image

Wolfram Pirchner · Nur keine Panik

Wolfram Pirchner

Nur keine

PANIK

Mein Weg zurück ins Leben

image

Besuchen Sie uns im Internet unter
www.amalthea.at

1. Auflage April 2014
2. Auflage April 2014

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.at
Umschlagfoto: © Alexander Schuppich
Herstellung und Satz: Franz Hanns
ISBN 978-3-85002-867-7
eISBN 978-3-902862-87-7

für Margaretha Anna

Inhalt

Vorwort

Notfall/Krise

Panik Teil 1

AKH

Zuhause war die Welt in (Un)Ordnung

Der innere Schweinehund

Panik Teil 2

Burn-out

Burn-out und ich

Panik Teil 3

Die Diagnose

Panikstörung

Gehirnchemie

Mein »inneres Spiel«

Licht und Sauerstoff

Glückspillen

Panik Teil 4

Eltern

Die systemische Aufstellung

Heilen/Ordnung

Individuum – ICH-Rolle

Meine guten Eigenschaften

Der erste Schritt zur Therapie

Nein sagen

Zeit für mich

Lebensrollen

Unzufriedenheit am Arbeitsplatz?

Grundeinstellung

Der Kutscher

Selbsterfahrung

Panik Teil 5 – Das Outing

Flucht oder Kampf

Wertschätzung

Achtsamkeit wozu?

Helfersyndrom?

Stabil und sicher im Hier und Jetzt

Planung

Bindestrich

Anmerkungen

Einige Bücher, die mir guttun

Weiterführende Literatur

Danksagung

Vorwort

Lange habe ich gezögert, »mein Buch« zu schreiben. Jetzt ist die Zeit reif. Keine Panik mehr. Ja, so ist es. Ich habe in keiner Lebenslage mehr Panik. Nein, halt! Das stimmt so nicht ganz. Manchmal melden sich meine »Zustände«, meine Panikattacken zurück. Selten zwar, aber doch. Nur verursachen sie bei mir heute keine Angst und auch keine Panik mehr. Weil ich gelernt habe, damit umzugehen. Fallweise kommen sie unvermutet und auch heute natürlich unerwünscht. Sie sind immer noch störend, unangenehm, aber sie machen mich nicht mehr panisch. Sie kommen vor allem, wenn das Wetter trüb und unfreundlich ist, oft auch bei Vollmond, bei größeren Belastungen im privaten oder beruflichen Bereich. Vor allem auch bei schlechter Selbstbehandlung. Haben Sie keine Angst, wenn ich von »Selbstbehandlung« schreibe – es geht mir gut und ich bin im gesellschaftlichen Sinn auch recht normal. Denke ich zumindest … Aber ich dachte in den letzten 20 Jahren viel über mich nach, manchmal vielleicht auch zu viel. Ich analysierte mich intensiv im Rahmen einer Psychotherapie. Das führte mich auf einen ganz guten Weg, meine ich. Heute denke ich unter anderem bewusst darüber nach, wie ich mich behandle, wie ich mit mir umgehe. Die Bilanz fällt mittlerweile ganz gut aus, obwohl es immer wieder Defizite gibt. Früher gab es Zeiten, in denen ich mich mies behandelte. Ich mich selbst, nicht die anderen. Schon auch, aber die sind nicht mehr so wichtig für mich. Nicht mehr. Ich weiß, das klingt egoistisch, ja, damit lebe ich gerne. Ich werde aber diesen »Egoismus«, der keiner ist, hoffentlich plausibel erklären können … Jetzt habe ich es also geschrieben, dieses Buch, um Ihnen neben viel Informationen auch Unterstützung zu geben. Sie unterstützen mich, indem Sie das Buch gekauft haben, vielen Dank dafür! Und ich unterstütze Sie hoffentlich, indem Sie etwas mitnehmen für Ihr Leben. Und das ist das Wichtigste auf dieser Welt: IHR Leben! Leider haben wir alle nur eines. Unser Leben hat ein Ablaufdatum, es ist endlich. Leider. Keine Angst, dieses Buch ist kein Ratgeber. Ich mag keine Ratgeber: »Machen Sie dies, tun Sie jenes, dann ist alles wieder in Ordnung.« Blödsinn. Ein paar Tipps und Techniken führe ich schon an, Sie wollen schließlich wissen, wer und was mir wie und wann geholfen hat, um aus dem Panikschlamassel herauszukommen. Da es MEIN Buch ist, habe ich einige Lebensweisen, Möglichkeiten und mentale Techniken erwähnt, die mir sehr genützt haben, mir dienlich waren und mein Leben absolut lebenswerter gemacht haben. Wenn Sie mögen, dann sind Sie herzlich eingeladen, manches zu übernehmen, auszuprobieren, kennenzulernen und vielleicht auch können zu lernen.

Bevor Sie sich mit meiner Geschichte beschäftigen, habe ich eine große Bitte: Darf ich Sie auf den folgenden Seiten mit »du« ansprechen, obwohl mir das Du-Wort im »Leben draußen« nicht so schnell über die Lippen geht? Darf ich Ihnen als der Ältere vielleicht das Du-Wort anbieten, ohne anbiedernd sein zu wollen? Da wir ab jetzt für einige Stunden eine zweifellos enge Beziehung eingehen und du (ist das in Ordnung für dich?) Dinge und beinahe Intimes über mich erfährst, passt es einfach besser in unsere private Kommunikation. Im Übrigen braucht es ja auch niemand offiziell zu wissen. Noch etwas: Ich gendere im »Leben draußen« einigermaßen korrekt und auch aus Überzeugung, in diesem Buch verzichte ich jedoch aus Platz- und Zeitgründen und vor allem aus Bequemlichkeit gerne darauf und habe mich für die männliche Form entschieden. Dies geschah nach Rücksprache mit meiner lieben, emanzipierten Frau. Sie plädierte eindeutig für die männliche Form. Ich hoffe, das ist für dich in Ordnung!

