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Dietmar Grieser

Heimat bist du
großer Namen

Österreicher in aller Welt

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1. Auflage Juni 2000

© 2000 by Amalthea

Für Gerlinde und Achim

»Aus allen Fernen tönt zurück sein Ruhm …«

(Franz Grillparzer in »König Ottokars
Glück und Ende«, 1. Akt)

»Es ist sehr merkwürdig, daß ein Mensch
in meiner Situation, der doch einiges geleistet hat
für die europäische Kultur, nicht genug zum Leben hat,
und daß kulturelle Dinge im Verhältnis
zu spekulativen, politischen, kriegerischen so gar
keinen Wert plötzlich haben sollen.«

(Oskar Kokoschka, Sommer 1934,
vor seinem Weggang aus Österreich)

Inhalt

Vorwort

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Zwischen allen Stühlen

Slatin Pascha

Eine Koreanerin aus Wien

Franziska Syngman Rhee

Für Dreizehnlinden in den Tod

Andreas Thaler

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Der Kamelienmann

Georg Joseph Kamel

»Sie haben Unglaubliches durchgesetzt!«

Ida Pfeiffer

Niemals aufgeben!

Julius von Payer

Isto Maza

Patty Frank

Der burgenländische Patient

Ladislaus von Almásy

Massa Suilling

Ernst A. Zwilling

Löwin Elsas Ziehmutter

Joy Adamson

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Der Käfer aus der Kronenstraße 24

Ferdinand Porsche

Großonkel der Weltraumfahrt

Hermann Oberth

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Die Marseillaise von Ruppersthal

Ignaz Pleyel

»Da kann man halt nix machen …«

Fritz Kreisler

Und die Musik spielt dazu

Fred Raymond

»Kinder, ihr müßt in die Welt hinaus!«

Maria Augusta Trapp

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»Ich kümmere mich um jeden Dreck!«

Helene Weigel

Nichts als die Wahrheit

Walter Felsenstein

Der Mann, der die Callas feuerte

Sir Rudolf Bing

Tattoo Lady

Gusti Huber

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Der Despot von Hollywood

Erich von Stroheim

Erotika gefällig?

Fritz Lang

Vom Ladenschwengel zum Meisterregisseur

Josef von Sternberg

Austerlitz alias Astaire

Fred Astaire

Mit den Waffen einer Frau

Hedy Lamarr

Der Kinderstar vom Alsergrund

Traudl Stark

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Goethe nannte sie Suleika

Marianne von Willemer

Ein Amerikaner aus Znaim

Charles Sealsfield

Bücher, die wie Bücher aussehen

Jakob Hegner

Zwei Textilhändlerstöchter

Annemarie Selinko

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Desertion ins große Glück

Karl Bitter

Die Perser des Nordens

Rudolf Stundl

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Die Akropolis von Darmstadt

Joseph Maria Olbrich

Auftrag für morgen

Richard Neutra

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Orient en gros & en détail

Rudolf Lehnert

Die Welt der Bilder

Ernst Haas

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Mit der »Wien« über den Ärmelkanal

Robert Kronfeld

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Blut ist ein besonderer Saft

Karl Landsteiner

Pestarzt in China

Heinrich Jettmar

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Literaturnachweis

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Vorwort

Wenn es um den Austausch skurriler Reiseerlebnisse geht, erzähle ich gern die Geschichte von dem Dessert beim Galadiner im Grandhotel Le Touessrok auf Mauritius. Man war beim letzten Gang angelangt, in einem der hellerleuchteten Säle des Restaurants standen die Meisterwerke der Patisserie zum Verzehr bereit. Die Gäste defilierten an den Köstlichkeiten vorüber, nahmen all die Cremes und Crêpes, all die Kompotte, Puddings und Soufflés in Augenschein, weideten sich am Anblick der kunstvoll getürmten Pyramiden aus seltenen Früchten, der üppigen Torten, der in allen Farbtönen schillernden Parfaits und trafen, indem sie dem in strenger Formation bereitstehenden Servierpersonal die entsprechenden Anweisungen gaben, ihre Wahl.

Auch ich reihte mich unter die das Süßspeisenbuffet Inspizierenden ein, ließ mir, um nur ja keinen der vielen Leckerbissen zu übersehen, bei der Besichtigung des Angebotenen reichlich Zeit und entdeckte plötzlich, als ich mit meinem Rundgang schon fast zu Ende war, auf einem der Tabletts ein Gebilde, das mir besonders vertraut vorkam. War das nicht gar eine – Linzertorte? Die typische dunkle Kuchenmasse, die Marmeladeglasur, darüber das obligate Teiggitter – ganz klar: eine Linzertorte.

