image

Dietmar Grieser

Das späte Glück

Große Lieben großer Künstler

image

Das Kapitel über Arthur Schnitzler und Suzanne Clauser
wurde entnommen aus: Dietmar Grieser, Eine Liebe in Wien,
NP Buchverlag St. Pölten–Wien–Linz 2003.

Besuchen Sie uns im Internet unter amalthea.at

1. Auflage Juni 2003

© 2003 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Wer nicht mehr liebt und nicht
mehr irrt, der lasse sich begraben
.

Goethe

Für Dorothea

Inhalt

Vorwort

image

»Auf Händen müßt ihr ihn tragen!«

Constanze Mozart und Nikolaus von Nissen

»Für dich erblühend in Wonne …«

Richard Wagner und Carrie Pringle

image

Die lieblichste der lieblichsten Gestalten

Johann Wolfgang von Goethe und Ulrike von Levetzow

»Eine Art Gesundheitsliebe …«

Heinrich Heine und Elise Krinitz

Zweiter Anlauf

Edgar Allan Poe und Elmira Royster

»Meine kleine Elfe …«

Henrik Ibsen und Rosa Fitinghoff

»Ich weiß und fühle …«

Arthur Schnitzler und Suzanne Clauser

»Ein wunderbares Wesen …«

Franz Kafka und Dora Diamant

»Du liebes, liebes Mädel!«

Josef Weinheber und Gerda Janota

»Ich bin der Schuldige!«

Hans Fallada und Ursula Losch

Mit Haut und Haar

Joseph Roth und Irmgard Keun

image

»Ich werde ewig unglücklich sein …«

Leonardo da Vinci und Francesco Melzi

Die ehrbare Dirne

Rembrandt und Hendrickje Stoffels

»Liebe Mizzi!«

Gustav Klimt und Marie Zimmermann

Die Hölle

Richard Gerstl und Mathilde Schönberg

Die Kokosnuß

Amedeo Modigliani und Jeanne Hébuterne

image

Kein süßer Fratz

Fred Astaire und Robyn Smith

»Gib nur acht, über Nacht kommt die Liebe …«

Greta Keller und Wolfgang Nebmaier

Je ne regrette rien

Edith Piaf und Théo Sarapo

image

Schlechter Verlierer

Napoleon Bonaparte und Fanny Bertrand

image

Literaturverzeichnis

Vorwort

Nimmt die partnerschaftliche Zuwendung – entgegen den pessimistischen Parolen von der allgemeinen Verrohung der Welt – stetig an Intensität zu? Wird heute mehr geliebt als in früheren Zeiten? Nicht nur die Jungen, die immer eher ins Intimleben eintreten: Auch die Alten reklamieren ihr Recht auf Liebe, ja sogar ihren Anspruch auf Sex. Schon in den Bucolica, den Hirtengesängen des römischen Dichters Vergil, lesen wir: »Alles bezwingt die Liebe.« Bezwingt sie auch das Alter? Und Goethe, der mit gutem Beispiel vorangeht und sich als Vierundsiebzigjähriger während seiner Marienbader Kuraufenthalte nach den Zärtlichkeiten der fünfundfünfzig Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow verzehrt, geht sogar noch einen Schritt weiter: »Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.«

Vor allem die großen Künstler, denen ihr Charisma zu allen Zeiten die Gabe verliehen hat, noch gegen Ende ihres Lebens umworben zu sein, haben es den anderen, den minder Begünstigten, immer wieder vorexerziert: Das Wunder der »letzten Liebe« – es ist kein leerer Wahn. Leonardo da Vinci und Rembrandt, Heine und Ibsen, Richard Wagner und Emile Zola sind eindrucksvolle Beispiele dafür. In neuerer Zeit stoßen wir auf die Namen Modigliani und Klimt, Schnitzler und Kafka, Weinheber und Fallada. Auch die Mozart-Witwe Constanze, der Tänzer Fred Astaire und die Sängerin Edith Piaf zählen zum Kreis jener Auserwählten, denen Gott Eros eine Art zweites Leben vergönnt hat.

Nicht immer freilich wird den Jungen, die sich auf eine Beziehung zu einem alternden Menschen einlassen, ihr »Opfer« gedankt: Die walisische Malerin Gwen John, die dem sechsunddreißig Jahre älteren Auguste Rodin in dessen letzten Lebensjahren Modell sitzt, gerät in eine so zerstörerische, ja erniedrigende Abhängigkeit von dem greisen Bildhauer, daß sie darüber all ihre eigene Kreativität einbüßt und in tiefster Verzweiflung endet. Und Kurt Tucholsky, der im schwedischen Exil seine Gefühle zwischen der Schweizer Ärztin Dr. Hedwig Müller und seiner Haushälterin Gertrude Meyer »aufteilt«, setzt in seinem kurz vorm Tod niedergeschriebenen Testament weder die eine noch die andere als Universalerbin ein, sondern – seine Exgattin Mary Gerold.