Der Untertitel des Buches lautet: »Mein Weg zurück ins Leben«. Das fand ich anfangs ein wenig übertrieben, ich war ja nicht tot, ich fühlte mich lediglich sehr oft so, aber der Vorschlag des Verlags gefiel mir dann immer besser. Ja, es ist ein Weg zurück ins Leben, und dieser Weg dauert nach wie vor an. Ein Weg in ein lebenswerteres Leben, in ein Leben mit viel Power, Vitalität, Freude, Bewegung, Sinn, Klarheit, Überblick und Visionen. Das klingt jetzt alles sehr nach Perfektionismus, ist es aber in meinem Fall ganz sicher nicht. Ich bin nach wie vor (manchmal) undiszipliniert, faul, träge, lebe ungesund, esse zu viel, bewege mich zu wenig usw. Doch heute ist es mir bewusst, wenn ich – aus meiner Sicht – Fehler mache, Fehler zulasse und sie dann fokussiert und zielgerichtet behebe. Das ist eine meiner vielen Erkenntnisse, die ich gewinne, indem ich mich mit mir auseinandersetze. Die Erkenntnis, dass ich Fehler beheben, Probleme lösen kann, indem ich etwas unternehme, damit es mir besser geht. Mich zu wehren gegen die störenden Einflüsse von außen. Machen statt machen lassen. Jeder Dritte von uns ist irgendwann einmal in seinem Leben mit Panikstörungen konfrontiert. Man fühlt als Betroffener Verzweiflung, Aussichtslosigkeit und Pessimismus. Man sieht schwarz. Aber ich darf dir heute, viele Jahre nach meiner Akutphase, verraten, dass diese Zustände für mein späteres Leben wichtig und als Alarmsignale absolut und nachhaltig von Nutzen waren. Solltest du auch betroffen sein von Panikattacken und Angstzuständen, dann wirst du das jetzt noch nicht verstehen. Du wirst sagen: »Mein Gott, was schreibt er da? Ich bin verzweifelt und weiß nicht, wie es weitergehen soll.« So habe ich es auch empfunden. Ich war auch verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich war am Boden. Ich war erledigt und keiner sollte beziehungsweise durfte es merken. Heute frage ich mich: Warum durfte es keiner merken? Ich wage es, dir zu versprechen, dass es Hilfe gibt. Und ich traue mich, dir zu sagen, dass es Heilung auch für dich gibt. Es gibt Hilfe und es gibt Heilung. Es wird auch dir von Tag zu Tag in jeder Hinsicht besser und besser gehen. Das wünsche ich dir von Herzen. Nur musst du etwas dafür tun. Du musst bereit sein zur Veränderung. Das ist das Zauberwort: VERÄNDERUNG. Ab jetzt!

Meine Panikttacken und Angstzustände und die in der Folge überwältigende Resonanz auf mein Outing weckten sozusagen mein »Helfersyndrom«. Ich beschloss, eine seriöse Coaching-Ausbildung zu machen, recherchierte im gesamten deutschen Sprachraum und stieß letztendlich durch die Mundpropaganda eines Freundes auf das Mentalcollege Bregenz, das in Kooperation mit der Universität Salzburg einen akademischen Lehrgang anbot. Das Pendeln vom Neusiedlersee an den Bodensee und retour über Jahre … es hat sich gelohnt.

Wolfram Pirchner

im März 2014

Notfall/Krise

Wer hilft mir, wenn ich in Not bin? Wer hilft mir und dir, wenn wir eine Krise haben? Eine Notlage, einen Engpass, ein Problem? Wer hilft dir, wer unterstützt dich, wer ist an deiner Seite, wer steht dir bei? Wer drückt dich, wer nimmt dich tröstend in den Arm, wer schenkt dir seine Zeit, seine Aufmerksamkeit? Ich meine jetzt nicht nur eine richtige, eine greifbare, eine alles überlappende Lebenskrise, nein, ich ziele auch auf die kleine Krise, das »Krischen« hin, das mein Leben, dein Leben, sagen wir, unangenehmer macht als bisher. Eine Störung. Eine Indisposition. Das kann das Nichtfunktionieren der Kommunikation mit der Partnerin, mit dem Partner sein, ein Missverhältnis zu den lieben Kindern, weil du wieder einmal nicht ganz so funktionierst, wie sie das wollen, das kann eine wachsende Unzufriedenheit am Arbeitsplatz sein, eine Formkrise am Golfplatz usw. Eine kleine, mittelgroße oder größere Lebenskrise. Etwas, das dir nicht passt. Das dir gegen den Strich geht. Eine persönliche Finanzkrise vielleicht. Nehmen wir an, du hast dein Konto überzogen, den Rahmen voll ausgeschöpft – das ist übrigens nicht sehr klug, da zahlst du im besten Fall ungefähr acht Prozent Überziehungszinsen –, dann gehst du optimistisch zum Bankomaten, glaubst, ihn überlisten zu können, tippst deinen Code ein und dann verheißt die schriftliche Botschaft nichts Gutes. »Leider Barbehebung nicht möglich, wenden Sie sich an Ihr Geldinstitut.« Oder so ähnlich. Oh je. Keine Kohle mehr. Ausgepresst wie eine Zitrone. Was tun? Im Lotto wirst du wahrscheinlich wieder nicht den Jackpot knacken, eine Bank ausrauben klingt auch nicht nach der einzig erfüllenden und befriedigenden Lösung, die Mama kannst du nicht anpumpen, die hat selber nichts oder sie lebt nicht mehr. Also was tust du? Wer hilft dir? Klare und ernüchternde Antwort: Niemand. Nobody. Ist da jemand? Meistens nein. Außer du hast vielleicht eine Freundin, einen Freund, die Verständnis für deine Nichtfähigkeit, mit Geld umzugehen, haben und dir aushelfen. Aber erstens hast du vermutlich nicht so viele Freunde, wie du glaubst, und zweitens werden dir deine ganz wenigen richtigen und wahren Freunde eher nicht helfen. Was heißt helfen? Dir Geld geben. Also: Das ist unrealistisch, und falls der eher unwahrscheinliche Fall eintritt, dass dir deine Freundin oder dein Freund helfen, dann ist das keine Dauerlösung. Unterm Strich steht: Es hilft dir niemand. In keiner wie immer gearteten Notsituation.