Doch wie sollte diese typisch österreichische Mehlspeise hierhergelangt sein – hierher auf die dreizehn Flugstunden entfernte Tropeninsel im Indischen Ozean? Ich war sicherlich einer Sinnestäuschung erlegen, tat die Sache fast schon wieder ab und schickte mich an, mich der Kaffeebar zuzuwenden, als mit dem ganzen Liebreiz ihrer Spezies eine der dunkelhäutigen Serviererinnen auf mich zutrat, um mir ihre Assistenz bei der Dessertauswahl anzutragen. Ja und da, auf einmal, wollte ich es ganz genau wissen. Ich deutete also auf das bewußte Tablett und fragte mein Gegenüber, indem ich mich so unwissend stellte wie nur möglich:

»Tell me, honey, what is that?«

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen:

»This is a Linzer Tart, Sir. Do you want one?«

Es stimmte also. Ich griff zu. Und es war – nebenbei bemerkt – eine der besten Linzertorten, die ich je gegessen habe. Und noch etwas: Ich war einen Moment lang tief bewegt. Eine Art patriotischer Aufwallung schien mich erfaßt zu haben: An diesem so fernen Ort mit einer der traditionsreichsten Errungenschaften aus der Heimat konfrontiert zu werden, verschlug mir die Sprache: Ich war baff.

Ein läppisches Beispiel, gewiß. Aber so sind wir Menschen nun einmal: Es tut uns gut, draußen in der Welt Beweise dafür zu sammeln, daß auch unsereins seinen Beitrag zur Kulturgeschichte geleistet hat – und sei es nur in Gestalt einer Torte.

Um noch wieviel beglückender müßte es da sein, in fernen Weltgegenden auf die Spuren von Landsleuten zu stoßen, die weit weg von der Heimat Großes gewirkt und auf diese Weise Ruhm und Ansehen ihres Herkunftslandes gemehrt haben. Ja, wird nicht dem Österreicher überhaupt nachgesagt, er wisse die Verdienste der Seinen immer erst dann zu schätzen, wenn sie im Ausland errungen und vom Ausland bestätigt worden sind?

Man mag es einem allgemeinen Mißtrauen zuschreiben oder mangelndem Selbstbewußtsein, mag es einen Minderwertigkeitskomplex nennen oder (wie der Kulturkritiker Hans Weigel im Titel eines seiner Österreichbücher) »Flucht vor der Größe«: Fest steht, daß Berühmtheit hierzulande an die Akkreditierung von außen gebunden ist. »Aus allen Fernen tönt zurück sein Ruhm«, läßt Grillparzer in seinem Trauerspiel »König Ottokars Glück und Ende« die Titelfigur verkünden und spielt damit auf das an, was man anderwärts noch bombastischer »Weltgeltung« nennt. Wie ist es diesbezüglich um Österreich bestellt?

Das vorliegende Buch will versuchen, auf diese Frage eine Antwort zu geben – und zwar am Beispiel von 40 Namen, die allesamt eines gemeinsam haben: Ihre Träger entstammen dem österreichischen (oder auch altösterreichischen) Kulturraum. Aber nicht dort, nicht in der Heimat haben sie ihre Lebensleistung erbracht, sondern in der Fremde.

Ein Thema von so enormem Umfang ist nicht ohne Grenzziehungen zu bewältigen: Ich bitte daher um Verständnis dafür, daß die von mir getroffene Auswahl auf historische Beispiele beschränkt bleiben muß. Kein Wort also über die noch Lebenden: Der Filmschauspieler Arnold Schwarzenegger, die Skigrößen Anderl Molterer und Pepi Grams-hammer, der Chemiker Max Perutz, der Physiker Fritjof Capra, der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick, der Maler Gottfried Helnwein, der Regisseur Billy Wilder, die Meisterphotographin Inge Morath, der Vatikanbibliothekar Kardinal Alfons Maria Stickler, der Dirigent Walter Weller, der Jazzmusiker Joe Zawinul, der Großreeder Helmut Sohmen, der Modeschöpfer Helmut Lang, der Entwicklungshelfer Karlheinz Böhm – sie alle ergäben ein eigenes Buch.