»Spätes Glück« – da darf auch an die Wiener Modistin Emilie Trampusch erinnert werden, die Johann Strauß Vater aus seiner Ehe mit Anna Streim ausbrechen läßt und dem zehn Jahre Älteren noch siebenfache Vaterfreuden beschert, an den österreichischen Großkaufmann Julius Meinl und die vierzig Jahre jüngere Japanerin Michiko Tanaka, an die Wiener Salondame Berta Zuckerkandl und ihr Nahverhältnis zu dem französischen Politiker Georges Clemenceau, an die »amour fou« des Malers Richard Gerstl und der Schönberg-Gattin Mathilde, an die gegen heftigsten Widerstand der Familie der Braut durchgesetzte Eheschließung des acht-undsiebzigjährigen Cello-Virtuosen Pablo Casals mit dessen achtzehnjähriger Schülerin Marta Montañez, an die stürmisch verlaufende Liaison des Richard-Wagner-Enkels Wieland mit der Sängerin Anja Silja, an die Blitzheirat des durch die Veröffentlichung seiner Tagebücher berühmt gewordenen Dresdner Gelehrten Victor Klemperer und seiner fünfundvierzig Jahre jüngeren Studentin Hadwig Kirchner, an die Eheschließung des achtundachtzigjährigen Johannes Heesters mit der blutjungen Kollegin Simone Rethel, an den Hollywood-Schauspieler Leon Askin, der als Hochbetagter in seine Geburtsstadt Wien heimkehrt und dort noch mit fünfundneunzig vor den Standesbeamten tritt.

Die Öffentlichkeit, die Fälle wie diese mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgt, reagiert unterschiedlich: Gehen die einen, zwischen bloßem Unverständnis und offenem Abscheu schwankend, pikiert auf Distanz, so erblicken die anderen in dem späten Miteinander zweier Menschen eine ans Wunderbare grenzende Gnade, deren auch sie, kommen sie einmal selber in die Jahre, nur zu gern teilhaftig würden.

Im vorliegenden Buch werden Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, weder auf das eine noch auf das andere treffen: Der Autor beschränkt sich, gestützt auf die ihm zur Verfügung stehenden Quellen, aufs streng sachliche Referieren. Der 1990 verstorbene Schriftsteller und Kritiker György Sebestyén hat für die Beurteilung eines meiner früheren, ähnlicher Thematik gewidmeten Werke die schöne Formulierung »Kulturgeschichte des Gefühls« geprägt. Zu dieser noch wenig entwickelten Sparte möge auch mein neues Buch ein Beitrag sein.

Dietmar Grieser

»Auf Händen müßt ihr ihn tragen!«

Constanze Mozart und Nikolaus von Nissen

In einem Alter, wo manche andere erst in den Brautstand tritt, wird sie bereits Witwe: Als Mozart am 5. Dezember 1791 stirbt, ist Constanze neunundzwanzig, in genau einem Monat wäre ihr dreißigster Geburtstag zu feiern. Doch nach Feiern ist der sechsfachen Mutter, von deren Kindern allerdings nur die Söhne Carl und Franz Xaver Wolfgang am Leben geblieben sind, nicht zumute: Hat sie sich nicht aus Verzweiflung über den Verlust des geliebten Mannes gar in dessen Bett gelegt, um angesteckt zu werden und ihm in den Tod zu folgen?

Ja, es ist wahr: Sie neigt zur Koketterie, die zweitjüngste Tochter des Mannheimer Souffleurs Franz Fridolin Weber, und Mozart tobt jedesmal vor Eifersucht, wenn sie sich beim Pfänderspiel von jungen Offizieren die Waden messen läßt. Aber auch, wenn’s noch so oft danach aussieht: Zu einem Seitensprung hat sie es niemals kommen lassen. Ihrem Wolferl ist sie treu: Weder vorher noch gar nebenher gibt es in ihrem jungen Leben einen zweiten Mann.

Nun also diese erschreckende Leere in der auf einmal viel zu großen Wohnung: Die Beletage im Kleinen Kayser-Haus, Stadt Nr. 970 (heutige Adresse: Wien I., Rauhensteingasse 8), umfaßt sechs Zimmer, zwei Küchen, Dachboden, Keller und Holzgewölb. Dazu kommt die akute Geldnot der Mozarts: Seit acht Jahren auf Pump lebend, hat Wolferl seiner Familie – der ältere der beiden Buben ist knapp sieben, der jüngere gar erst viereinhalb Monate alt – einen wahren Schuldenberg hinterlassen. Einer der Gläubiger verübt einen Selbstmordversuch.

Von den Verwandten kann die junge Witwe keinerlei Hilfe erwarten, also wendet sie sich mit ihrem Gesuch um eine Gnadenpension an den Kaiser. Das erste, was Leopold II. der Bittstellerin zugesteht, ist die Abhaltung einer musikalischen Akademie, an der der gesamte Hof teilnimmt. Von den fünfzehnhundert Gulden, die das Konzert abwirft, werden hundertfünfzig Dukaten an die Hinterbliebenen ausgezahlt. Und am 12. März des folgenden Jahres wird Constanzes Pensionsantrag stattgegeben – freilich nur in der Höhe eines Drittels des Mozart-Gehaltes: zweihundertsechsundsechzig Gulden per anno.

Um sich und die beiden unmündigen Kinder durchzubringen, muß sie also dazuverdienen. Sie versucht es mit Konzerten – zuerst in Wien, dann auch in Leipzig, Dresden und Prag. Und am 28. Februar 1796 – da ruht Mozart bereits über vier Jahre unter der Erde – steht Constanze sogar als Sängerin auf der Bühne: Im Königlichen Opern-Theater zu Berlin übernimmt die inzwischen Vierunddreißigjährige eine der Partien in »La Clemenza di Tito«.