Halt! Ausnahme. Die Familie, ja, ich weiß schon – Eltern helfen ihren Kindern, Geschwister, so sie sich untereinander verstehen und mögen, auch. Oma und Opa auch. Freunde selten. Noch einmal: Du hast ganz wenige wahre Freunde, auch wenn du von einer Unmenge an Freunden umgeben zu sein scheinst. Möchtest du hinterfragen, ob du Freunde hast? Und wenn ja, wie viele? Willst du tatsächlich eine ehrliche Antwort darauf bekommen? Lass es. Lieber nicht. Ehemals Fremde, die sich vertrauensvoll in dein Leben geschlichen haben, durchaus positive, für dich Nutzen bringende Menschen, mit denen du viel Zeit verbracht und verbraucht hast und immer noch verbringst. Die sich deine Sorgen und Nöte angehört haben, die dir ganz oft, mit häufig ungefragtem Rat und selten mit Taten, zur Seite standen. Freunde. Was für ein gewaltiges, starkes Wort. Meine Freundin. Mein Freund. Was ist das eigentlich? Eigentlich – ich mag dieses Wort gar nicht. Aber hier passt es. Was ist ein Freund? Jemand, der dir in allem zustimmt? Jemand, der nicht dagegenredet? Jemand, der dich in den Arm nimmt, dich tröstet und dir sagt: Ich bin für dich da? Ist das dann jemand, dem du grenzenlos vertraust? Weil sie oder er dich in den Arm nimmt und dich tröstet? Ist das dann tatsächlich jemand, von dem du ungefragt Ratschläge akzeptierst? Jemand, der dich vielleicht so formen und zurechtbiegen will, wie sie, wie er das gerne hätte? Gibt es da jemanden, der dir zuhört, der dich nimmt, wie du bist? Wie bist du? Du merkst schon, ich neige zum Fragenstellen. Ich bin ja auch Moderator, war einmal Redakteur, Journalist, und als solcher musst du neugierig sein, musst du Fragen stellen. Weil du sonst vermutlich keine Antworten bekommen wirst. Ich frage bewusst: Was ist ein Freund? Ein Lebensabschnittspartner? Ja, ich denke schon. Freunde sind auch Lebensabschnittspartner. Freunde zu gewinnen, Freunde zu haben heißt jedoch noch lange nicht, dass sie das auch ein Leben lang sein dürfen/müssen. Oder? Ein Leben lang. Eine lange Zeit. Oder auch nicht. Je nach Wahrnehmung. Wer hilft dir, wenn du in Not bist?

Freunde. Was für ein gewaltiges, starkes Wort.

Ich denke, dass du es bist, der dir helfen kann. Der handeln kann. Der ins Tun kommen muss, um eine Veränderung der Not, der Krise, der Indisposition, des Engpasses zu erreichen. Ich glaube, dass es den »Idealzustand«, zumindest bei erwachsenen Menschen, fast nicht gibt. Diejenigen, die immer wieder betonen, wie glücklich sie sind, wie zufrieden sie sind, wie friedvoll sie mit sich und der Umwelt umgehen, wie sehr sie im Reinen mit sich sind – die das bei jeder Gelegenheit (auch ungefragt) immer wieder loswerden müssen, die sind mir verdächtig. Die wecken ein zumindest leises Unbehagen in mir. Und weißt du warum? Weil ich es ihnen schlicht und einfach nicht glaube. Besonders verdächtig sind mir jene, die nach ihrer Aussage, nach einer kurzen Pause, das Wort »wirklich« hinzufügen. »Ich bin ein sehr zufriedener Mensch. PAUSE. Wirklich!« Da schüttelt es mich innerlich, weil ich mich wie ein Detektiv fühle, der sein Opfer auf frischer Tat ertappt. »Es geht mir sehr gut. PAUSE. Wirklich.« Na bravo, kein Wort glaube ich. Wirklich. Also dinglich, fassbar, greifbar, real, seiend, echt, wahr. Was heißt echt? Authentisch? Ja sicher. Wenn man es nur selber glaubt. Aber es ist ohnehin nicht dein Problem, wenn dich Mitmenschen mit ihren scheinbaren Zuständen überhäufen. Du bist der, der es akzeptiert, der es billigt, bejaht. Ein Freibrief sozusagen für weitere, ganz sicher bald folgende Zustandsinformationen. »Ich bin glücklich. PAUSE. Wirklich.«

Mein Sohn Felix sagte mir vor nicht allzu langer Zeit einen wunderschönen Satz: »Ich bin im Moment absolut sorgenfrei.« Und er hat das Wort »wirklich« nicht angefügt. Er hat es weder ausgesprochen noch gedacht. Ich glaube ihm. Er ist mittlerweile und im Moment absolut sorgenfrei. Das ist ein Superlativ. »Ich bin absolut sorgenfrei« heißt auch »es geht mir in jeder Hinsicht gut«. Da war ich einen Sekundenbruchteil fast so etwas wie neidisch auf ihn. Gott sei Dank hat er es nicht bemerkt und kann keine Gedanken lesen. Oder vielleicht doch? Das möchte ich auch empfinden, dachte ich mir. Absolut sorgenfrei zu sein. Die Mission im Kopf, die Visionen vor mir, die Vergangenheit bewältigt (alleine dieser Ausdruck ist doch schrecklich), mit meinen Lieben ganz im Reinen zu sein, mit mir versöhnt zu sein usw. Sorgenfrei zu sein. Losgelöst und frei von Sorgen und Kümmernissen. Schön. Sehr schön sogar. Ich freue mich sehr für ihn und wünsche ihm sehnlich, dass sein Zustand lange anhalten möge.