Und ein eigenes Buch ergäbe erst recht jene große Zahl von Auslandsösterreichern, die ihre Heimat unfreiwillig verlassen haben. Gemeint ist der verheerende Aderlaß, den Österreich erlitt, als in der NS-Ära ein Großteil seiner intellektuellen und künstlerischen Elite aus dem Land gejagt wurde. Stellvertretend für diese Personengruppe seien der Schöpfer der österreichischen Verfassung, der Rechtsgelehrte Hans Kelsen, der Religionsphilosoph Martin Buber, der Wirtschaftstheoretiker Josef Alois Schumpeter, die Physiker Erwin Schrödinger, Lise Meitner und Walter Kohn, die Komponisten Ernst Krenek, Egon Wellesz und Hermann Leopoldi, der Dirigent Erich Leinsdorf, der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, der Marktforscher Ernest Dichter, die Schriftstellerin Gina Kaus und der Regisseur Berthold Viertel genannt. Ihrem Schicksal und dem ihrer zahlreichen Leidensgenossen gebührt selbstverständlich eine eigene Untersuchung (die es zum Teil bereits gibt).

Wenden wir uns also zunächst jener Kategorie von Auslandsösterreichern zu, die im Lauf der letzten zwei Jahrhunderte ihre Heimat aus freien Stücken verlassen haben, um draußen in der Welt ihr Glück zu suchen – sei es, weil es ihnen im kleinen Österreich zu eng wurde, weil sie in der Fremde die besseren Chancen für ihr Fortkommen sahen oder einfach weil das Ausland nach ihnen rief.

Zwischen allen Stühlen

Slatin Pascha

Welcher siebzehnjährige Österreicher, der noch nie im Ausland gewesen ist, nur über das bißchen Schulenglisch verfügt und von seinen Eltern nicht einmal das Fahrgeld vorgestreckt bekommt, käme heute auf die Idee, von einem Tag auf den anderen seine Ausbildung an der Handelsakademie abzubrechen, sich nach Ägypten durchzuschlagen und eine Stelle als Buchhändlergehilfe in Kairo anzutreten?

Rudolf Slatin ist eine Abenteurernatur: Als er erkennt, daß er wohl doch nicht für den Kaufmannsberuf taugt, schließt er sich einem in Kairo ansässigen deutschen Konsularbeamten an und durchstreift mit ihm über ein Jahr lang die riesigen Wüstengebiete des unter englischer Hoheitsverwaltung stehenden Nachbarlandes Sudan. Forschungsreisender – ja, das wäre ganz nach seinem Geschmack! Da erreicht ihn aus der Heimat der Einberufungsbefehl, und im September 1876 tritt der mittlerweile Neunzehnjährige beim 12. Feldjägerbataillon der österreichisch-ungarischen Armee seinen Wehrdienst als einfacher Rekrut an.

Als er, 15 Monate darauf zum Reserveleutnant befördert, im Sommer 1878 mit seinem Regiment an der bosnischen Grenze stationiert ist, erreicht ihn Post aus Nordafrika: Sollte die seinerzeit geknüpfte Verbindung zu dem Arzt Dr. Eduard Schnitzer, den der Khedive von Khartum in sein Land geholt und dem Generalgouverneur des Sudan, dem Engländer Charles George Gordon, unterstellt hat, tatsächlich Früchte tragen? Schnitzer teilt seinem Schützling mit, er habe ihn, überzeugt von seinen besonderen Fähigkeiten, dem allmächtigen Gordon empfohlen, und in dessen Stab sei der Posten eines Finanzinspekteurs frei, dem es obliege, das chaotische Verwaltungssystem des Sudan von Steuerwillkür und Korruption zu befreien.

Rudolf Slatin, der als Sohn eines kleinen Wiener Seidenfärbers in der Heimat wenig Zukunft für sich sieht, erkennt die einzigartige Chance, die ihm da geboten wird, und besteigt in Triest das Schiff nach Kairo. Der Abschied von Österreich fällt ihm nicht schwer: Die Eltern sind getaufte Juden, die schon ihrer vielen Kinder wegen nur ein kümmerliches Dasein fristen, auch ist vor einigen Jahren der Vater gestorben.

Rudolf Slatins neues Leben muß ihm selber wie ein Traum vorkommen: Dem Einundzwanzigjährigen, der sich schon zuvor, auf die Frage nach seinem Beruf, gern als »Erforscher der Wildnis« ausgegeben hat, wird an seiner neuen Wirkungsstätte allseits größte Hochachtung entgegengebracht, als dem »Neffen von Gordon Pascha« (wie er auf Grund einer gewissen Ähnlichkeit mit seinem obersten Vorgesetzten genannt wird) öffnen sich ihm alle Türen, bald schon befehligt er, um seinen Auftrag durchführen zu können, eine eigene 300 Mann starke Truppe, und keine drei Jahre später ist er Gouverneur der Provinz Darfur.