Aber sowohl die Erträge aus den Konzerten wie die aus dem gelegentlichen Verkauf von Partituren aus dem Mozart-Nachlaß (so etwa an König Friedrich Wilhelm II., der ihr auf ein entsprechendes Bittgesuch hin acht Stücke abnimmt) sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Constanze Mozart muß sich um regelmäßige Einnahmen umsehen. Wie wär’s, wenn sie einen Teil ihrer Wohnung an zahlungskräftige Zimmerherren vermietet?

Constanze ist umgezogen – zuerst in ein bescheideneres Quartier im Judengäßchen, nun in die geräumige Wohnung im obersten Stockwerk des Michaelerhauses. Hier kann sie endlich auch wieder Gäste empfangen, musikalische Soireen arrangieren. Künstler aus Mannheim und Berlin, aus Prag und Paris, die zu Konzerten in Wien weilen, rechnen es sich zur Ehre an, der Witwe Mozart ihre Aufwartung zu machen, und auch die Wiener Gesellschaft, der allmählich zu dämmern beginnt, welches Jahrhundertgenie dieser mit kaum sechsunddreißig Jahren aus dem Leben Gerissene gewesen ist, zeigt sich ergriffen, wenn dessen Gefährtin vor ihre Gäste hintritt und sie nicht nur verköstigt, sondern auch bei einem der Quartette mitwirkt oder gar eine Mozart-Ariette zum besten gibt.

Einer dieser Stammgäste im Michaelerhaus ist der Diplomat Georg August von Griesinger. Selbst Legationssekretär an der sächsischen Gesandtschaft in Wien, ist er mit einem Kollegen von der dänischen Vertretung befreundet, der seit 1793 in Wien amtiert, und ihn, Nikolaus Nissen mit Namen, aus Hadersleben in Nordschleswig stammend und Sproß einer französischen Mutter, führt er anläßlich einer der Soireen der Saison 1797/98 bei Constanze Mozart ein. Legationssekretär Nissen ist unter allen Gästen des Abends der mit Abstand dankbarste: Selber hochmusikalisch, schon als Kind am Klavier ausgebildet, nun aber die Flöte bevorzugend, kennt er viele der Mozart-Kompositionen, hat etliche der Opern gehört, liebt vor allem die »Zauberflöte«, ist also selig, in Gestalt der Mozart-Witwe seinem Idol nahe zu sein.

Auch Constanze zeigt sich von dem ein Jahr Älteren, seinem Enthusiasmus und seiner weichen Stimme mit dem angenehmen dänischen Akzent angetan, und als man nach erster Konversation über Fachliches, etwa übers Sonatenspiel, auch auf Persönliches zu sprechen kommt und sich herausstellt, daß der ebenso artige wie hochgebildete Fremde auf Wohnungssuche ist, bietet ihm Constanze ein Untermietzimmer in ihrer geräumigen Bleibe am Michaelerplatz an.

Kurz darauf bezieht Nikolaus Nissen sein neues Logis hinter der Hofburg, Tür an Tür mit Constanze Mozart, und da deren Kinder, die inzwischen dreizehn bzw. sechs Jahre alten Buben, ohne Vater sind, springt der hilfsbereit-fürsorgliche Untermieter von Stund an überall ein, wo männlicher Rat gefragt ist. Er lehrt sie lateinische Grammatik und französische Aussprache, plagt sich mit ihnen in Algebra und geometrischen Beweisen, und wenn die Musikstunde ansteht, schiebt er »Wowi«, dem Knirps, drei Sitzkissen unter, damit die kleinen Hände zu den Klaviertasten hinaufreichen.

Die Gefühle, die Nikolaus Nissen vom Tag des Kennenlernens an für die Mutter der beiden Halbwaisen empfindet, muß er zunächst noch für sich behalten: Nur zu deutlich spürt er, daß er für die ersehnte Annäherung eine Menge Geduld wird aufbringen müssen. Immerhin ist auf dem Umweg über die Kinder mancherlei Andeutung möglich – etwa, wenn er den offensichtlich dem Vater nachgeratenden, hochmusikalischen »Wowi« dazu anhält, zu Mutters Namenstag ein kleines Rondo zu komponieren, sein Opus Nummer eins fein säuberlich abzuschreiben und der freudig überraschten Jubilarin auf den Gabentisch zu legen.

Nissen ist ein ernster, grundsolider Mann. Und er sieht gut aus – trotz der leicht fliehenden hohen Stirn und des schon frühzeitig schütteren fahlblonden Haupthaares. Aber auch Constanze ist bei allem Liebreiz keine Schönheit. Nissen ist größer von Wuchs als Mozart, sein eigentliches Kapital sind die blauen Augen, die zugleich Klugheit und Güte ausdrücken. An die Frau, die einmal sein Leben teilen soll, stellt der junge Diplomat so hohe charakterliche Ansprüche, daß die zwei Kandidatinnen, die seinen bisherigen Weg gekreuzt haben, sich verschreckt von ihm zurückgezogen haben.

Auch Constanze verhält sich ihrem Verehrer gegenüber spröde. Andererseits ist sie des Alleinseins müde: Es ist also zunächst ein Gefühl tiefer Dankbarkeit, das sie schließlich doch zu dem ein Jahr Älteren hinzieht. Zum vertrauten »Du« mag sie sich nur durchringen, weil auch die Kinder ihn duzen, ja mit der Zeit sogar von der Anrede »Onkel« zu der Anrede »Vater« übergehen.

