einweihung von Gebäuden oder Denkmälern anwesend zu sein. Außerdem wurden alle Familienmitglieder von klein auf dazu angehalten, Wohltätigkeitsaufgaben zu übernehmen und kulturelle Vereine mit ihrer Mitgliedschaft oder Schirmherrschaft zu unterstützen.

Bleibt zuletzt die wichtigste Aufgabe der Damen des Hauses: alte und kranke Verwandte, Beamte und Hofbedienstete zu betreuen. Das bedeutete nicht nur, sie regelmäßig zu besuchen, sondern auch ihre Versorgung und Betreuung zu sichern. Diese Pflicht nahm sehr viel Zeit in Anspruch und wurde von allen sehr ernst genommen. Man vermittelte Ärzte, ließ Heilmittel beschaffen und unterstützte mittellose Kranke auch finanziell. Denn nur wenige Menschen konnten sich damals Pflegemittel oder Kuren leisten. So waren in Zeiten ohne Versicherungsschutz die sozial Oberen für die sozial Unteren verantwortlich. Es gereicht den Habsburgern zur Ehre, daß sie dieser Pflicht sehr eifrig nachgekommen sind. Beinahe alle Familienmitglieder haben den Großteil ihrer Apanagen für diese Zwecke verwendet.

Nun stellt sich die Frage, warum so viele Briefe geschrieben wurden, wenn doch alle in der Wiener Hofburg oder in Schloß Schönbrunn wohnten. Diese Annahme wäre ein Trugschluß, denn die Habsburger waren beruflich und privat sehr viel unterwegs. Die Brüder Kaiser Franz Josephs (sowie die meisten anderen männlichen Verwandten) wurden mit Erreichen des 19. Lebensjahres an verschiedenen Orten des weitläufigen Reichs stationiert. Dadurch entstand ein reger Briefverkehr mit der gemeinsamen Mutter, Erzherzogin Sophie. Der Zweitälteste, Erzherzog Ferdinand Maximilian, lebte als Marinebeauftragter, später als Generalgouverneur von Lombardo-Venetien in Triest und Mailand, zuletzt als Kaiser in Mexiko, der dritte Sohn, Erzherzog Carl Ludwig, war zunächst Verwalter in Galizien, später Statthalter von Tirol. Bleibt schließlich der letzte Sohn, der Nachzügler Erzherzog Ludwig Victor, den ein Leben fernab von Wien nicht sehr ansprach, weshalb er als Vertreter Kaiser Franz Josephs nicht weiter als bis Salzburg zog. Daß er überhaupt bereit war, sich »so weit« von seinen Eltern zu entfernen, hing damit zusammen, daß in Salzburg seine geliebte »Großmutter-Tante«1, die verwitwete Kaiserin Caroline Auguste, lebte, mit der er sich täglich traf. Kurz nach seinem Amtsantritt in Salzburg ließ Ludwig Victor aber auch in Wien ein eigenes Palais errichten und pendelte fortan zwischen den beiden Städten.

Für das Erstellen und Versenden der Briefe gab es einen fixen Plan. Generell war für jeden Familienangehörigen ein bestimmter Tag der Woche vorgemerkt2, an dem man ihm schrieb. Besser gesagt: an dem man ihm die Post schickte. Denn man schrieb meist täglich an den Briefberichten weiter, weshalb die meisten Schreiben Tagebuch-Charakter haben. Vorrangig wurden Eltern, Geschwister und Kinder beschickt. Erzherzogin Sophie hatte das größte Pensum zu erledigen, denn sie hielt nicht nur ständig zu ihren vier Söhnen Kontakt, sondern schrieb auch ihrer Mutter und ihren zahlreichen Geschwistern, die in Bayern, Sachsen und Preußen lebten, sowie einer stattlichen Anzahl von Vettern, Cousinen und dem Hofpersonal. Sie hielt aber auch mit verreisten Hofdamen, Erziehern, Lehrern und Gouvernanten der Kinder Kontakt und tauschte sich mit ihnen über ihre familiären Ereignisse aus. Als Erzherzogin Sophie im Jahr 1872 starb, kam es nicht nur in der Familienkorrespondenz, sondern auch im Familienleben zu einem radikalen Bruch. Vor allem Kaiserin Elisabeth und ihre Kinder sollten in der Schwiegermutter und Großmutter ihren nächsten Ansprechpartner verlieren. Über das besonders gute Verhältnis zwischen den beiden Frauen wird im vorliegenden Band erstmals lückenlos – also über die gesamte Zeit ihres gemeinsamen Zusammenlebens – berichtet. Besonders nett dabei ist, daß die Liebe Erzherzogin Sophies zu ihrer Nichte und späteren Schwiegertochter bereits im Jahr 1848 begann (damals war Elisabeth erst elf Jahre alt; s. den Brief auf S. 72) und bis zu ihrem Tod währen sollte.

Falls sich jemand fragen sollte, warum bis jetzt noch niemand diesen Aspekt untersucht hat und das positive Verhältnis der zwei wichtigsten Personen um Kaiser Franz Joseph noch nie behandelt wurde, dann hängt das nur damit zusammen, daß man die meisten privaten Dokumente – einschließlich des hierin veröffentlichten Materials – nicht kannte. Mit der Publikation der bislang unerforschten Habsburger Briefe werden die Biographien Kaiserin Elisabeths und Erzherzogin Sophies neu geschrieben werden müssen.

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1 Der 1835 verstorbene Kaiser Franz II./I. war in vierter Ehe mit einer Schwester Erzherzogin Sophies verheiratet. Da das Paar kinderlos blieb, kam es auch zu keinen Stammbaum-Katastrophen. Hätte das Paar Söhne und Töchter gehabt, wären sie gleichzeitig Onkel/Tanten sowie Cousins/Cousinen Kaiser Franz Josephs und seiner Geschwister gewesen.

2 Vgl. dazu: »Hier sende ich (Erzherzogin Sophie) Dir, mein lieber Carl, im Auftrag von T: Marie ein Briefchen, das rasch ihrem gewöhnl. Mondtagsbrief folgte …« (aus einem Brief an ihren Sohn Carl Ludwig, Ischl, 22.8.1863)

Kurze Lebensgeschichte Erzherzogin Sophies und Kaiserin Elisabeths