Ich bin im Moment absolut sorgenfrei.

Wenn es nicht so läuft wie im Moment bei Felix, wenn dich die Wirrnisse des Lebens ein- und überholen, wenn die Probleme mehr werden, die Sorgen wachsen, die Lebenslasten schwerer werden – was dann? Hast du jemanden, auf den du »zurück-«greifen kannst, Eltern, Geschwister, das familiäre Netz? Mir ist die Familie früher fallweise auf die Nerven gegangen, sehr sogar. Ich hielt es nicht aus, kritisiert zu werden, ich mochte es nicht, dass nicht alles, was ich dachte und sagte (und ich rede und redete viel zu viel …), freudig, gar enthusiastisch aufgenommen wurde, ich mochte die Unterordnungsrituale, die von mir als Heranwachsendem gefordert wurden, nicht. Weder als Kind, schon gar nicht in der Pubertät, und als biologischer Erwachsener hasste ich sie überhaupt. Ich weiß nicht, ob dafür in meiner Vergangenheit eine Ursache zu finden ist. Heute noch kann ich mit Autoritäten schlecht umgehen. Auch wenn die »Betroffenen« mir gegenüber positiv agieren und es möglicherweise auch gut mit mir meinen. Ich hege stets den leisen Verdacht, dass es sich um reine Kommandeure, Anweiser, Befehlsgeber handeln könnte. Hoffentlich meinen sie es gut mit mir.

Ja, die soziale Eingebundenheit. Wer hilft dir in der Not, wollte ich wissen. Meine Antwort lautet: Nur du selber hilfst dir – und das nur dann, wenn du dazu bereit bist. Wenn du dir helfen möchtest. Die meisten Menschen denken nur dann über ihr eigenes Schicksal nach, wenn in ihrem Dasein etwas unrund läuft, wenn etwas schiefläuft. Dann tritt das auf, was wir unter dem Terminus »Teufelskreis« kennen, wir denken nach, geraten in die Vergangenheit, und diese zumeist schmerzlichen Erinnerungen lassen die Gegenwart noch beklagenswerter erscheinen. Mittlerweile weiß ich, dass der Teufelskreis dazu da ist, um aus ihm auszubrechen. Ja, das kann man. Beispielsweise, indem man sich angewöhnt, regelmäßig und häufig über sein eigenes Leben, sein Dasein nachzudenken, seine Abläufe zu analysieren, verbunden mit Fragen wie: Was bringt mir das? Gehe ich strategisch nach Plan vor? Habe ich einen Plan? Wohin führt mein Weg? Welche Ziele habe ich? Welche Wünsche gibt es? Wie ist meine Stimmung? Worüber freue ich mich? Wenn ich über meine Ziele, meine Vision(en) nachdenke, dann gerät mein System, also ich, in einen Zustand der inneren Harmonie. Meistens. In einen harmonischen Zustand, der auch im Außen registriert wird – und damit beeinflusst du das gesamte System, also alle, die dich umgeben. Egal, ob privat oder am Arbeitsplatz oder auch dir völlig fremde Menschen. Das ist ganz einfach so, dazu brauche ich keine wissenschaftlichen Beweise anführen.

Übrigens, falls du jetzt (ich sehe die intellektuellen Kritiker vor mir) denkst, das ist wieder so ein halb professioneller Lebensratgeber nach dem Motto »Hilf dir selbst, dann funktioniert dein Leben« oder »Leben leicht gemacht« oder »Wirf den Frust über Bord, die Heilung ist nah«, dann leg mein Buch besser weg. Es ist kein Lebensratgeber. Es ist meine Geschichte und es sind auszugsweise Experten, Maßnahmen, Techniken, Methoden und Schritte erwähnt, die mir gut getan haben und gut tun. Die mir geholfen haben und die ich deshalb hier anführe und ihnen Raum gebe. Das heißt noch lange nicht, dass das alles bei dir auch funktioniert. Die Kernfrage, wenn es einem beschissen geht, ist doch: Geht es mir tatsächlich so schlecht, wie ich mich fühle, oder bewerte ich die ganze Geschichte einfach falsch? Sehe ich mein Leid ausschließlich assoziativ oder bin ich bereit, auch eine dissoziative Haltung einzunehmen? Also von oben, von einem anderen Blickwinkel auf mein Problem zu schauen? Mir selbst zuzuschauen. Die alles überdeckende, mich erdrückende, beengende Sorge, was heißt Sorge, die Sorgenlawine zu betrachten. Mir hat die folgende Geschichte bei der Bewertung meiner Probleme geholfen. Weil sie die Perspektiven ändert. Es ist der fiktive Brief einer Tochter an ihre Eltern, die sich, wie die meisten Eltern, über alles und noch mehr Sorgen machen. Ich habe auch zwei Kinder und mache mir nach wie vor viel zu oft Sorgen. Vielleicht habe ich zu wenig Vertrauen zu den beiden?