Es ist also keine stürmische Leidenschaft, die sich da zwischen den beiden Enddreißigern anbahnt, und auch, als ihr Zusammenleben längst eheähnlichen Charakter hat, lassen sie beinahe zwölf Jahre verstreichen, bis sie vor den Traualtar treten. Das liegt allerdings nicht nur an Constanzes Zurückhaltung, sondern hat auch handfeste praktische Gründe: Als Diplomat im Dienste des Königs von Dänemark ist Nikolaus Nissen niedrig besoldet, und Constanze verlöre im Fall einer Eheschließung ihre Witwenpension. Obwohl es beiden jedesmal wie ein Stich durchs Herz geht, nehmen sie in Kauf, daß sie in den Pausen der Konzerte, die sie gemeinsam besuchen, von ihren Freunden als »Herr Nissen und Frau Mozart« herumgereicht werden.

Da alles noch so beharrliche Werben um die auch formelle Besiegelung ihres Bundes weiterhin an Constanzes Widerstand scheitert, greift Nissen zu einem Mittel, das ihm vor allem von seiner stolzen Mutter, als sie davon erfährt, eine strenge Rüge einträgt: Er schreibt der Frau, mit der er in einem und demselben Haushalt lebt, zärtliche Briefe. »Liebste Freundin« und »Liebe Mozartine« nennt er sie abwechselnd in den fein gedrechselten Episteln, die er ihr neben das Bett, auf die Kommode oder auch auf den Küchentisch legt. Und da die Adressatin die amourösen Billets doux ihrem Verehrer wortlos zurückgibt, nimmt deren Ton nach und nach an Schärfe zu: »Hasse mich, aber liebe mich nicht halb!« steht in einem der Briefe. Und er endet mit den Worten »Dein Dich verzweifelt suchender N.«

Wenn es also schon mit dem Gang zum Traualtar so übermäßig lange dauert, bemüht sich Nikolaus Nissen mit um so größerem Eifer, sich seiner störrischen Geliebten in den Dingen des Alltags unentbehrlich zu machen. Er bringt ihr bei, Briefe zu schreiben, vor allem Geschäftsbriefe, die ihr, der Hüterin des Mozart-Nachlasses, den Umgang mit den ausbeuterischen Verlagen erleichtern sollen; er lehrt sie mit dem vorhandenen Geld hauszuhalten; er weitet, wofür sie bislang nicht das geringste Interesse aufgebracht hat, sogar ihren Blick fürs Politische; er hält sie dazu an, in die Papierstöße, die überall in der Wohnung herumliegen und unter denen sich so manche Kostbarkeit von Mozarts Hand befindet, Ordnung zu bringen; er sorgt dafür, daß die Bittschreiben ehrgeiziger junger Musiker, die der Witwe ihres Idols ihre Erstlingswerke vorlegen und sich von ihr Zuspruch erhoffen, nicht unerledigt bleiben; ja, er schafft es sogar, aus der Frau, die es mit der Verantwortung fürs Fortkommen der mittlerweile heranwachsenden Söhne nicht immer allzu ernst nimmt, eine gute Mutter zu machen.

Dies vor allem rechnet sie ihm hoch an. Ihre Einsicht kommt freilich reichlich spät: Erst, als Nikolaus Nissen bereits im Sterben liegt, schreibt Constanze an Sohn Carl nach Mailand: »Alles, was er mit so vieler Mühe tut, tut er nur für Dich und Deinen Bruder. Es ist grenzenlos. Ja, so einen gütigen Vater, wie Ihr Flegel ihn habt, gibt es nicht viele. Wenn Ihr’s nur auch verdient! Auf Händen, mit Baumwolle umwunden, daß Ihr ihm nicht wehe tut, müßt Ihr ihn tragen!«

Rührt sich da vielleicht gar ihr schlechtes Gewissen? Die Söhne jedenfalls lassen es an Verehrung für den Mann, den sie nun schon lange ihren Vater nennen, nicht fehlen. Daß sie – jeder auf seine Art – das Schicksal so vieler Geniesprößlinge teilen, denen es nicht gelingen will, aus dem übergroßen Schatten des Vaters herauszutreten, steht auf einem anderen Blatt: Carl bringt es in seiner Wahlheimat Italien nur bis zum subalternen Kleinbeamten einer Steuerbehörde, und Franz Xaver Wolfgang, bei dem das musikalische Erbe des Vaters stärker durchschlägt, kann sich zwar als Klavierlehrer und Chorleiter einen Namen machen, nicht aber als Kapellmeister und Komponist.

Die Hochzeit von Constanze Mozart und Nikolaus Nissen, die nun doch endlich zustande kommt – am 26. Juni 1809 treten die beiden Endvierziger im Martinsdom zu Preßburg vor den Traualtar –, findet in Abwesenheit der Mozart-Söhne statt. Ein Musiklehrer und ein Hauptmann, beides WienFlüchtlinge wie das Brautpaar, denen allesamt die vom siegreichen Napoleon unterdrückte Haupt- und Residenzstadt verleidet ist, sind als Trauzeugen die einzigen, die dem feierlichen Akt beiwohnen. Doch die Schlichtheit der Zeremonie in der fast leeren fremden Kirche darf nicht zu der Annahme verleiten, hier entledigten sich eine verzagte Witwe und ein frustrierter Junggeselle einer lästigen Pflicht: Ihrer beider »Ja« kommt aus vollem Herzen, Constanze Mozart und Nikolaus Nissen sind mittlerweile zu einem Paar zusammengewachsen, dessen reife Liebe jeder Erschütterung, die womöglich noch auf sie zukommen könnte, eisern standhält.