Die eigentliche Bewährungsprobe hat Rudolf Slatin allerdings noch vor sich: Im Sudan bricht ein Aufstand fanatischer Moslem-Rebellen rund um den selbsternannten »Wüsten-Messias« Mahdi alias Mohammed Achmed aus. General Gordon, der mit den Regierungstruppen dem blutigen Religionskrieg ein Ende machen soll, wird von den Aufständischen ermordet, sein Adlatus soll das Kommando übernehmen. Um in dieser gefährlichen Situation seine Mitstreiter auf ihn einzuschwören, ringt sich der junge Österreicher zu einem schweren Entschluß durch: Er tritt zum Islam über. Das Verhängnis ist gleichwohl nicht aufzuhalten: Am 24. Dezember 1883 – in der fernen Heimat werden gerade die Christbäume angezündet – fällt der sechsundzwanzigjährige Rudolf Slatin in die Hände seines Gegners und wird in der inzwischen von den Mahdi-Truppen eroberten Hauptstadt Khartum in Haft genommen. Nicht weniger als elf Jahre wird sie dauern …

Zwar darf er nach einiger Zeit das neun Kilo schwere Fußeisen, mit dem er an seine Kerkerzelle gefesselt ist, gegen Hausarrest tauschen, sogar Dienerschaft und Konkubinen werden ihm gnädig gewährt, und wenn ihn Post aus der Heimat erreicht (die allerdings bis zu 20 Monate unterwegs ist), erfährt er, was draußen in der Welt vorgeht: der Tod seiner Mutter, das Drama von Mayerling.

Erst im März 1895 gelingt es, den prominenten Gefangenen aus den Fängen der Derwische zu befreien: Der britische Geheimdienst hat einen abenteuerlichen Fluchtplan ausgearbeitet. 1000 Pfund Belohnung winken jenem arabischen Kaufmann, dem mit Kamel und Führer die 24tägige Gewalttour durch die Wüste, über die Gilif-Berge und über den Nil glückt. In der Offiziersmesse der anglo-ägyptischen Garnison von Assuan wird am 16. März 1895 die wiedererlangte Freiheit gefeiert – mit der von einer schwarzen Militärkapelle intonierten österreichischen Kaiserhymne. Die Weltpresse hat einen neuen Helden, im Palast des Khediven zu Kairo wird Slatin Pascha – so sein nunmehriger Ehrentitel – zum Oberst befördert, der Leipziger Brockhaus-Verlag landet mit »Feuer und Schwert im Sudan« den Bestseller der Saison. Ein zweiwöchiger Besuch in der alten Heimat Österreich gipfelt in einer Privataudienz beim Kaiser, die Weiterreise nach England begründet Slatins Freundschaft mit Queen Victoria, der Sohn eines kleinen Handwerkers aus der Wiener Vorstadt wird Generalinspekteur im Sudan. Und bleibt es bis 1914. Nun aber, wo Österreich-Ungarn und Großbritannien Kriegsgegner sind, will auch Slatin, den Kaiser Franz Joseph in den Ritterstand erhoben hat, seinem Vaterland dienen: Mit der neuen Würde eines »Geheimrats« ausgestattet, tritt er an die Spitze der Kriegsgefangenenhilfe des Österreichischen Roten Kreuzes. Weniger Erfolg ist ihm als Friedensstifter beschieden: Die von ihm eingefädelten Geheimverhandlungen zwischen Wien und London scheitern am Widerstand von Paris und Rom.

Bei Kriegsende in Bern, kann er von seinem Krankenzimmer aus (der Einundsechzigjährige liegt mit Herzschwäche und schwerer Bronchitis im Spital) Dr. Karl Renner, den Kanzler der provisorischen Regierung, in Fragen der Republikgründung beraten; auch gewinnt er die Alliierten für Lebensmittellieferungen ans hungerleidende Österreich. Und als im Jahr darauf die Friedensgespräche von St.Germain beginnen, gehört Slatin der österreichischen Delegation an. Renners Plan, ihn als neuen Missionschef nach London zu entsenden, scheitert allerdings am Einspruch der Briten: Die ehemalige Wahlheimat läßt den »Verräter« nicht einmal als Privatmann einreisen.

Mit dem Krebstod seiner Frau – Slatin hat am 21. Juli 1914 in der Wiener Votivkirche die 16 Jahre jüngere Baronin Alice von Ramberg geheiratet – bleibt dem müde und alt Gewordenen seine 1916 geborene Tochter Anna Marie fast die einzige Freude: Gestützt auf eine Pension der sudanesischen Regierung, die Tantiemen aus seinem Memoirenwerk und eine ansehnliche US-Erbschaft, bezieht er seinen Alterssitz: Villa Mathilde im vornehmen Meraner Ortsteil Obermais.