Hier der Brief der Tochter:

Liebe Eltern,

seit ich von zu Hause weg auf der Universität bin, war ich, was das Briefeschreiben angeht, sehr nachlässig. Es tut mir leid, dass ich so unachtsam war und nicht schon viel früher geschrieben habe. Nun möchte ich euch auf den neuesten Stand bringen. Aber bevor ihr anfangt zu lesen, nehmt euch bitte einen Stuhl. Bitte lest nicht weiter, bevor ihr euch gesetzt habt! Okay? Also, es geht mir inzwischen wieder einigermaßen. Der Schädelbruch und die Gehirnerschütterung, die ich mir zugezogen hatte, als ich aus dem Fenster des Wohnheims gesprungen bin, nachdem dort kurz nach meiner Ankunft ein Feuer ausgebrochen war, sind ziemlich ausgeheilt. Ich war nur drei Wochen im Krankenhaus und kann nun schon fast wieder normal sehen. Nur noch einmal am Tag habe ich diese wahnsinnigen Kopfschmerzen. Glücklicherweise hat der Tankwart der Tankstelle in der Nähe das Feuer im Wohnheim und meinen Sprung aus dem Fenster gesehen und die Feuerwehr mit Krankenwagen gerufen. Er hat mich auch im Krankenhaus besucht – und da das Wohnheim abgebrannt war und ich nicht wusste, wo ich unterkommen sollte, hat er mir sogar angeboten, bei ihm zu wohnen. Eigentlich ist es nur ein Zimmer im ersten Stock, aber es ist doch recht gemütlich. Er ist ein sehr netter Junge und wir lieben uns sehr und haben vor zu heiraten. Wir wissen noch nicht genau wann, aber es soll schnell gehen, damit man nicht sieht, dass ich schwanger bin. Ja, liebe Eltern, ich bin schwanger. Mir ist bewusst, wie sehr ihr euch freut, bald Großeltern zu sein ... und ich weiß, dass ihr das Baby gern haben und ihm die gleiche Liebe, Zuneigung und Fürsorge zukommen lassen werdet, die ihr mir als Kind gegeben habt. Der Grund, warum wir nicht sofort heiraten, ist, dass mein Freund an einer infektiösen todbringenden Krankheit leidet, daher ist es uns nicht möglich, eine voreheliche Blutuntersuchung durchzuführen, denn auch ich habe mich bei ihm angesteckt. Ich bin sicher, dass ihr ihn mit offenen Armen in unsere Familie aufnehmen werdet. Er ist nett und ehrgeizig, wenn auch nicht besonders gebildet. Auch wenn er eine andere Hautfarbe und Religion hat als wir, wird euch das sicherlich nicht stören. Und jetzt, da ich euch das Neueste mitgeteilt habe, möchte ich euch sagen, dass es im Wohnheim nicht gebrannt hat, ich keine Gehirnerschütterung oder einen Schädelbruch hatte, ich nicht im Krankenhaus war, nicht schwanger bin, nicht verlobt bin, mich nicht angesteckt habe und auch keinen Freund habe … Allerdings bekomme ich auf meine erste Seminararbeit ein glattes »Nicht genügend« und leider habe ich auch die wichtige Proseminararbeit so richtig vergeigt. Ich möchte, dass ihr diese Noten in der richtigen Relation betrachtet!

In Liebe,

eure Tochter …

(Beispiel aus dem Mentalcollege Bregenz)

Was tust du in so einem Fall? Wie reagierst du, wenn dir Vergleichbares passiert? Was dir beim Herauskommen aus welchem Schlamassel auch immer ganz sicher hilft, ist dein erster Schritt. Der erste Schritt, um ins Tun zu kommen. Die meisten Menschen, denen es schlecht geht oder die es zumindest so empfinden, fühlen sich ab dem Moment, von dem an sie ins Tun kommen, deutlich besser. Warum? Aktivität bedingt eine biochemische Veränderung im Gehirn. Neurotransmitter und Hormone werden ausgeschüttet und bedingen Reaktionen im psychischen und physischen Bereich. Schon das berühmte Orakel von Delphi hat vor ca. 3000 Jahren den durchaus vernünftigen Rat erteilt: Erkenne dich selbst! Kluge Menschen sind damals schon darauf gekommen, dass man das eigene Ich zuerst einmal erkennen muss, es dann meistern muss (leicht gesagt beziehungsweise geschrieben …), erst dann kann man sich auf einen Weg zu einem guten Leben machen. Zu einem guten Leben für sich selbst. Aber weit sind wir, wenn wir ehrlich sind, nicht gekommen. Auffallend ist auch, so berichten Experten, dass die Stimmung von Menschen, wenn sie über sich reflektieren, normalerweise eine schlechte ist. Wenn jemand über sich nachdenkt, ohne geschult zu sein, dann sind die ersten Gedanken, die im Gehirn, im Geist entstehen, zumeist negative, deprimierende. Die Fähigkeit der Reflexion kann und sollte man erlernen und in der Folge beherrschen, denn sonst verschlimmert das Nachdenken unsere Lebensqualität, anstatt sie zu verbessern.

Ins Tun kommen.

Vielleicht sollten wir das Grübeln auch lassen und das Nachdenken über das eigene Ich, so wir das wollen, besser mit professioneller Hilfe angehen. Wie lautet die Lösung? Ins Tun kommen. »Machen« statt »gemacht werden«. »Hin zu« anstatt »weg von«. Ins Tun kommen heißt, du wirst dich besser fühlen. Von optimalen Bedingungen oder gar Genesung innerhalb kurzer Zeit reden wir hier noch lange nicht. Es geht um den ersten Schritt, es geht um die ersten Schritte deiner persönlichen Wanderung. Vielleicht wird es auch eine anstrengende Bergtour. Es geht um das Aufwachen aus deiner Lethargie, um die erste Initiative. Schrittweise. Was du ganz sicher brauchst und was du auch zulassen solltest, sind Nachsicht und Geduld – mit dir selbst. Behandle dich ab sofort besser, gehe sorgfältiger mit dir um. Von anderen würdest du das hoffentlich nie akzeptieren, wie du selbst fallweise mit dir umgehst. Was du dir gefallen lässt. Mir ist es lange Zeit so ergangen. Nach außen hin war alles meistens super, spitze, toll, in Ordnung. Nach außen. Ist dir das wichtig? Was die anderen über dich reden, wie du nach außen wirkst, auf die anderen? Auf jene, die über dich reden? Und sie reden meistens nicht gut über dich, glaube mir. Die Neider und die Missgünstler. Die Spießer, die selbst überhaupt nichts zusammenbringen. Ich merke das heute schon im Zusammenhang mit unserer Tochter, wie Erwachsene und sogar auch Kinder im Umfeld neidig sind. Darauf, dass sie hübsch ist, dass sie gut ist, dass sie ehrgeizig ist, dass sie erfolgreich ist in der Schule, dass sie eine Supersportlerin ist, dass wir erfolgreich sind, dass wir ein schönes Haus haben usw. Sie sind auf alles neidig. Nicht alle, aber ich weiß es ganz genau. Man spürt das, wenn man sensibel und wachsam ist. Du siehst es in ihren Gesichtern, du spürt es in ihrem Verhalten. Aber es ist völlig belanglos und egal und es darf dir auch nichts ausmachen, das ist der Punkt.