Einige Zeit kann er es vor ihr verbergen, dann aber fährt Nissen immer öfter panikartig aus dem Schlaf auf, und Constanze weiß aus seinen Angstzuständen und Brustbeschwerden die richtigen Schlüsse zu ziehen: Ihr Mann ist krank. Besonders, wenn er sich bei der Arbeit übernimmt, meldet sich sein schwaches Herz. Es bleibt ihm keine andere Wahl, als seinen König um Versetzung auf einen ruhigeren Posten zu ersuchen, und da sein Antrag allzu lange unerledigt liegenbleibt, wandelt er ihn eines Tages in ein Gesuch um Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand um. Nun endlich reagiert sein Dienstherr, und er reagiert auf noble Weise: Nissen werden zum Abschied der renommierte Danebrog-Orden sowie der Titel Etatsrat verliehen. Vor allem Letzteres gefällt auch seiner Frau: Constanze genießt es, von nun an als »Etatsrätin von Nissen« angesprochen zu werden, und auch in ihrer Korrespondenz geht sie dazu über, sich mit dem wohlklingenden Titel zu schmücken, der mit dem ebenfalls begehrten »von« verknüpft ist.

Ein Problem, das nun freilich auch zu lösen ist, ist die Frage: Was soll man da eigentlich noch in Österreich, in Wien? Das Ehepaar von Nissen rüstet zur Übersiedlung in die Heimat des Gatten. Im vertrauten Kopenhagen, so ist sich der erst achtundvierzigjährige Exdiplomat sicher, wird er eher als im von Napoleons Truppen besetzten Wien eine Betätigung finden, die sich mit seiner schwer angeschlagenen Gesundheit vereinbaren läßt.

Constanze zerbricht sich derweil den Kopf darüber, was von dem vielen Hausrat den Weg nach Kopenhagen mit antreten soll. Am schwersten fällt ihr die Trennung vom alten Mozart-Klavier, das bisher jeden Wohnungswechsel mitgemacht hat: Sohn Carl, der diesbezüglich Interesse angemeldet hat, soll es bekommen. Zehn Dukaten für die Verpackung und fünf für den Transport berechnet der Spediteur, der die Überstellung nach Mailand abwickelt. Und damit »Wowi«, der jüngere der Mozart-Söhne, nicht eifersüchtig wird, wird Carl das Versprechen abgenommen, er werde seinem Bruder gegenüber behaupten, das kostbare Stück sei mit nach Kopenhagen gegangen.

Die Übersiedlung der Eheleute nach Dänemark hat eine mißliche und eine gute Seite: Momentan schlecht bei Kasse, können sie sich keinen eigenen Wagen leisten, sondern müssen sich, zusammen mit allerlei fremdem Volk, mit der Postkutsche begnügen. Dafür aber kommen die beiden auf der langen, von vielerlei Aufenthalten in Landgasthöfen unterbrochenen Reise einander näher als je zuvor: Die vielen neuen Gesichter und die ständig wechselnden Herbergen – da zieht man sich umso mehr zurück, sucht beim Partner Geborgenheit.

Kopenhagen nimmt nicht nur den Landsmann, sondern auch dessen Gefährtin herzlich auf, Nissens Freunde von einst stehen bereit, dem Paar unter die Arme zu greifen, und auch der erhoffte Posten für den nunmehrigen Herrn Etatsrat findet sich alsbald: Als Zensor der politischen Blätter bezieht er zwar nur einen geringen Sold, doch dafür strengt ihn das Zerpflücken der Zeitungen nicht stärker an, als es seiner angeschlagenen Physis zuträglich ist.

Die Wohnung in der Lavendelgasse, die nun für über zehn Jahre ihre Lebensmitte bilden wird, ist zwar bescheiden, doch kann man sich immerhin für die Hausarbeit eine Magd leisten, und da an derselben Adresse ein Traiteur werkt, der seinen Kunden zu erschwinglichen Preisen die fertigen Mahlzeiten in die Wohnung liefert, fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, daß Constanze noch immer nicht kochen kann.

Auch fürs Musikalische ist vorgesorgt: Bis man daran denken kann, bei einem der Wiener Instrumentenmacher ein neues Klavier zu bestellen, begnügt man sich mit einem Clavichord, das Constanze bei ihren täglichen Stimmübungen unterstützt. Und was die Mozart-Witwe ganz besonders freut: Auch in Kopenhagen werden Wolferls Werke aufgeführt, ja die Verehrung für den nun schon seit drei Jahrzehnten Toten nimmt solche Formen an, daß einer der reichen Kaufleute der Stadt, als er Vater eines Sohnes wird, den Neugeborenen auf den Vornamen Mozart taufen läßt.