Drei Höhepunkte sind Slatin Pascha immerhin noch vergönnt: eine allerletzte Besuchsreise in den geliebten Sudan, eine Einladung zum Dinner bei König George V. im Buckingham-Palast sowie die Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Wien. Seine Beisetzung auf dem Friedhof von Ober-St. Veit am 6. Oktober 1932 – die Krebsoperation im Cottage-Sanatorium hat mit dem Tod des Fünfundsiebzigjährigen geendet – gleicht einemStaatsbegräbnis.

Eine Koreanerin aus Wien

Franziska Syngman Rhee

Von den drei Donner-Töchtern ist sie die energischste: Nach der obligaten Klosterschule studiert Franziska Sprachen und macht den Dr. phil., nach dem Tod des Vaters läßt sie sich ihr Erbteil auszahlen und schaut sich in der Welt um. Im Gegensatz zur Mutter, die, von Geburt Italienerin, ihre Opernkarriere der Ehe mit dem Inzersdorfer Sodawasserfabrikanten Josef Donner geopfert hat, ist sie, die 1900 im Zeichen der Zwillinge Geborene, fest entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Beim Völkerbund in Genf werden junge Frauen wie sie gebraucht: Die »Belles de la Societé des Nations« sind ein Mix aus Dolmetscherin, Diplomatin und Hostess. Eine der Delegationen, auf die Franziska Donner angesetzt wird, ist ein Häuflein Koreaner, die festen Willens sind, ihre zur japanischen Kolonie geschrumpfte Heimat eines Tages in die Unabhängigkeit zu führen. Ein aussichtsloser Kampf: Niemand hört ihnen zu, wenn sie ihre patriotischen Parolen vom Stapel lassen.

Ihr Anführer ist ein gewisser Dr. Syngman Rhee; der Siebenundfünfzigjährige firmiert offiziell als Rektor der koreanischen Schule von Honolulu, doch sein eigentliches Interesse gilt der Gründung eines autonomen Staates Korea nach westlich-demokratischem Vorbild.

Dr. Syngman Rhee und die ihm zugeteilte Franziska Donner kommen einander während dieser Genfer Verhandlungsrunde anno 1932 auch menschlich näher: Noch im selben Jahr geht eine Verlobungsanzeige nach Wien, und am 8. Oktober 1934 läßt sich das ungleiche Paar – der Altersunterschied beträgt 25 Jahre – ins New Yorker Trauungsregister eintragen. Von Amerika aus setzt Syngman Rhee seine Agitation für ein souveränes Korea fort, und wer ihn dabei am temperamentvollsten unterstützt, ist seine eigene Frau.

Träumt die ehrgeizige junge Wienerin davon, eines Tages First Lady des ostasiatischen Halbinselreichs zu sein?

Jedenfalls scheint sie unerschütterlich an die eminent schwierige Mission ihres Mannes zu glauben, und die Opfer, die er dafür gebracht hat und bringt, sind für sie nicht Entmutigung, sondern im Gegenteil treibende Kraft. Es imponiert ihr, daß der entfernte Abkömmling der seit dem 14. Jahrhundert in Korea herrschenden Dynastie sich von seiner traditionellen Erziehung gelöst, die methodistische Mittelschule von Seoul absolviert, sich mit 20 dem republikanischen »Unabhängigkeitsclub« angeschlossen, noch als Student eine eigene Zeitung gegründet und für seine Auftritte als Demonstrant und Versammlungsredner mit schwerer Kerkerhaft gebüßt hat.

Das Urteil lautet auf lebenslänglich; die Folterungen, denen er ausgesetzt wird, hinterlassen Narben, die ihm bis ans Ende seiner Tage erhalten bleiben werden. In der Zelle setzt er sein politisches Manifest auf und bereitet sich für den Übertritt zum christlichen Glauben vor; 1904 gelingt ihm, als vermeintlich Toter eingesargt, die Flucht aus dem Gefängnis. Der Neunundzwanzigjährige geht nach Amerika ins Exil, studiert an den Universitäten von Harvard und Princeton und organisiert gleichzeitig den Widerstand gegen die seine Heimat unterjochenden Japaner. Als die gewaltlose Rebellion seiner Landsleute im März 1919 in einem Blutbad endet, rufen er und seine Mitstreiter eine Exilregierung aus – mit Syngman Rhee an der Spitze. Aber weder bei der Pariser Friedenskonferenz noch beim Völkerbund noch in Washington dringt die Korea-Lobby mit ihren Intentionen durch. Erst nach 1945 – mit der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg – schlägt dem mittlerweile Siebzigjährigen die Stunde: Die südkoreanische Nationalversammlung wählt am 19. Juli 1948 Syngman Rhee zum 1. Präsidenten der frisch gegründeten Republik.