Im Fluss sein.

Ich bin also mit mir schlecht umgegangen. Und nur wenige Menschen haben es bemerkt. Als ich zum ersten Mal massive Schwindelgefühle, vermeintlich Kreislaufprobleme, spürte, nahm ich die Dienste einer Ärztin in Anspruch, die auch Akupunktur machte. Damals erlebte ich zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie einen »Flow«, also »Fluss«. Im Fluss sein, ohne Blockaden. Als sie mir die Akupunkturnadeln am Kopf, an der Stirn, der Nase, am Hals, an den Schultern und verschiedenen Bereichen des Körpers setzte, dachte ich mir: Toll, ich habe eine Nadelaversion, was mache ich hier? Was heißt Aversion, ich hatte eine Heidenangst, eine Panik, vor Nadeln. Und an und für sich war ich alternativen Methoden wie der Akupunktur gegenüber nicht gerade wohlwollend eingestellt. Plötzlich staken gefühlte 200 Nadeln in meinem Leib. Es waren rund 20. Es war ein komisches Gefühl, ich lag auf einer bequemen Liege in einem ruhigen, freundlichen Zimmer und mein Körper begann zu summen. Ich hatte zumindest das Gefühl, dass er summt. Natürlich summte mein Körper nicht, das wäre ja noch schöner gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass mein Blut in Wallung, im schnellen Fluss war, und sagte dann auch zur lieben Frau Doktor: »Mir wird ein bisserl schwindelig, mein Blut rast so schnell.« Sie beruhigte mich und sagte, dass ich meine Meridiane fühlen würde und meine Blockaden sich lösten. Meine Energie würde fließen. Meine Energie fließt? Na Servus. Meine Meridiane? Was zum Teufel sind Meridiane? Sie erklärte mir, dass meine Lebensenergie »Qi« nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) auf Energiebahnen, den Meridianen, durch den Körper strömt und an mehr als 700 Punkten die Hautoberfläche berührt. Fließt die Qi-Energie harmonisch, ist der Mensch gesund. Krankheit und Schmerz sind dagegen Ausdruck von Disharmonien im Qi-Fluss. Sie können durch äußere oder innere Einflüsse wie Kälte, Wärme, falsche Ernährung, aber auch psychische Faktoren entstehen.

Die Akupunktursitzungen, einmal wöchentlich, taten mir gut. Bis ich auf einmal, als ich auf der Liege lag, eine Panikattacke bekam, die sich gewaschen hatte. Ich wusste aber nicht, dass es eine Panikattacke war. Ich dachte an meinen Kreislauf, meinen niedrigen Blutdruck und japste und jammerte, gespickt von vielen Nadeln, vor mich hin, bis die Frau Doktor kam, mir gut zuredete und mir von meinen Meridianen erzählte. Das lenkte mich ab und ebenso die Panikattacke. Sie war nicht mehr dominant. Und während ich interessiert feststellte, dass ich die Meridiane nachzeichnen hätte können, war sie auch schon wieder verschwunden. Super, dachte ich, meinem Kreislauf geht es wieder besser. Meinem Kreislauf …

Ganz blöd waren die Chinesen ja nicht, seit rund 3000 Jahren schätzt man die Akupunktur-Therapie in China als wirksame Hilfe bei Schmerzen, funktionellen und seelischen Erkrankungen sowie zur Harmonisierung des Immunsystems. Seit den Siebzigerjahren hat auch die Schulmedizin bei uns die sanfte Heilkraft der Traditionellen Chinesischen Medizin entdeckt und in ihr Behandlungsspektrum aufgenommen. Akupunktur hat mir bei der Bewältigung vieler »Gschichterln« geholfen und ich kann sie ruhigen Gewissens empfehlen. Wie jedoch bei allen Dienstleistern, Schulmedizinern, TCM-Ärzten, Masseuren, Therapeuten etc. – du musst die Richtige/den Richtigen selbst finden. Und: Nicht jeder gute Trainer ist ein guter Fußballspieler.