Jetzt wird allmählich auch die Zeit reif, ein Projekt anzugehen, das für Nikolaus von Nissen seit Jahr und Tag ein Herzenswunsch ist: Er hat vor, die noch immer ausständige große Mozart-Biographie zu schreiben. In Schachteln und Mappen, Briefumschlägen und Stößen von Heften liegt das sorgfältig gesammelte, kopierte und wohlgeordnete Material bereit, eine Batterie gespitzter Schreibfedern wartet auf dem Sekretär des Archivzimmers nur darauf, ins Tintenfaß getaucht zu werden. Zuvor aber gehen noch Bittbriefe in großer Zahl an all jene Adressen, die weitere Details über Leben und Werk des Meisters verheißen, und vor allen anderen ist es klarerweise Constanze, die sich mit Fragen löchern lassen muß – Fragen, auf die sie, die notorisch Vergeßliche und von Natur aus Unordentliche, nicht immer eine Antwort weiß.

Was dem ehrgeizigen Unternehmen des übergenauen, ja pedantischen Nissen entgegensteht, ist dessen rapid sich verschlimmerndes Herzleiden: Nur mit größter Überwindung vermag Constanze die vom Arzt verordneten Prozeduren auszuführen – etwa, wenn dieser seinem Patienten zumutet, sich zur Linderung der Krämpfe abwechselnd siedend heißes und eiskaltes Wasser auf die Brust gießen zu lassen. Ob es da nicht vielleicht doch besser wäre, nach Österreich zurückzukehren und von Salzburg aus den Kurort Gastein anzupeilen, von dessen Heilkräften man seit einiger Zeit wahre Wunderdinge hört?

Sommer 1821. Das Haus in Kopenhagen wird verkauft, via München reist das Ehepaar Nissen zur Kur nach Gastein; beim Straubinger, dem ersten Haus am Platze, sind zwei Zimmer frei. An das Toben des Wildbaches, das auch durch die geschlossenen Fenster dringt, gewöhnt man sich rasch. Die verordneten Bäder tun dem Patienten gut: Wenn er von den Aufgüssen in der Badestube in den Gasthof zurückkehrt, verschlingt er sein Saftgulasch mit einem Heißhunger, als wäre er nicht ein Mann von sechzig, sondern ein kraftstrotzender junger Bursche.

Inzwischen ist auch alles für die Übersiedlung nach Salzburg Nötige in die Wege geleitet: Im Haus des Bürgermeisters Anton Heffter am Alten Markt findet man Unterschlupf, bis das endgültige Quartier auf dem Nonnberg bezugsfertig ist. Und hier, wo man von der weinlaubüberdachten Holzbank im Garten bis zur Getreidegasse hinunterblicken kann, in der Mozart zur Welt gekommen ist, setzt Nikolaus von Nissen sein Alterswerk fort, und auch wenn die ihm verbleibenden fünf Lebensjahre nicht dazu ausreichen werden, die große Mozart-Biographie zu vollenden: Sich hier, beflügelt vom Genius loci, in Wesen und Schaffen des Hochverehrten zu versenken, bedeutet dem Schwerkranken höchste, vielleicht sogar lebensverlängernde Erfüllung.

Jetzt auf einmal wachsen ihm auch die Kräfte zu, mit Constanze eine weitere Deutschlandreise zu unternehmen, um die mit Mozart verbundenen Stätten und Personen aufzusuchen; die Kuraufenthalte in Gastein werden zur alljährlichen Übung. Und wenn man wieder daheim ist in dem Häuschen neben dem Nonnenkloster, wo das Bild des kleinen Wolferl mit dem Spielzeugdegen an der Wand hängt, der Stich mit Schwester Nannerl und Vater Leopold am Klavier sowie das Porträt der Söhne Carl und »Wowi«, die einander zärtlich umschlingen, dann ist um die beiden Eheleute eine Atmosphäre späten stillen Glücks, die für Stunden all die Mühsal des Krankseins und der Todesnähe vergessen macht.

Ein wesentliches Element dieses ehelichen Glücks ist es, daß Nikolaus Nissen in bezug auf seinen Vorgänger nicht nur keinerlei Eifersucht empfindet, sondern Mozart in den Bund einbezieht. Auch bei allem, was Constanze in dieser Richtung unternimmt, ist er die treibende Kraft – ob sie, begleitet von Nissens Freund Griesinger, einen letzten (vergeblichen) Versuch unternimmt, auf dem Friedhof von St. Marx Mozarts Grab zu finden, ob er ihr anläßlich von Salieris Tod das wiederauflebende alte Gerücht auszureden versucht, der »schlimme« Mann habe seinen Konkurrenten durch Giftmord beseitigt, oder ob er sie dazu anhält, sich über ihre berechtigten Vorbehalte gegen Mozarts Schwester Nannerl hinwegzusetzen und der Erblindeten in deren Haus in der Kirchgasse ihre Aufwartung zu machen. Wenn es um Mozart geht, schlägt Constanze ihrem Mann keinen Wunsch ab, und sie ist es schließlich auch, die das zunächst ins Stocken geratende und im Winter 1825/26 gänzlich zum Erliegen kommende Projekt der Mozart-Biographie zuendeführt.

Nissen selber, nun als Folge seines körperlichen Verfalls leutscheu werdend, vergeßlich und verwirrt, ist dazu nicht mehr imstande: Der Arzt verordnet dem Fünfundsechzigjährigen kalte Umschläge, läßt ihn zur Ader, empfiehlt statt fester Nahrung nur noch Rhabarbersaft. Am 22. März 1826 schließt er ihm, der zuletzt nur noch wortlos seinen Dank für all die Obsorge ausdrücken kann, die Augen: Constanze von Nissen verwitwete Mozart geborene Weber ist zum zweitenmal Witwe, zum zweitenmal allein.