Franziska Rhee-Donner betritt zum erstenmal koreanischen Boden. Und wird fortan, bei offiziellen Auftritten stets die obligaten zwei Schritte hinter ihrem Mann schreitend, zu dessen engster Beraterin. Vorsichtig leitet sie auch die eine und andere eigene Reform ein, will die Frauen ihres Gastlandes von ihrem noch immer sklavenähnlichen Dasein befreien. Um den Hunger einzudämmen, stampft sie eine weltweit operierende Hilfsaktion aus dem Boden. Auch auf Propaganda versteht sie sich vorzüglich: Über die Zeitungen des Landes läßt sie eine angeblich uralte Weissagung verbreiten, eine weiße Frau werde ins Land kommen und ihnen ewiges Glück und Frieden bescheren. Aber nicht alle wissen ihr für ihre Aktivitäten Dank: Von den einen als der »Engel von Korea« gepriesen, sehen die anderen in der seltsamen Fremden einen bösen Dämon, und vor allem, als Syngman Rhee, für weitere drei Regierungsperioden wiedergewählt, mit den Jahren zu immer fragwürdigeren Mitteln greift, um seine Macht abzusichern – man spricht von Wahlschwindel, willkürlicher Verfassungsänderung und Unterschlagung öffentlicher Gelder –, gerät auch sie ins Schußfeld der Opposition.

Am 27. April 1960 wird Syngman Rhee zum Rücktritt gezwungen; wie schon in früheren Jahren ist es Hawaii, das dem entmachteten Paar Asyl anbietet. Den 90. Geburtstag verbringt der Ex-Präsident, nun schon teilweise gelähmt, in einem Sanatorium in Honolulu; am 19. Juli 1965 erliegt er einem Schlaganfall. Seinen letzten Willen, in heimatlicher Erde bestattet zu werden, kann ihm die Witwe erfüllen, nur an der Zeremonie in Seoul selber teilzunehmen, scheitert am Einspruch der Ärzte: Schon bei der Totenmesse auf Hawaii ist sie ohnmächtig zusammengebrochen. Franziska Rhee-Donner erholt sich jedoch wieder, kann ein letztes Mal ihre Verwandten und Freunde in Wien besuchen, und auch ihr größter Wunsch wird wahr: ihren Lebensabend in Korea zu verbringen. 1970 kehrt sie nach Seoul zurück und bezieht wieder die alte Villa auf dem »Hügel der Pflaumenblüte«, in deren Garten jener Pavillon steht, in dem die ersten Besprechungen der 1947 heimgekehrten Exilpolitiker stattgefunden haben und der seither nicht nur in ihren Augen als die Geburtsstätte des neuen Korea gilt.

Mit ihrem bescheidenen Lebensstil gelingt es der Koreanerin aus Wien, aufs neue die Herzen ihrer ehemaligen Untertanen zu erobern: Sie kommt ohne Personal aus, kocht selbst, wäscht selbst, hält sich von allem gesellschaftlichen Gepränge fern, verläßt kaum noch das Haus. Nur jeden Freitag tritt sie den Weg zum Friedhof an und verrichtet vor dem Grabmal ihres Mannes ein stilles Gebet. 27 Jahre überlebt sie ihn, knapp zweiundneunzig-jährig stirbt Franziska Rhee-Donner 1992 in Seoul.

Für Dreizehnlinden in den Tod

Andreas Thaler

Von den beiden Söhnen des Loybauern ist er der jüngere: Sein Bruder erbt den Hof, er selber soll studieren. Doch auch Andreas zieht’s zur Landwirtschaft, und so verdingt er sich nach dem Gymnasialabschluß bei den Franziskanern in Hall für einige Jahre als Knecht. Und bleibt in der Heimat: Die Thalers zählen zum Tiroler Urgestein. Von ihrem stattlichen Besitz in der Wildschönau geht der Blick bis ins Tal der Kundler Ache und zum Gipfel der Hohen Salve.