Panik Teil 1

Das war schon etwas Einschneidendes, etwas Gewaltiges. Es ist lange her, das genaue Datum ist mir entfallen, aber es war in etwa im Februar 1995. Ich moderierte mit Hannelore Veit die Zeit im Bild 1, die wichtigste TV-Sendung im ORF, in Österreich, was heißt Österreich? Im Universum. ICH war der Auserwählte für diese Aufgabe. Die – ich flüstere ehrfurchtsvoll – Zeit im Bild. Das war etwas Tolles. Ich, der Tiroler, der Provinzler – griasch di! – durfte oder musste, je nach Interpretation, die Hauptabend-Nachrichtensendung moderieren. Nur nebenbei: Vom tatsächlichen Arbeitsaufwand her war das nicht zu vergleichen mit Willkommen Österreich zum Beispiel – ich meine das ursprüngliche, das einzig wahre Willkommen Österreich, das äußerst erfolgreiche, quotenstarke Nachmittagsmagazin in ORF 2. Etwa sechs bis sieben Moderationen musste sich jeder von uns pro Zeit im Bild »umschreiben«, mundgerecht machen und dann von der »Autocue« ablesen. »Autocue« ist die Vorrichtung, die deinen Text gespiegelt vor dem Kameraobjektiv einblendet und nach deinem jeweiligen Sprechtempo ablaufen lässt. Damit erweckst du den Eindruck, alles auswendig zu können. Die Moderationen werden von den Redakteuren, zumeist nachdem sie den Bericht gestaltet haben, vorgeschlagen. Das solltest du prinzipiell können, also umschreiben sowieso und dann kompetent wirkend ablesen. Erzählen. Da gab und gibt es auch »Sprechpuppen«, denen du als Zuschauer ein nervöses Augenzucken andichten willst. »Sprechpuppen« meine ich übrigens liebevoll – bevor sich da jemand auf den Schlips oder sonst wohin getreten fühlt. Ich bezeichne mich auch ganz gerne als solche. »Autocuelesen« ist schwierig und wenn man es nicht kann, ist das ein Problem. Ich weiß, dass man »Autocue-Lesen« nicht lernen kann, genauso wenig wie Moderieren. Entweder du kannst es oder du kannst es nicht. Ob ich es kann, das weiß ich nicht, aber heute ist mir das auch egal. Es kommt jedenfalls immer noch gut an, was ich mache. Und ich sage dir beziehungsweise schreibe dir, es kostet mich auch heute noch ein wenig Überwindung, das so zu formulieren: Ja, ich kann es. Kann ja nicht jeder von sich behaupten, dass er den Job »kann«, oder? Die Chefs beispielsweise. Haben die vielen, die da gekommen sind und auch alle wieder gegangen sind, ihren Job gekonnt? Es ist nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen.

Ich verstelle mich nicht mehr.

Ich war ein toller Radiomann. Gute Stimme, reaktionsschnell, ich gestaltete aufregende Reportagen, war oft der Schnellste und Aktuellste am Ort des Geschehens und innerhalb weniger Minuten auf Sendung. Ich war interessiert, motiviert und neugierig. Außerdem fühlte ich mich in der Anonymität des Hörfunk-Machers sehr wohl, weil ich die Distanz zu meinen Zuhörern hatte. Fernsehen? Ich weiß nicht. In letzter Zeit gefalle ich mir einigermaßen gut, weil ich authentisch bin. Zugegebenermaßen schaue ich mich selbst aber nicht oft an. Und wenn, dann ungern. Das ist nicht so das Meine, obwohl ich das nicht laut sagen sollte, weil die Chefs natürlich wollen, dass man sich analysiert. Aber ich verstelle mich nicht mehr. Und Schauspieler bin ich sowieso keiner. Meine Angst ist bewältigt. Der Respekt ist an ihre Stelle getreten. Ich bin so, wie ich bin, und das kommt authentisch über den Bildschirm. Ob man das jetzt mag oder nicht. Danke für dein Verständnis!

Meine Angst ist bewältigt.

Fernsehmoderator. Wir Männer haben es ja besser als die Frauen. Also beim Moderieren. Sonst nicht. Männer werden nicht so argwöhnisch, nicht so kritisch beobachtet. Sonst dürften doch ein Peter Rapp und ich (bald) nicht mehr im Fernsehen auftreten. Wir sind nicht die »Anchormen« der Geriatrie-Sonderabteilung. Einige wissen nicht, wann der Zeitpunkt des Abschieds gekommen ist, aber wer geht schon gerne freiwillig vom Feld, wenn ihn der Trainer nicht austauscht. Egal, die Leute mögen uns zum überwiegenden Teil, und das ist gut so – für uns. Mit den Neidern musst du sowieso selbst fertig werden. Und die sind breit gestreut. »Das, was der gelackte Affe da macht, das kann ich schon lange.« Jaja, ist schon gut. Und warum machst du nicht den Job, du Pfeife? Ich sage dir, warum. Weil du es nicht kannst. Weil du nur die positiven Facetten siehst. Weil du das angeblich viele Geld riechst. Es ist ein 24-Stunden-Job, glaube mir. Nicht ganz, weil einige Stunden schläfst du ja hoffentlich auch. Aber wenn du in den Supermarkt einkaufen gehst, dann bist du der TV-Moderator. Wenn du im Wartezimmer eines Arztes sitzt, dann bist und bleibst du der Fernsehmann. Auf der Straße, überall. Du wirst angesprochen, du wirst angegriffen, im Sinne von berührt, und manchmal auch für das Fernsehprogramm verantwortlich gemacht. Ich habe Glück, zum überwiegenden Teil mögen mich die Leute. Ich werde nicht beschimpft, ich werde gut behandelt. Aber ich bin, wann immer ich in der Öffentlichkeit bin, öffentliches Gut und »im Dienst«. Weil ich pausenlos mit meinen Zusehern konfrontiert bin. Und da gibt es immer noch welche, die mich fragen, wie toll denn das nicht sei – erkannt zu werden. Wichtig zu sein. Prominent. Nein, es ist nicht toll. Die erste Woche vielleicht, wenn dich wildfremde Menschen anschauen, dich nicht gleich zuordnen können, dann aber kommt das erleichternde: »Ich kenn Sie woher. Sind Sie nicht der Haider? Egal ob Jörg oder Alfons. Oh Gott. Oder der Chmelar. Naja.« Es ist auch schön, wenn dich die Menschen schätzen, dich mögen, du oft der einzige »Besucher« bist, den sie zu Hause empfangen. Da gibt es eine Art Naheverhältnis, von dem du nichts ahnst. Da entsteht aber auch eine gewisse Distanzlosigkeit, so eine Art »Du gehörst mir«-Einstellung, weil ich bezahle ja schließlich auch TV-Gebühren. Und deshalb darf ich dir alles sagen, was ich will, dich berühren, wann immer und wo ich will. Nein, so schlimm ist es nicht, aber manchmal nahe daran. Und darum beneiden dich einige? Warum ärgere ich mich jetzt im Moment des Schreibens? Weil solche beiseite geschobenen Gefühle immer wieder hochkommen und die Erinnerung an unerfreuliche Erlebnisse mit Zusehern zwar verschwommen, aber doch präsent ist. Es muss dir selbst absolut gleichgültig sein, was die Neider über dich sagen und denken. Das war es mir lange Zeit nicht. Aber ich habe viel erfahren, viel gehört und viel gelernt. Die anderen, die Missgünstigen sind mir inzwischen egal. Sie sind uninteressant, ohne Bedeutung. Sie können reden, was und wie viel sie wollen. Nur ehrenrührig, verleumderisch sein, übel nachreden sollten sie nicht. Das könnte im Ernstfall teuer werden.