Sie hat das Ende kommen sehen, ist auf alles vorbereitet gewesen – erst, als die Leichenträger den Toten abholen, bricht Constanze schluchzend zusammen. Im Familiengrab auf dem Salzburger Sebastiansfriedhof wird Nikolaus von Nissen beigesetzt. Als einige Wochen später der Steinmetz den nach ihren Anweisungen angefertigten Grabstein abliefert, entdeckt Constanze den Fehler, der ihr bei der Textierung unterlaufen ist: Nicht Hardensleben ist der Name von Nissens Geburtsort, sondern Hadersleben. Doch jetzt, nachdem der Meißel sein Werk getan hat, ist es fürs Ausbessern zu spät: Constanze kommen die Tränen. Doch es sind Tränen, in die sich auch ein leises Lächeln mischt: Was würde er, der es mit allem Geschriebenen so genau genommen und der ihr, der mit Orthographie und Zeichensetzung stets auf Kriegsfuß Stehenden, geduldig die Fehler ausgebessert hat, wohl zu diesem peinlichen »Rückfall« sagen? Reißt nun, wo er seiner geliebten »Mozartine« nicht mehr über die Schulter schauen kann, wieder der alte Schlendrian ein? Einen »Wirrkopf« hätte er sie wohl genannt – wie so oft in all den Jahren. Aber er hätte es ohne alle Strenge getan, ohne Rechthaberei. Sondern voller Verständnis, Geduld und Zärtlichkeit. Und wohl gleichfalls mit einem leisen Lächeln.

Nach der Seelenmesse in der Universitätskirche, bei der Sohn Franz Xaver Wolfgang alle, die dabei sind, mit Mozarts Requiem zu Tränen rührt, geht Constanze daran, ihr ferneres Leben zu ordnen. So traurig es ist, daß am selben Tag wie sie auch Sophie, ihre jüngste Schwester, den Mann verloren hat – für die beiden Witwen ist es wie ein Fingerzeig von oben, ihren künftigen Lebensweg gemeinsam zu beschreiten: Constanze holt Sophie zu sich ins Haus. Die jüngere werkt in der Küche, die ältere am Sekretär. Sechzehn Jahre hat Constanze noch vor sich: Am 6. März 1842, zwei Monate nach ihrem achtzigsten Geburtstag, stirbt sie an Lungenlähmung und wird im Mozart-Weberischen Familiengrab an der Seite ihres zweiten Mannes beigesetzt.

»Für dich erblühend in Wonne …«

Richard Wagner und Carrie Pringle

Die Affäre mit Mathilde Wesendonk liegt beinahe zwanzig Jahre zurück; jetzt ist auch des Meisters Leidenschaft für Judith Gautier am Verglimmen. Zwei Musen unterschiedlichen Typs: Hat die deutsche Industriellengattin mit ihrer leidenschaftlichen Hinwendung zu Richard Wagner vor allem dessen Werk befruchtet und nicht nur an den Wesendonk-Liedern, sondern am Entstehen des »Tristan« starken Anteil, so ist die Beziehung zu der französischen Schriftstellerin eine auch in erotischer Hinsicht voll ausgelebte Romanze. Nicht umsonst haben ihr die Pariser Freunde den Spitznamen »Orkan« verliehen: Wie im Sturm erobert die blühende junge Frau Herz und Sinne des siebenunddreißig Jahre Älteren, der sich seinerseits, um seine Virilität zu beweisen, zum Gockel macht und vor den Augen der Angebeteten auf die Bäume im Park von Wahnfried klettert, ja sogar an der Fassade des Hauses herumturnt.

Ausdrücklich nimmt der Dreiundsechzigjährige das Recht auf »Kindereien« für sich in Anspruch, und weilt Judith, mit der er sich in ihrem Bayreuther Versteck vergnügt, außer Landes, so überschüttet er sie nicht nur mit glühenden Liebesbriefen, sondern auch mit den absonderlichsten Wünschen. Einmal soll sie ihm aus Paris Riechkissen schicken, die er sich zwischen die Leibwäsche legen will, um von ihrem Duft inspiriert zu werden, dann wiederum verlangt er nach einer geblümten Decke für seine Chaiselongue, der er den Namen »Judith« gibt.

Beide Liebenden sind verheiratet: sie mit dem Schriftsteller Catulle Mendès, er seit 1870 mit der vierundzwanzig Jahre jüngeren Cosima von Bülow. Die Briefe, die man miteinander wechselt, gehen also über einen Vertrauensmann. Erst, als die Beziehung der beiden Ehebrecher abkühlt, wird Cosima in die »amour fou« eingeweiht und schließlich sogar selber mit der Fortführung der Korrespondenz betraut.

In die Rolle der stillen Dulderin, die die Affären ihres exzentrischen Mannes wortlos hinnimmt und den Kummer über dessen Seitensprünge in sich hineinfrißt, muß Frau Wagner freilich erst hineinwachsen. »Ich leide, und ich verschwinde, um mein Leiden zu verbergen!« schreibt sie in ihr Tagebuch. Was ihr dabei hilft, ist ihr eigenes schlechtes Gewissen: Als streng erzogene Katholikin erblickt Cosima in ihren Seelenqualen die gerechte Strafe dafür, daß sie selber ein Kind der Sünde und auch ihre Beziehung zu Wagner anfänglich bigamistischer Natur ist.