Auch das Boarstadlgut, das der junge Thaler erwirbt, ist ein Bergbauernhof. Andreas macht seine Sache gut – so gut, daß die Oberauer den erst Dreißigjährigen zum Bürgermeister wählen. Und als der Erste Weltkrieg vorüber ist, entsenden ihn die Landgemeinden des Bezirks Kufstein in den Tiroler Landtag: Keiner vertritt die bäuerlichen Interessen so engagiert wie er, auch ist er ein überzeugender Redner. So klettert er Stufe um Stufe die Karriereleiter hinauf: Bauernbundpräsident, Nationalrat der Christlich-Sozialen, schließlich Landwirtschaftsminister. Nicht weniger als vier Bundeskanzler holen ihn in ihr Kabinett: Ramek, Seipel, Vaugoin und Ender.

Seine Landsleute, die ihn wohl schon ganz nach Wien abgedriftet sehen, tun ihm freilich unrecht: Nichts bedrückt Andreas Thaler mehr als die Not der Tiroler Bergbauern, vor allem jener vielen kleinen, die in den Krisenjahren um 1930 mit Preisverfall und Steuerrückständen kämpfen, ja am Ende vielleicht gar ihren Hof abstoßen müssen. Das Schlagwort von den »weichenden Bauernsöhnen« kommt auf – wohin mit all denen, die in der Heimat keine Zukunft für sich und die ihren sehen?

Andreas Thaler blickt weit über die Grenzen des Landes, ja des Kontinents hinaus und startet 1931 zu einer Sondierungsfahrt nach Südamerika. Als amtierender Minister weiß er Sponsoren aufzutreiben, die es ihm ermöglichen, vom Flugzeug aus Bodenbeschaffenheit und Verkehrsverhältnisse möglicher Siedlungsgebiete zu erkunden – zuerst in Brasilien und Paraguay, im Jahr darauf auch in Argentinien und Chile. Was ihm, dieser charismatischen Verkörperung von Idealismus, Tatkraft und einem Schuß Pionierromantik, vorschwebt, ist die Gründung einer Tiroler Bergbauernsiedlung in Übersee.

Am verheißungsvollsten verlaufen die Verhandlungen mit den brasilianischen Behörden: Die kaum besiedelte Region um Cruzeiro im Südstaat Santa Catarina bietet für bäuerliche Auswanderer ideale Verhältnisse. Hier läßt sich bei sorgfältiger Rodung fruchtbares Ackerland gewinnen, in 800 Meter Höhe ist das subtropische Klima erträglich, auch mit der Wasserqualität kann man zufrieden sein, und bis zur nächsten Bahnstation ist es nicht mehr als 15 Kilometer: Itapui liegt auf halber Strecke zwischen Sao Paulo und Rio Grande. Vor allem aber: Seitdem die Landeswährung stark abgewertet ist, kann man sich hier schon mit einem Kapital von 3000 Schilling einen bescheidenen Besitz zulegen.

Im September 1933 wagt Andreas Thaler einen ersten Siedlertransport, und bereits einen Monat später ist die Gründungsurkunde unterzeichnet: Treze Tilias – auf deutsch: Dreizehnlinden – wird das Tiroler Bergbauerndorf im Süden Brasiliens von Stund an heißen. Und da sich das Experiment gut anläßt, kehrt Thaler im Frühjahr 1934 nach Österreich zurück, um seinen verarmten Landsleuten für einen weiteren Auswanderungsschub Mut zu machen. Raschen Reichtum, so hält er in seiner vom Katholischen Preßverein Linz verbreiteten Aufklärungsschrift vorsorglich fest, könne er den Kandidaten zwar nicht versprechen, wohl aber »ein auskömmliches Leben«. Sein Leitspruch: »Wäge! Wäge genau! Dann erst wage!«

Der zweiten Gruppe, die er noch im selben Jahr nach Südamerika führt, gehört auch seine vielköpfige eigene Familie an: Thaler, der selber keinen Grund hätte, Österreich den Rücken zu kehren, weiß genau, daß sein persönlicher moralischer Rückhalt für das Gelingen des Experiments von größter Bedeutung ist, und so siedelt auch er sich mit den Seinen in Dreizehnlinden an. Ja, er opfert ihm sogar sein Leben: Als im Sommer 1939 der hochwasserführende Rio Sao Bento den tiefer gelegenen Teil des Dorfes zu überschwemmen droht, muß zwecks Abdrängung der Fluten die über den Fluß führende Brücke abgetragen werden. Thaler legt selber mit Hand an. Und da passiert das Unglück: Die Brücke birst vorzeitig und reißt ihn und drei weitere Männer aus dem Ort in die Tiefe. Während jedoch die anderen sich allesamt retten können, wird Thaler von den Sturzwellen des Wildwassers verschlungen. Erst am Tag darauf wird man einige Kilometer flußabwärts die Leiche des Fünfundfünfzigjährigen bergen.