Während dieser unvergesslichen, ominösen Zeit im Bild ist es also passiert. Hannelore spricht gerade intelligente, wohl formulierte Sätze in die Kamera, als ich ein Schwindelgefühl verspüre, so wie bei einer plötzlichen Kreislaufschwäche, nur viel intensiver. Von hinten, den Rücken herauf kriechend, sich anschleichend, über den Nacken bis in den Kopf. Schwindel. So ganz anders als bei einer Überanstrengung oder ein paar Gläsern Wein zu viel. Bedrohlich, einengend, Furcht einflößend. Was ist, wenn ich jetzt vom Sessel kippe? Viele Hunderttausend Menschen, die hoffentlich brav ihre Gebühren zahlen, würden Zeugen eines einmaligen Vorfalles werden. Oder ist schon einmal eine »Sprechpuppe« während einer Live-Sendung vom Sessel gefallen? Während einer Hauptabendsendung? Ich kann mich nicht erinnern. Zumindest in dieser Hinsicht würde ich Fernsehgeschichte schreiben. Ich wetze nervös auf dem Sessel hin und her, der Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter, Hannelore fragt mich, während der Bericht gerade läuft, was denn los sei. »Mir ist schlecht und schwindelig.« – »Willst du ein Glas Wasser, es dauert nur mehr 5 Minuten.« – »Das halte ich schon durch.«

Schnitt. Die Sendung ist vorbei, eine liebe, besorgte Sekretärin bringt mir Kreislauftropfen, ich setze das Fläschchen an, sauge gierig, verschlucke mich fast und vermeintlich geht es mir besser. Schwindel vorbei. Als bekennender und begeisterter Hypochonder mache ich mir so meine Gedanken, was denn los sei. Welcher Krebs breitet sich da jetzt aus, habe ich möglicherweise einen Hirntumor oder mich mit sonst einer schrecklichen Krankheit angesteckt? Panik, Kapitel 1. Einige Sendungen später dasselbe Prozedere. Knapp vor Schluss der Sendung Schwindel, Herzrasen, Übelkeit. Was ist denn das bloß? Sofort zum Arzt. Aber zu welchem um 20 Uhr am Abend? Ist ja schon schwierig genug, rasch am Vormittag einen Termin zu bekommen. Zum Praktiker? Ob der mir helfen kann bei meiner gefühlten schweren Erkrankung? 35 Jahre bin ich alt und sterbenskrank. Hab ich das verdient? Nein, nein, nein! Oder vielleicht doch? Das geht in der Folge so ein, zwei Wochen, wie zähflüssiger Schleim zieht die Zeit, schleppt sich dahin – manchmal vergesse ich, dass ich lebe. Ich habe ständig das Gefühl, einen leichten Rausch zu haben. Nicht wirklich unangenehm, denke ich mir, da ersparst du dir relativ viel Geld. Nur beim Autofahren ist es mühsam und beengend.

Es muss dir selbst absolut gleichgültig sein, was die Neider über dich sagen und denken.

Ich wohnte damals in der Nähe des ORF-Zentrums, den Küniglberg hinunter. Schnell zu Hause. Hinein in die gute Stube, Türe zu. In Sicherheit. Sicherheit? Mehr als drei oder vier Menschen in unmittelbarer Umgebung machten mich nervös, ja, machten mich panisch. Ich ging gerne ins Gasthaus, auch ins Restaurant. Das ging ab jetzt gar nicht mehr. Obwohl ich damals rauchte, diese rauchgeschwängerten, meist überhitzten Räumlichkeiten, die Menschenansammlungen, das brauchte ich gar nicht mehr. Schluss, vorbei. Ein unerträglicher Zustand. Theater, Parkett, Kino – absolut unmöglich. Allein der Gedanke daran schnürte meine Kehle zu.

Ich erinnere mich, dass ich mit meiner damaligen Freundin im Theater war. Einige Reihen vor uns saß der damalige Vizekanzler Alois Mock. Zitternd. Parkinson. Ich fixiere Mock, er tut mir leid, ich beginne auch zu zittern. Mir wird noch übler. Ich beginne zu schwitzen und habe das Gefühl, dass mich alle im Theater anstarren. Mich, den Fernsehkasperl, schwitzend, auf dem Sessel hin und her wetzend, schwindlig. Der Schweiß tropft von meiner Stirn, die Haare scheinen klatschnass zu sein, der Hemdkragen muss schon völlig durchnässt sein. Ich trau mich nicht, mir die Stirn abzuwischen, wie auch, ich habe kein Taschentuch bei mir. Verdammt. Schaut mich wer an? Merkt irgendjemand, was mit mir los ist? Ich frage mich oft: Was ist mit dir los? Endlich die Pause. Wie oft habe ich Theater, Konzerte in der Pause verlassen. Weg von hier, bloß raus. Warum tue ich mir das an? Sofort ins AKH!

AKH

Auf ins AKH, gleich geht es mir besser. Meine Rettung. Mein Zufluchtsort. Mein AKHAKHAKH