Jetzt, wo der Meister die Arbeit an seinem »Welt-Abschiedswerk«, an der Partitur des Bühnenweihfestspiels »Parsifal« aufgenommen hat, kann Cosima Wagner hoffen, daß es mit den außerehelichen Eskapaden ihres Herzallerliebsten vielleicht doch ein Ende hat. Man verbringt glückliche Tage miteinander, die glücklichsten seit Jahren, und kein Mensch kann ahnen, daß ausgerechnet die Fabel vom »reinen Toren« Parsifal, der sich den Versuchungen der »Frauenminne« mit allen Mitteln widersetzt, bei Wagner neue amouröse Verstrickungen auslöst. Verstrickungen, die sogar sein nahes Ende beschleunigen werden …

Parsifal, zweiter Aufzug. Wagners Bühnenheld betritt Klingsors Zaubergarten, lustvoll erwartet von einer Schar verführerischer Blumenmädchen. Von allen Seiten stürzen sie herbei; vom Waffenlärm aufgeschreckt, erwachen sie aus ihrem Schlaf und sehen sich von ihren zur Verteidigung des Schlosses ausrückenden Geliebten verlassen. Da ist ihnen der schöne Jüngling, der da in ihr Reich eindringt, eine willkommene Beute: »Dir zu Wonn’ und Labe gilt mein minniges Mühen!« Halbnackt, nur mit rasch übergeworfenen Gewändern, umschmeicheln und umwerben sie ihn. Doch der für weibliche Verführungskünste Unempfängliche wehrt ihre Zudringlichkeiten ab und setzt, als alles Widerstreben nichts hilft, zur Flucht an …

Fast vier Jahre nimmt die Arbeit am »Parsifal« in Anspruch: Am 13. Januar 1881 legt Wagner den Federhalter aus der Hand, die Partitur der Letztfassung ist abgeschlossen. Jetzt geht es um die Besetzung der einzelnen Rollen; für 26. Juli 1882 ist die Uraufführung vorgesehen.

Auch von den Blumenmädchen aus dem zweiten Akt hat er eine klare Vorstellung: »Ich verlange nicht weniger als sechs Sängerinnen ersten Ranges. Sie müssen von gleicher Stimme und Stimmlage sein – und dazu hübsche, schlankgewachsene Frauenzimmer.«

Wagner selber trifft die Auswahl, eine nach der anderen finden sich die Bewerberinnen in Bayreuth zum Vorstellungstermin ein. Am 5. August ist eine gewisse Carrie Pringle an der Reihe; sie ist für eine der drei »Solo-Blumen« der ersten Gruppe vorgesehen. Frl. Pringle ist eine Engländerin von Mitte zwanzig, die ihr Gesangsstudium in Italien absolviert hat. Fürs Vorsingen hat sie Webers »Freischütz« gewählt; Frau Cosima, die den Auftritt im Musiksalon von Haus Wahnfried mitverfolgt und auch in ihrem Tagebuch festhalten wird, bescheinigt der Kandidatin, sie habe die Arie der Agathe »recht erträglich« gesungen.

Ganz anderer Ansicht ist Wagner: Er zeigt sich von der Stimme und nicht minder von der bezaubernden Erscheinung der gertenschlanken Person mit dem Schwanenhals, dem brünetten Wuschelkopf und der kecken Stupsnase hingerissen, und seine Begeisterung steigert sich noch, als sie im Jahr darauf nach Bayreuth wiederkehrt und bei den am 2. Juli 1882 einsetzenden Proben mit der fertig einstudierten Partie auf der Bühne steht.

Doch noch ist es nicht soweit: Eine Reihe anderer Ereignisse zieht vorübergehend Wagners Interesse auf sich, und so manches davon geht ihm gleichfalls unter die Haut. Da ist zum Beispiel der Ausflug, der ihn samt Familie – man weilt wieder einmal im geliebten Italien – von Amalfi ins nahe Ravello führt, wo die Besichtigung des berühmten Palazzo Rufolo auf dem Programm steht. Im Eselskarren legt man das letzte Stück Wegstrecke zu dem halbverfallenen, im maurischen Stil des zwölften Jahrhunderts erbauten Schloß zurück; von dort geht’s über eine marmorne Treppe zu einem kleinen Rosengarten. Der Anblick der Blütenpracht, der romantischen Hecken, Nischen und Sitzbänke sowie der von Zypressen umstellten Pavillons versetzt die Reisegesellschaft in helles Entzücken, und Wagner, mit allen Gedanken beim zweiten Akt des »Parsifal«, schreibt ins Gästebuch: »Klingsors Zaubergarten ist gefunden!« Fehlen nur noch die Blumenmädchen …

Weniger bedeutet dem Meister die Begegnung mit dem Maler Auguste Renoir, der ihm während eines Sizilien-Aufenthaltes im palermitaner »Hôtel des Palmes« seine Aufwartung macht: Die erbetene Porträtsitzung wird gnädig gewährt. Wagner ist in einen Samtrock gehüllt, dessen breite Ärmel mit schwerem Atlas gefüttert sind. Man unterhält sich in einem kuriosen Gemisch aus Französisch und Deutsch, springt von einem Thema zum andern – Wagner hat keine Ahnung, mit welcher Berühmtheit er es zu tun hat. Und auch vom künstlerischen Ergebnis des fünfunddreißigminütigen Rencontre zeigt er sich wenig angetan: Wie der »Embryo eines Engels« komme er sich vor …