So tragisch das Leben des Gründers von Dreizehnlinden endet, eines bleibt Thaler durch seinen frühen Tod erspart: mitanzusehen, wie mit Österreichs Anschluß an Hitler-Deutschland und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gewaltige neue Probleme auf das Tirolerdorf zukommen. Nicht nur, daß schlagartig die Verbindung zur Heimat abgeschnitten ist, bringen die offen mit den Nationalsozialisten sympathisierenden Deutschbrasilianer anderer Siedlungen auch Dreizehnlinden in Verruf. Außerdem tritt im August 1942 Brasilien in den Krieg gegen die Achsenmächte ein.

Doch allen Rückschlägen zum Trotz: Unsere Exil-Tiroler wissen sich zu behaupten, und als bei Kriegsende ganz Österreich Hunger leidet, schicken sie sogar Lebensmittelpakete und Geldspenden in die alte Heimat. Ihre landwirtschaftlichen Betriebe florieren, ihre Produkte finden Absatz, neue Siedlertransporte rücken nach. 1956 ist es so weit, daß Dreizehnlinden mit den Nachbardörfern Babenberg und Rosengarten zu einem eigenen Bezirk von knapp 6000 Einwohnern vereinigt wird. Außer Kirche, Schule und Spital verfügt man nun auch über ein Sportstadion, ein Kulturhaus und ein Gymnasium. Und schließlich entdecken auch die Touristen die exotischen Reize der im alpenländischen Stil errichteten Tirolerhäuser mit den blumengeschmückten Balkons: Nicht weniger als 600 Fremdenbetten stehen den Gästen des Höhenluftkurortes Treze Tilias zur Verfügung. Dreizehnlinden macht Österreich alle Ehre. Andreas Thaler, der dafür sein Leben hingegeben hat, könnte auf sein Werk wahrlich stolz sein.

Der Kamelienmann

Georg Joseph Kamel

Sie teilt das Schicksal von Reseda und Levkoje: Die Kamelie ist aus der Mode gekommen, auch Blumen unterliegen Trends. Doch dafür haben die rosenähnlichen Blüten des ostasiatischen Zierstrauchs mit den immergrünen Blättern ihren festen Platz in der Literatur: Alexandre Dumas hat sie in seinem Gesellschaftsroman »La Dame aux Camélias«, Giuseppe Verdi in seiner Oper »La Traviata« verewigt. Und auf dem Friedhof von Montmartre pilgern manche Touristen nach wie vor ans Grab jener mit 23 Jahren von der Schwindsucht dahingerafften Pariser Kurtisane Alphonsine Plessis alias Marguérite Gautier, die ihren Liebhabern mit einem ebenso offenherzigen wie blumigen Signal zu verstehen gab, wann sie mit ihr zu rechnen hätten: 25 Tage jeden Monats heftete sie sich eine weiße Kamelienblüte an den Busen, die restlichen fünf eine rote.

In den botanischen Lehrbüchern findet man alles Nähere: 1739 taucht die Kamelie zum erstenmal in Europa auf, und Carl von Linné, der berühmte schwedische Pflanzenforscher, gibt dem floralen Import den Namen, den er von nun an in aller Welt tragen wird.

Fragt sich nur: Wieso nennt er ihn (lateinisch, wie sich’s gehört) Camellia?

Er tut es, um dem Mann zu huldigen, der sie entdeckt und als erster beschrieben hat. Und dieser Mann heißt Georg Joseph Kamel und ist ein mährischer Ordensmann.

In Brünn kommt er als Sproß einer alten deutschsprachigen Sippe am 21. April 1661 zur Welt. Die Eltern schicken ihn aufs Gymnasium, mit 21 tritt er als Novize in die »Societas Jesu« ein. In den böhmischen Jesuitenkollegs von Neuhaus und Krumau wird er dem »Infirmarius« zugeteilt, erlernt das Apothekerhandwerk. Frater Georgius Josephus begnügt sich jedoch nicht mit dem Studium der gängigen Heilpflanzen, sondern experimentiert auch mit allerlei Neuem, bis dato Unerforschtem, geht in punkto Verabreichung und Dosierung eigene Wege, und vor allem: Er weiß für jeden Patienten – auch für jene Ärmsten, die sich nie im Leben einen Arzt leisten könnten – Rat. Als wieder einmal einer jener Missionar-Trupps zusammengestellt wird, die in den überseeischen Ordensniederlassungen Aufbauarbeit leisten sollen, ist Georg Joseph Kamel mit von der Partie.